Macht Facebook aggro?

Färbt Facebook auf unser Kommunikationsverhalten ab, fragt sich Kolumnist Henning Hirsch


»Du benimmst dich in Facebook noch arschiger als im normalen Leben«, sagt sie.
»Woher weißt du, wie ich mich in Facebook benehme?«, frage ich. »Wir sind da überhaupt nicht miteinander befreundet.«
»Glaubst du allen Ernstes, dass bloß weil du ständig meine Freundschaftsanfragen ablehnst, ich nicht trotzdem genauestens über deine Aktivitäten Bescheid weiß?«
»Du spionierst mir nach?«
»Lass es mich so ausdrücken: ich zeige ein gewisses Interesse an deiner Person. Darüber solltest du dich eigentlich freuen, statt mal wieder die ewige Jammerplatte aufzulegen. Seit Jahren dasselbe Trauerspiel mit dir. Bemerke keinerlei Fortschritt in deiner Entwicklung.«
»Trink nicht so viel!«, sage ich.
»Von einem Facebook-Arsch wie dir lasse ich mir überhaupt nichts sagen.«

Seitdem sie sich von ihrem dritten oder vierten Mann hat scheiden lassen, ist sie viel in den sozialen Netzwerken unterwegs, hat mich im vergangenen Herbst nach vierzig Jahren Funkstille in Facebook wieder aufgespürt und ist felsenfest davon überzeugt, dass sie, bloß weil wir in der 8ten Klasse mal Händchen gehalten haben, nun ein Gewohnheitsrecht darauf besäße, mir einmal pro Woche auf die Pelle rücken zu dürfen. Ich mag sie tagsüber recht gerne; allerdings abends, wenn sie zu tief ins Glas geschaut hat, geht sie mir nach der zweiten Flasche Prosecco ganz gehörig auf die Nerven. Als ich sie eine Stunde später endlich vom sechsten Stock nach unten auf die Straße und dann ins Taxi verfrachtet habe, setze ich mich an den Schreibtisch, werfe den Laptop an und schaue aus alter Gewohnheit als erstes in Facebook vorbei. Dort das übliche Freitagabend-nach-22-Uhr-Spektakel:

▪Darf Greta Thunberg jeden Freitag die Schule schwänzen und das Weltklima retten?

▪Warum lässt sich der Broder von der Weidel knutschen?

▪Kann man Diesel-NOx genauso sorgenfrei inhalieren wie Pfefferminzaufguss in der Herrensauna?

Ich überfliege ein Dutzend Diskussionen, hinterlasse drei kurze Kommentare, langweile mich, klappe den Deckel zu, denke: früher fand ich Facebook spannender und zappe im Anschluss noch ein bisschen kreuz und quer durch Netflix, wo ich auch nichts Gescheites entdecke, weshalb ich mich aufs Sofa lege und ein paar grundlegende Gedanken zu meinem Internetverhalten anstelle, an denen ich Sie gerne teilhaben lasse.

Powerfacebooken = nicht-stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung

Klären wir als Erstes die Frage, ob Powersurfen eine nicht-stoffgebundene Sucht darstellt. Knappe und eindeutige Antwort: ja, tut es! Jeder, der täglich – außerhalb beruflicher Aktivitäten – Zeit in diversen Foren und Plattformen verdaddelt, ist ein Digital-Junkie AUSRUFEZEICHEN Der Grad der Abhängigkeit ist einfach zu messen: je mehr Stunden vertrödelt werden, desto kritischer ist der psychische Zustand des Nutzers zu beurteilen. Täglich drei, vier Stunden in Facebook, Twitter, Instagram sind aufs Jahr hochgerechnet ja schon ne Menge vergeudeter Lebenszeit. »Es gibt schlimmere Süchte als Facebook«, meinen Sie? Stimmt; beispielsweise Crack, Wodka und Nymphomanie. Aber in die Top 10 der Bad Habits würde ich Facebook auf jeden Fall einsortieren.

Frage Nummer 2: Kann man in sozialen Netzwerken (richtige) Freundschaften schließen? Das ist schon schwieriger zu beantworten. Hängt davon ab, ob Sie Lust und Zeit haben, ihre digitalen Bekannten auch beim Nachmittagskaffee oder Gute-Nacht-Viagra treffen zu wollen. Bei mir oszilliert dieses Bedürfnis saisonal zwischen den Polen schwach (Winter) und „Warum nicht? Wenn’s nicht weiter als fünfzig Kilometer sind“ (Sommer). Die Begrenzung auf maximal 45 Minuten Anreise reduziert die Anzahl möglicher Kontakte ungemein. Virtuell ist eben virtuell, und real bleibt real. Sind irgendwie doch zwei unterschiedliche Sphären mit allenfalls kleindimensionierter Schnittmenge. Sie mögen das komplett anders sehen und handhaben. Auch okay. Die rein digitalen Bekannten verhalten sich oft unverständlicher und sind schneller eingeschnappt als meine vorvorletzte Exfreundin, und die machte mir oft wegen Winzigkeiten die Hölle heiß. Da reicht mitunter ein leicht sexistisches Posting, ein falsches Wort in einem Kommentar, ein Text, in dem man sich als Amazonkunde outet, und weg sind sie. Was ich in den letzten Jahres alles an Spontan-Entfreundungen erlebt habe – darüber kann ich eine separate Kolumne schreiben. Würde aber hier jetzt zu weit führen.

Frage Nummer 3 – mit der wir endlich beim eigentlichen Thema ankommen –: Wie sieht’s aus mit unserer Kommunikation im Internet? Schnelle Antwort: streckenweise traurig bis hin zu partiell außer Kontrolle.

Ein paar Kostproben:

Sie scheinen ein notorischer Schwachkopf zu sein, der seinen Studienabschluss entweder gekauft hat oder frei erfindet. Zur Ehre gereichen Sie Ihrem Berufsstand auf jeden Fall nicht.

Sie armes Würstchen können einem bloß noch leidtun.

Kein Wunder, dass ein pädophiler Grüner wie Sie diese kleine schwedische Behinderte gut findet.

Mit Ihnen bin ich noch lange nicht fertig.

Rote Faschisten wie Sie sind die allerschlimmsten.

»Wo treiben Sie sich denn rum?«, fragen Sie mich? … Nur in Facebook.

Und auch ich selbst kommuniziere online anders als im Büro oder morgens um 8 Uhr, wenn ich dem Nachbarn aus der zweiten Etage unten auf dem Parkplatz begegne. Tippe Sätze wie:

Sie klingen, als seien Sie uns aus der AfD-Parteizentrale zugeschaltet.

Nehmen Sie Ihren Blutdrucksenker, warten Sie eine halbe Stunde, bis der wirkt und schreiben Sie dann Ihren Kommentar erneut.

Hat man Sie als meinen Dauertroll abkommandiert?

Wenn es einen Preis für den fadesten Kommentar gäbe, dann gebührte der Ihnen.

Merke: gepöbelt wird – entgegen dem üblichen Facebook-du – häufig in der dritten Person.

Pöbeln = virtuelle Wirtshausrauferei

Und genau das meint meine alte Schulfreundin, wenn sie sagt: »Virtuell bist du noch arschiger als im realen Leben«. Warum tue ich das? Ich weiß es selbst nicht so genau. Vermutlich, weil es möglich und in vielen Threads mittlerweile Normalität ist, sich knapp unterhalb der strafrechtlich relevanten Schwelle gegenseitig zu beleidigen. Der digitale Schlagabtausch ersetzt die gute, alte Wirtshausrauferei. Choleriker trifft auf Klugscheißer, Linke und Rechte schreien sich die Seele aus dem Leib, Veganer und Karnivore kloppen sich wegen Sojaburgern, die politisch Superkorrekten regen sich aus dem Stand heraus bei Fatshaming auf, dasselbe tun die Neo-Emanzen, sobald sie Mansplaining wittern. Facebook jenseits der Katzenfotos bedeutet Krieg. Allerdings einer, der seelische und keine physischen Wunden zufügt. Wer das nicht verinnerlicht und sich beizeiten eine dicke Teflonschicht zulegt, wird an diesem Medium über kurz oder lang verzweifeln.

Digitale Beiträge bezwecken Aufmerksamkeit und Reichweite. Und die lassen sich am schnellsten mittels marktschreierischer Überschriften, Kondensierung komplexer Sachverhalte auf maximal fünf Sätze bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer Wahrheiten als der eigenen erzielen. Facebook ähnelt also zu vier Fünfteln der Promi-Berichterstattung der BILD ; weitere 19 Prozent bestehen aus nicht-hinterfragter Weiterverbreitung von Fake-News aus dubiosen Quellen wie Russia Today, Compact und Breitbart, um nur drei Protagonisten aus dieser unappetitlichen Liste aufzuzählen. Ja ja, es gibt lobenswerte Ausnahmen. Ist mir bewusst. Erinnere mich an eine friedliche Diskussion vergangenen Dienstagabend über die Komplexität des Rilkeschen Versmaßes in einer geschlossenen Poetengruppe. Aber die machen maximal ein Prozent der Plattform aus und werden in der Regel schlecht besucht und nur spärlich kommentiert. Die bei weitem überwiegende Mehrheit der Posts hat Trivialitäten zum Inhalt.

Man kann nun wie Robert Habeck oder einer der Instagram-Erfinder sich die grundlegende Frage stellen: verpasse ich irgendwas, wenn ich am digitalen Geplappere nicht mehr teilnehme? Und nach kurzem Nachdenken zur an und für sich befreienden Schlussfolgerung gelangen: Natürlich versäume ich Nullkommanull, sobald ich den Dampfplauderbuden Facebook und Twitter den Rücken kehre oder wie Schlecky Silberstein die Forderung aufstelle: Das Internet muss weg!. Mal ganz ehrlich: steht da irgendwas drin, was man sonst nicht auf herkömmlichem Weg in Erfahrung bringen könnte oder tatsächlich wissen muss, um mitreden zu können? Zu 97% lautet die Antwort: nein, tut es nicht! Was also treibt uns trotzdem magisch in die digitalen Arenen der Eitelkeiten und des Grauens? Meines Erachtens ist die Antwort genauso simpel wie niederschmetternd: es ist einzig die Macht der schlechten Gewohnheit, die uns jeden Tag aufs Neue ins Zuckerbergsche Spinnennetz hineinlockt. Und wie schwer es ist, sich von einer Abhängigkeit zu lösen – da erkundigen Sie sich mal bei Rauchern, Alkoholikern und Spielothek-Süchtigen in Ihrem Bekanntenkreis. Die werden Ihnen das schon erklären.

Zuckerbergs Datensammelwut = manisch

Weshalb entblößen wir uns freiwillig in Plattformen, von denen wir wissen, dass die hinter der bunten Oberfläche verborgenen Algorithmen 24/7 sämtliche unserer Daten sammeln, unsere digitalen Schritte penibel beobachten und aufzeichnen, uns gläsern machen, uns – egal, wo wir uns bewegen – mit Werbung überschütten, und von denen wir v.a. nicht in Kenntnis gesetzt werden, was sie mit unseren Infos im Verborgenen sonst noch so alles anstellen? Wer garantiert, dass ich von der Maschine jenseits meines Konsumverhaltens nicht zusätzlich noch in eine politische Zielgruppe einsortiert werde? Würden sich eventuell meine Krankenkasse und Lebensversicherung darüber freuen, wenn sie von Facebook erführen, „der Hirsch ernährt sich ausschließlich von Nutella, Dosenravioli, kalter Bockwurst und Cola Zero“, und mir im Anschluss Beitragserhöhungen aufgrund ungesunder Ernährung ins Haus schicken oder gar die Police kündigen? »Sie übertreiben mal wieder maßlos«, sagen Sie? Für den Moment mögen Sie Recht haben; die Tendenz geht aber mMn eindeutig in Richtung gläserner User. Und noch einmal die grundlegende Frage: Warum liefern wir täglich Daten an ein System, das niemand kontrolliert? Was schallte 1987 noch für ein Aufschrei durchs Land, als per Volkszählung ein paar harmlose Sachen wie Alter, Geschlecht und Berufsgruppe für statistische Zwecke in Erfahrung gebracht werden sollten. Die halbe Nation weigerte sich, an der Datenerhebung teilzunehmen. Gerichte wurden angerufen, um die Aktion zu stoppen. Und heute? Wir liefern von morgens bis abends Informationen an die Plattformbetreiber, deren Menge im Vergleich zu dem, was vor dreißig Jahren von uns gefordert wurde, ausreichen würde, um die Karibik zuzuschütten, während wir 1987 noch Mühe gehabt hätten, den Decksteiner Weiher im Kölner Grüngürtel damit zur Hälfte zu befüllen. Und das Bermudadreieck, wo alles spurlos verschwindet, liegt bekannterweise nicht auf 50° 56′ 33″ nördlicher Breite. Weshalb tun wir das? Und vor allem: Warum ohne jegliche Gegenwehr? Weil Facebook verantwortungsvoller mit den Infos umgeht als die Staatsbürokratie? Wer das glaubt, der glaubt ebenfalls daran, dass die komplette Abholzung des Amazonasregenwalds bei gleichzeitiger Erhöhung der CO2-Ausstöße keinerlei Auswirkungen auf das Weltklima haben. Cambridge Analytica lässt grüßen.

So lange Facebook primär nach Tittenbildern fahndet, während Gewaltverherrlichung und Menschenverachtung eher als vernachlässigbare Sünden gelten, wird sich am grottigen Kommunikationsverhalten der User nichts ändern, steht vielmehr zu befürchten, dass die Welle der digitalen Pöbelei über kurz oder lang in die reale Welt überschwappt. Wissenschaftler warnen bereits vor einer Verengung der Weltsicht aufgrund zu einseitiger Informationsaufnahme in den sozialen Medien, wodurch das Verständnis für Andersdenkende reduziert wird, woraus dann wiederum dogmatische Lebensentwürfe bei gleichzeitig sinkender Frustrationstoleranz resultieren. Je mehr wir digital pöbeln, desto gewaltbereiter werden wir in der Realität.

Freiwillige Selbstkontrolle = Nullnummer

Die Kontrolle durch Maschinen funktioniert ganz offensichtlich nicht. Die Etablierung (geschulter?) Moderatorenteams hat sich bisher als Flop erwiesen; unter anderem deshalb, weil Zuckerberg lieber Geld in auf die Werbetreibenden zugeschnittene Zielgruppenanalysen als in Human Resources investiert. Falls die Nutzer weiterhin schamlos ausspioniert werden, nicht transparent gemacht wird, was mit den Abermilliarden Daten geschieht, die gegenseitigen Beleidigungen weiter zunehmen, muss man kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass der laue juristische Wind, der Facebook noch umweht, alsbald auffrischt. Und seien es bloß auf digitale Pöbeleien spezialisierte Abmahnvereine und Staatsanwaltschaften, die Verbleib und sicherer Aufbewahrung der Kundeninfos nachspüren. Das reicht schon, um es in der bisher nahezu unregulierten Plattform ungemütlicher werden zu lassen.

Ob ich glaube, dass sich Leser nach dem Studium dieser Kolumne aus den digitalen Netzwerken abmelden werden? Nein, glaube ich nicht. Tue ich ja auch nicht und hat ebenfalls Schlecky Silberstein bisher nicht getan. Die Kraft der schlechten Gewohnheit ist stark.

Ganz am Ende des Textes zurück zur Ausgangsfrage: Macht Facebook aggro?
Zwei Antworten:
(1) hängt von Ihrem individuellen Gemütszustand ab
(2) hin und wieder auf jeden Fall.

Erleichtert stelle ich nach dreitägigem Selbsttest fest, dass ich im Büro-Meeting und an der Sonntagnachmittagkaffeetaffel meiner Tante Edith keine Bemerkungen à la, „Herr lass Hirn vom Himmel regnen“ oder „Hast du heute Morgen etwa vergessen, deine Pillen einzuwerfen?“, von mir gebe. Glücklicherweise haben die facebookschen Ruppigkeiten also noch nicht völlig von mir Besitz ergriffen. Wobei diese Aussage einzig für mein Reden in der Öffentlichkeit gilt. Ob ich mitunter virtuell-vereinfacht denke – darüber werde ich mich demnächst mal mit meiner Therapeutin unterhalten. Uns gehen eh so langsam die Themen aus.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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