Jahresend-Kolumne

„Du bist ne verdammte Facebook-Hure geworden“, sagt Toni. Und dann rät er mir dazu, was über Greta Thunberg zu schreiben. Silvesterkolumne von Henning Hirsch

Alexas_Fotos auf: pixabay

»Du bist eine gottverdammte Facebook-Hure«, sagt Toni, der begnadetste, brotlose Dichter unserer Stadt.
»Stimmt«, sage ich.
»Hast du mir was mitgebracht?«, fragt er.
»Habe ich«, antworte ich und stelle ne Pulle Cognac zwischen uns auf den Tisch.
»Oh, ein Remy!«, sagt er, »da hast du dich aber zur Abwechslung mal in Unkosten gestürzt.«
»Nachträglich zu Weihnachten«, sage ich.
»Du willst bestimmt was von mir, wenn du nen Remy springen lässt«, sagt Toni und schüttet sich ein halbes Wasserglas voll mit dem Zeug.
»Ich brauch dringend ne Idee«, sage ich.
»Du warst doch früher nicht so ideenlos, aber da warst du ja auch noch keine Facebook-Hure und hast hin und wieder mal ein halbwegs passables Gedicht geschrieben. Heute hingegen nur noch Posts. Dass du dich nicht selbst für das schämst, was du da im Minutentakt raushaust. Wenn’s wenigstens richtig schlecht wär und zur Spontan-Darmentleerung nützte. Aber nicht mal das ist es, sondern bloß ödes Mittelmaß. Und jetzt brauchst du ne Idee, denkst, der alte Toni sitzt auf nem Berg Ideen und dem kann ich billig mit ner Pulle Cognac einen Geistesblitz abkaufen.«
»So in etwa«, sage ich.
»Das kostet extra.«
»Wie viel?«
»Nen weiteren Remy und einen Moet zu Silvester. Kannst du dir das leisten?«
»Schaffe ich«, sage ich.

»Gut«, sagt Toni, »dann sind wir im Geschäft. Ich nenn dir zwei Top-Begriffe, und du machst was draus.«
»Was für Top-Begriffe sollen das denn sein?«
»Facebook und Thunberg.«
»Facebook und Thunberg: mehr kommt von dir nicht?»
»Ganz genau: Facebook und Thunberg. Mehr braucht man nicht, um das in drei Tagen ablaufende Jahr zu charakterisieren. Da müsste selbst ein mittelmäßig begabter Schreiber wie du ne Kolumne drüber schreiben können.«
»Das sind teuer eingekaufte Begriffe«, seufze ich.
»Jammer nicht rum. Tipp den Scheißtext und komm vorbei, wenn du damit fertig bist. Und vergiss bloß den Cognac und den Moet nicht.«

2019 = Greta-Thunberg-Jahr

Und nun sitze ich am Tag vor Silvester zu Hause und zermartere mir das Hirn, was es Sinnvolles über Facebook und zu Greta Thunberg zu schreiben gibt, was in den vergangenen Monaten nicht schon Minimum zwanzigtausend Mal veröffentlicht wurde. Lieber wär’s mir ehrlich gesagt gewesen, Toni hätte als Top-Begriff den FC genannt. Denn was gab es in 2019 schon Wichtigeres als den direkten Wiederaufstieg der Geißböcke? Und meine Hauptsorge für das kommende Jahr gilt dem Klassenerhalt der ewigen Fahrstuhlmannschaft. Vor dem Hintergrund der instabilen Viererkette und der Sturmspitzen mit chronischer Ladehemmung verblassen alle anderen Dinge; Facebook und Greta Thunberg mit eingeschlossen. Allerdings versteht außerhalb Kölns niemand meine panische Angst vor dem erneuten Abstieg, und selbst im Schatten der Domtürme ist nicht jeder eingefleischter FC-Fan seit Geburt. Es gibt sogar (zugezogene) Kölner, die es mit den Bayern oder Dortmundern halten oder sich überhaupt nicht für Fußball, sondern für Musicals, Stummfilme und Mittelalter-Flohmärkte interessieren. Deshalb ist es vielleicht doch vernünftig, wenn ich den FC bei meinem Jahresrückblick außen vor lasse und mich stattdessen auf Greta Thunberg konzentriere.

Person des Jahres. Gekürt vom renommierten Time-Magazin. Und das bereits mit 16. Wow! Das waren Hitler und Stalin ebenfalls, schreibt ein Kommentator in Facebook. Mag sein, antwortete ich damals, aber Greta strebt nicht die Weltherrschaft an. Es ist keine Auszeichnung, sondern bloß eine Feststellung, fuhr der Kommentator fort; den Unterschied verstehen Sie doch hoffentlich? Keine Ahnung, ob ich den Unterschied zwischen Auszeichnung und Feststellung richtig verstehe. Viele würden sich auf jeden Fall ganz ausgezeichnet fühlen, wenn sie als Person des Jahres auf dem Time-Cover abgelichtet wären. So unter anderem Donald Trump, der sich bitterlich darüber beschwerte, dass dieser publizistische Sonnenplatz der jungen Schwedin und nicht ihm eingeräumt worden war. Anscheinend hat auch der US-Präsident den feinen Unterschied nicht verstanden, womit er und ich mal einen seltenen Berührungspunkt aufweisen. Wobei, eine weitere wichtige Gemeinsamkeit des Greatest POTUS of all time und mir liegt in Geschlecht und sexueller Orientierung: wir sind beide alte, weiße, der Mehrheitsgesellschaft angehörende Hetero-Männer. Das war’s dann aber mit den Entsprechungen. Nur nicht übertreiben bei den Schnittmengen.

Alte Männer = politisch überrepräsentiert

Wenn man die politische Weltkarte mit einem Aufklärungssatelliten überfliegt, stellt man schnell fest, dass der Globus zu 95 Prozent von Männern regiert wird. Nicht alle weiß, nicht alle hetero, aber viele alt, ne Menge übergewichtig und in der Regel aus den Reihen der Mehrheitsgesellschaft entsprungen. Und wie die meisten alten Männer – ja ja, mich eingeschlossen – dazu tendierend, von sich, ihrer Klug- und Weisheit über alle Maßen überzeugt zu sein. Es wimmelt von Alte-Männer-Kotzbrocken, Alte-Männer-Irrlichtern, Alte-Männer-Diktatoren, Alte-Männer-Kriegstreibern, Alte-Männer-Fake-News-Verbreitern, Alte-Männer-Intriganten, alten Männern, die mit entblößtem Oberkörper auf Pferden sitzen und alten Männern, die am liebsten mit jungen Referentinnen ins Bett steigen, obwohl ihre Potenz gerade mal für ne 5-Minuten-Nummer ausreicht. Hin und wieder trifft man tatsächlich einen alten Mann, der trotz seiner XY-first-Rhetorik witzig und halbwegs sympathisch rüberkommt. Der ständig zerzauste Boris Johnson fällt in diese Kategorie. Aber unterm Strich gehören die meisten der Alten-Männer-Regierungschefs doch der altbackenen Sorte Jetzt-komm-ich-und-basta an.

Stellt sich die grundlegende Frage: Würden wir besser regiert werden, wenn (junge) Frauen an den Schalthebeln der Macht säßen? Schnelle Antwort: Ja, würden wir. Und zwar aus simplen, in Biologie und Sozialisation verwurzelten Gründen heraus: Frauen neigen weniger zur Klugscheißerei, haben kein Problem damit, einen gemachten Fehler einzugestehen und zu korrigieren, umgeben sich mit intelligenten Beratern, sind empathischer unterwegs als ihre männlichen Kollegen, benötigen keine Muskel- und Schwanzvergleichspiele, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich kann Ihnen ein Dutzend Gegenbeispiele aufzählen, schreien Sie sofort los? Natürlich können Sie das, aber es sind halt bloß ein Dutzend, während es bei den alten Männern hunderte sind, die täglich an den Balken sägen, die unsere Welt zusammenhalten. Angela Merkel hat es in den vergangenen 14 Jahren nicht schlecht – auf jeden Fall leiser und weniger divenhaft als ihre Vorgänger – angestellt, Hillary Clinton würde den Job besser als Trump machen, die österreichische Übergangskanzlerin biegt ruhig und ohne begleitendes Publicity-Tamtam das gerade, was die männerdominierte ÖVP-FPÖ-Koalition in der kurzen Zeit ihres Bestehens verbockt hatte. In Skandinavien werden vier (aus fünf) Regierungen solide und geräuscharm von Frauen geführt. Müsste ich mich zwischen der taktvollen und menschenfreundlichen Neuseeländerin Ardern und dem Klimawandel-leugnenden, auf Hawaii urlaubenden, während sein Land in Flammen steht, Australier Morrison entscheiden, fiele mir die Wahl leicht. Nicht auszumalen, falls im Nahen Osten, wo sich seit Jahrzehnten alle Spinnefeind sind und beim kleinsten Anlass an die Gurgel fahren, kompromissbereite Frauen die Ruder in die Hand nähmen. Das würde die Region ganz sicher dem Frieden näherbringen als die ständigen Provokationen, Drohungen und Kleinkriegvorbereitungen, die in den männlichen Regierungspalästen in Teheran, Riad, Damaskus und Jerusalem ausgeheckt werden.

20er Jahre = mehr Frauen an die Macht!

Wenn Greta Thunberg mich eins gelehrt hat, dann dass weibliche Beharrlichkeit bei gleichzeitigem Sich-selbst-als-Person-zurücknehmen eine wichtige Sache weiter voranbringen als männliches Gepolter. Hätte anfangs ein Lars Frederikson (Name völlig frei erfunden) vor den Stufen des schwedischen Parlaments gesessen und hätte schlaue Interviews gegeben – die Fridays-for-future-Bewegung wäre nie über Malmö und den Öresund hinausgelangt. Ich bewundere Ruhe und Gelassenheit dieser jungen Frau, die sich selbst durch wüsteste Beschimpfungen und hektoliterweise über sie gekübelte Häme nicht aus dem Konzept bringen lässt. Die von ihr initiierten Umweltdemonstrationen sind ein Meilenstein auf dem Weg, die sich anbahnende Katastrophe ins Bewusstsein der Menschheit zu bringen. Und selbst, wenn FfF sich eines Tages totlaufen sollte oder in ein RTL-Heidi-Klum-Format mutiert, wird Greta Thunberg doch für immer in den Geschichtsbüchern stehen als diejenige, die es rechtzeitig gepredigt und ein Umdenken bewirkt hat. Und genau dafür hassen viele Alte-Männer-Narzissten die Schwedin. Was wird später Gutes über Trump, Johnson, Putin, Erdogan und wie die alten Machos sonst noch alle heißen mögen, im Geschichtsunterricht gelehrt werden? Gar nichts. Eine Ansammlung von Herrschern, die außer dem unbedingten Willen zur Macht und der Ansicht, dass ihre Staaten Selbstbedienungsläden seien, Nullkommanull auf der Habenseite vorzuweisen haben. Von zukunftsorientierten Visionen ganz zu schweigen. Wer Visionen hat, muss dringend zum Arzt, sagen Sie? Sie am besten gleich hinterher, antworte ich.

Facebook = Tittenphobie und Nonchalance bei Häme & Hass

Von daher ist es richtig, wenn mein Kumpel Toni meint, dass Greta Thunberg der Top Act des in 24 Stunden zu Ende gehenden Jahres war. Da kann der FC nicht mitstinken und die weiter oben aufgezählten Herren schon gar nicht. Und Facebook, was ist mit Facebook, das hatte Toni auch genannt, fragen Sie? Ach, was soll mit Facebook sein? Es ist Jahr für Jahr dieselbe stinkende Kloake, über die wir die Nase rümpfen, um uns trotzdem jeden Morgen aufs Neue in die morastigen Fluten hineinzustürzen. Ein unbarmherziger Moloch, der Tittenbilder und Anti-Nazi-Kommentare frisst, Hetze und Häme hingegen nahezu sanktionslos durchgehen lässt, uns mit Katzen- und Hundebildern eine heile Kitschwelt vorgaukelt und uns hintenrum intensiver ausspioniert als NSA, die CIA, der FSB und MI6 gemeinsam es zustande brächten. Eine Plattform, die Arschlöcher anzieht wie ein frisch ausgeschiedener Haufen Kuhscheiße die Schmeißfliegen. Aber ebenfalls ein Forum, in dem man mitunter Gleichgesinnte und nette Leute trifft und hin und wieder Spaß haben kann. Alles das war Facebook in 2019 und wird es auch nicht anders in 2020 sein. Wer Facebook ein paar Jahre überlebt, ohne Schaden an Geist und Seele zu nehmen, dem muss vor nichts mehr bange sein, sagt der Volksmund. Ich überlebe Facebook seit nunmehr zehn Jahren. Ob ohne bleibende Schäden an Geist und Seele – darüber sind meine Psychologin und ich geteilter Meinung.

Das war mein Alter-weißer-Mann-Lamento zum 2019-Finale. Für das in ein paar Stunden startende Neue Jahr wünsche ich mir, dass Greta Thunberg ruhig und besonnen bleibt, die FfF-Jugend weiter auf die Straße geht und mehr Frauen an die Macht (das vor allem). Bei Facebook wäre ich schon zufrieden, wenn die Nippel- und Tittenphobie auf ein vernünftiges Maß reduziert wird, und die Admins (so es die denn überhaupt gibt) schneller und strikter bei Verstößen gegen die Political Correctness einschreiten. Nicht jeder hingerotzte Hasskommentar verdient es, zur Meinungsfreiheit geadelt zu werden. Und (ganz wichtig) möge der FC die Liga halten!!

2020 = auf ein Wiedersehen mit uns Kolumnisten

Ihnen als Lesern wünsche ich Erfolg, Glück und Gesundheit und bedanke mich dafür, dass Sie so geduldig mit uns Kolumnisten – speziell mit mir – waren und hoffe, dass wir uns in 2020 wieder an den bekannten Distributionsstellen begegnen.

Und nun wird es Zeit, den Remy und den Schampus für Toni, den begnadetsten, brotlosen Künstler der Stadt, zu besorgen, damit der mit sich und seinen drei kastrierten Katern Silvester feiern kann. Ob Toni böllert, wollen Sie noch wissen? Nein, tut er nicht.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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