Abgründe in cis-moll

Clemens Haas und seine Lieblingstonart cis-moll.


Bild von My pictures are CC0. When doing composings: auf Pixabay
Tonarten sind ein wunderbares Kolumnenthema: Es bietet größmögliche Freiheit bei der Auswahl der Beispielstücke, denn (fast) alles steht ja in irgendeiner Tonart; weiter ist alles, was man so über Tonarten und ihre Eigenschaften denkt, höchst subjektiv und nicht rational belegbar und oft auch unter Fachleuten umstritten oder sogar widersprüchlich. Herrlich!

cis-moll ist meins!

MEINE ganz persönliche Lieblingstonart ist cis-moll. Ich war mal (warum, geht Sie nix an) in einem psychotherapeutischen Gruppenworkshop für Musiker, und da sollte wie alle anderen auch ich etwas spielen. Ich wusste jetzt nicht, was, und hab mich spontan für die Symphonischen Etüden vom verrückten Schumann entschieden, cis-moll. Ich spiele also den ersten Akkord, bin damit aber nicht zufrieden und spiele ihn darum einfach nochmal (im Konzert geht das nicht, zuhause oder in diesem Rahmen aber schon). Auch mit dem zweiten Versuch bin ich nicht glücklich, also spiele ich diesen cis-moll-Akkord einfach immer wieder auf der Suche nach dem perfekten Klang und finde daran gefallen, wohl eine halbe Minute lang, bis ich dann endlich den vorgesehenen Rest spiele. Ein anderer Workshopteilnehmer, der inzwischen ein recht bekannter Dirigent ist, sagte mir hinterher, dass es ihm in dieser halben Minuten einige Schauer über den Rücken gejagt hat. Denn cis-moll ist abgründig. Und cis-moll ist meins. Da hörte er also meine Abgründe. Gruppentherapiezwischenziel erreicht. Check.

Jetzt zu unserem ersten Beispiel, eines der bekanntesten Stücke in cis-moll und sogar eines der bekanntesten Werke überhaupt: Die Klaviersonate Nr. 24 op. 27 Nr. 2 von Ludwig van Beethoven, besser bekannt unter dem Namen „Mondscheinsonate“. Und bevor ich jetzt vorgreife, hören wir da erst mal rein, zunächst mal den ultraberühmten ersten Satz.

 

Der Name “Mondscheinsonate“ wurde Nr. 14 erst nachträglich verpasst von einem Musikschriftsteller (und Dichter einiger der Schubertschen Schwanengesanglieder, also beileibe keine Pfeife), der sich an eine Bootsfahrt im Mondschein erinnert fühlte. Es liegt mir fern, irgendjemandem vorzuschreiben, was er mit Musik zu assoziieren oder dabei zu empfinden hat, aber mir liegt das Bild einer romantischen Bootsfahrt oder eines womöglich händchenhaltenden Spaziergangs im Mondenlicht ziemlich fern. Trotzdem kann ich mich mit dem Namen „Mondscheinsonate“ anfreunden, wobei es bei mir dann eben im ersten Satz ein eher einsamer melancholischer Spaziergang ist in cis-moll-schwarzblauer Nacht, beschienen vom kalten fahlen Licht eines unfreundlichen Mondes, in der Ferne vielleicht noch das Jaulen eines harten Hunds, während ich dunklen Gedanken oder einem Verlust nachhänge. Diese eher düstere Sicht teilen beispielsweise auch Andras Schiff, Daniel Barenboim und in jüngster Zeit Igor Levit. Andras Schiff verweist unter anderem auf die Ähnlichkeit mit der Todesszene in Mozarts Don Giovanni, die Beethoven selbst (allerdings nach der Mondscheinsonate) nachskizziert hat. Hören Sie sich gerne auch den gesamten, sehr informativen und unterhaltsamen Vortrag von Andras Schiff zur Mondscheinsonate an:

 

Unverkennbar ist allerdings – Don Giovanni hin und eigentlich zu späte Beethoven-Skizze her – der punktierte Trauermarsch-Rhythmus (daaaa-da-daaa). Vergleichen Sie das etwa mit dem Marche Funebre von Chopin.

 

Viele Zeit später hat Dmitri Schostakowitsch in seinem allerletzten Werk, der Sonate für Viola und Klavier, das er schwer krebskrank und unsicher, ober das Werk überhaupt würde vollenden können, den ersten Satz der Mondscheinsonate stark zitiert, und hier neben seinem eigenen auch den Tod seines Vaters thematisiert mit dem Kernmotiv seiner Suite für zwei Klaviere, die er 16jährig anlässlich dessen Todes geschrieben hatte. Es genügt zunächst, wenn Sie die ersten Sekunden hören.

 

 

Papas Tod

Und gleich danach die Sonate für Viola und Klavier über 50 Jahre später, vielleicht gehen Sie zunächst direkt ans Ende ab etwa 29:40, da bekommen Sie den Tod vom Papa und im Anschluss die Mondscheinsonate im Klartext, unverstellt und unverblümt ins Gesicht geknallt. Ich liebe diese Sonate, aber ich kann sie nicht oft hören, die macht mich fertig.

 

Also der erste Satz der Mondscheinsonate als romantisch und „schön“, das geht für mich nicht zusammen. Auch im Kontext der Gesamtsonate. Im zweiten Satz präsentiert uns Beethoven einen enormen Kontrast mit dem unbeschwerten, fast ausgelassenen Menuett, wie eine manische Phase eines Depressiven, bevor er dann im dritten Satz zurückkehrt zu cis-moll und im 1. Thema die in aufsteigenden Arpeggien brodelnde Wut in herausgestoßene Akkordausbrüche münden lässt. Nein, für mich ist da keine schöne ruhige Natur im Mondenschein, im besten Fall eine Natur, die sich einen schönen, friedlichen Schein gibt, in Wahrheit aber kalt und unerbittlich ist. Franz Liszt nannte den zweiten Satz „eine Blume zwischen zwei Abgründen“. ZWEI Abgründe. Auch der erste Satz ist einer.

All das sind natürlich keine „Wahrheiten“, sondern bestenfalls Indizien, eigentlich aber nur subjektive Empfindungen irgendwelcher Leute ohne jeglichen legitimen Anspruch auf „Richtigkeit“. Und es braucht Sie nicht das geringste zu kümmern, was Liszt, Schiff, Barenboim, Levit oder Haas (in chronologischer Reihenfolge, nicht in aufsteigender Relevanz) so zu empfinden sich bemüßigt fühlen. Aber vielleicht hören Sie sich die Sonate jetzt noch einmal mit diesen Informationen im Hinterkopf an. Und wenn dann auch nur einer von Ihnen diese Sonate mit neuen Ohren hört (und vielleicht WIEDER anderes entdeckt): Kolumnenzwischenziel erreicht. Check.

Wir bleiben (natürlich) in cis-moll, aber auch beim Tod: Mit dem zweiten Satz von Schuberts letzter Klaviersonate, die er wenige Wochen vor seinem Tod geschrieben hat, und die sein Verleger verschmäht hat.

 

Sie hören auch hier den punktierten Trauermarsch-Rhythmus. Und im Mittelteil (ab 3:56) stellte wiederum Andras Schiff fest, dass hier exakt die Worte „Et resurrexit est“ passen, was ich seither nicht mehr überhören kann. Ich darf jetzt gar nicht damit anfangen, wie unglaublich genial Schubert innerhalb dieses Satzes mit den Tonarten spielt, sonst fang ich an zu schwelgen und zu sabbern vor Begeisterung und Demut. Und schon allein diesen zweiten „Todes“-Satz in cis-moll in eine Sonate zu stellen, die ja eigentlich in süßem weichen B-Dur steht, das von sieben Tönen gerade mal einen einzigen mit cis-moll gemeinsam hat: Da ist schon beim ersten Akkord der Abgrund da.

Ein weiteres wirklich ultrabekanntes Stück ist das Nocturne Nr. 20 cis-moll, eigentlich „Lento con gran espressione“, das eines der populärsten Stücke von Chopin geworden ist, obwohl er überhaupt nicht wollte, dass es jemals veröffentlicht wird. Geschrieben hat er es in ganz jungen Jahren für seine Schwester (die es dann als „Nocturne“ bezeichnet hat, veröffentlicht wurde es gut 25 Jahre nach seinem Tod) als Vorbereitung zu den Studien an seinem zweiten Klavierkonzert. Tatsächlich ist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem zweiten Satz des zweiten (also eigentlich des ersten, siehe Chopin-Kolumne) Klavierkonzerts nicht zu verkennen, wobei jener für mich trotz des jugendlich aufbegehrenden Mittelteils die reine tongewordene Schönheit ist. Das ist das „Nocturne“ nicht, aber die Versuchung liegt nahe, es ebenso wie den ersten Satz der Mondscheinsonate als solche zu verkennen. Und für den Pianisten die Versuchung, diese beiden Stücke (Nocturne: Nacht werdend/Mondschein/zwinkerzwinker mit der Hüfte klimper) dazu einzusetzen, die harten einsamen Stunden des Klavierübens in zählbaren Erfolg umzumünzen durch Vorspiel (daher der Name) bei Frauen. Denn wie schon Jopi Heesters wusste:

Man müßte Klavier spielen können,
Wer Klavier spielt hat Glück bei den Fraun.
Weil die Herrn, die Musik machen können,
Schnell erobern der Damen Vertraun.

Der Klang des bespielten Klavieres
Wirkt auf jede erregend wie Sekt,
Und ihre geheimsten Gefühle
Werden piano doch forte geweckt.

Dosenöffner

Solche Stücke nenne ich insgeheim auch „Dosenöffner“, was ich aber natürlich öffentlich nie zugeben würde. Aber hören wir das Nocturne mal an.

 

Ja, schön ist das schon. Ziemlich. Aber man kann das auch anders hören als romantisch. Vielleicht kennen Sie den wunderbaren Film „Der Pianist“ von Roman Polanski. Wenn nicht, sollten Sie das unbedingt nachholen. Hier die Geschichte hinter der Geschichte des Films.

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass „Der Pianist“ Wladyslaw Szpilman bei diesen drei Gelegenheiten – vor, im und nach dem Abgrund – jeweils ganz anderes im Sinn hatte als Glück in der Liebe. Ebenso wie die Pianistin Natalia Karp (damals noch), die dieses Nocturne vor dem Kommandanten des Konzentrationslagers und „Schlächter von Płaszów“ Amon Göth gespielt hat, als der sie zu seinem Geburtstag 1943 zu sich befohlen hatte.

Aus „Wege und Welten der Religionen“, herausgegeben von Jürgen Court:

Der Kommandant, der Natalia bei ihrem Eintreffen zunächst von oben herab behandelte, redet sie jetzt höflich an: ob sie wirklich nicht auf die Seite des Lebens zurückgehen wolle. Begeistert von dem Spiel der jungen Gefangenen ruft er in die Geburtstagsgesellschaft: „ Sie soll leben! Sie soll leben!“ Doch die vom Tod zum Leben Begnadigte hat dem Mächtigen noch etwas zu entgegnen: „Nicht ohne meine Schwester.“ Und Goeth stimmt zu.“

 

Die Schwestern wurden später nach Auschwitz verlegt, überlebten aber auch dort. Amon Göth, der (womöglich fachkundige und geschmackvolle) Musikliebhaber. Woran man spätestens erkennt, dass der Liedtext „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“ ausgemachte Vollscheisse ist.

Wir runden den Reigen ultraberühmter cis-moll-Stücke ab mit dem Prelude op. 3 Nr. 2 von Sergei Rachmaninoff. Das gehört ebenfalls zum geheimen Dosenöffner-Arsenal, hier weniger wegen der vermeintlichen sinnlichen „Romantik“ als wegen der Möglichkeit, mit vermeintlichen pianistisch-technischen Fertigkeiten anzugeben: „Guck mal, ich kann hart und schnell, zwinkerzwinker etc.“ Wobei dieses Prelude in Wahrheit relativ dankbar ist, also wesentlich „schwerer“ klingt als es in Wahrheit ist. Weshalb es auch zu oft und von zu vielen mittelmäßigen Angebern runtergenudelt wird und droht, einem schon aus den Ohren rauszuhängen.

 

Zu Unrecht, wie Evgeny Kissin hier zeigt. Das kann nämlich durchaus Tiefe haben. Übrigens ist die Vorliebe für cis-moll bei mir eventuell genetisch bedingt. Es existiert nämlich eine Abschrift dieses Preludes aus Teenagertagen von meinem Vater. In der Nachkriegszeit waren Noten teuer; Copy-Shops, Handy-Fotos oder Internet gab es nicht, da musste mühsam von Hand kopiert werden. Ja, ich muss dieses Dokument sichern, ich danke Ihnen für die Erinnerung.

Keine Beschäftigung mit Tonarten kann ohne J.S.Bachs Grosswerk „Das Wohltemperierte Klavier“ auskommen. Und Sie ahnen es: Zu meinen Lieblings-Präludien und Fugen gehören diejenigen aus Teil 1 in: cis-moll. Hier gespielt von Swjatoslaw Richter, als Mehrwert sind im Video in der Fuge die Themeneinsätze farblich markiert (aber glauben Sie bitte nicht, die nicht markierten Stellen seien in irgendeiner Weise unwichtig, hier ist jeder Tintenklecks von Gott persönlich autorisiert).

 

Das Kichern des harten Hundes

Mit dieser Fuge versuchte ich bei meiner Abitur-Fahrt meine Stufenkameradin Katja F. (Gesicht und Haare von Brigitte Bardot und Körper einer Tänzerin, die sie war und dann auch professionell geworden ist, hab sie vor drei Jahren beim Abitreffen gesehen) zu beeindrucken. Anfänger versuchen das mit der Mondscheinsonate oder dem Chopin-Nocturne, Haasardeure aber lieben das Risiko und wählen Bach. Wobei die äusseren Umstände – ein altes toskanisches Weingut in der Nähe von Florenz, hinreichend Rotwein und ein Klavier im Saal – vermeintlich von höheren Kräften zu meinen Gunsten arrangiert waren. Ich weiss, was Sie jetzt wissen wollen zwinkerzwinker. Also beeindruckt war sie von meinem Vorspiel vielleicht schon, aber zu einem zählbaren Erfolg ist es nie gekommen. Abifahrtzwischenziel nicht erreicht: fail. In der Ferne höre ich das Kichern eines harten Hunds.

Darum wechseln wir ganz schnell das Thema und kommen wenigstens hier zum Abschluss: Mit den Symphonischen Etüden vom verrückten Schumann. Und Daniil Trifonov.

 

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Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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