Nie war ich so fett wie heute oder …

… warum es unsinnig ist, Fitness-Einrichtungen zu schließen. Plädoyer für mehr Bewegung gerade in Corona-Zeiten von Henning Hirsch.

Bild von Lilly Cantabile auf Pixabay

2020 war das Corona-Jahr. Nicht nur draußen in der realen Welt, sondern ebenfalls ganz heftig in den beiden virtuellen Paralleluniversen Facebook & Twitter und natürlich auch bei uns Kolumnisten. Es verging seit Februar kaum ein Monat, in dem wir uns nicht aus dem ein oder anderen Blickwinkel mit Covid-19 beschäftigten. Ging es am Anfang noch darum, das Problembewusstsein für diese neue Form der Bedrohung zu wecken und zu schärfen, handelten unsere späteren Artikel von Grundrechten in Zeiten von Corona über Nachhilfe für den Corona-Widerstand, gefolgt von Aus deutschen Schlachthöfen bis hin zu aktuell Impfpflicht?. Grob geschätzt zwei Dutzend Beiträge kann man finden, wenn man bei den Kolumnisten das Schlagwort Corona in die Suchmaske tippt. in Man sollte also meinen, zu Sars-CoV-2 wurde mittlerweile ALLES gesagt, was es dazu zu sagen gibt. Stimmt auch nahezu. Einzig ein wichtiger Aspekt scheint mir bisher völlig zu kurz gekommen zu sein.

Welcher wichtige Aspekt soll das denn sein, fragen Sie mich?
Moment, ich erkläre es gleich.

Stay (dauerhaft) at home -> Gewichtsexplosion

An Heiligabend, 16 Uhr war es mal wieder so weit: Ich passte nicht mehr in den Heiligabend-Anzug, den ich in den vergangenen Jahren getragen hatte, hinein. Das war mir zuletzt 1997 oder 98 passiert. Da es am Heiligabend um 16 Uhr erfahrungsgemäß schwierig ist, einen Ersatzanzug zu kaufen oder zu leihen und die Änderungsschneiderin, die das Problem 1997 (oder 98) gelöst hatte, mittlerweile verstorben ist, bot sich die beste aller Töchter an, den Knopf so weit zu versetzen, dass ich für die Zeitdauer eines Abends eine geschlossene Hose zumindest simulieren konnte. Beim Jackett, das ebenfalls arg spannte, half der Tipp eines Facebook-Bekannten: „Sakkos immer offen tragen.“ Mit diesen kleinen Tricks kam ich durch den Heiligabend, besorgte mir an Silvester eine neue Batterie für meine Waage, die ich allerdings erst am Neujahrstag bestieg, um mir den Jahreswechsel nicht unnötig zu versauen, und siehe da, wenig erstaunlich, die Nadel zeigte 8 (!!) Kilo mehr als am Jahresbeginn 2020. Kein Wunder, dass viele meiner Hosen und Hemden mittlerweile arg zwickten, was ich bisher stets auf zu heiß eingestellte Programme in der Waschmaschine zurückgeführt hatte. Mich zugegebenermaßen hin und wieder darüber wunderte, weshalb ebenfalls Hosen und Hemden, die vorher gar nicht in der Waschmaschine gewesen waren, ebenfalls arg zwickten; aber lieber ein paar Stunden lang die Luft anhielt und den Bauch einzog, als mich mit dem immer offensichtlicher aus dem Hosenbund quellenden Thema des Corona-bedingten Aus-dem-Leim-gehens auseinanderzusetzen.

Eine nicht ganz repräsentative telefonische Umfrage unter meinen Freunden und Bekannten ergab, dass 37 Prozent der in etwa gleich alten (also: gleich alt wie ich) Männer und sogar 42 der Frauen vom selben Phänomen berichteten: überproportionale Gewichtszunahme in Corona-Jahr 1. Und da natürlich nicht alle bei einer Telefonbefragung, zumal bei solch einer heiklen Sache wie dem Gewicht, ehrlich antworten, selbst wenn man ihnen komplette Anonymisierung der Daten garantiert, ist die Dunkelziffer hoch und es steht mithin zu befürchten, dass zu den eben genannten 37 und 42 Prozent jeweils nochmal ne Kalorien- bzw. Kilo-Schippe draufgelegt werden muss. Nicht wenige meiner Interview-Partner berichteten zudem von gravierenden Fitness-Einbußen. Einige, die vorher mühelos zehn Treppen steigen konnten, nehmen nun den Lift, um in den ersten Stock zu gelangen.

Isolierung ja, aber mit Verstand

An dieser Stelle wollen wir das individuelle Der-Hirsch-bekommt-den-Reißverschluss-seiner-Hose-nicht-mehr-zu-Thema verlassen und versuchen, die Problematik der Gewichtszunahme im Verein mit gleichzeitiger Fitness-Reduktion aus der Meta-Perspektive der nationalen Gesundheit (das ist nicht dasselbe wie die nationale Sicherheit, die in Hollywood-Filmen ständig bedroht wird; aber alles, wo national davor steht ist auf jeden Fall von großer Bedeutung) zu betrachten. Denn um unsere Gesundheit dreht sich seit 9 Monaten ja beinahe alles. Was auch vollkommen richtig ist. Gesundheit ist wichtiger als im Homeoffice kratze ich so langsam den Kitt aus den Fensterritzen und ich hasse es, beim Bäcker 20 Minuten draußen zu warten, bis ich endlich meine 3 Brötchen bekomme oder gar was mache ich mit meinen Fingernägeln, wenn das Nagelstudio wochenlang geschlossen ist?

Was mir jedoch völlig schleierhaft ist: Warum sorgt sich der Corona-Nanny-Staat nicht ebenfalls um den Fitness-Zustand seiner Bevölkerung? Er sorgt sich mittlerweile um so VIELES, aber ausgerechnet die physische Kondition der Menschen ist ihm wurscht? Und das, obwohl ein guter Fitnessgrad neben Vereinzelung (sprich: alleine zu Hause auf dem Sofa hocken und 24/7 Paprikachips in sich reinstopfen), Maske tragen und 2m-Abstandsregel einhalten sicher eine veritable Krankheitsprophylaxe (iSv. milderer Verlauf bei Infektion) bedeutet? Woran liegt die beinahe schon grob fahrlässige Vernachlässigung dieses Aspekts? Weil unsere Politiker selber alle keinen Sport treiben? Weil sich der Staat aus unserer individuellen Fitness heraushalten möchte; die sei Privatsache? Derselbe Staat, der mir an Weihnachten und Silvester vorschreibt, wie viele Verwandte ich treffen darf? Weil das Geld für eine bundesweite Trimm-dich-Kampagne fehlt? Falls ja: dann sollte es schleunigst im Haushalt bereitgestellt werden.

Mal wieder meine Großmutter väterlicherseits

Es wird ständig gepredigt, was wir alles NICHT tun dürfen. Bin ich d’accord: In Zeiten einer Pandemie darf man halt einiges bis hin zu vieles nicht machen. Bis das Virus abebbt und/ oder Herdenimmunität qua Impfung erreicht ist. Es wird jedoch viel zu wenig gesagt, was wir alternativ tun können, um gesund durch die harten Lockdown-Wochen zu kommen. Kann ja nicht sein, dass Aerobic mit Pamela Reif und Peloton-Ergometer-strampeln die einzigen vernünftigen Indoor-Fitness-Angebote darstellen.

Weshalb bieten unsere Öffentlich-Rechtlichen nicht 3x täglich ein kleines Zirkeltraining für die Couch-Kartoffeln an? Fände ich in Corona-Zeiten sinnvoller, als eine dumme Vorabendserie gefolgt von einer noch dümmeren Spiel-Show nach der anderen über den Äther zu jagen. Und der größte Irrsinn von allem: Wir schließen sämtliche Sportstätten und Fitnessstudios. Einrichtungen, die sich seit Monaten an sämtliche Hygienekonzepte halten und dafür Sorge tragen, dass zumindest der Teil der Bevölkerung, der sich fit halten will, das auch tun kann. Stattdessen beordern wir alle in die häusliche Isolation und wundern uns im nächsten Frühjahr darüber, dass der durchschnittliche Body-Mass-Index um 3 Punkte angestiegen und die Hälfte der ü50-Jungsenioren ohne Treppenlift alsbald nicht mehr in der Lage ist, vom Wohnzimmersofa aus das Schlafzimmer zu erreichen.

Meine Großmutter väterlicherseits, die die Spanische Grippe, zwei Weltkriege und die Hungerjahre nach WK2 durchgemacht hatte, gab mir folgenden Ratschlag mit fürs Leben: Ernähre dich gesund und maßvoll (was ich in Corona-Jahr 1 ganz augenscheinlich nicht getan habe), beweg dich oft an der frischen Luft, lauf die Treppe hoch, so lange du kannst, geh vor Mitternacht schlafen und halte dich von Drogen fern, dann wirst du selten krank und wenn du zwischendurch nicht versehentlich vor eine Straßenbahn läufst, dann erlebst du wahrscheinlich sogar deinen 90-sten Geburtstag. Sie selbst wurde 97, war so gut wie nie krank und schlief an einem sonnigen Samstagmittag friedlich im Kreis ihrer Kinder ein.

Mehr Sport ist auch ne Form der Prophylaxe

Bei allem Respekt, aber Ihre Großmutter väterlicherseits hatte Null Ahnung von Sars-CoV-2, sagen Sie? Stimmt; jedoch hatte Sie ne Menge Ahnung von der Vorteilhaftigkeit eines intakten Immunsystems und hielt Sport – so lange man ihn in Maßen betreibt – für eine vernünftige Sache. Und Sie war dabei NIE eine Verfechterin von Bachblüten-Therapien und ähnlichem esoterischen Unfug. Sie würde sich – so sie heute noch lebte – auch an sämtliche Vorgaben halten gem. dem Motto, „In Zeiten einer Pandemie ist Vorsicht eine Tugend“. Was allerdings als Gegenbeweis, dass ein mittels sportlicher Aktivität und gesunder Ernährung gewappneter Körper dem Virus genauso schutzlos ausgeliefert ist wie alle anderen übergewichtigen und Fitness-verwahrlosten Körper auch, nicht taugt. Man kann ja durchaus beides tun – also AHA-Regeln befolgen und zusätzlich aufs Ergometer steigen –, anstatt mit der Chipstüte auf dem Sofa zu sitzen und 24/7 durch Netflix zu zappen.

Deshalb mein Appell: Sportstätten und Fitnessstudios sollten schnell wieder geöffnet werden. Die sind Minimum genauso systemrelevant wie Friseure und Blumenläden. Wenn nicht sogar systemrelevanter.

Was mit meiner eigenen Gewichtsreduktion ist, wollen Sie noch wissen?
Eineinhalb Kilo sind schon runter – was evtl. an ner kräftigen Morgenverdauung heute Morgen liegen kann –, 4 weitere sollen bis Ende Januar purzeln. Ich habe es vor ein paar Jahren geschafft, auf zwei Pullen Wodka am Tag zu verzichten, da werde ich doch auch noch mit Nutellabrötchen, Keksen, Sonntagnachmittag-gedeckter-Apfelkuchen und Dosenravioli mit Extrasahne fertig werden. Andernfalls lasse ich mir den Magen verkleinern, denn so kann es auf keinen Fall in Corona-Jahr 2 weitergehen, sonst bin ich im nächsten Winter dreistellig auf der Waage. Eine post-apokalyptische Horrorvorstellung!

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von ihm lesen möchte: www.saufdruck.de

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