Spätherbst 18

An die Erzählungen seines Großvaters von Balkanfront und dem längsten Bandwurm der Kompanie erinnert sich Kolumnist Henning Hirsch


Dank intensivem Facebookstudium habe ich in den vergangenen Wochen einen neuen Begriff kennengelernt: Narrativ. Sinnstiftende Erzählung für eine Kultur oder Gruppe. Also sowas in der Art der Nibelungen-, Artus- und Romulus- & Remus-Sage. Nun allerdings runtergebrochen von Völkern auf kleinere Einheiten.

Angeregt durch die in diesen Tagen stattfindenden Gedenkfeiern anlässlich des hundertjährigen Endes von WK1 will ich die Gelegenheit nutzen, die Illias meiner Familie väterlicherseits erzählen, die in den Jahren 14 bis 18 spielte. Keine Sorge – ich fasse mich kurz. Länger als zwei Tassen Kaffee wird es nicht dauern, diesen Text zu überfliegen.

Patriotische Bilderbuchfamilie

Großvater Arnold wurde kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende als fünftes und jüngstes Kind in einen gutbürgerlichen Akademikerhaushalt hineingeboren. Wobei Vater August, mein Urgroßopa, der erste Studierte der Familie war. Dessen Vorfahren arbeiteten noch in der Landwirtschaft oder im Gastronomiegewerbe, das damals noch nicht so hieß, aber gesoffen wurde früher auch schon ne Menge. 1898: Wilhelm Zwo regiert seit zehn Jahren, das Flottengesetz tritt in Kraft, in Preußen wird SPD-Mitgliedern untersagt, an Universitäten zu unterrichten. Schöne alte, übersichtliche Zeit? Keine Ahnung. Rund um den Globus war bereits damals viel los: In Genf wird Kaiserin Sisi von einem italienischen Anarchisten erstochen, die USA annektieren Hawaii, England und Frankreich streiten sich um die Vorherrschaft in Afrika, in Ostasien tobt der Amerikanisch-spanische Krieg um die Philippinen, auf Kreta gibt’s staatlich organisiertes Gemetzel an der Zivilbevölkerung. Entscheiden Sie selbst, ob’s vor 120 Jahren so viel friedlicher als heute zuging. Ich kümmere mich derweil wieder um meine Familie väterlicherseits.

Urgroßvater August lehrt als Ordinarius für Wasserbau an der TH Aachen. Auf Bildern im Gehrock, hin und wieder mit Zylinder, rechteckiger Bart, der ihm bis knapp oberhalb des Bauchnabels reicht. Patriot, Teilnehmer am kurzen Deutsch-französischen Krieg 1870/71. Urgroßmutter Wilma, stets sehr streng auf den Fotos dreinschauend; mit ihr war sicher nicht gut Kirschen essen. Vier Söhne, eine Tochter. Für die Jungs sind akademische Berufe vorgesehen, die Tochter besucht eine höhere (?) Haushaltsschule. Es sind die Generationen, die Ciceros „In Catilinam“ noch im Original verstehen und selbst vor altgriechischen Hexametern nicht zurückschrecken. Gedacht und gewählt wird monarchistisch. Liberale sind suspekt, Sozis vaterlandslose Gesellen. Religion ist Aberglaube und Blendwerk, entbehrt jeglicher naturwissenschaftlicher Beweisführung. An den hohen Feiertagen besucht man aus Tradition trotzdem die Gottesdienste. Eine deutsch-akademische Bilderbuchfamilie.

Mit Hurra in den jungen Tod

Als im Sommer 14 endlich der lange herbeigeredete und -ersehnte Krieg ausbricht, von dem zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnt, dass er sich zur Urkatastrophe des noch jungen Jahrhunderts auswachsen soll, ziehen die älteren Brüder Hans, Fritz und Konrad singend und Fahnen schwenkend an die Front. Die Adventszeit hat noch nicht begonnen, da liegen die drei bereits im Feindesland unter der Erde: Hans sitzt in einem Zeppelin, als ihn die Briten über dem Kanal abschießen. Fritz reitet an der Marne in den ausgestreckten Säbel eines Rifkabylen hinein, Konrad verblutet im Verlauf der Schlacht an den Masurischen Seen.

Armee und Kriegsministerium schicken Kondolenzbriefe, zwei Brüder erhalten post mortem das Eiserne Kreuz verliehen. Die Legende berichtet, dass Urgroßmutter Wilma, als sie vom Tod des dritten Sohnes erfuhr, binnen einer Nacht die Haarfarbe von Braun zu Schlohweiß wechselt. »Süß und ehrenvoll ist es, fürs Vaterland zu sterben«, zitieren Sie Horaz?
»Na ja«, antworte ich. »In jungen Jahren sterben ist eigentlich nie so schön.«

Im Elternhaus in Aachen ist es ruhig geworden. Die Familie von sieben auf vier Mitglieder geschrumpft. Es wird weniger gelacht und zwanglos kommuniziert. Trauer mischt sich mit bleierner Stille. Schwester Elisabeth, deren frisch angetrauter Mann mit einem Bauchschuss in einem Feldlazarett im Osten mühsam am Leben gehalten wird, ist auch nicht zum Scherzen zumute. Immerhin sind uns zwei Kinder geblieben, hätte schlimmer kommen können, denken August und Wilma. Und es kommt schlimmer.

Nesthäkchen Arnold verkürzt eigenmächtig die Schulzeit, nutzt die Möglichkeit des Notabiturs, meldet sich mit 17 freiwillig zum Dienst für Kaiser und Nation. Mutter Wilma, die strenge, pflichterfüllte, beschwört ihren Jüngsten, es nicht zu tun. Vater August schreibt Eingaben ans Ministerium, weist darauf hin, dass die Familie bereits einen großen Blutzoll entrichtet hat. Vergebliche Liebesmühe. Arnold will unbedingt an die Front, die Brüder rächen, das Vaterland retten. Die Behörde bleibt unerbittlich, der Staat benötigt im zweiten Kriegsjahr jeden, der eine Waffe in der Hand halten kann. Im Sommer 15 verlässt Sohn Nummer 4 das Elternhaus. Die Legende berichtet, dass Urgroßmutter Wilma im Anschluss nie mehr als maximal hundert Worte pro Tag sprach.

Stellungskrieg, Malaria und ein Bandwurm

Nach einer Grundausbildung zum Infanteristen im – damals bayerischen – Landau/ Pfalz wird Arnold zuerst an die Westfront geworfen. Elende Stellungs- und Grabenkämpfe. Morgens hundert Meter vor und abends hundert Meter zurück. Und diese hundert Meter sind jeden Tag gepflastert mit tausenden Leichen. Arnold ist mutig, aber nicht leichtsinnig oder gar tollkühn, schafft es, in Flandern zu überleben. Sein Bataillon wird verlegt und zwar ans komplett andere Ende des Krieges: Bulgarien, Balkanfront. In Eilmärschen und auf Güterzügen geht es nun in Richtung Mazedonien. Die Alliierten drohen durchzubrechen. Sollte ihnen das gelingen, dann liegen Belgrad, Budapest und Wien wie auf dem Präsentierteller vor ihnen und nichts kann Engländer und Franzosen dann noch vom Durchmarsch bis nach Süddeutschland aufhalten. So lautet das Narrativ der OHL. Das gilt es also mit allen Mitteln zu verhindern. Dieselben Stellungsscharmützel wie vorher. Nun allerdings mit weniger Gräben und in veränderter Landschaft. Die Linie verläuft von Thessaloniki quer über den Balkan bis nach Albanien. Mein Großvater wird im Mittelabschnitt eingesetzt. Sumpfiges Gelände, Milliarden Mücken, ein Viertel der Truppe leidet an Malaria, es gibt Tage, da sterben mehr Soldaten am Fieber als durch Feindeinwirkung. Die Briten werfen ständig neue Divisionen an die Front, während den Mittelmächten langsam das Menschenmaterial ausgeht. Die Linie wackelt bedrohlich, wird aber noch gehalten. Arnold hat es mittlerweile zum Fähnrich gebracht, befehligt ein paar Männer und eine leichte Feldhaubitze. Granaten fliegen hin und her, zerfurchen das Land, töten und entstellen. Zweihundert Kilometer östlich wird mit Giftgas experimentiert. In diesem Stadium des Kriegs ist alles erlaubt. Die armen Teufel, die das überleben, werden für den Rest ihres Lebens entweder blind oder verrückt oder beides sein. Arnold magert ab, klagt über Bauchschmerzen und Verstopfung, bekommt vom Feldscher Rizinus verschrieben. Heraus kommt – hier passt das Verb – ein zehn Meter langer Bandwurm. Der wird mit Formaldehyd in einem Einweckglas konserviert und den feixenden Männern gezeigt: »Der Fähnrich hat den zweitlängsten der Kompanie«. Derbe Scherze unter todgeweihten Infanteristen; ohne einen Rest an Humor ist die sich täglich verschlechternde militärische und Versorgungs-Lage eh nicht zu ertragen.

Unversehrt kehren nur wenige zurück

Im Frühjahr 18 ist der Abschnitt nur noch unter Auferbietung der letzten Kräfte zu halten. Bei einem der obligatorischen Hundert-Meter-Vorstöße wird mein Großvater leicht verwundet und erwacht am Tag darauf in einem britischen Gefangenenlager. Behandlung sei in Ordnung gewesen, erzählt er später. Allerdings war die hygienische Situation eine Katastrophe. Zweihundert Soldaten teilen sich eine Latrine. Duschen (gab’s damals sowieso nicht) und Badewannen: Fehlanzeige. Frische Klamotten: ein frommer Wunsch. Dafür weiterhin tausend Billionen Moskitos. Arnold wird gebissen, erkrankt an Malaria, wird von hohem Fieber geplagt, es steht Spitz auf Knopf, ein englischer Arzt – mit dem er später in regem Briefkontakt stehen wird – bemüht sich um ihn, stellt ihn halbwegs wieder auf die Beine. Es ist mittlerweile Frühherbst geworden. Die deutschen Truppenteile wurden schon vor Wochen abgezogen, die bulgarische Armeeführung bittet um eine Verschnaufpause, die Saloniki-Linie ist Geschichte. Der kranke Fähnrich wird im Oktober in Skopje in einen Zug Richtung Norden gesetzt und erreicht Anfang November ausgemergelt und zerlumpt das Elternhaus in Aachen. Dort empfangen ihn Vater August, Mutter Wilma und Schwester Elisabeth. »Was ist mit Schwager Johann?«, fragt er. »Der ist im letzten Winter an den Folgen seiner Verletzung gestorben«, antwortet die Schwester. Der Tod hält reiche Ernte in diesem Krieg, der vier Jahre zuvor so fröhlich begonnen hat.

Am 11. November schließt Deutschland in einem bei Compiègne stehenden Eisenbahnwaggon den ersten, für die Zeitdauer eines Monats geltenden, Waffenstillstand mit den Alliierten. Dieses Abkommen stoppt endlich die Kampfhandlungen. Es wird dreimal verlängert, bevor der im Sommer 19 ratifizierte Versailler Vertrag den Krieg auch offiziell für beendet erklärt. Die Novemberrevolution stürzt den Adel, Wilhelm Zwo dankt ab und verzieht sich schmollend nach Holland. Beim kurzen Kräftemessen zwischen Rätediktatur und Parlamentarismus siegt der Zweitgenannte. Friedrich Ebert wird neuer Reichspräsident, die Weimarer Republik ist aus dem Taufbecken gehoben. Die militärisch Hauptverantwortlichen für das sinnlose In-die-Länge-ziehen des Krieges, Hindenburg und Ludendorff, kommen völlig ungeschoren aus der Sache raus und basteln ein paar Wochen nach Compiègne bereits eifrig an ihrer fantastischen Version der Ereignisse, die als Dolchstoßlegende traurige Berühmtheit erlangen wird. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Einmal Patriot, für immer Patriot?

»Wie geht es mit dem Großvater weiter?«, wollen Sie wissen. Der Rest ist schnell erzählt. Arnold wird dank fürsorglicher Pflege von Mutter und Schwester und durch deutsche Medizin langsam wieder hochgepäppelt. Er schreibt sich in Aachen für Bauingenieurwesen ein, studiert zügig, wird als Bauassessor nach Bremen geschickt, lernt dort meine Großmutter kennen, die er Ende der 20er Jahre heiratet. Aus dieser Ehe, die knapp sechs Jahrzehnte anhält, entsprießen vier Kinder, dessen ältestes mein Vater ist.

»Und, war Ihr Großvater von Krieg und Patriotismus geheilt nach all dem Wahnsinn, den er von 1914 bis 18 erlebt hat?«, fragen Sie. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Patriot war er sicher auch im darauf folgenden Wahnsinn geblieben, wenngleich er im März 1945 meinen damals 15jährigen Vater davon abhielt, sich freiwillig für Führer und Reich im nicht mehr zu verteidigenden Stettin zu opfern. Unterm Strich überwogen dann doch Realitätssinn und Pragmatismus.

Die Story von Saloniki-Linie und Bandwurm habe ich als Kind und Jugendlicher oft erzählt bekommen. Als mein Großvater die 80 überschritt und dement wurde – wir sagten damals noch »Er verkalkt immer mehr« -, gab er manche Gefechtsszene in Dauerschleife zum Besten. Bis ich irgendwann die Namen seiner Infanteriekameraden auswendig runterbeten konnte. Im Sommer 1985 wollte er unbedingt noch einmal nach Verdun reisen. Als ältester Enkel fuhr ich ihn mit meinem hellblauen VW-Käfer dorthin. Inmitten endloser Gräberreihen entdeckten wir das weiße Kreuz mit der Inschrift von Bruder Fritz. Arnold stiegen ein paar Tränen in die Augen. Es war das erste Mal, dass ich den harten Knochen weinen sah. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte. Drei Monate später schlief er zu Hause friedlich auf dem Wohnzimmersofa ein. Auf dem Schoß die ersten hundert, Maschinen getippten Seiten seiner Autobiografie, die er nie zu Ende schrieb, und die bis zu diesem Zeitpunkt auch niemand gelesen hatte. Eine Fotokopie wartet in einem Umzugskarton in meinem Keller immer noch darauf, lektoriert zu werden.

ENDE meines Familien-Narrativs.

Sinnloses Kriegsgemetzel kann man entweder so sehen:

Irgendwie drängt sich auch dem ganz einfachen Gemüt die Ahnung auf, daß sein Leben in einen ewigen Kreislauf geschaltet, und daß der Tod des einzelnen gar kein so bedeutungsvolles Ereignis ist.
© Ernst Jünger: In Stahlgewittern

oder es so ausdrücken:

So ein Blödsinn! Die krepieren alle. Und für was?
© Der Blonde zu Tuco beim ständigen Hin und Her um die Brücke von Leighton zwischen Nordstaatlern und Konföderierten, in: Zwei glorreiche Halunken (The good, the bad and the ugly)

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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