Informationen zu Kolumne

Geisteswissenschaften

Lenin und das „Jahrhundert der Extreme“

Betrachtungen anlässlich des 100. Todestages des sowjetischen Staatsgründers.

Bei der 1985 begonnenen Gorbatschowschen Perestroika handelte es sich zunächst um eine Art Rückkehr zu den Leninschen Ideen. Bei der Erwähnung Lenins verfiel Michail Gorbatschow nicht selten in einen schwärmerischen Ton: „Die Hinwendung zu Lenin…hat eine äußerst stimulierende Rolle bei der Suche nach…Antworten auf die anfallenden Fragen gespielt“, sagte der Generalsekretär des ZK der KPdSU im November 1987. Es stellte sich aber allmählich heraus, dass eine offene Gesellschaft mit Leninschen Prinzipien kaum zu vereinbaren war; denn die Missachtung gegenüber den elementarsten demokratischen Spielregeln gehörte zum Wesen des Leninschen Systems. Einigen Bestandteilen dieses „Systems“ ist die vorliegende Kolumne gewidmet.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 3. Januar 2024

Macht und Ohnmacht der „offenen Gesellschaften“ – eine historische Betrachtung aus aktuellem Anlass

Einige Jahre nach ihrem größten Triumph – der Überwindung der europäischen Spaltung infolge der friedlichen Revolutionen in Osteuropa – fand eine immer tiefer werdende Erosion der europäischen Idee statt: „Europa ist das Narrativ ausgegangen“, meinte 2018 der Münchner Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld. Erst die Solidarisierung mit der am 24. Februar 2022 überfallenen Ukraine sollte den „offenen Gesellschaften“ zu einem neuen Aufbruch verhelfen. Aber nicht nur die Verfechter der Freiheit, sondern auch ihre autokratischen Verächter erleben zurzeit einen immer stärkeren Konsolidierungsprozess.

Von in Geisteswissenschaften Politik Russland zwischen West und Ost am 3. November 2023

Warum scheitern russische Demokratien?

Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts erlebte Russland – ähnlich übrigens wie Deutschland – zwei Versuche, eine demokratische Herrschaftsordnung im Lande zu verankern. Die „erste“ russische Demokratie scheiterte nach acht Monaten im Oktober 1917 infolge des bolschewistischen Staatsstreiches, die erste deutsche (die Weimarer Republik) nach etwa 14 Jahren nicht zuletzt infolge der politischen „Verantwortungslosigkeit“ der konservativen deutschen Eliten. Die im August 1991 errichtete „zweite“ russische Demokratie versuchte bestimmte Lehren sowohl aus dem Zusammenbruch ihrer russischen Vorgängerin als auch aus dem Scheitern der Weimarer Demokratie zu ziehen. Vergeblich. Anders als in Deutschland scheiterte in Russland auch das zweite „demokratische Experiment“ kläglich.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 30. Mai 2023

Der „Irre“ vom Ku’damm – Ein psychisch Kranker und das Strafrecht

Am 8. Juni 2022 fuhr ein Mann mit einem Auto auf dem Kurfürstendamm (Ku’damm) und der Tauentzienstraße in Fußgängergruppen hinein, tötete dabei eine Lehrerin und verletzte 16 Menschen zum Teil lebensgefährlich. Die Tat sorgte für großes Entsetzen. Nun wurde der Mann freigesprochen und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Eine Kolumne von Heinrich Schmitz.

Von in Geisteswissenschaften Recht Recht klar am 22. April 2023

Der „postume Tyrannensturz“ – Zum 70. Todestag von Josef Stalin

Stalins Tod am 5. März 1953 stellte eine der tiefsten Zäsuren in der neuesten Geschichte Russland bzw. in der Geschichte der UdSSR dar. Dieser Einschnitt setzte der beinahe 40jährigen Gewaltspirale, die die Entwicklung des Landes seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, mit einer kurzen Unterbrechung in den 1920er Jahren geprägt hatte, vorübergehend ein Ende.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 13. Februar 2023

Der Aufstieg des Nationalsozialismus aus marxistischer Sicht – zum 90. Jahrestag der Machtübergabe an Adolf Hitler

Die Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Zwischenkriegszeit lässt sich im Grunde als eine Geschichte von Fehleinschätzungen betrachten. Die Erfolge der NSDAP waren nicht zuletzt mit der Unfähigkeit ihrer Gegner, aber auch ihrer Verbündeten verknüpft, ihren Charakter zu begreifen. Dieses Versagen der linken, der liberalen wie auch der konservativen Strömungen zeigt, wie wenig die europäischen Parteien insgesamt, aber auch das damalige europäische Staatensystem als solches auf neue und unvorhergesehene Herausforderungen vorbereitet waren. Als erstes möchte ich auf das Versagen der Kommunisten eingehen.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 16. Januar 2023

Aufstieg und Fall eines „proletarischen Imperiums“ – zum 100. Jahrestag der Gründung der UdSSR

Vor 100 Jahren – am 30. Dezember 1922 – wurde die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) gegründet. Der Name des neuen Staates enthielt keinen Hinweis darauf, dass es sich bei diesem Vielvölkerreich um einen Nachfolger des zarischen bzw. des russischen Imperiums handelte. Der Begriff „Russland“ war in seinem Namen nicht enthalten. In diesem Sachverhalt spiegelt sich die zwiespältige Einstellung der Bolschewiki zur Nationalitätenfrage deutlich wider.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 9. Dezember 2022

Das „Weimarer Syndrom“ und Weltherrschaftsträume – Anmerkungen zu russisch-deutschen Parallelen

Nach der Auflösung der Sowjetunion verwandelte sich Russland in eine „gekränkte Großmacht“, die nach einer Wiederherstellung seiner erschütterten hegemonialen Positionen strebt. Insofern erinnert die Lage des postsowjetischen Russland an diejenige Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg. Nicht zuletzt deshalb wird der Begriff „Weimarer Syndrom“ seit den 1990er Jahren wiederholt auf Russland bezogen. Seit der Zeitenwende vom 24. Februar erhält dieser deutsch-russische Vergleich eine zusätzliche Relevanz. Nicht zuletzt deshalb ist es wichtig, sich mit dem „Weimarer Syndrom“ erneut zu befassen, und zwar sowohl mit dem deutschen „Original“, als auch mit seiner russischen „Kopie“.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 8. November 2022

Lenins Rache – zum 100. Jahrestag der Ausweisung führender russischer Intellektueller aus ihrem Heimatland

Ende September 1922 verließ das deutsche Passagierschiff „Oberbürgemeister Haken“ den Hafen von Petrograd. Zu den Passagieren des Schiffes, dem später die Bezeichnung „Philosophenschiff“ verliehen werden sollte, zählten mehr als 30 regimekritische russische Intellektuelle mit ihren Familien. Wenn man von ganz wenigen Ausnahmen absieht, sollte niemand von ihnen ihr Heimatland wieder sehen.
Zu den prominentesten Passagieren des „Philosophenschiffs“ zählte der Philosoph Semjon Frank (1877-1950). Seinem Schicksal im Exil, das in gewisser Hinsicht einen exemplarischen Charakter hat, ist diese Kolumne gewidmet.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 25. September 2022

Endkampfszenarien? Anmerkungen zur Radikalisierung des Putinschen politischen Programms

Der vollständige Bruch mit dem Westen, den Putin am 24. Februar 2022 durch seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine vollzogen hat, steht am Ende eines langen und widersprüchlichen Prozesses. Denn zu Beginn seiner Präsidentschaft hatte Putin bekanntlich ganz andere Signale an den Westen gesendet. Warum artete dann Putins Westpolitik zu einer Konfrontation aus, deren Dimension sogar diejenige des Kalten Krieges über-trifft?

Von in Geisteswissenschaften Politik Russland zwischen West und Ost am 25. August 2022

Russlands imperiale Versuchung und ihre Kritiker. Eine historische Betrachtung aus aktuellem Anlass

Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine und seine rücksichtslose Machtpolitik im Namen der sakralisierten nationalen Interessen verstoßen derart eklatant gegen den postnationalen europäischen Mainstream, dass Russland nun erneut Gefahr läuft, den Anschluss an die Moderne zu verlieren. Das Schicksal der UdSSR führt deutlich vor Augen, welch schmerzliche Folgen der Kampf gegen den Zeitgeist haben kann.

Von in Geisteswissenschaften Politik Russland zwischen West und Ost am 20. April 2022

Die „russische Frage“ nach der Auflösung der UdSSR und deutsch-russische Parallelen

Die „deutsche Frage“, die in Europa sowohl im 19. als auch im 20. Jahrhundert sehr viele Turbulenzen verursacht hatte, schien nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990, und zwar im Konsens mit beinahe allen Nachbarn des Landes, gelöst. Unmittelbar danach begann aber die „russische Frage“ immer intensiver die Europäer zu beschäftigen und vor schwer lösbare Aufgaben zu stellen. Die Drohkulisse, die die russische Führung zurzeit an der russisch-ukrainischen Grenze aufbaut, stellt nur ein Beispiel hierfür dar. Immer wieder werden im politischen Diskurs Parallelen zwischen dem postsowjetischen Russland und bestimmten Entwicklungsperioden in der deutschen Vergangenheit gezogen. Mit der Frage, ob solche Parallelen berechtigt sind, befasst sich die folgende Kolumne.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 7. Februar 2022

Zukunftsprognosen und Realität. Anmerkungen zum 30. Jahrestag der Auflösung der UdSSR

Bei der Betrachtung der Vorgänge, die vor 30 Jahren zur Auflösung der Sowjetunion führten, befinden wir uns immer noch in der Periode des Staunens. Dies nicht zuletzt deshalb, weil es einige Jahre zuvor nur wenige wahrnehmbare Signale für den baldigen Zerfall des Sowjetreiches gegeben hatte. Auch viele Experten, wenn man von einigen Ausnahmen absieht, von denen hier noch die Rede sein wird, hielten den sowjetischen Koloss für saturiert und im Grunde für unbezwingbar. Wie kam es dann zur Auflösung des Sowjetimperiums, das noch kurz zuvor gemeinsam mit den USA die 1945 entstandene bipolare Welt entscheidend prägte? Mit einigen Aspekten dieser Entwicklung befasst sich diese Kolumne.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 14. Dezember 2021

Paradoxien des deutsch-sowjetischen Krieges aus der Sicht des russischen Schriftsellers Wassili Grossman

Der deutsch-sowjetische Krieg, der vor 80 Jahren mit dem Überfall Hitlers auf die UdSSR begann, gibt den Historikern, ungeachtet der partiellen Öffnung der russischen Archive, immer noch viele Rätsel auf. Warum scheiterte die Hitlersche Blitzkriegsstrategie, der seit September 1939 bereits neun europäische Länder zum Opfer gefallen waren, ausgerechnet auf sowjetischem Territorium? Woher nahm die sowjetische Gesellschaft, die seit Ende der 1920er Jahre durch das Stalinsche Terrorregime in einer außerordentlichen Weise drangsaliert und dezimiert worden war, die Kraft, um die siegesgewohnte Wehrmacht im Dezember 1941 vor den Toren Moskaus und ein Jahr später in Stalingrad aufzuhalten? All diesen Fragen ist das Werk des russischen Schriftstellers Wassili Grossman „Leben und Schicksal“ gewidmet, das nicht selten als einer der wichtigsten Romane des letzten Jahrhunderts bezeichnet wird. Mit diesem Roman befasst sich die folgende Kolumne.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 9. Juni 2021

Worin bestand die Singularität des Holocaust? Eine Replik

Während des „deutschen Historikerstreits“, den Ernst Nolte 1986 mit seinen höchst fragwürdigen Thesen ausgelöst hatte, ging es vor allem um die Frage, ob es sich beim nationalsozialistischen Judenmord um eine Art Reaktion auf die bolschewistischen Verbrechen handelte: „War nicht der ´Archipel GULag´ ursprünglicher als Auschwitz?“, fragte Nolte. In der vor kurzem erneut aufgeflammten Kontroverse um die Singularität der nationalsozialistischen Judenvernichtung wird der Holocaust nicht mit dem Kommunismus, sondern in erster Linie mit den Verbrechen der europäischen Kolonialmächte in eine Beziehung gebracht. Mit besonderer Vehemenz plädieren für die Herstellung von Zusammenhängen zwischen dem Holocaust und vielen anderen Formen der Massengewalt der amerikanische Holocaustforscher Michael Rothberg und der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer. Mit einigen der Thesen der beiden Autoren, die sie im ZEIT-Artikel „Enttabuisiert den Vergleich!“ (31.3.2021) formulierten, setzt sich diese Replik auseinander.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 23. April 2021

Defensiv und alternativlos? Moskaus außenpolitisches Handeln aus der Sicht Gerhard Schröders und Gregor Schöllgens

Das vor kurzem erschienene Buch des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder und des Erlanger Historikers Gregor Schöllgen „Letzte Chance. Warum wir jetzt eine neue Weltordnung brauchen“ hat bereits ein lebhaftes mediales Echo hervorgerufen. Einige Rezensenten konzentrieren ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die radikale Amerika-Kritik der beiden Autoren, andere stören sich an dem Russlandbild, das Schröder und Schöllgen vermitteln. Mit dem letzteren Thema wird sich auch diese Kolumne befassen.

Von in Geisteswissenschaften Politik Russland zwischen West und Ost am 7. April 2021

Das „Wunder an der Weichsel“? Zum 100. Jahrestag des polnisch-sowjetischen Krieges

Der polnisch-russische Gegensatz, der eine sehr lange Tradition hat, erfuhr mit dem im April 1920 ausgebrochenen polnisch-sowjetischen Krieg eine zusätzliche Zuspitzung. Die entscheidende Schlacht dieses Krieges fand vor etwa hundert Jahren vor den Toren Warschaus statt und ging in die Geschichte als das „Wunder an der Weichsel“ ein. Der Leiter der diplomatischen Mission der Westmächte in Warschau – der britische Staatsmann Lord D´Abernon – bezeichnete den polnischen Sieg vom August 1920 als eine der entscheidendsten Schlachten der Weltgeschichte. Diesem Ereignis und seiner Vorgeschichte ist die folgende Kolumne gewidmet.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 24. Juli 2020

Spontane Entstalinisierung? Einige Betrachtungen zu den Ursachen für den sowjetischen Sieg über das nationalsozialistische Deutschland

Vor 75 Jahren, am 9. Mai 1945, feierte die UdSSR ihren Sieg über das Dritte Reich. Die damalige sowjetische Propaganda assoziierte diesen Sieg in erster Linie mit der Person Josef Stalins, der zu einem der größten Feldherrn der neuesten Militärgeschichte stilisiert wurde. Die wahren Sachverhalte sahen indes ganz anders aus.

Von in Geisteswissenschaften Russland zwischen West und Ost am 2. Mai 2020