Die Weltbewegerin

Von Greta Thunberg geht was Großes aus, sagt Kolumnist Henning Hirsch

(c) Anders Hellberg (gemeinfrei) in: wikimedia

Man muss nicht Meteorologie studiert haben, um zu erkennen, dass das Klima sich wandelt. Die Sommer werden ständig heißer, dauern immer länger, Polkappen und Gletscher schmelzen, Taifune und Hurrikans nehmen zu, Inseln saufen ab, in manchen Regionen herrscht ewige Dürre. Man muss nicht Einstein sein, um zu begreifen, dass die Spezies Homo sapiens den Klimawandel durch ihre Produktions- und Lebensweise stark befeuert. Man muss nicht Sigmund Freud heißen, um zu verstehen, dass dieser sich unablässig beschleunigende Wandel manchen Menschen Sorgen bis hin zu Angst bereitet.

Klimawandel? – echt langweilig!

All dies ist nichts Neues. Die Wissenschaft warnt seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts davor. Aber, wie das der Wissenschaft, wenn sie unbequeme, zumal in weiter Zukunft liegende Wahrheiten ausspricht, oft passiert: man nimmt sie nicht Ernst. Wozu auch? Wissenschaftler behaupten heute dies, morgen das, und immer findet sich ein Experte, der eine Gegenmeinung äußert. Es wird wärmer und sonniger? Wunderbar. Wurde nach Jahrzehnten der verregneten Sommer im Rheinland auch höchste Zeit. Die Malediven gehen unter? Auf den Kanaren ist es auch ganz nett. Südlich der Sahara wird das Wasser knapp? Da kümmert sich unser Entwicklungshilfeminister rührend drum. Wir zeigen denen, wie man Brunnen bohrt und mit zwei Litern pro Kopf durch den Tag kommt. Ein Orkan der Stärke 12 hat die Bahamas weggeblasen? Oh weh, das ist natürlich nicht so schön für die Bahamesen. Aber irgendwas passiert ja immer. In Grönland wird Eis zur Mangelware? Na, das ist doch prima. Kann die Insel endlich landwirtschaftlich genutzt werden. Es drohen nicht enden wollende Klima-Migrationsströme von Süd nach Nord? Sollen sich die Menschen in dieser Region bloß nicht so anstellen. Wären deren Regierungen nicht derart korrupt, wär’s da auch nicht so heiß. Und überhaupt: Wir hier in Deutschland tun jede Menge fürs Klima. Wir fahren Autos mit Kat, haben Heizungen mit Außenthermostat und trennen auch unseren Müll. Sollen uns die anderen erstmal alles nachmachen, bevor wieder neue Verbote ausgeheckt werden.

Und man traut es sich ja bloß noch hinter vorgehaltener Hand zu flüstern: Ob wir Menschen überhaupt was mit dem Klimawandel zu tun haben, weiß niemand so genau. Unser Nachbar – der ist Ingenieur und hat Ahnung davon – sagt, dass das Klima sich schon immer gewandelt hat, die Erde in einem neuen Neigungswinkel zur Sonne steht, woran wir Nullkommanichts ändern können und, so lange die Chinesen nicht mitziehen, wir das alles ohnehin vergessen können. Es sei geradezu deutscher Größenwahn, das Thema Klima ganz nach oben auf die Agenda zu setzen. Schauen Sie sich die Briten an: die nehmen das Wetter mit Humor und kaufen Regenschirme. Als ob es nicht wichtigere Probleme gibt als Sonne, Hagel und ein paar Windböen. Und wahrscheinlich wird die ganze Hysterie künstlich geschürt, um unseren Industriestandort und damit unseren sauer erarbeiteten Wohlstand ins Wanken zu bringen. Das ist es ja, wovon die Linken seit 1917 träumen: völlige Nivellierung der Lebensverhältnisse auf Pol-Pot-Kambodscha-Niveau. Das Ganze läuft sich eh irgendwann tot. Ist doch jetzt schon sterbenslangweilig.

Kann man, wenn man ein Ignorant oder Zyniker ist, natürlich so sehen. Ändert aber nichts an der Tatsache, dass es dem sich mittlerweile galoppierend schnell wandelnden Klima egal ist, wie Wissenschaftsskeptiker und Realitätsverweigerer die Sache interpretieren. Erinnert an den Magistrat Pompejis, der, als der Vesuv im Jahr 79 wochenlang Warnzeichen schickte, verlautbaren ließ: »Es wird nichts passieren. Denn bisher ist noch nie was passiert. Möge der Berg weiter qualmen und die Erde ein bisschen beben; sorgt euch deshalb aber nicht unnötig«. Das Resultat dieses naiven Optimismus kann man heute auf dem eine halbe Stunde südlich von Neapel gelegenen Ruinenfeld betrachten.

EINE Bewegerin, der weltweit Millionen folgen

Die Jugend, der wir viele Jahre lang vorwarfen, sie sei zu konsumorientiert und unpolitisch, hat die neuen Warnzeichen mittlerweile erkannt, begreift, dass ein dramatischer Umschwung des bis dato Gewohnten demnächst bevorsteht, organisiert sich und geht auf die Straße. Friedlich, jeden Freitag. Ausgelöst durch EINE Person: Greta Thunberg (damals 15, heute 16). Der wir, insofern wir in der Lage sind, Größe zu erfassen, diese Größe unumwunden zugestehen müssen. Sollte die FfF-Bewegung weiterlaufen, von der Teilnehmerzahl her anschwellen und am Ende Erfolg haben, muss man Thunberg in dieselbe Liga wie Gandhi und M. L. King einsortieren. Menschen, die einzig durch Willen und Charisma einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben. Ob man nun jedes Vorhaben der Klimabewegung teilt oder nicht, ist nebensächlich, wenn es darum geht, die Größe eines Weltbewegers zu begreifen. Und eine Bewegerin ist die junge Schwedin ganz augenscheinlich.

Fadenscheinige Kritik alter Männer

Und was tun wir alten, weißen, wohlstandssatten Männer (zu denen auch jede Menge alter, weißer, wohlstandsübersättigter Frauen gehören)? Wir arbeiten uns an der Person Thunberg ab, statt uns mit den Inhalten ihrer Botschaft zu beschäftigen. Wir diskutieren über Asperger, unterstellen ihr, dass sie als kleine Göre keine Ahnung hat von dem, worüber sie redet, fragen scheinheilig: Wo sind eigentlich die Eltern, kümmern die sich überhaupt um die Tochter, muss da nicht langsam mal das Jugendamt einschreiten? Sehen in der Atlantiküberquerung per Segelschiff eine reine Marketing- und Spaßaktion (95% der Leser dieser Kolumne hätten sich an Bord die Seele aus dem Leib gekotzt), posten feixend ein Foto, das Thunberg mit einer Plastikflasche zeigt, sehen sie als von dunklen Mächten gesteuerte Zerstörerin der westlichen Zivilisation. Schwafeln leichtfertig von Ökofaschismus, womit wir einzig unsere historische Inkompetenz beweisen, denn Greta Thunberg ist von Faschismus so weit entfernt wie Herr Gauland von geschmackvollen Krawatten. Gründen sinnbefreite Facebook-Gemeinschaften à la Fridays for Hubraum, in denen wir mit unseren SUVs und Bleifuß auf der Autobahn prahlen, bevor die Gruppe von richtigen Faschisten gekapert wird und kleinlaut vom Netz genommen werden muss. So sind wir halt, wir erwachsenen Kritiker und Mahner der Jugend. Uns haben unsere Eltern damals ja auch nicht alle Faxen durchgehen lassen. Und wenn’s ans Autofahren geht, hört in Deutschland eh der Spaß auf.

Mein absoluter Liebling in der vergangenen Woche lautete:

Ich bin selbst Mutter von drei Töchtern und arbeite ehrenamtlich mit in ihrer Entwicklung gestörten Kindern zusammen. Und ich frage mich: Wann hat Gretas Mutter ihr krankes Kind das letzte Mal in den Arm genommen? Wäre sie meine Tochter, würde ich sie schleunigst aus New York zurückholen, mich um sie kümmern und vor allem dafür sorgen, dass sie wieder die Schule besucht. Geld kann doch nicht wichtiger sein als Kindeswohl.

Wow!

Was war das nun?
(a) das Statement einer, zwar ahnungslosen, aber tatsächlich besorgten Mutter
oder
(b) die Kulmination aller Heuchelei, die ich in Blickrichtung auf Greta Thunberg bisher lesen musste?

Gab viel Applaus in Form von Daumen hoch und Herzen für diesen Beitrag. Ich persönlich tendiere dennoch zu (b).

Fazit: Man muss kein Experte sein, um den Klimawandel, inklusive des nicht geringen menschengemachten Anteils daran, zu erkennen. Man muss kein Hysteriker sein, um zu fordern, dass sich was ändern muss. Man muss kein spiritueller Clown sein, der eine neue Heilslehre sucht, um zu begreifen, dass Greta Thunberg über ne Menge Willen und Charisma verfügt und etwas Großes ins Rollen bringt. Man muss kein Anarchist sein, um die Notwendigkeit der Freitags-Demos zu sehen. Man muss auch nicht alles für vernünftig und ausgegoren erachten, was zum Thema Klima von den Schülern gesagt wird, um aber trotzdem die generelle Stoßrichtung richtig zu finden und das Engagement der Jugend zu begrüßen.

Man muss jedoch ein Arschloch sein, wenn einem zum Thema Klima nichts anderes einfällt, als auf Asperger und Rabeneltern rumzureiten.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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