Eine totalitäre Allianz? Zum 80. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes

Vor 80 Jahren verhandelten Deutschland und die Sowjetunion über einen Nichtangriffspakt. Diese Kolumne schildert das Zustandekommen und die Konsequenzen des Vertrages.

Wjatscheslaw Molotow unterschreibt den Hitler-Stalin-Pakt Public Domain

Als sich die Westmächte nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Hitler im März 1939 von ihrer äußerst kurzsichtigen Appeasementpolitik abwandten und sich bereit erklärten, Hitlers Expansionsdrang einzudämmen, entschloss sich Stalin aus einem machiavellistischen Kalkül heraus zu einer Annäherung an den wohl gefährlichsten Gegner, mit dem Russland je konfrontiert worden war. Denn von seinem wichtigsten außenpolitischen Ziel – der „Gewinnung des Lebensraumes im Osten“ – rückte Hitler, ungeachtet der vorübergehenden Annäherung an Moskau niemals ab.

Die westliche Appeasementpolitik

Die Jahre 1933-1938 lassen sich als die Zeit eines beispiellosen Versagens aller Garanten der europäischen Nachkriegsordnung bezeichnen. Hitlers Selbststilisierung zum Beschützer des Abendlandes gegen die bolschewistische Gefahr wurde in manchen einflussreichen Kreisen des Westens für bare Münze genommen. Man ging dort davon aus, dass Hitlers Expansionsdrang sich in erster Linie gegen die Sowjetunion richte. Dies war einer der Gründe für die westliche Appeasementpolitik, die es Hitler ermöglichte, innerhalb von etwa fünf Jahren beinahe alle Restriktionen des Versailler Vertrages zu annullieren. An Warnern hatte es nicht gefehlt. Hitler sei niemand, mit dem ein Vernünftiger Verträge schließe, so der Hitler-Biograph Konrad Heiden im Jahre 1937. Auch der in der politischen Klasse Großbritanniens weitgehend isolierte Winston Churchill bezeichnete Kompromisse mit Hitler als sinnlos und prangerte die beinahe grenzenlose Nachgiebigkeit vieler Vertreter des britischen und des französischen Establishments an. Vergeblich.

Den Höhepunkt der westlichen Appeasementpolitik stellte bekanntlich die Münchner Konferenz vom September 1938 dar, die es Hitler erlaubte, mehr als 28 000 qkm des tschechoslowakischen Territoriums „friedlich“ zu annektieren.

Die außenpolitische Isolierung Moskaus

Trotz der Tatsache, dass die UdSSR offiziell Verbündeter der Tschechoslowakei war, wurde sie nach München nicht eingeladen. Die außenpolitische Isolierung Moskaus erreichte nun ähnliche Ausmaße, wie sie in den ersten Jahren nach der Entstehung der „Sowjetmacht“ bestanden hatte. Damals hatten die „kapitalistischen“ Mächte den sog. „Cordon sanitaire“ um Sowjetrussland errichtet, 1938 entstand eine vergleichbare Konstellation. Im Westen wurde die UdSSR vom Dritten Reich bedroht, dessen Führer zur „Vernichtung des Bolschewismus“ aufrief. Im Fernen Osten (Mongolei, Mandschurei) eskalierte der sowjetisch-japanische Konflikt und nahm die Form eines begrenzten Krieges an. Die Gegensätze innerhalb des „kapitalistischen Lagers“, die dem sowjetischen Regime seit seiner Entstehung das Überleben ermöglicht hatten, schienen nun in den Hintergrund zu rücken. Dieser Zustand sollte allerdings nicht von Dauer sein. Bereits einige Monate nach dem „Münchner Debakel“ begann sich die außenpolitische Lage der UdSSR günstiger zu gestalten; dazu verhalf Moskau sein radikalster Gegner – Adolf Hitler. Unmittelbar nach dem Münchner Abkommen versetzte er nämlich den Verfechtern der Appeasementpolitik, die davon ausgingen, dass Kompromisse mit dem Dritten Reich möglich seien, einen Schlag nach dem anderen. Vor München hatte Hitler immer nach völkerrechtlichen Begründungen für seine aggressiven Akte gesucht, sein angebliches Ziel war nur die Gleichberechtigung der Deutschen, die, wie er sagte, auf den Zustand der „Heloten“ degradiert worden seien. Diese Wehklagen hörten aber nach München schlagartig auf. Argumente der Schwäche wurden nun durch Argumente der Stärke ersetzt.

Das Scheitern der Appeasementpolitik

Am 15.3.1939 besetzten die deutschen Truppen Prag, wobei sich Hitler in keiner Weise um eine völkerrechtliche Rechtfertigung dieses aggressiven Aktes bemühte. Die Appeasementpolitik war damit endgültig gescheitert. Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei wurde Polen zum nächsten Objekt territorialer Begierden Hitlers, also ein Staat, der in den Jahren 1934-38 eine Art Verbündeter des Dritte Reiches gewesen war, der sogar an der Teilung der Tschechoslowakei partizipiert hatte. Am 1. Oktober 1938 okkupierten nämlich polnische Truppen das von Warschau seit Jahrzehnten beanspruchte Gebiet um die Stadt Teschen. Die deutsch-polnische Eintracht wurde aber am 28. Oktober 1938 endgültig zerstört. An diesem Tag schlug Hitler der Warschauer Führung eine Neuregelung des deutsch-polnischen Verhältnisses vor. Er forderte die Eingliederung der freien Stadt Danzig ins Reich und einen extraterritorialen Verbindungsweg durch den sogenannten polnischen Korridor. Diese Forderungen wurden von der polnischen Führung im Januar 1939 kategorisch abgelehnt. Früher als in Paris oder in London erkannte man in Warschau, dass Unfähigkeit zur Selbstbeschränkung und Vertragsbruch zum Wesen der nationalsozialistischen Außenpolitik gehörten. Deutschland habe seine Berechenbarkeit verloren, verkündete am 24. März 1939 der polnische Außenminister Józef Beck. Hitler müsse mit einer Entschlossenheit konfrontiert werden, die ihm anderswo in Europa bislang nicht begegnet sei, fügte Beck hinzu.

Eigenwillige Thesen

Dem britischen Historiker Richard Overy, der vor einigen Jahren in seinem Buch „Die letzten zehn Tage…“ die Genese des Zweiten Weltkrieges analysierte, imponiert indes die Entschlossenheit Becks nicht. Er setzt sie mit Halsstarrigkeit gleich, die angeblich den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges unausweichlich machte. Und so wird Polen – das erste Opfer der Hitlerschen „Kriegssehnsucht“ zu einem der wichtigsten Mitverantwortlichen für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stilisiert.

Nicht weniger fragwürdig ist auch eine andere Aussage Overys. Er meint, Hitler habe „nur“ einen begrenzten Krieg gegen Polen gewollt: „Nur wenige Historiker gehen davon aus, dass (Hitler) irgendeinen Plan zur Welteroberung gehabt habe, in dem Polen das Sprungbrett für ein späteres deutsches Weltimperium war“.

Mit dieser fragwürdigen These von den angeblich beschränkten Zielen Hitlers verkennt Overy wohl gänzlich den Charakter der Hitlerschen Außenpolitik.

Hitlers „Endzeit“-Denken

Hitler wollte bekanntlich die bestehende europäische Ordnung aus den Angeln heben, um sie dann durch eine völlig neue zu ersetzten, die auf rassenpolitischen Grundlagen basieren sollte. Er strebte also eine Umwälzung an, die in ihren Auswirkungen noch radikaler werden sollte als diejenige der Bolschewiki. Was ihn zusätzlich von den Bolschewiki unterschied, war seine Ungeduld. Er wollte seine außenpolitischen Endziele unbedingt zu seinen Lebzeiten erreichen. Die Kommunisten träumten zwar auch von einer radikalen Veränderung der Weltordnung, sie setzten dabei aber keine konkreten Fristen. Als geschichtliche Deterministen waren sie davon überzeugt, dass der Sieg des Kommunismus im weltweiten Maßstab ohnehin unvermeidlich sei. Um diesen Sieg herbeizuführen, mussten sie nicht unbedingt alles auf eine Karte setzen. Bei Hitler verhielten sich die Dinge anders. Während Stalin trotz seines Größenwahns sich selbst als Fortsetzer des Werks von Marx, Engels (trotz seiner Vorbehalte gegen den zweiten Klassiker des Marxismus) und Lenin bezeichnete, betrachtete Hitler sich selbst als eine einmalige Erscheinung in der Weltgeschichte – ohne Vorgänger. Er glaubte auch nicht an würdige Nachfolger, die imstande wären, sein Werk zum Abschluss zu bringen. Frank-Lothar Kroll, der das Geschichtsbild Hitlers untersuchte, schreibt von seinem „Endzeit“-Denken, von seiner Vorstellung, den Endkampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse bis zum bitteren Ende durchführen zu müssen:

So oder so war damit ein definitiver Abschluss aller bisherigen Geschichte erreicht, der sich freilich nicht als vage Möglichkeit in nebulöser Zukunftsferne präsentierte. Abschluss und Ende standen vielmehr unmittelbar bevor und waren auf jeden Fall noch zu Hitlers Lebzeiten einzulösen.

So stand Hitler unter einem permanenten Zeitdruck. Am 5.11.1937 kündigte er in dem von Oberst Hoßbach protokollierten und später viel zitierten Gespräch mit führenden Politikern und Militärs des Reiches seinen „unabänderlichen Entschluss“ an, „die deutsche Raumfrage spätestens 1943/45 zu lösen“. Um dies zu erreichen, könne es nur noch den Weg der Gewalt geben, fügte er hinzu.

Hitlers Ankündigungen riefen bei manchen Vertretern des konservativen Establishments des Reiches Entsetzen hervor. Der britische Historiker Trevor-Roper schreibt, die deutschen Konservativen hätten damals ihre Ziele weitgehend erreicht, Hitler habe beinahe alle Beschränkungen des Versailler Vertrages beseitigt und Deutschlands Position als gleichberechtigte Großmacht wiederhergestellt. Viele Konservative hätten sich nun nach einem Ausgleich mit dem Westen gesehnt, bevor der Politiker, dem sie selbst die Waffen in die Hände gegeben hätten, Amok laufe.

Allerdings waren diese Wünsche der konservativen Verbündeten Hitlers für die Außenpolitik des Dritten Reiches Ende der 1930er Jahre wenig relevant. Von ausschlaggebender Bedeutung sollte aber die Tatsache sein, dass Hitler glaubte, keine Zeit mehr zu haben. Abgesehen davon erfassten solche Zweifel nur kleine Teile der konservativen Eliten. Andere identifizierten sich, wenn manchmal auch nur partiell, mit den Zielen des Regimes bis zum bitteren Ende.

Stalins Optionen

Die zunehmende Entfremdung zwischen dem Dritten Reich und den Westmächten stellte für Stalin eine einmalige Chance dar, die außenpolitische Isolation, in die die UdSSR seit dem Münchner Abkommen geraten war, zu beenden. Sowohl die Westmächte als auch Berlin begannen nun um die Gunst Moskaus regelrecht zu werben.

Stalin stand nun vor einer Alternative – entweder die Erneuerung der Politik der kollektiven Sicherheit gemeinsam mit den Westmächten oder die Erneuerung der Rapallo-Allianz, diesmal aber nicht mit einem beinahe wehrlosen, sondern mit einem bis an die Zähne gerüsteten Deutschland, dessen Diktator wiederholt erklärt hatte, die Lösung der deutschen Raumfrage könne nur auf Kosten Russlands erfolgen.

Verfolgt man die Entwicklungen vom Frühjahr und vom Sommer 1939, so entsteht der Eindruck, dass Stalin zwischen beiden Optionen schwankte. Seit April 1939 führte die UdSSR Verhandlungen mit den Westmächten über eine mögliche Eindämmung der nationalsozialistischen Gefahr. Am 24. Juli wurde in Moskau eine französisch-englisch-sowjetische Übereinkunft zum gegenseitigen Beistand bei direkten oder indirekten Aggressionen paraphiert. Am 11. August erschienen in Moskau britische und französische Militärmissionen, die die Übereinkunft vom 24. Juli präzisieren sollten. Parallel zu diesen Gesprächen verliefen indes geheime deutsch-sowjetische Verhandlungen über die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zwischen den beiden Mächten. Wenn man bedenkt, dass Stalin in den Jahren 1936-38 Tausende von Kommunisten wegen angeblicher Kontakte mit dem Dritten Reich ermorden ließ, erscheint diese vom Kreml-Diktator betriebene Annäherung an den radikalsten weltanschaulichen Gegner des Kommunismus in einem geradezu makabren Licht. Von den beiden Optionen, die Stalin zur Wahl standen, neigte er immer stärker zugunsten der deutschen. Die trilateralen Verhandlungen zwischen Moskau, London und Paris verliefen sehr schleppend. Den ehemaligen Verfechtern der Appeasementpolitik fiel eine politische Neuorientierung außerordentlich schwer. Die Verhandlungen zwischen Moskau und den westlichen Demokratien wurden zusätzlich durch die Weigerung der polnischen Führung erschwert, sowjetische Truppen im Falle eines Krieges auf polnisches Territorium einrücken zu lassen. In Warschau hatte man vor Stalin nicht weniger Angst als vor Hitler.

Auf dem Weg zu einer totalitären Allianz?

Am 19.8.1939 wurde ein neues deutsch-sowjetisches Handels- und Kreditabkommen unterzeichnet und am 23. August – zum Entsetzen der Westmächte, deren Militärmissionen sich noch in Moskau befanden, aber auch unzähliger Kommunisten, – ein deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt. Dieser Vertrag hatte eine grundlegend andere Bedeutung als seinerzeit der Rapallo-Vertrag vom April 1922. Damals hatten sich zwei diskriminierte Großmächte bemüht, mit Hilfe einer Allianz ihre Gleichberechtigung wiederzuerlangen, nun strebten sie eine Neuaufteilung der Welt an.

Dieser Vertrag besiegelte das Schicksal Polens, ja ganz Osteuropas, und zwar, wie man inzwischen weiß, für die nächsten fünfzig Jahre. Die volle Souveränität, bzw. beträchtliche territoriale Ausdehnung kleinerer Staaten im sog. „Zwischeneuropa“ – zwischen Deutschland und Russland -, die sich infolge des Ersten Weltkrieges ergeben hatte, stellte insofern nur eine kurze Episode dar. Seit 1939 wurden die kleinen Staaten der Region erneut, ähnlich wie vor 1918, zu einer Manövriermasse in den Händen der Großmächte. Ein anschauliches Beispiel dafür war das geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt – nicht das erste und nicht das letzte Dokument dieser Art. Die Existenz dieses Protokolls wurde in der Sowjetunion jahrzehntelang geleugnet. Als Wjatscheslaw Molotow, der gemeinsam mit Ribbentrop das Protokoll unterzeichnet hatte, am 28.4.1983 in einem Interview gefragt wurde, ob ein solches Dokument existiere, verneinte er dies entschieden: „Es gab kein (Geheimabkommen) … Es ist absurd … Dies ist eine reine Erfindung.“

Erst im Zuge der Gorbatschowschen Perestrojka wurde die Existenz des geheimen Zusatzprotokolls in Moskau eingeräumt. Im Abkommen wurde die „Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtert“. Die künftige Beute wurde von den beiden Diktaturen folgendermaßen aufgeteilt: „1. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphären Deutschlands und der UdSSR … 2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete, werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt … 3. Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige Desinteressement an diesen Gebieten erklärt.“

Es entstand nun eine Konstellation, die kurz zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatte. Hitler, der die Zustimmung der Westmächte für den Wiederaufbau der deutschen Militärmaschinerie nicht zuletzt mit Hilfe seiner antikommunistischen Agitation erreicht hatte, war nun mit der UdSSR verbündet.

Die demokratisch verfassten Staaten gerieten nun in eine nie dagewesene Gefahr. Denn die Haltung Moskaus in dem im September 1939 begonnenen Krieg zwischen dem Dritten Reich und den Westmächten war keineswegs ausgewogen neutral. In der sowjetischen Presse wurde nun die neue deutsch-sowjetische Kooperation als eine Wiederanknüpfung an die traditionelle deutsch-russische bzw. deutsch-sowjetische Zusammenarbeit interpretiert. Die ideologische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime bzw. mit dem Faschismus wurde praktisch eingestellt. Am 31. Oktober 1939 erklärte der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Molotow, die Westmächte führten nun einen ideologischen Krieg gegen Deutschland. Dadurch kehrten sie ins Stadium der mittelalterlichen Religionskriege zurück. Eine Ideologie können aber nicht mit Gewalt vernichtet werden.

Die von Moskau völlig abhängige Komintern passte sich sehr schnell an den neuen Kurs der sowjetischen Führung an.

Die UdSSR unterstütze damals das Dritte Reich nicht nur ideologisch, sondern auch materiell, und lieferte bis zum Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges wichtige Rohstoffe und Lebensmittel an Deutschland.

Besonders empört reagierte man aber im Westen auf das aggressive Vorgehen Moskaus gegen die kleinen Staaten, die gemäß dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt dem sowjetischen Einflussbereich zugeschrieben worden waren. Das erste Opfer dieser geheimen Absprache war Polen. Es wurde von seinen totalitären Nachbarn in die Zange genommen und brach nach etwa drei Wochen zusammen.

Am 28. September unterzeichneten Ribbentrop und Molotow in Moskau einen deutsch-sowjetischen Freundschafts- und Grenzvertrag, in dem gewisse territoriale Korrekturen im Vergleich zum geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 vorgenommen wurden. Die vierte Teilung Polens war damit vollendet.

Nach dem sowjetischen Überfall auf Finnland Ende November 1939 haben sich die Beziehungen zwischen Moskau und dem Westen zusätzlich verschärft. Am 2. Dezember 1939 richtete der amerikanische Präsident F.D. Roosevelt einen Appell an die amerikanische Luftfahrtindustrie, sie solle diejenigen Staaten, die sich einer unprovozierten Aggression schuldig gemacht hätten, nicht beliefern. Dieses „moralische Embargo“ richtete sich nicht zuletzt gegen die UdSSR. Am 14. Dezember 1939 wurde die Sowjetunion vom Völkerbund als Aggressor gebrandmarkt und aus der Organisation ausgeschlossen.

Am 27. Juli 1940 (kurz nach der Annexion der baltischen Staaten durch die UdSSR)  erklärte der stellvertretende amerikanische  Außenminister Sumner Welles dem sowjetischen Botschafter in Washington Uminskij, die amerikanische Regierung könne einen prinzipiellen Unterschied zwischen der deutschen und der sowjetischen Aggressivität nicht erkennen.

Die Schwäche des Westens

Indes gaben die Worte des amerikanischen Politikers die wahren Sachverhalte nicht wieder. Denn zum damaligen Zeitpunkt begann die amerikanische Administration durchaus, den außenpolitischen Kurs der beiden totalitären Diktaturen unterschiedlich zu bewerten. Die Tatsache, dass die Wehrmacht im Mai/Juni 1940 den Widerstand Frankreichs beinahe genauso schnell  brechen konnte wie denjenigen Polens einige Monate zuvor, zeigte, welche Ausmaße die innere Korrosion dieser einstigen Großmacht, die im Ersten Weltkrieg noch ein unüberwindliches Hindernis für die deutsche Militärmaschinerie dargestellt hatte, bereits erreichte. Das Kräftereservoir der demokratisch verfassten Staaten erwies sich nun als sehr begrenzt. 1918 konnten sie noch den Ersten Weltkrieg als überlegene Sieger beenden. In der Zwischenzeit hatte sich aber das globale Kräfteverhältnis eindeutig zugunsten der Diktaturen verlagert. Im Alleingang waren die Demokratien nicht mehr imstande, das 1939 erneut einsetzende globale Ringen zu gewinnen. Der Faktor Russland bzw. UdSSR begann in den strategischen Überlegungen der einflussreichsten Politiker der westlichen Welt (Churchills und Roosevelts) eine zentrale Rolle zu spielen. Die Bezwingung Hitlers war ohne Stalin in der Tat nicht möglich. Deshalb begannen London und Washington um den sowjetischen Diktator zu werben und damit die bis dahin klaren Fronten im globalen Ringen um die Neuordnung der Welt zu verwischen. Ein ähnlich triumphaler Sieg der Demokratien wie nach dem Ersten Weltkrieg war mit einem solchen Verbündeten wie Stalin nicht mehr möglich. Dennoch hatte der Westen aufgrund seines beschränkten Machtpotentials zum damaligen Zeitpunkt keine andere Wahl, als der Stalinschen Diktatur ein Mitspracherecht bei der Gestaltung der neuen Weltordnung einzuräumen.

Als Bernd Ulrich in der „ZEIT“ vom 28.8.2014 schrieb „So schwach wie heute war (der Westen) noch nie“, ließ er die Tatsache außer Acht, dass die Lage des Westens Ende der 1930/Anfang der 1940er Jahre viel prekärer war als heute.

Das damalige Dilemma der Demokratien wurde vom amerikanischen Historiker und Diplomaten George F. Kennan 1961 folgendermaßen charakterisiert: Der Westen habe sich so geschwächt, dass er nicht mehr in der Lage gewesen sei, einen der beiden totalitären Gegner ohne die Hilfe des anderen zu bezwingen. Ein moralisch einwandfreier Sieg sei für den Westen nicht mehr möglich gewesen.

Jetzt aber zurück zum deutsch-sowjetischen Verhältnis.

Die sowjetische Rückendeckung ermöglichte Hitler nach seinem Überfall auf Polen beispiellose militärische Erfolge. Da er im Osten nichts zu befürchten hatte, unterwarf er innerhalb von 20 Monaten beinahe den gesamten außersowjetischen Teil des europäischen Kontinents. Immense demographische und industrielle Ressourcen standen jetzt dem NS-Staat und seinen Vasallen zur Verfügung. Nun hielt Hitler die Zeit für gekommen, um seinen bereits in „Mein Kampf“ entworfenen Plan zur „Eroberung des Lebensraums im Osten“ zu realisieren. Ende Juli 1940 (etwa 6 Wochen nach dem Zusammenbruch Frankreichs) fand auf dem Obersalzberg ein Treffen Hitlers mit der Führung der Wehrmacht statt. Hitlers Worte wurden vom Chef des Generalstabes des Heeres, Franz Halder, folgendermaßen zusammengefasst: „Englands Hoffnung ist Russland und Amerika… Ist aber Russland zerschlagen, dann ist Englands letzte Hoffnung getilgt. Der Herr Europas und des Balkans ist dann Deutschland“.

Am 22. Juni 1941 griff Hitler die Sowjetunion an. Damit erhielt der Zweite Weltkrieg eine völlig neue Dimension. Das Schicksal des Krieges entschied sich nun in erster Linie an der Ostfront: „(Alles hängt) von der Entwicklung des gigantischen russisch-deutschen Ringens (ab)“, schrieb Churchill im April 1942 in seinem Brief an Roosevelt.

 

 

 

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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