Russland, der „schwierige“ Partner des Westens

Die Anti-Terror-Allianz zwischen Russland und dem Westen, die sich jetzt anbahnt, wird in Moskau wiederholt mit der Anti-Hitler-Koalition von 1941 verglichen. Ist diese Parallele begründet?

Jalta im Februar 1945 - Vorbild für die Anti-Terror-Koalition? Foto: U. S. Signal Corps. Gemeinfrei

Der Ukraine-Konflikt, der zu einer weitgehenden außenpolitischen Isolierung Russlands führte, wird seit einiger Zeit in einem immer stärkeren Ausmaß durch die Flüchtlingskrise, den Syrien-Krieg und den islamistischen Terror aus den Schlagzeilen der westlichen Presse verdrängt. Immer lauter melden sich auch Stimmen zu Wort, die verlangen, Russland stärker als bisher in die internationalen Entscheidungsprozesse, vor allem im Nahen Osten, einzubeziehen. Putin selbst rief den Westen in seiner Rede vor der UN-Vollversammlung vom 28. September 2015 zu einer neuen russisch-westlichen Allianz gegen einen gemeinsamen Feind – den „Islamischen Staat“ – auf. Als Vorbild für diese breite Anti-Terror-Allianz diente dem russischen Präsidenten die Anti-Hitler-Koalition des Jahres 1941. Ähnlich wie die Koalition von 1941 werde auch die gegenwärtige Allianz sehr heterogen sein. Sie werde allerdings durch ein gemeinsames Ziel geeint: Das entschlossene Vorgehen gegen die Kräfte, die „das Böse und den Menschenhass säen“.

Lassen sich tatsächlich Parallelen zwischen der russisch-westlichen Annäherung von 2015 und derjenigen vom Jahre 1941 ziehen?

Totalitäre Phalanx? Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen

Eine der Parallelen zwischen den beiden Phasen der russisch-westlichen Kooperation besteht darin, dass ihnen jeweils eine Periode der großen Entfremdung zwi­schen Ost und West vorausging, die den Westen und Moskau an den Rand eines Bruchs der Beziehungen brachte. Dies betrifft insbesondere die Jahre 1939-41. Damals waren sowohl die westlichen Demokratien als auch die Sowjetunion an­gesichts der nationalsozialistischen Bedrohung geradezu existentiell aufeinander angewiesen. Dieser Sachverhalt wurde aber zunächst in Moskau und auch in den westlichen Hauptstädten verkannt.

Stalin betrachtete den Krieg zwischen dem Dritten Reich und den westli­chen Demokratien als eine innere Angelegenheit der kapitalistischen Welt und war Hitler sogar dankbar dafür, dass dieser durch seine abenteuerliche Politik das kapitalistische Lager als Ganzes beträchtlich schwächte. Am 7. September 1939 führte er im Gespräch mit seinen engsten Gefährten aus:

Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen von kapitalisti­schen Staaten geführt (…) um die Neuaufteilung der Welt. (…) Wir haben nichts dagegen, dass sie kräftig aufeinander einschlagen und sich schwä­chen. (…) Hitler selber zerrüttet und untergräbt, ohne es zu verstehen und zu wollen, das kapitalistische System.

Aber auch im Westen herrschte nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes am Vorabend des Zweiten Weltkrieges der Eindruck vor, den demokra­tisch verfassten Staaten stünde nun eine relativ einheitliche totalitäre Phalanx gegenüber.

Zur Entstehung dieser in der Tat außerordentlichen Bedrohung trugen die West­mächte zum Teil selbst durch ihre äußerst kurzsichtige Appeasementpolitik in den Jahren 1933-1938 nicht unwesentlich bei. Hitlers Selbststilisierung zum Beschützer des Abendlandes gegen die bolschewistische Gefahr wurde in manchen einflussreichen politischen Kreisen des Westens für bare Münze genommen. Man ging dort davon aus, dass Hitlers Expansionsdrang sich in erster Linie gegen die Sowjetunion richte. Für diese Illusion aber auch für die willenslähmende Sehnsucht nach dem Frieden um jeden Preis – siehe Münchner Abkommen vom September 1938 – mussten die Westmächte teuer bezahlen. Der Verrat am treuesten Verbündeten der westlichen Demokratien in Ostmitteleuropa – an der Tschechoslowakei – hatte Hitlers Aggressivität in keiner Weise einge­dämmt. Im Gegenteil: Sein Eroberungsdrang wurde dadurch nur noch mehr angestachelt.

Als sich dann im August 1939, zur Verblüffung der gesamten Weltöffent­lichkeit eine totalitäre Allianz zwischen den ideologischen Todfeinden – dem Dritten Reich und der UdSSR – anbahnte, gerieten die demokratisch verfassten Staaten in eine wohl noch nie dagewesene Gefahr. Denn die Haltung Moskaus im Krieg zwischen dem Dritten Reich und den Westmächten war keineswegs ausgewogen neutral.

In der sowjetischen Presse wurde nun die neue deutsch-sowjetische Kooperation als ein historischer Wendepunkt und als eine Wieder­an­knüpfung an die traditionelle deutsch-russische bzw. deutsch-sowjetische Zusammenarbeit interpretiert. Die ideologische Auseinander­setzung mit dem nationalsozialistischen Regime bzw. mit dem Faschismus wurde praktisch eingestellt.

Moskau unterstützte das Dritte Reich zu diesem Zeitpunkt nicht nur politisch, sondern auch materiell. So lieferte die Sowjetunion an Deutschland strategisch wichtige Rohstoffe und Lebensmittel. Auf diese Weise war die UdSSR indirekt am Krieg gegen die westlichen Demokratien beteiligt, was außerordentliche Irritationen in London, Paris und Washington hervorrief.

Besonders empört reagierte man aber im Westen auf das aggressive Vorgehen Moskaus gegen die Staaten, die gemäß dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt dem sowjetischen Einflussbereich zugeschrieben worden waren.

Einige Tage nach dem sowjetischen Überfall auf Finnland, am 2. Dezember 1939, richtete der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt einen Appell an die amerikanische Luftfahrtindustrie, sie solle diejenigen Staaten, die sich einer unprovozierten Aggression schuldig gemacht hätten, nicht beliefern. Dieses „moralische Embargo“ richtete sich nicht zuletzt gegen die UdSSR.

Nach der Annexion der baltischen Staaten durch die UdSSR im Juni 1940 schienen die Beziehungen zwischen Ost und West bereits zum Zerreißen gespannt. Am 27. Juli 1940 erklärte der stellvertretende amerikanische Außen­minister Sumner Welles dem sowjetischen Botschafter in Washington Konstantin Umanskij, die amerikanische Regierung könne einen prinzipiellen Un­terschied zwischen der deutschen und der sowjetischen Aggressivität nicht erkennen.

Der geschwächte Westen

Indes gaben die Worte des amerikanischen Politikers die tatsächlichen Sachverhalte von damals nicht wieder. Denn ab Mitte 1940 begann die amerikanische Administration durchaus, den außenpolitischen Kurs der beiden totalitären Diktaturen unterschiedlich zu bewerten. Die Tatsache, dass die Wehrmacht im Mai/Juni 1940 den Widerstand Frank­reichs genauso schnell brechen konnte wie denjenigen Polens einige Monate zuvor, zeigte, welche Ausmaße die innere Korrosion dieser einstigen Großmacht, die im Ersten Weltkrieg noch ein unüberwindliches Hinder­nis für die deutsche Militärmaschinerie dargestellt hatte, bereits erreicht hatte. Das Kräfte­reservoir der demokratisch verfassten Staaten erwies sich nun als recht begrenzt. 1918 konnten sie noch, ungeachtet der Unzuverlässigkeit ihres russischen Verbündeten, den Ersten Weltkrieg als überlegene Sieger beenden. In der Zwischenzeit hatte sich aber das globale Kräfte­verhältnis eindeutig zugunsten der Diktaturen verlagert. Im Alleingang waren die Demokratien nicht mehr imstande, das 1939 erneut einsetzende globale Ringen zu gewinnen. Nur die Auflösung der im August 1939 ent­standenen totalitären Allianz konnte die äußerst prekäre Situation des Westens lindern. Sowohl Roosevelt als auch Winston Churchill, der am 10. Mai 1940 die Symbolfigur der Appeasementpolitik, Neville Chamberlain, ablöste, wünschten nun sehnlichst einen Bruch zwischen Moskau und Ber­lin herbei. Der Faktor Russland begann in ihren strategischen Überlegungen eine zentrale Rolle zu spielen. Die Bezwingung Hitlers war ohne Stalin in der Tat nicht möglich. Deshalb begannen die beiden einflussreichsten Politiker der westlichen Welt um den sowjetischen Diktator zu werben und damit die bis dahin klaren Fronten im globalen Ringen um die Neuordnung der Welt zu verwischen. Ein ähnlich triumphaler Sieg der Demokratien wie nach dem Ersten Weltkrieg war mit einem solchen Verbündeten wie Stalin nicht mehr möglich. Dennoch hatte der Westen aufgrund seiner militärischen Schwäche zu diesem Zeitpunkt keine andere Wahl, als der stalinistischen Despotie ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der neuen Weltordnung einzuräumen.

Dieses Dilemma der Demokratien wird vom amerikanischen Diplomaten und Historiker George F. Kennan folgender­maßen charakterisiert: Der Westen habe sich so geschwächt, dass er nicht mehr in der Lage gewesen sei, einen der beiden totalitären Gegner ohne die Hilfe des anderen zu bezwingen. Ein moralisch einwandfreier Sieg sei für den Westen nicht mehr möglich gewesen.

Die Entscheidung an der Ostfront

Als Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, um sich seinen lang ge­hegten Traum von der Eroberung des „Lebensraumes im Osten“ noch zu seinen Lebzeiten zu erfüllen, hatten Churchill und Roosevelt keine Zweifel, welchen von den beiden sich nun befehdenden Tyrannen sie unterstützen sollten. In seinem Brief an Papst Pius XII. vom 3. September 1941 schrieb der amerikanische Präsident:

Russland wird von einer Diktatur regiert, die nicht weniger rigide als die deutsche ist. Ich glaube allerdings, dass der russische Diktator für die anderen Völker weniger gefährlich ist als der deutsche. Die einzige Waffe, die die russische Diktatur außerhalb ihrer Grenzen benutzt, ist die Waffe der kommunistischen Propaganda (…). Deutschland hingegen bedient sich nicht nur der Propaganda, sondern auch jeder Form der militärischen Aggression außerhalb seiner Grenzen, und sein Ziel ist die Eroberung der Welt.

Die in diesem Brief Roosevelts enthaltene Tendenz zur Beschönigung der Stalin-Despotie setzte sich in den USA und in Großbritannien in den nächsten Jahren, praktisch bis zum Zusammenbruch des Dritten Reiches, fort. Kein Wunder. Das Schicksal des Zweiten Weltkrieges entschied sich an der Ostfront. Alles hänge „von der Entwicklung des gigantischen russisch-deutschen Ringens“ ab, schrieb Churchill im April 1942 in seinem Brief an Roosevelt. Die Allianz der angelsächsischen Demokratien mit der sowjetischen Diktatur, „von der nun alles abhing“, musste gegenüber der eigenen Öffentlichkeit legitimiert werden.

Spontane Entstalinisierung

Aber auch für die sowjetische Bevölkerung, die die Hauptlast des Krieges trug und für die Bezwingung des Dritten Reiches mit etwa 27 Millionen Toten bezahlte, war es außerordentlich wichtig, den Kampf gegen Hitler in dem Bewusstsein zu führen, dass sie an der Seite der nach Freiheit strebenden Völker stehe. In der Sowjetunion selbst fand während des Krieges ein Prozess statt, den der Moskauer Historiker Michail Gefter als eine „spontane Entstalinisierung“ bezeichnete. Die Zeit der vorübergehenden Schwäche des Regimes habe die sowjetische Gesellschaft dazu ausgenutzt, um bestimmte Frei­räume zu erkämpfen.

Kühne Zukunftsvisionen entwarfen damals sogar derart treue Diener Stalins wie der populäre Schriftsteller Aleksej Tolstoj. Am 22. Juli 1943 schrieb er in sein Notizbuch:

Das Volk wird nach dem Krieg vor nichts mehr Angst haben. Es wird neue Forderungen stellen und Eigeninitiative entwickeln. (…) Die chinesische Mauer zwischen Russland und der (Außenwelt) wird fallen.

All diese Erwartungen haben sich bekanntlich nicht erfüllt. Die Tragödie Russlands bzw. der Sowjetunion bestand darin, dass der Sieg über das Dritte Reich nicht nur dem russischen Staat, sondern auch dem stalinistischen Regime das Überdauern ermöglichte. Dieser Sieg schien die stalinistische Tyrannei zusätzlich zu legitimieren.

Auch der Westen musste sich nach dem Krieg von einem verklärenden Bild der Sowjetdiktatur schnell verabschieden. Die vor allem in den USA verbreitete Hoffnung auf die Verwandlung der UdSSR in eine pluralisti­sche, weltoffene Gesellschaft erwies sich als trügerisch. Die Rote Armee, die in den Jahren 1941-45 noch als heldenhafte Rette­rin der zivilisierten Menschheit vor der NS-Barbarei dargestellt wor­den war, wurde nun im Westen als außerordentliche Gefahr für die „offenen Gesellschaften“ empfunden. Erst die Gorbatschowsche Perestroika beendete diesen psychologisch-ideo­logischen Krieg und trug zum Abbau der verfestigten Feindbilder bei. Aber nur vorübergehend. Mitte der neunziger Jahre begannen sich die Fronten, ungeachtet der Auflösung des Sowjetreiches, erneut zu verhärten.

Die Anti-Terror-Allianz nach dem 11. September 2001

Nun möchte ich auf das Ost-West-Verhältnis am Vorabend der Zäsur vom Herbst 2015 genauer eingehen. Nach der Krim-Annexion durch die Russische Föderation im März 2014 befanden sich die Beziehungen zwischen Ost und West, wie bereits gesagt, am Rande eines Bruchs. Insofern besteht eine gewisse Parallele zu den Entwicklungen am Vorabend der russisch-westlichen Allianz von 1941.

Man darf allerdings auf der anderen Seite nicht vergessen, dass die ersten Jahre der Präsidentschaft von Wladimir Putin durch einen Schulterschluss zwischen Moskau und Washington geprägt waren. Ausgelöst wurde diese russisch-amerikanische Wiederannäherung durch die Terrorakte vom 11. September 2001.

In seinen ersten Stellungnahmen zu den damaligen Terrorakten solidarisierte sich Putin beinahe uneingeschränkt mit Washington.

Die Bereitschaft Putins, die USA im Kampfe gegen den internationalen Terrorismus zu unterstützen, rief außerordentliche Empörung bei der sogenannten „national-patriotischen“ Opposition in Russland hervor. Der in diesen Kreisen verbreitete hysterische Antiamerikanismus wurde durch die Tragödie in New York und Washington keineswegs eingedämmt. Für einen der Vordenker des „national-patriotischen“ Lagers, den Chefredakteur der Zeitung „Sawtra“, Alexander Prochanow, hätten die Passagierflugzeuge, die die beiden Türme des WTC zerstörten, das durch die „amerikanische Sünde“ erschütterte globale Gleichgewicht wiederhergestellt.

Trotz dieser antiamerikanischen Hasskampagne der „National-Patrioten“ setzte die Moskauer Führung ihren Kurs konsequent fort. Der Eintritt Russlands in die Anti-Terror-Koalition, die sich nach der Tragödie vom 11. September gebildet hätte, sei selbstverständlich gewesen, betonte im April 2002 der russische Außenminister, Igor Iwanow. Dies habe den russischen Sicherheitsinteressen entsprochen.

Die „Orangene“ Revolution als Zäsur

Warum kehrte dann die Moskauer Führung einige Jahre später doch zu ihrer früheren antiwestlichen Rhetorik zurück? Dies hatte, anders als oft vermutet, nur begrenzt mit dem von George W. Bush im März 2003 initiierten Irak-Krieg zu tun. Zwar lehnte Moskau diesen Krieg vehement ab. Ähnliches taten aber damals auch Berlin und Paris. So befand sich Russland nach dem Ausbruch des Irak-Kriegs zunächst mit mehreren westlichen Ländern in einem Boot. Auch die Osterweiterung der EU hielt man damals im Kreml keineswegs für eine eminente Gefahr. Mitte 2004 wurde diese Entwicklung von Putin sogar als ein Vorgang bewertet, der Russland und die EU „nicht nur geografisch, sondern auch wirtschaftlich und geistig näherbringen“ könnte.

All das änderte sich jedoch nach der im November 2004 begonnenen ukrainischen „Orangenen“ Revolution. Die Tatsache, dass die ukrainische Zivilgesellschaft in der Lage war, auf die Wahlmanipulationen mit Massenprotesten zu reagieren und Neuwahlen zu erzwingen, rief im Kreml erhebliche Ängste hervor. Vergleichbare Entwicklungen wurden jetzt auch für Russland befürchtet. Noch stärker wurden die Verfechter der „gelenkten Demokratie“ durch den Sieg der Kiewer „Majdan-Revolution“ von 2014 beunruhigt. Ihre Ängste vor den „europäischen Werten“ intensivierten sich nun zusätzlich. Der Aggressivität, mit der sie auf den „Majdan“ reagierten, lag in erster Linie diese Angst zugrunde. Die Ost-West-Konfrontation spitzte sich zu.

1941 vs. 2015

Nun scheint aber der „Islamische Staat“ trotz der weltanschaulichen Kluft, die das politische Establishment Russlands von demjenigen der westlichen Staaten trennt, den Westen und den Osten erneut, ähnlich wie 1941, zu einem gemeinsamen Vorgehen zu bewegen. Man darf allerdings bei dieser Betrachtung die grundlegenden Unterschiede zwischen den beiden Konstellationen nicht außer Acht lassen. Als erstes muss man darauf hinweisen, dass sich das Machtpotential des „Islamischen Staates“ mit seinen etwa 30.000 Kämpfern mit demjenigen des Dritten Reich und seiner Verbündeten nicht messen lassen kann. Letzteren standen Ende 1941 beinahe die gesamten wirtschaftlichen, industriellen und demografischen Ressourcen des europäischen Kontinents vom Atlantik bis Moskau zur Verfügung. Um den Gegner zu bezwingen, waren die Staaten der Anti-Hitler-Koalition zu einer totalen Mobilisierung all ihrer Kraftreserven gezwungen. Demgegenüber muss die jetzige Anti-Terror-Koalition, um den „IS“ erfolgreich zu bekämpfen, nur einen Bruchteil der ihr zur Verfügung stehenden Kräfte einsetzen. Was die Rolle Russlands in der jetzigen Koalition anbetrifft, so unterscheidet sie sich grundlegend von derjenigen des Jahres 1941. Damals trug Russland bzw. die Sowjetunion die Hauptlast des Krieges. All das verursachte bei den westlichen Verbündeten Moskaus ein permanentes schlechtes Gewissen, was auch zu ihrer Nachgiebigkeit bei der Gestaltung der Nachkriegsordnung, und zwar auf Kosten der Völker der östlichen, der „vergessenen“ Hälfte Europas führte. Die Lasten in der heutigen Koalition sind hingegen viel gleichmäßiger verteilt. Russland wird in der neuen Anti-Terror-Koalition sicherlich keine Sonderrolle spielen, die derjenigen von 1941 vergleichbar wäre. Deshalb kann der Westen heute bei der Verteidigung seiner Interessen und Werte, auch dort wo sie von denjenigen der Verfechter der Moskauer „gelenkten Demokratie“ abweichen, viel selbstbewusster auftreten, als dies 1945 in Jalta oder in Potsdam der Fall gewesen war.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Leonid Luks über Putins Macht und Ohnmacht.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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