Ähnelt die heutige Krise Europas der Konstellation der Zwischenkriegszeit? Zu den Thesen von Herfried Münkler

Die heutige Krise der europäischen Identität veranlasst zahlreiche Autoren zur Suche nach früheren, vergleichbaren Konstellationen. Immer häufiger wird in diesem Zusammenhang die Epoche zwischen den beiden Weltkriegen genannt. Ist ein solcher Vergleich begründet?


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  • Erstellt: 29. September 1938

 

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler verglich in der F.A.Z. vom 3. Juli 2017 die heutige europäische Krise mit den „Konstellationen, (die in) der Zwischenkriegszeit“ auftraten. Die wichtigste Analogie zwischen den beiden Epochen besteht für ihn darin, dass

die gegenwärtige Ordnung Europas, ähnlich wie diejenige der Zwischenkriegszeit, eine ´Ordnung ohne Hüter´“ sei.

(Die) Hüter der Ordnung griffen nur ein, so Münkler, wenn sie ihre eigenen Interessen gefährdet sahen. Es gab niemanden, der sich für das Gemeingut Frieden in der Verantwortung sah“.

Durch diese Argumentation lässt der Autor indes einige grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Epochen außer Acht. Nicht zuletzt die Tatsache, dass die europäische Ordnung der Zwischenkriegszeit mit Herausforderungen konfrontiert war, die den heutigen nur begrenzt ähneln.

Eine vollkommen neue Ordnung

Dies in erster Linie seit dem 30. Januar 1933, als im Herzen Europas ein Regime entstand, dessen Urheber eine vollkommen neue europäische Ordnung konzipierte, die das überlieferte europäische Menschenbild mit einer beispiellosen Radikalität in Frage stellte. Es gab damals in Deutschland und in Europa noch viele Beschwichtiger, die meinten, man solle die Zäsur vom Januar 1933 nicht überbewerten. Einige Zeitzeugen waren indes weitblickender. Zu ihnen zählte auch der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow, der sich einige Monate nach der Errichtung des NS-Regimes darüber im Klaren war, dass Deutschland nun in eine völlig neue Epoche eintrat: „In ein Zeitalter, in dem die Würde des Menschen an der Reinheit des Blutes gemessen wird … Es gibt noch keine Scheiterhaufen, auf denen die Menschen verbrannt werden (man übt dies noch an den Büchern). Man wird allerdings nicht allzu lange auf (die Verbrennungen von Menschen) warten müssen. Ein großer Teil des Weges ist bereits zurückgelegt worden. Von der Humanität ist kaum noch etwas übriggeblieben“.

Und der Berliner Historiker Ernst Nolte fügte im Jahre 1966 Folgendes hinzu:

Das Bild der (nationalsozialistischen) ´Neuen Ordnung´… ließ deutlich die Grundlinien … eines großgermanischen Weltreichs hervortreten, das … mit der vielfältigen Wirklichkeit der europäischen Moderne weitaus weniger Ähnlichkeiten hatte, als selbst etwa Lenins Traumbild der Vereinigten Sowjetrepubliken Europas“.

Derartige Gefahren, die die europäische Ordnung der Zwischenkriegszeit zu zerstören drohten, lassen sich mit den heutigen Herausforderungen nur begrenzt vergleichen. Auch nicht mit den populistischen Bewegungen, die heutzutage in vielen Ländern des Kontinents den europäischen Gedanken massiv in Frage stellen.

Die ängstlich-defensiven

Denn die europäischen Populisten streben, im Gegensatz zu den Nationalsozialisten, nicht danach, eine neue, nie dagewesene europäische Ordnung und einen „neuen Menschen“ zu kreieren, sondern schwelgen geradezu in Erinnerungen an die „gute alte Zeit“, als die traditionellen Nationalstaaten noch über beinahe unbegrenzte Handlungsspielräume verfügten und nicht durch europäische Institutionen eingedämmt waren. Auch das Streben der Nationalsozialisten nach einer uferlosen Expansion („Lebensraum im Osten“) ist den heutigen europäischen Populisten fremd. Denn ihr Weltbild ist nicht expansiv, sondern ängstlich-defensiv. Das, wonach sie streben, ist eine „Festung Europa“.

Keine Neuauflage des „Dritten Reiches“

Auch bei der „gelenkten Demokratie“ Wladimir Putins handelt es sich keineswegs, trotz manch anderslautender Behauptungen, um eine Neuauflage des „Dritten Reiches“. Dies möchte ich nur an einem Beispiel erläutern. So gehörte zum Wesen des Nationalsozialismus ein Denken in „Endzeit“-Kategorien. Frank-Lothar Kroll, der das Geschichtsbild Hitlers untersuchte, schreibt von dessen Vorstellung, den Endkampf zwischen der arischen und der jüdischen Rasse bis zum bitteren Ende durchführen zu müssen:

So oder so war damit ein definitiver Abschluss aller bisherigen Geschichte erreicht, der sich freilich nicht als vage Möglichkeit in nebulöser Zukunftsferne präsentierte. Abschluss und Ende standen vielmehr unmittelbar bevor und waren auf jeden Fall noch zu Hitlers Lebzeiten einzulösen.

Derartige „Endkampfszenarien“, die die Politik der NS-Führung entscheidend prägten, sind der Putin-Equipe eher fremd. Zwar kann sie sich mit der Auflösung der Sowjetunion, die Putin im April 2005 als die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete, nicht abfinden. Nach einer völlig neuen, nie dagewesenen Weltordnung bzw. nach der Weltherrschaft, wie dies für das NS-Regime charakteristisch gewesen war, strebt sie aber nicht.

Entmündigung der Bevölkerung

Sie ist eher isolationistisch gesinnt und will sich von den Einflüssen von außen, vor allem aus dem Westen, abschirmen. Denn sie weiß, dass ihr System, das auf einer weitgehenden Entmündigung der Bevölkerung basiert, mit den westlichen Wertvorstellungen nicht zu vereinbaren wäre. Daher ihre beinahe panische Angst vor den emanzipatorischen Impulsen, die aus dem Westen kommen könnten.

So fehlen im heutigen Europa Kräfte, die imstande wären, die bestehende Ordnung derart massiv zu gefährden, wie dies der Nationalsozialismus in der Zwischenkriegszeit tat. Allein schon aus diesem Grund ist der von Herfried Münkler unternommene Vergleich zwischen den beiden Konstellationen recht fragwürdig.

Erosion der demokratischen Kultur

Aber darauf beschränken sich die Unterschiede zwischen den beiden Epochen nicht. Der zweite gravierende Unterschied betrifft den Zustand der europäischen Demokratien von damals und von heute. So war die Erosion des demokratischen Gedankens im Europa der Zwischenkriegszeit, vor allem in den dreißiger Jahren, wesentlich weiter fortgeschritten, als dies heute der Fall ist. Der bereits erwähnte Georgij Fedotow führte 1933/34 die damalige europäische Krise nicht zuletzt darauf zurück, dass die demokratische Idee, für die in früheren Epochen so viele auf die Barrikaden gingen, kaum noch jemanden begeistere:

Es fehlen die Ideen, es fehlt der Wille. Dies ist die Formel, mit der man die Krise der Demokratie beschreiben kann. Diese Krise offenbart nicht nur die Defizite von Institutionen, sondern etwas viel Schlimmeres: das Verwelken der demokratischen Kultur“.

Der Parlamentarismus werde verhöhnt, setzt Fedotow seine Ausführungen fort:

Man kann sich heute kaum vorstellen, dass sich das Volk bereit erklären könnte, die Parlamente zu verteidigen, sollten diese von den Feinden der Demokratie angegriffen werden. Ohne eine solche Bereitschaft ist aber ein parlamentarisches Regime undenkbar“.

Ein besonders spektakuläres Indiz für die damalige Identitätskrise der westlichen Demokratien stellte ihre mangelnde Bereitschaft dar, die rechtsextremen Diktaturen in ihre Schranken zu weisen, was letzteren erlaubte, einen aggressiven Akt nach dem anderen ungestraft zu begehen. Den Zustand, in dem sich Europa in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre infolge der Appeasementpolitik der Westmächte befand, beschrieb der britische Historiker Lewis B. Namier mit folgenden Worten: „Europe in Decay“.

Warner gab es

An Warnern hatte es nicht gefehlt. Hitler sei niemand, mit dem ein Vernünftiger Verträge schließe, so der Hitler-Biograph Konrad Heiden im Jahre 1937. Auch der in der politischen Klasse Englands weitgehend isolierte Winston Churchill bezeichnete Kompromisse mit Hitler als sinnlos und töricht und prangerte die beinahe grenzenlose Nachgiebigkeit vieler Vertreter des britischen und französischen Establishments an. Vergeblich.

Die Willenslähmung der westlichen Demokratien stachelte Hitler nur dazu an, seine Eroberungspläne immer maßloser zu gestalten. Am 5. November 1937 kündigte er seinen „unabänderlichen Entschluß“ an, „die deutsche Raumfrage (spätestens 1943/45) zu lösen“. Um dies zu erreichen, könne es nur noch den Weg der Gewalt geben, hob er hervor (Hoßbach-Protokoll).

Der Appeasementpolitik der Westmächte widmet Herfried Münkler in seinem Artikel recht viel Raum und erklärt sie „durch die kriegsaverse Disposition“ der französischen und britischen Bevölkerung:

Man kann das Appeasement im Rückblick als politisch falsch bezeichnen… Aber das ändert nichts daran, dass von 1936 bis 1939 in Frankreich und Großbritannien nichts unpopulärer war als die Vorstellung, ein weiteres Mal einen Krieg führen zu müssen wie den von 1914 bis 1918“.

Dies ist in der Tat eine durchaus aufschlussreiche Erklärung. Als Neville Chamberlain und Édouard Daladier im September 1938 in München den treuesten Verbündeten des Westens im östliche Europa – die Tschechoslowakei – verrieten, taten sie dies, um, wie sie behaupteten, den Frieden für die nächsten Generationen zu sichern („Peace for our time“). Durch diese moralisch höchst fragwürdige Entscheidung, gaben sie, wie Münkler dies mit Recht hervorhebt, der Friedenssehnsucht der von ihnen regierten Völker nach, sie wollten unbedingt mit dem Strom schwimmen.

Antikommunistische Rhetorik Hitlers

Es gab allerdings für die Appeasementpolitik der Westmächte noch mehr Gründe, die im Artikel Münklers nicht zur Sprache kommen. Es handelt sich hierbei um die antikommunistische Rhetorik Hitlers, die viele westliche Politiker durchaus beeindruckte. Sie nahmen die Beteuerungen des deutschen Diktators, das Dritte Reich stelle eine Art Bastion der abendländischen Zivilisation im Kampf gegen die bolschewistische Gefahr, für bare Münze.

Im Grunde übertrug Hitler manche taktischen Vorgehensweisen, die bereits bei seinem Machtkampf in der Weimarer Republik äußerst wirksam gewesen waren, auf die internationale Ebene. Die Angst der Westeuropäer vor der kommunistischen Gefahr erwies ihm ebenso unschätzbare Dienste wie seinerzeit die Angst der deutschen Konservativen vor dem Bolschewismus.

Aber nicht nur im Westen, sondern auch in Osteuropa lehnten sich manche Staaten aus Angst vor dem Kommunismus bzw. vor der Sowjetunion an rechtsextreme Diktaturen an. Auf die prekäre Lage dieser Staaten, die den sogenannten „cordon sanitaire (bildeten, der) Russland und Deutschland voneinander trennte“, geht Münkler in seinem Artikel übrigens ausführlich ein.

Sogar in Polen, das von den revisionistischen Bestrebungen des Dritten Reiches aufs äußerste gefährdet war, entstand unmittelbar nach der Etablierung des NS-Regimes die Illusion, man könne sich mit Berlin auf der Basis des Antikommunismus bzw. Antisowjetismus einigen. In den Jahren 1934-38 arbeitete die polnische Führung eng mit dem Dritten Reich zusammen. Erst als es sich unmittelbar nach dem Münchner Abkommen herausstellte, dass die Vernichtung des polnischen Staates für die Hitlersche Konzeption der „neuen europäischen Ordnung“ eine Conditio sine qua non darstellte, begann sich die Warschauer Führung hartnäckig gegen den Expansionismus des Dritten Reiches zu wehren.

Die Angst vor der kommunistischen Gefahr, die das Verhalten vieler europäischer Staaten und mancher politischer Kreise Europas in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen so stark prägte, spielt im heutigen Europa bekanntlich – seit der Auflösung des Ostblocks und der UdSSR – so gut wie keine Rolle mehr. Auch darin sieht man, wie stark sich die heutige europäische Konstellation von derjenigen der Zwischenkriegszeit unterscheidet.

Postheroische Gesellschaften?

Und nun noch eine abschließende Bemerkung zur Appeasementpolitik. Münkler erklärt sie nicht zuletzt damit, dass in Europa

(im) Verlauf des (Ersten Weltkrieges) postheroische Gesellschaften entstanden (waren), die Krieg als Mittel der Politik ablehnten … Faschismus und Nationalsozialismus waren – auch – ein Projekt zur Rückgängigmachung dieser Kriegsmüdigkeit“.

Diese Erklärung ist im Wesentlichen plausibel, sie berücksichtigt allerdings nicht einige Fälle, bei denen es zu einer Abweichung von dem von Münkler geschilderten „postheroischen“ Verhaltensmuster kam. Und an diesen Ausnahmefällen sollte der Hitlersche „Griff nach der Weltmacht“ letztendlich scheitern. Als erstes möchte ich in diesem Zusammenhang Polen erwähnen Die Warschauer Führung gehörte zu den ersten europäischen Regierungen, die sich darüber klar wurden, welche politischen Ziele die NS-Führung wirklich verfolge – dies ungeachtet der bereits erwähnten jahrelangen Fehleinschätzung der Hitlerschen Politik. Deutschland habe „seine Berechenbarkeit verloren“ erklärte am 24. März 1939 der polnische Außenminister Józef Beck. Hitler müsse mit einer Entschlossenheit konfrontiert werden, die ihm anderswo in Europa bisher nicht begegnet sei.

Als die beiden totalitären Nachbarn Polens – das Dritte Reich und die stalinistische UdSSR – ihre ideologischen Gegensätze vorübergehend ausklammerten und die „vierte Teilung Polens“ beschlossen, hatte Polen keine Chance, sich der massiven Übermacht seiner Gegner effizient zu widersetzen. Dennoch nahm es den ungleichen Kampf auf. Georgij Fedotow schrieb im November 1939 Folgendes dazu:

Polen hat als erster Staat den Kampf gegen einen Feind aufgenommen, der ihm um das Zehnfache überlegen war… Was für ein erstaunliches Schauspiel in unserem Zeitalter des Rationalismus und Utilitarismus … Dieser selbstlose … heroische Akt des klassischen ´Sterbens für das Vaterland´ erscheint unfassbar. … Dieser (aussichtslose und heroische) Kampf rettet nicht nur die Würde dieses einzelnen Landes, sondern unserer ganzen Epoche. Wenn unsere Nachfahren irgendwann über die europäischen Wirren der 1930er Jahre lesen werden, über diese Zeit der Niedertracht, der Kriecherei und der Willkür, werden sie aus diesem moralischen Alptraum aufwachen und sich davon erholen, ja erholen, beim Lesen über diese schreckliche aber die Menschheit bewegende Tragödie – über den Untergang Polens“.

Auch im Westen kam es in einigen Fällen zu einer Abkehr von dem von Münkler so anschaulich geschilderten postheroischen Verhalten, und zwar in erster Linie in Großbritannien. Der englische Historiker Alan Bullock sagte in diesem Zusammenhang, Hitler habe gewusst, dass die Engländer keinen Krieg wollten, es sei ihm aber unklar gewesen, bis zu welchem Grad man hier den Bogen überspannen dürfe. Der deutsche Generalstabschef Franz Halder gehörte zu den ersten Vertretern der deutschen Machtelite, die begriffen, wie falsch man in Berlin die britische Mentalität einschätzte. Als Großbritannien und Frankreich am 3. September 1939 – zwei Tage nach dem Hitlerschen Überfall auf Polen – dem Dritten Reich den Krieg erklärten, sagte er:

Der Engländer ist zähe. Jetzt wird es lange dauern.

Solange aber die Symbolfigur der Appeasementpolitik, Neville Chamberlain, für die Politik Großbritanniens die Hauptverantwortung trug, war ein entscheidender Bruch mit der Vergangenheit schwer durchführbar. Erst als der radikale Kritiker der Appeasementpolitik – Winston Churchill – am 10. Mai 1940 die Regierungsgewalt übernahm, konnte ein solcher Bruch vollzogen werden. Damit war das Schicksal Hitlers besiegelt.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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