Zwischen zwei Welten

Der deutsche Ausnahmemusiker Thomas Thielen alias T veröffentlicht mit “Solypsytemology” ein intensives Rockalbum, das Grenzen sprengt und von Gothic bis Progfan jedem aufgeschlossenen Ohr gefallen sollte. Die Hörmal-Kolumne von Ulf Kubanke

Foto: Thomas Thielen by Katia Tangian; Copyright Katia Tangian

Der Weg ist das Ziel. In wohl keinem anderen Genre gilt diese Weisheit des Konfuzius so sehr wie für den Progressive Rock. Den einen eine verscchrobene Nische frickelnder Nerds, die es songwriterisch nicht vermögen, ein Lied auf den Punkt zu bringen. Den anderen ein Musikabenteuer, eine Entdeckungsreise für die Ohren, ein See üppiger Klangfarbigkeit. Ob nun ersteres oder letzteres zutrifft, ist freilich oft eine reine Geschmacksfrage und definitiv eine solche des Einzelfalls.

Eine jener seltenen, höchst empfehlenswerten Nadeln in diesem Heuhaufen ist Thomas Thielen alias T. Als Vorbilder gibt er wohltuend nicht ausschließlich die üblichen Verdächtigen unter den Szenegöttern an. Stattdessen nennt er u.A. The Cure, The Smiths (betont minus dem späten Morrissey, in allen Hinsichten), Mike Oldfield, David Bowie und Brian Eno; letzteren jedoch eher in handwerklicher denn kompositorischer Hinsicht.

Der Clou: T klingt dementsprechend sehr warm. Eine auch auf der aktuellen Scheibe “Solipsystemology” vorhandene Qualität, von der sich etliche Prog-Kollegen mehr als nur eine Scheibe abschneiden könnten. Zwar passiert in den einzelnen Stücken recht viel. Auch geht es durchaus komplex und interessant strukturiert zur Sache. Gleichwohl vermeidet Thielen den szeneweit verbreiteten Fehler, kühlen Technokratenrock zu präsentieren. Seine Lieder vermitteln durchweg lebendige Stimmungen und lotsen den Hörer durch atmosphärische Strömungen, deren Bandbreite von tiefer Melancholie bis zur berstenden Eruption reicht. Als ungleiche Brüder im Geiste könnte man Steven Wilson samt Porcpine Tree, Anathema, Radiohead oder Opeth heranziehen. Obwohl musikalisch keine direkte Ähnlichkeit zu T existiert, eint allesamt die Fähigkeit, beim Hörer unmittelbar Emotionen zu erzeugen, deren Sogkraft auch in fordernden Passagen jenes Durchhaltevermögen hervorrft, bis man den jeweiligen Track knackt. Sobald man diese Eroberung abschließt, bleiben die Songs in altersloser Würde als treue Gefährten an des Hörers Seite.

Nebenbei gelingt Thielen auch die Prog-Rehabilitierung Hannovers. Immerhin gebar seine Wahlheimat bislang vor allem eher provinziell anmutende Leberwurststullen of Prog, wie Eloy oder Jane. Erstere boten mit schauderösen Vocals Songs an, die im Hause Genesis oder King Crimson nicht über den Rand des Papierkorbs hinaus gekommen wären. Letztere profilierten sich als Pink Floyd-Epigonen für die Regionlaliga. Mit T hat Niedersachsens Hauptstadt endlich einen würdigen Vertreter in den eigenen Reihen, dessen Qualität ausnahmslos auf internationalem Niveau agiert.

Als Kirsche auf der Torte serviert der Mr. T des Prog herausragende handwerkliche Fähigkeiten. Sämtliche Instrumente spielt er selbst ein. Komposition, Produktion, Arrangement? Alles eigens gemacht aus einem Guss. Stimmlich fühlt sich so mancher gelegentlich an Steve Hogarth (Marillion) erinnert. Thielen beherrscht dazu jene Technik des Phrasierens und gesanglichen Mäanderns, wie es der späte Bowie nach seiner Orientierung an Scott Walkers Vortrag praktizierte. Wer Bowies Betonung in Liedern a la “A Small Plot Of Land” (“Outside” 1996) oder “’Tis A Pity She Was A Whore” (“Blackstar”2016) mag, sollte sich in vielen Augenblicken auch mit Thielen anfreunden können, obgleich letzterer nicht ganz über das Volumen des Thin Withe Duke verfügt. Die stimmige ästhetische Verwandschaft hört man u.A. sehr deutlich auf “The End Of Always” heraus.

Insgesamt vermittelt die Musik “Solipsystemologys” den Eindruck, als befände sich Thielen konstant im Kampf zwischen Ratio und Emotio. Während man sich gerade fragt, ob dieser oder jener Moment nicht doch eventuell zu verkopft ausfällt, bricht eine Welle puren Gefühls über den Hörer herein. Umgekehrt genauso. Bevor die melancholische Ader aus Publikumssicht gen Weinerlichkeit umschlagen könnte, reißt T das Ruder stets herum. Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der graduierte Philosoph in der Musik zu jenem Romantiker wird, der in Alltag und Berufsleben womöglich eher nicht stattfindet. Zerrissen zwischen Ethos nd Pathos, Logos und Mythos? Für kreative Kunst ein höchst effektiver Zustand. Thielen: “ Ich habe eine furchtbare Hassliebe zur Romantik. Mein Album „Psychoanorexia“ geht damit zynisch um. Mein Album „Epistrophobia“ erzählt davon in der Metapher einer Beziehung, die sich so zer-staltet.”

Gut gesagt, wie nun aber fügt sich die neue Platte “Solipsystemology” dort ein?

Thielen: „Solipsystemology“ ist der dritte Teil dieser Erzählung und fokussiert auf den, der sich selbst als absolutes Ich wahrnimmt. Und dann den Selbstwiderspruch – quasi mit Hölderlin – darin erkennt. Und sich dann, durch die Strukturmerkmale, die das mit sich bringt, in sich selbst wörtlich verliert. Weil das die einzige Möglichkeit ist, das absolute Ich aufrecht zu erhalten, in der stetigen Auflösung. All is dark and dead!”
Bedeutet konkret?
Thielen: “Solip” ist das Lied von der Auflösung des Ich in der Annahme, dass das Ich existiert. Das spielt sich, um sich selbst abbilden zu können, in Gedankenblitzen und Chaos ab. Radiohead z.B. gehen den umgekehrten Weg. Sie entfremden das Ich vom Rest. Das ist Hölderlin. Hier geht es um Fichte / Nietzsche / Heidegger.”

Fast automatisch ergibt sich hieraus eine zentrale Rolle für die Texte. In der Tat wird Thielen dem eigenen Anspruch gerecht und eröffnet seinem Publikum die Möglichkeit des tiefen Eintauchens in eine Gedankenwelt, die sowohl individuell als auch offen interpretierbar bleibt. Kein leichtes, sich hierbei nicht in professoralem Vorlesungsduktus zu verlieren. Das scheint Thielen bewusst. Die Songs sind mithin alles andere als wortlastig und schwelgen in poetischer Sprache, die auch bei jenen funktioniert, die mit philosophischen Erwägungen eher wenig am Hut haben. Und genau hierin liegt die große Stärke des Albums: Wer sich näher mit den Zeilen beschäftigt, dem öffnet sich manche Pforte der Wahrnehmung bis zum Erkennen, wie sehr die jeweilige Musik den Worten dient. Wer darauf keine Lust verspürt und rein nonverbalen Genuss bevorzugt, kann Thielens Gesang auch einfach als ergänzenden Klangkörper, als zusätzliches Instrument im Mosaik der Töne begreifen. Beide Pfade machen mit “Solipsystemology” großen Spaß. Letzterer besonders auch deshalb, weil sich die Klänge durch Entkoppeln vom jeweiligen Wortsinn auch von ihrem Urheber selbst emanzipieren und in eines jeden Lauschers Kopf ein Eigenleben führen. Ein Eigenleben, welches nicht notwendig mit der Intention des Künstler einher zu gehen braucht.

Besonders unterhaltsam ist die Vermischung typischer Progmerkmale mit einer Art Gothic-Rock-Schwärze, deren sinistrer Mantel durchaus auch Freunden entsprechender The Cure-Stücke gefallen sollte. Ähnlich wie die wundervollen, amerikanischen Gothic Progger namens 1476 gibt es hier einen Cocktail rabenschwarzer Dunkelheit. Wo jene jedoch eher Ergänzungen aus Neoklassik, Black Metal oder Folk beisteuern, kombiniert Thielen seine Finsternis zwischendurch etwa mit ausgelassen flirrenden Keyboards. Auf “That Thought You Lost At Home” glaubt man zwischendurch, Rick Wakeman (Yes) und Tony Banks (Genesis) wären zur Stippvisite reingeschneit. Wer sich dieser nicht immer leichten, aber durchweg spannende Reise von Anfang bis Ende “Solipsystemologys” widmet, hängt irgendwann an der Plattennadel.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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