IS – Kein islamischer Staat

Frankreichs Präsident Hollande ist im Krieg. Zumindest einmal verbal. Aber er lässt es auch militärisch krachen und die syrische Stadt Ar-Raqqa bombadieren. Das wird am Terror in Europa nichts ändern.


Wieviele Menschen derzeit in Ar-Raqqa leben, weiß wohl niemand so genau. Vor Beginn des Bürgerkrieges waren es etwas mehr als 200000 Einwohner, dann schwoll die Zahl durch Flüchtlinge auf rund 1000000 an.

Seit Sommer 2013 wird Ar-Raqqa von einer Gruppierung, die sich selbst IS nennt kontrolliert. Dieses IS soll Islamischer Staat bedeuten. Und dieser IS hat „dem Westen“ den Krieg erklärt. Jedenfalls hat ein selbst ernannter Kalif Namens Abu Bakr al-Bagdadi das getan. So weit, so schlecht.

Die Organisaton des „IS“ will „den Westen“ mit Terror überziehen und Europa soll nach seinem Willen eines der Schlachtfelder sein. Sogar von einem Weltkrieg ist da die Rede. Die Propaganda des IS funktioniert ganz wunderbar. Alleine die Videos der Werbeabteilung des IS erzeugen auf der einen Seite Angst und Schrecken und auf der anderen Seite stürmischen Jubel. Die Klaviatur der modernen westlichen Werbung beherrschen die in Perfektion, wie Hasso Mansfeld zutreffend beschrieben hat. Obwohl diese terroristische Vereinigung vorgibt, „den Westen“ bekämpfen zu wollen und dessen Kultur, die sie als Unkultur brandmarkt, zu vernichten, benutzt sie dessen Technik nahezu perfekt. Ob nun das Internet, die Fahrzeuge oder die Waffen, nichts davon stammt aus „islamischer“ Produktion.

Unbewusster Rassismus ?

Dass diese Gruppierung in der Lage ist, weltweit zu Allem entschlossene junge Menschen zu rekrutieren, haben nicht erst die Terroranschläge in Paris gezeigt. Schon 2014 fielen weltweit insgesamt 32.650 Menschen dem Terror zum Opfer. Gut die Hälfte der Toten gehen auf das Konto des „IS“ sowie der in Westafrika operierenden „Schwestergruppe“ Boko Haram. Alleine im Irak starben über 10000 Menschen bei Terroranschlägen. Dass das in Europa niemanden bewegt hat, sein Facebookprofil in den Landesfarben des Irak einzufärben oder einen Krieg gegen den „IS“ auszurufen, wundert nur auf den ersten Blick. Als Europäer haben wir uns offenbar daran gewöhnt, dass die Menschen außerhalb Europas Opfer von terroristischer Gewalt werden, nicht wir. Wir nehmen die Opfer nur schmerzlich wahr, wenn es Europäer oder wenigstens Nord-Amerikaner sind. Es mag ein unbewusster Rassismus sein, der uns die irakischen und syrischen Opfer mehr oder weniger schulterzuckend zwischen zwei Unterhaltungssendungen im TV hinnehmen ließ, vielleicht ist es auch nur eine Schutzfunktion der Seele, die nicht alles Unheil in der Welt ertragen kann.

Nun aber, wo der Terror einmal wieder im Herzen Europas zugeschlagen hat, soll dem Terror erneut der Krieg erklärt werden. Hatten wir schon mal. Sie erinnern sich? Damals nach 9/11? Damals war es al-Khaida, die in New York mordete. Zum ersten Mal in der Geschichte der NATO wurde damals der Bündnisfall ausgerufen. Bereits am 7.10.2001 marschierten NATO-Truppen in Afghanistan ein, die Taliban wurden entmachtet und 10 Jahre lang Osama Bin Ladn gesucht. Der wurde dann irgendwann in Pakistan erschossen.

Zwei Jahre später marschierten US-Streitkräfte mit einer Allianz der Willigen im Irak ein.Ohne UN-Mandat und wie man später feststellte, ohne wirklichen Plan. Dass nun dadurch der Terror in der Welt oder wenigstens in Afghanistan und dem Irak weniger geworden sein soll, wird vermutlich niemand ernsthaft behaupten wollen.

Staat ohne Struktur

Was allerdings hinterlassen wurde, war ein Staat ohne brauchbare Strukturen. Ein Staat, der selbst dem Terror im eigenen Land nicht mehr Herr werden konnte. Ein Staat, in dem der IS in weiten Teilen schalten und walten konnte. Und in dem er gut ausgebildeten geschassten Soldaten wieder einen bezahlten Job gab.

Gleichwohl ist diese Terrororganisation kein Staat und ihre Angriffs- und Terrorhandlungen sind kein Krieg, sondern Bürgerkrieg in Syrien, Irak und Libyen und Terrorangriffe in allen Teilen der Welt.

Nach der klassischen Definiton des Völkerrechts benötigt ein Staat eine Bevölkerung, also ein Staatsvolk, ein von anderen Staaten abgegrenztes Staatsgebiet und ein stabile Regierung, die die Staatsgewalt ausübt.

Es gibt keine ISSER

Nichts davon hat der IS. In den von ihm beherrschten Gebieten leben jede Menge Menschen, die aber nicht IS-ser sind, sondern Iraker, Syrer, Libyer und was auch immer. Es gibt auch kein klar abgegrenztes Staatsgebiet, sondern ein alle paar Tage wechselndes Gebiet, je nachdem, wo die paramilitärischen Einheiten des „IS“ gerade einmarschieren oder wieder vertrieben werden. Der IS soll nach Schätzungen ca. 30.000 bis 50.000 bewaffnete Kämpfer befehligen. Genau weiß das niemand. Das kann man eine Armee nennen. Und sicher ist es das Ziel dieser Gruppe, einen Staat auf dem Gebiet der gescheiterten Staaten des nahen Ostens zu errichten. Aber das ist eben noch nicht geschehen. Es ist zu viel der Ehre und wird dem selbsternannten Kalifen und seinen Mitführern einen Heidenspaß machen, wenn ihnen echte Staaten den Krieg erklären. Eine bessere Form der Anerkennung kann man diesen Leuten gar nicht zukommen lassen.

Islamisch?

Wenn der IS schon kein Staat ist, ist er dann wenigstens „islamisch“? Nicht wirklich. Natürlich berufen diese Kriminellen sich auf den Islam und natürlich ist es auch Unfug zu behaupten, das alles hätte gar nichts mit dem Islam zu tun. Wie bereits Heiko Heinisch in seiner viel beachteten Kolumne erklärt hat, finden sich viele Inhalte der IS-Propaganda, „wenn auch in mehr oder weniger stark abgeschwächter Form auch im aktuellen Mainstream des Islam, wie er von den großen Islamverbänden und diversen Moscheegemeinden in Europa propagiert wird“. Und trotzdem missbraucht der IS diese Religion gnadenlos zu Propagandazwecken und handelt eben alles andere als islamisch. Jörg Friedrich hat das in seiner Kolumne zutreffend ausgedrückt: „Das Religiöse ist nicht Motiv, sondern nur Werkzeug des herrschsüchtigen Manipulators, der den Terror als Erfüllung seiner Machtphantasien erlebt.“

Blindes Bombardieren

Ein Krieg gegen den „IS“ wird den Terror weder in Syrien und im Irak, noch in Europa oder Amerika bekämpfen. Blindes Bombardieren von Städten, in denen sich zwar ein paar tausend IS-Kämpfer aufhalten, aber eben auch eine wesentlich größere Zahl von ganz normalen Menschen, die ebenso wie wir nur in Ruhe leben wollen, wird zwar maximale Zerstörung bringen, aber eben auch eine Vielzahl an unschuldigen zivilen Opfern. Deren Familien werden das womöglich als Bestätigung der IS-Propaganda betrachten, wonach der sündige Westen die guten Muslime insgesamt auslöschen will. Die nächste Generation der Terroristen wird so herbeigebombt. Genau das will der „Kalif“.

Die bitterböse Satire des Postillion,“Französische Kampfjets bringen Gewalt wieder dahin, wo sie hingehört“, hat es auf den Punkt gebracht. „Ein Anschlag auf Zivilisten in Europa verstößt gegen die Spielregeln, die klar besagen, dass sich zivile Opfer auf Länder des Nahen Ostens – insbesondere Irak und Syrien – zu beschränken haben“. Das ist böse, aber ich denke ein Großteil der Europäer denkt genauso.

Jeder halbwegs normale Mensch war von den Anschlägen in Paris schockiert und betroffen. Nicht nur wegen der Toten selbst, sondern auch, weil einem bewusst wurde, dass jeder von uns jederzeit ein Opfer des Terrors werden kann. Ausnahmslos jeder. Dass der Terror eben nicht etwas ist, was man mit leisem Gruseln aus fremden Ländern in den Nachrichten sieht. Dass es keine vollständige Sicherheit geben kann.

Keine Entscheidung aus Wut

In dieser Kombination aus Wut und Angst sollte man aber keine Entscheidungen treffen. Schon gar keine unbedachten Kriegserklärungen in die Welt tröten. Das mag zwar bei den Wählern erst mal ganz gut ankommen, aber zu viel mehr ist das nicht nutze. Da sollte man erst einmal gründlich überlegen, was wirklich helfen könnte.

Selbstverständlich kann man die kriminelle Vereinigung des IS auch in seinen Rückzugsgebieten angreifen. Auch mit militärischen Mitteln. Das wäre dann allerdings kein Krieg im klassischen Sinn, der eben zwischen Staaten ausgetragen wird, sondern eine mit militärischen Mitteln geführte „polizeiliche“ Maßnahme zur Gefahrenabwehr oder zur Strafverfolgung. Das geht aber nicht mal so einfach aus der Luft. Auch wenn uns die Streitkräfte immer etwas von chirurigischen Eingriffen erzählen, glauben sie mir, von so einem Chirurgen, der gleich noch 3 Zimmer weiter versehentlich ein paar Köpfe abschneidet, möchte ich nicht operiert werden. Für die Bekämpfung des IS vor Ort sollte man aber, wenn man schon nicht von den Staaten in denen der IS sein Unwesen treibt, um Hilfe gebeten wird, wenigstens ein UN-Mandat haben. Und man kommt nicht darum herum, mit massiven Bodentruppen einzugreifen. Das macht aber auch nur Sinn, wenn es von der Staatengemeinschaft getragen wird und das neu entstehende Machtvakuum nicht vom nächsten Terrortrupp gefüllt wird.

Mohamed oder Matthias

Hier bei uns in Europa lässt sich der Terror nicht mit Bomben und militärischem Brimborium, geschlossenen Grenzen oder verschärften „Sicherheits“-gesetzen bekämpfen. Es sind in den meisten Fällen gerade keine einreisenden Ausländer, die hier in Europa morden. Es sind schon gar keine Flüchtlinge. Es sind hier geborene und aufgewachsene Menschen. Ja, Menschen, keine Bestien. Das waren auch einmal kleine Kinder, die in der Schule etwas lernen wollten, die eine Ausbildung machen wollten, die dazu gehören wollten. Und die dann immer wieder erleben mussten, dass es eben doch einen Unterschied macht, ob man Mohamed oder Matthias, Ahmed oder Francois heißt. Die in die Banlieue abgeschoben wurden, wo Arbeitslosigkeit, städtische Verwahrlosung und Gewalt den Alltag prägen, und die nicht mehr an eine reelle Chance für ihr Leben geglaubt haben.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit?

Gäbe es wirklich Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, dann hätten wir mit solchen selbstgemachten Terroristen kein Problem. Wenn die Ausgrenzungsgesellschaft Menschen aufgrund ihrer Herkunft wie Ratten behandelt, dann haben es die Rattenfänger leicht. Ahmad Mansour hat das eindringlich beschrieben.
Im Augenblick sind die Salafisten die besseren Sozialarbeiter. Sie bedienen die Bedürfnisse der Jugendlichen. Sie holen sie dort ab, wo sie zuweilen orientierungslos stehen. Sie machen sich die Mühe, in einer Sprache zu sprechen, die diese Jugendlichen verstehen. Warum tun wir das nicht? Warum lassen wir sie tatenlos in die Fänge von Radikalen laufen?“

Das gilt übrigens nicht nur für die Salafisten, das gilt auch für völkische Hassprediger. Diese eigentlichen Geburtshelfer des Terrors geben den Hoffnungslosen zunächst einmal das, was diese sich sehnlichst wünschen. Eine Gemeinschaft, in der sie Anerkennung spüren, einen Sinn im Leben und wenn es nur der ist, als vermeintlicher Märtyrer sein Leben zu beenden und möglichst viele andere mitzunehmen. Solange sie diese Gemeinschaft und diese Anerkennung nicht in unseren europäischen Gesellschaften finden, werden wir den Terror – ganz gleich aus welcher Ecke – nie beenden.

 

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Heiko Heinisch: Es hat mit dem Islam zu tun
oder von Hasso Mansfeld: Terror ist Theater
oder von Jörg Friedrich: Terror hat keine religiösen Motive

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz

Heinrich Schmitz ist Rechtsanwalt, Strafverteidiger und Blogger. In seiner Kolumne "Recht klar" erklärt er rechtlich interessante Sachverhalte allgemeinverständlich und unterhaltsam. Außerdem kommentiert er Bücher, TV-Sendungen und alles was ihn interessiert- und das ist so einiges. Nach einer mit seinen Freital/Heidenau-Kolumnen zusammenhängenden Swatting-Attacke gegen ihn und seine Familie hat er im August 2015 eine Kapitulationserklärung abgegeben, die auf bundesweites Medienecho stieß. Seit dem schreibt er keine explizit politische Kolumnen gegen Rechtsextreme mehr. Sein Hauptthema ist das Grundgesetz, die Menschenrechte und deren Gefährdung aus verschiedenen Richtungen.

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  • Marcio De Es Lehmann

    Heinrich betrachtet die Welt durch seine ideologische Brille. Wenn der IS nicht islamisch ist, dann ist auch Saudi Arabien – als Hüter der höchsten islamischen Heiligtümer – nicht islamisch. Dann ist der Iran, Afghanistan oder Pakistan ebenfalls nicht islamisch. Und die Türkei wird im Grunde genommen durch die AKP immer unislamischer. Am erstaunlichsten finde ich es aber, dass – ich erlaube mir als Deutsch-Portugiese mal den Ausdruck – Ursprungsdeutsche immer wieder das Bestehen einer „Ausgrenzungsgesellschaft“ propagieren, obwohl es dafür keine Belege gibt. Warum habe ich als „Migrant“ und auch meine ganze Familie in Deutschland nie eine Ausgrenzungserfahrung gemacht? Warum habe alle „Mohammeds“ in meinem Bekanntenkreis, die sich in der Schule halbwegs Mühe gegeben haben gute Arbeitsplätze und beschweren sich nie über Ausgrenzungen? Ganz einfach, weil Ausgrenzung in Europa nicht im nennenswerten Umfang stattfindet. Auch das ist eine typisch Deutsche bzw. links-gutmenschliche Wahnvorstellung. Was spricht denn für eine Ausgrenzung der Pariser Attentäter? Abaaoud wuchs anscheinend in einer liberalen Familie auf und warf seinem Vater vor, seine Schwestern würden zu westlich erzogen. Seine Cousine war bis zu ihrer Radikalisierung anscheinend eine saufende Tussi. Einer der Terroristen hatte eine portugiesische Mutter und hieß Ismael. Ich bezweifele, dass diese Leute von der Gesellschaft diskriminiert wurden. Wahrscheinlich waren sie einfach nur Versager, die im Islam eine Möglichkeit erkannt haben, ihr Geltungsbedürfnis zu befriedigen. Denn genau das leistet der Islam. Er befriedigt Geltungsbedürfnisse. So wie die Randerscheinung des Neo-Nationalsozialismus in Deutschland Versager anzieht, zieht der Islam Versager an.Nur mit dem Unterschied, dass der Islam nicht gesellschaftlich verachtet wird. Genau deswegen ist er so gefährlich. Eine Radikalisierung zum Islamismus kann stattfinden, ohne dass man kritisiert wird. Erwähnt man jedoch in Deutschland, dass man stolz ist Deutscher zu sein ohne nur um entferntesten Sympathien für die NPD zu hegen, wird man direkt als Nazi und Menschenfeind abgestempelt.
    Was wäre wenn eine konservativ-islamische Erziehung, die bewusste Abgrenzung von den europäischen Gesellschaften und die zur Bequemlichkeit verführenden Sozialsysteme im Zusammenspiel mit dem hohen Radikalisierungspotential des Islam Ursachen des europäischen islamischen Terrorismus sind oder diesen entscheidend begünstigen? Aber nein, es ist doch viel einfacher den hausgemachten islamischen Terrorismus an den bösen, rassistischen europäischen Gesellschaften festzumachen.
    Heinrich schreibt weiter, die Pariser Anschlägen hätten nichts mit den „Flüchtlingen“ zu tun. Naja, mehrere der Pariser Terroristen sind verschiedenen Berichten zufolge über die Flüchtlingsrouten nach Europa gekommen. Das tut aber im Grunde genommen nichts zur Sache. Denn ich bin ebenfalls der Überzeugung, dass 99,98% der Flüchtlinge nicht mit mörderischen Absichten nach Europa kommen. Aber es ergibt sich ein anderes Problem: Was ist, wenn der 25 jährige „Mahmmud“ (aus Syrien, Afghanistan oder aus sonst einem islamischen Land) der vorgestern über unsere Grenze gekommen ist, gestern noch dankbar mit den „guten“ Deutschen getanzt und fröhlich gesungen hat, heute im ZDF mit Tränen in den Augen seine Dankbarkeit bekundet, morgen aber einen schlechten Tag hat und übermorgen radikalisiert mit einer Kalaschnikov bewaffnet um sich schießt? Das Radikalisierungspotential dieser sogenannten Religion Islam wird, zumindest in der Deutschen Debatte, überhaupt nicht angesprochen. Nein, stattdessen wird auf Teufel komm raus relativiert und beschwichtigt. Hauptsache die Muslime geraten nicht unter „Generalverdacht“. So wird jede Diskussion im Keim erstickt.
    Heinrich schreibt ein „blindes Bombardieren“ sei nicht zielführend. Wo wird denn blind bombardiert? Getroffen werden Trainingslager, Führungszentralen und die „Öl-Industrie“ des IS. Diese Angriffe hätten schon lange stattfinden müssen und in viel umfangreicherer Form. Mit dem IS kann man nicht diskutieren. Es gibt (um es mit Merkels Worten zusagen) keine Alternative außer der nackten Gewalt bis diese Organisation vernichtet ist. Ich denke auch, dass es einen Bodeneinsatz geben und letztendlich auch ein Assad gestärkt werden muss. In vielen islamischen Gesellschaften kann anscheinend keine Stabilität ohne Diktatur gewährleistet werden. Ein materialistisch ausgerichteter Diktator wie Assad ist dabei weit besser als ein Religiöser.
    Es wird vielleicht mal Zeit das Thema über den ideologischen Rand hinaus zu betrachten. Vielleicht liegt es daran, dass Heinrich Strafverteidiger ist. Ich weiß es nicht! Man kann doch nicht zusehen, wie die Welt unter „Allahu Akbar“ rufen abbrennt und immer nur einfache soziopolitische Erklärungen suchen und vor allem eine als Religion getarnte politische Ideologie unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit, der Menschlichkeit und des verkrampften „Gut-Sein-Wollens“ schön reden. Die Deutschen unterdrücken aufgrund ihres Nazi-Traumas ihren Selbsterhaltungstrieb und das gefährdet meinen Wohlstand. So geht es nicht weiter.

    • Heinrich Schmitz

      Assad hat wesentlich mehr Menschen getötet als der IS.

    • Heinrich Schmitz

      Lieber Marcio, Du hattest den Vorteil, im Rheinland und speziell in Euskirchen aufwachsen zu dürfen, wo seit den Zeiten der Ingrid- Hütte tausende Portugiesen ziemlich willkommen geheißen wurden und bestens integriert sind. Ich spreche von Großstädten wie Paris. Dass es eine Ausgrenzungsgesellschaft gibt, kannst Du z.B. daran erkennen, dass Jugendliche mit ausländischen Namen bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen benachteiligt werden.

    • derblondehans

      … kaufe mir heute eine Flasche Portwein.

  • Tim Zelinsky

    Ich unterstreiche den Kommentar von Marcio De Es Lehmann auf jeden Fall!
    Ich denke, wir können uns ganz leicht darüber einig sein, dass in sozialen Brennpunkten wie den Banlieus von Paris oder auch in Neukölln viel passieren muss. Aber nicht, weil desolate Gegenden, in denen sich die Verlierer der Gesellschaft sammeln, automatisch Terrorgruppen hervorbringen. Dem ist nämlich nicht so.
    Wenn sich Frankreich etwas vorzuwerfen hat, genau wie andere europäische Staaten, dann ist es die Nachlässigkeit, mit der sie muslimische Parallelgesellschaften entstehen ließen. Sicherlich geht es um Chancen, es geht aber auch um Pflichten. Und wenn einmal eine parallele Welt entstanden ist, in der eine völlig andere Werteordnung gelten darf, eine Parallel-Justiz angewendet werden darf und in der eine Verachtung für die Mehrheitsgesellschaft blüht und gedeiht, dann ist es (fast) zu spät.
    Die Diskriminierungs-Karte, die immer ausgespielt wird, geht mir mittlerweile ziemlich auf die Nerven. Wie schlimm ist denn die angebliche Diskriminierung von Muslimen in Europa? Haben sie weniger Bürgerrechte als die Bio-Europäer? Ist ihnen der Zugang zu Schulen und Universitäten verwehrt? Warum haben sich eigentlich noch keine feministischen Terrorgruppen gebildet, werden sie doch in gewissen Berufszweigen oder Positionen benachteiligt, einfach weil sie Frauen sind. Wer wurde denn noch nie ungerecht behandelt, wem wurde alles auf dem Tablett serviert? Außer vielleicht bei den weissen Söhnen aus gutem Hause, wo der Papa alles richtet.
    Aber jetzt mal im Ernst: Wer sagt eigentlich, dass man überall freundlich willkommen geheissen werden muss, damit man es zu etwas bringt? Wenn ich nach Kanada übersiedle, werden sich auch nicht alle freuen, dass ich da bin. Und ich werde mich vermutlich sehr anstrengen müssen, um meinen Weg zu machen.
    Könnte es also sein, dass manche noch nicht begriffen haben, dass sie etwas dazu beitragen müssen, wenn sie etwas erreichen wollen?
    Und zu guter Letzt: Was hat das mit „Rassismus“ zu tun, wenn ich von einem Bombenattentat in Europa mehr betroffen bin, als von einem Attentat im fernen Afghanistan??
    Es liegt in der Natur des Menschen, dass die Betroffenheit größer ist, wenn eine Katastrophe in der Nähe passiert oder auch wenn sie an einem Ort passiert, zu dem man einen Bezug hat. Logischerweise nimmt es mich mehr mit, wenn der Alexanderplatz detoniert, als wenn irgendwas in Riad passiert. Es nimmt mich auch besonders mit, wenn in Peshavar Menschen sterben (zb Schulmassaker Ende des letzten Jahres), weil ich Freunde habe, die dort leben.
    Also, diese inflationäre Rassismus-Interpretation nervt auch schon ziemlich.

  • UJ

    Ich stimme der Aussage Korchides zu, dass Salafisten die besseren Sozialarbeiter seien. Sie scheinen Jugendlichen etwas anzubieten, was diese in unserer Gesellschaft vermissen.Das kann Anerkennung sein, Kameradschaft oder eine Antwort auf die Sinnfrage.

    Besonders interessant ist für mich aber die Frage, warum es vor allem junge Männer sind, die für derartige Radikalisierungsversuche so empfänglich sind.
    Hier schließt sich meines Erachtens der Kreis zwischen dem Artikel von Heinrich Schmitz und den Kommentaren von Marcios de Es Lehmann und Tim Zelinsky.

    Beinah jede Migrantengruppe baut, bewusst oder unbewusst, ihre eigene kleine Parallelgesellschaft auf und sei es nur, um Sprache, Sitten und Gebräuche der Herkunftsländer zu pflegen.Das ist nicht weiter schlimm, im Gegenteil, wir empfinden das oftmals als Bereicherung.
    Bei arabisch-muslimischen Einwanderern haben wir jedoch auf einmal Vorbehalte und das, obwohl die arabische Kultur mit der zentraleuropäischen mehr Berührungspunkte hat, als beispielsweise die chinesische oder japanische. Woran mag das liegen?

    Ein möglicher Grund besteht darin, dass einige Teile unserer Kultur für einen gläubigen Muslim schlicht nicht akzeptabel sind. Und damit meine ich nicht nur die schweinefleischlastige traditionelle deutsche Küche, oder den hohen Verbrauch an Alkoholika, auch nicht die sexuelle Freizügigkeit. Ich denke vielmehr an die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Unterscheidung zwischen staatlicher und religiöser Spähre. Viele Muslime haben große Probleme mit einem System, in dem die Religion nicht über die Rolle eines geschätzten Dialogpartners des Staates hinauswachsen kann. In ihrer Vorstellung hat die Religion (sprich: der Islam) das Staatswesen zu dominieren. Einem säkular verfassten Staat stehen sie abwehrend gegenüber. So ist es nicht verwunderlich, dass es weltweit nur drei muslimische Mehrheitsgesellschaften gibt, die sich eine säkulare Verfassung gegeben haben: Gambia, Kosovo und die Türkei, alle drei übrigens aufgrund des massiven Einflusses westlicher Gesellschaften.

    Gläubige Muslime befinden sich somit in unserer Gesellschaft in einer Zwickmühle. Entweder sie folgen dem islamischen Mainstream, dann können sie eine säkular verfasste Gesellschaft nicht gut heißen, sondern sich nur bestenfalls mit ihr arrangieren, in der Hoffnung, dass sich irgendwann die Zeiten in ihrem Sinne ändern werden. Oder aber, sie bemühen sich um Integration, verlieren dann aber mehr und mehr Kontakt und Anschluss zur Umma. Als nichtmuslimische Biodeutsche mögen wir die Kermanis und Korchides dieser Welt wertschätzen. Aber wir sollten nicht vergessen, dass sie, zumindest derzeit, einer Minderheitsposition in ihrer Glaubensgemeinschaft vertreten.

    Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Erziehung. In vielen muslimischen Familien herrscht nach wie vor eine große Diskrepanz, was die Erziehung von Söhnen und Töchtern betrifft. Söhne werden hofiert, Töchter marginalisiert. Die Folge ist zum Einen, das viele männliche Muslime ein Problem mit weiblichen Autoritätspersonen haben,selbst wenn sie im Auftrag des Staates handeln. Man denke hier beispielsweise an Tania Kambouris „Deutschland im Blaulicht“, oder an die Schwierigkeiten, die Lehrerinnen haben, die in mehrheitlich muslimischen Klassen unterrichten.

    Zum anderen machen junge männliche Muslime in unserer Gesellschaft zahlreiche Frustrationserfahrungen, weil sie sehen, dass ihren angepassteren Schwestern der gesellschaftliche Aufstieg gelingt, der ihnen selbst, auch aufgrund ihres Machogehabes, verwehrt bleibt.
    Sie befinden damit sich in einer mehrfachen Identitäts- und Sinnkrise. Und das macht es den Salafisten leicht.

    • Heinrich Schmitz

      Volle Zustimmung. Und genau da müssen wir ansetzen, d.h. aber auch die Vermittlung des Islam nicht den traditionellen Verbänden überlassen.

      • derblondehans

        … ooops? … schreibt Er nun im Pluralis Majestatis?

        Ansonsten toller Gedanke, streichen Sie alles, bis auf den Dekalog; fügen Sie die Bergpredigt, ff, hinzu. Dann klappt ’s garantiert.

  • Pingback: Vive La Wirr-War! | Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.()

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