Exodus aus Venezuela

Laut UN-Angaben haben bis Juni 2,3 Millionen Venezolaner ihr Land verlassen. Hyperinflation, Mangelwirtschaft und die Rückkehr ausgerotteter Krankheiten treiben die Menschen zum Massenexodus. Da Staatschef Maduro stur an seinem Kurs festhalten will, müssen sich Venezuelas Nachbarstaaten auf die Aufnahme tausender weiterer Menschen vorbereiten.

Fast 20 Jahren sind die Chavisten mittlerweile in Venezuela an der Macht. Der Alltag ist für viele inzwischen unerträglich geworden. Wenn es etwas zu kaufen gibt, dann ist oft Schlange stehen angesagt. Foto: Wikimedia Commons; Autor: The Photographer

Gestern las ich auf Spiegel-Online, dass bis Juni ungefähr 2,3 Millionen Menschen Venezuela verlassen haben – gut sieben Prozent der Bevölkerung. Das sind Dimensionen, wie man sie vielleicht aus Syrien kennt. Anders als in Syrien gibt es in Venezuela (noch) keinen Bürgerkrieg, nur eine besondere Spielart des Sozialismus, eine unfähige Regierung, korrupte Funktionäre und kubanische Sicherheitsberater, die den Machthabern helfen, das Kartenhaus irgendwie aufrecht zu erhalten.

Da freie Wahlen nicht mehr möglich sind und das von der liberalen Opposition dominierte Parlament von Staatspräsident Nicolas Maduro und seinen Vollstreckern – unter fadenscheinigen Beschuldigungen und unter Zuhilfenahme von Verfassungstricks – nach Hause geschickt wurde, ist die einzige noch halbwegs ehrliche Abstimmung die mit den Füßen. Weg, nur Weg vom bolivarischen „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ des Hugo Chavez und des Nicolas Maduro.

Anfang des Jahres war ich in Südamerika unterwegs und traf in Chile und Peru einige Venezolaner, die ihr Land verlassen mussten. Frühere Ärzte, Juristen und Ingenieure, die nun bei Starbucks in Lima Kaffee kochen, an Provinzflughäfen in Patagonien kellnern oder in Santiago Benzin in die Tanks füllen. Dennoch sehen sie diese Jobs, die wir hierzulande vielleicht als prekär bezeichnen würden, als Verbesserung ihrer Lebenssituation an.

Inflation von einer Million erwartet

Zuhause, in Caracas, Maracaibo oder wo sie sonst herkommen, gibt es keinen Lohn mehr, der noch etwas wert ist. Der Internationale Währungsfonds geht von einer Inflation von einer Million Prozent bis Ende des Jahres aus. Nur das Deutschland der 1920er Jahre und Zimbabwe sind bislang in derartige Regionen vorgestoßen. Schlimmer noch: Immer weniger Venezolaner bekommen eine vernünftige medizinische Versorgung und selbst Grundnahrungsmittel sind häufig knapp. Und immer wieder wird berichtet, dass Menschen inzwischen an einfachen Infektionen sterben müssen.

In dem Artikel auf Spiegel-Online heißt es weiter: „Laut Uno-Angaben sind mehr als 100.000 HIV-Patienten in Gefahr, weil ihnen der Zugang zu wichtigen Medikamenten fehlt… Zudem seien zuvor ausgerottete Krankheiten wie Masern, Malaria, Tuberkulose und Diphtherie wieder präsent und auf dem Vormarsch.“ Sieht so die Würde aus, die Chavez und Konsorten einst ihren Landsleuten versprachen? Wohl eher plumpe Propaganda aus den Mündern großsprecherischer Populisten.

Populist Chavez versprach Himmel auf Erde

Dabei könnte es Venezuela viel besser gehen. Dem Land werden immerhin die größten Erdölreserven der Welt nachgesagt. Würde Venezuela auch nur halbwegs vernünftig regiert, dann wäre es vielleicht kein Dubai oder kein Katar, aber mindestens Ländern wie Uruguay oder Chile ähnlich, die auf dem Subkontinent Südamerika als wohlhabend gelten. Besonders gut regiert wurde Venezuela allerdings schon vor Chávez und Maduro nicht. Die Gegensätze zwischen arm und reich waren schon damals größer als das sonst in dieser Weltregion ohnehin der Fall ist. Deshalb konnten diese Scharlatane ja überhaupt erst an die Macht kommen.

Aber: Seit die Bannerträger der bolivarischen Revolution an der Staatsspitze stehen, hat sich für kaum jemanden etwas verbessert. Höchstens, man sieht es für sich als Vorteil an, zwar selbst arm zu sein, vielleicht sogar noch ärmer als früher, aber hauptsache andere wissen jetzt auch, was Elend ist. Aber dann wären wir im Bereich des Neids, über den auf diesen Seiten unlängst ausführlich debattiert wurde.

Wer Venezuela nüchtern betrachtet, der kommt nicht umhin, frei nach den Worten einer früheren evangelischen Kirchenfunktionären zu sagen: Nichts ist gut in Venezuela! Und Maduro und seine Schergen werden mit Hilfe ihrer kubanischen Freunde dafür sorgen, dass sich daran bis auf Weiteres auch nichts daran ändert. Sanktionen Europas und der USA gegen die venezolanische Nomenklatura, deren Familien und vor allem deren Auslandkonten sind zwar richtig. Veränderungen und Freiheit dürften sie dem Land kurzfristig ebenso wenig bringen wie die Unterstützung der verblieben Oppositionellen und regierungskritischer NGOs.

Exodus setzt sich fort

Was bedeutet: Der Exodus aus dem Reich der bolivarischen Revolution wird sich unvermindert oder sogar verstärkt fortsetzen. Nachbarländer wie Brasilien, Kolumbien oder Ecuador, die selbst nicht im Wohlstand schwimmen und auf die viele Venezolaner vor gar nicht allzu langer Zeit beinahe mitleidig herab geschaut haben, sollten sich auf die Aufnahme tausender weiterer Menschen vorbereiten. Hierzulande sollte man genau hinsehen, was Populisten von – rinks bis lechts-, die den Himmel auf Erden, Würde und was sonst noch versprechen, selbst in den Staaten, die über die besten geographischen und ökonomischen Voraussetzungen verfügen, alles anrichten können.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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