Warum kamen die Bolschewiki an die Macht?

Zur Paradoxie des bolschewistischen Staatsstreiches vom Oktober 1917

Lew Trotzki, treibende Kraft der Oktoberrevolution, bei einer Rede im Jahre 1932 Öffentliche Domäne

Obwohl die überwältigende Mehrheit der russischen Bevölkerung und der politischen Klasse Russlands die bolschewistische Partei nicht unterstützte – die Wahlen zur russischen Konstituante vom November 1917 zeigten dies überdeutlich –, gelangten die Bolschewiki im Oktober 1917 mit erstaunlicher Leichtigkeit an die Macht. Der Paradoxie dieses Sachverhaltes ist die folgende Kolumne gewidmet.

Das bolschewistische Debakel vom Juli 1917

Nach ihrem gescheiterten Staatsstreichversuch vom Juli 1917 wurden die Bolschewiki von der politischen Bühne Russlands praktisch hinweggefegt. Etwa 800 Anführer des Juli-Aufstandes, darunter viele Bolschewiki, wurden verhaftet, die probolschewistischen Militäreinheiten wurden entwaffnet, die bolschewistische Presse wurde weitgehend verboten. Zur Diskreditierung der Bolschewiki trug zusätzlich die Tatsache bei, dass die Regierung eine Reihe von Dokumenten über die Zusammenarbeit der Bolschewiki mit den Deutschen veröffentlichte. Lenin drohte ein Prozess wegen Hochverrats. Um einer Verhaftung zu entgehen, floh er aus der Hauptstadt und lebte bis zur bolschewistischen Machtergreifung im Oktober 1917 in einem Versteck auf finnischem Territorium.

Die Juli-Ereignisse zeigten, dass die junge russische Demokratie durchaus imstande war, sich gegen ihre radikalen Gegner zu wehren und dass ihr entschlossenes Vorgehen auf die Extremisten geradezu lähmend wirkte.

Warum gelangten die Bolschewiki trotz dieses verheerenden Rückschlags im Juli 1917 etwa vier Monate später an die Macht? Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst auf die Haltung der nichtbolschewistischen Linken eingehen, die das Rückgrat der nach dem Sturz des Zaren errichteten „ersten“ russischen Demokratie bildeten.

Die Angst vor einer „Gegenrevolution“

Obwohl die Bolschewiki während der Juli-Ereignisse die bestehende Ordnung mit Gewalt zu stürzen versucht hatten, führte das dennoch nicht zu ihrem Ausschluss aus dem Lager der sog. „revolutionären Demokratie“. Sie wurden von ihren sozialistischen Gegnern weiterhin als integraler Bestandteil der sozialistischen Solidargemeinschaft angesehen. Nicht zuletzt deshalb lehnten die gemäßigten Sozialisten ein allzu hartes Vorgehen gegen die Bolschewiki ab. Unentwegt prangerte das Zentrale Exekutivkomitee des Sowjets, in dem bis Sommer 1917 die nichtbolschewistische Linke dominierte, die Hetzkampagne der bürgerlichen Presse gegen die Bolschewiki an und wandte sich gegen die Behauptung, die Bolschewiki arbeiteten mit den Deutschen zusammen. Viele der verhafteten Bolschewiki wurden bereits nach einigen Wochen freigelassen. Trotz ihrer Beteiligung am Putschversuch im Juli 1917 wurden sie nicht wegen staatsfeindlicher Tätigkeit angeklagt. Diese Milde des demokratischen Staates gegenüber seinen extremen Feinden wurde von den Bolschewiki als Schwäche interpretiert. Später sagte Lenin, die Bolschewiki hätten im Juli 1917 eine Reihe von Fehlern gemacht. Ihre Gegner hätten dies im Kampfe gegen sie durchaus ausnutzen können: „Zum Glück besaßen unsere Feinde damals weder die Konsequenz noch die Entschlusskraft zu solchem Vorgehen.“

Dass die bolschewistischen Putschisten derart milde behandelt wurden, war nicht zuletzt damit verknüpft, dass die demokratischen Sieger vom Juli 1917 panische Angst vor einer Gegenrevolution hatten. Sie betrachteten die Bolschewiki weiterhin als eine Art Reserve der sozialistischen Solidargemeinschaft gegen eine Gefahr von rechts. Der russische Philosoph Nikolaj Berdjajew schrieb im September 1917 Folgendes in diesem Zusammenhang:

Das alte Regime war ausschließlich durch die Angst vor einer Revolution geprägt, das neue (demokratische) seinerseits durch die Angst vor einer Gegenrevolution.

Und wie verhielt es sich wirklich mit der gegenrevolutionären „rechten“ Bedrohung im revolutionären Russland vom Jahre 1917? Erforderte die Bekämpfung dieser Gefahr wirklich die Mobilisierung aller linken Kräfte, auch solch militanter Antidemokraten wie der Bolschewiki?

Am Beispiel des Ende August 1917 begonnenen Putsches des Oberbefehlshabers der russischen Streitkräfte, General Lawr Kornilow, konnte man feststellen, wie das Kräfteverhältnis tatsächlich aussah.

Der Kornilow-Putsch: Das Debakel der Rechten

Der Ernstfall, den die russischen Sozialisten seit dem Sturz des Zaren an die Wand gemalt hatten, schien eingetreten zu sein. Die „Gegenrevolution“ erhob ihr Haupt und drohte das Zentrum der Revolution zu besetzen. Die Truppen Kornilows marschierten in Richtung Petrograd.

Am 27.8.1917 schuf das Zentrale Exekutivkomitee der Sowjets ein Sonderorgan, das „Komitee für den Kampf mit der Gegenrevolution“. Dieses Komitee setzte sich aus allen im Sowjet vertretenen Parteien zusammen. Auch die Bolschewiki traten ihm bei. Statt einen Zweifrontenkrieg zu führen – sowohl gegen die Rechte als auch gegen die Linksextremisten – beendeten die russischen Demokraten die Kampfhandlungen an einer Front und baten extreme Feinde der Demokratie um Hilfe. Die Regierung verteilte etwa 40.000 Gewehre an die Arbeiter, die in erster Linie bei den Bolschewiki landeten.

Die angebliche gegenrevolutionäre Gefahr erwies sich aber letztendlich als eine Farce. Die Truppen Kornilows lösten sich entweder auf oder verbrüderten sich mit den Petrograder Arbeitern, die ihnen entgegenkamen.

Der gescheiterte Kornilow-Putsch hat die These, dass die Armee zum Kampf gegen das eigene Volk nicht mehr geeignet gewesen sei, eindeutig bestätigt. So brauchte die russische Demokratie keineswegs die Hilfe der Linksextremisten, um der Gefahr von rechts erfolgreich zu begegnen. Dennoch war die Angst der gemäßigten Sozialisten vor der Gegenrevolution derart überdimensional, dass sie ihre eigenen Kräfte maßlos unterschätzten. Nicht zuletzt deshalb gaben sie den Bolschewiki, die infolge des gescheiterten Juli-Putsches entwaffnet worden waren, erneut die Waffen in die Hand. Dies war vielleicht die verhängnisvollste Folge der Kornilow-Affäre.

Die Radikalisierung der Massen

Nach der Kornilow-Affäre verloren die Provisorische Regierung und die mit ihr verbündeten gemäßigten Sozialisten weitgehend die politische Initiative. Wie gelähmt beobachteten sie das entschlossene und zielstrebige Vorgehen der Bolschewiki, die nun meisterhaft zeigten, wie man die demokratischen Freiheiten dazu ausnutzt, die Demokratie zu beseitigen. Das Gesetz des Handelns wurde fast vollständig der bolschewistischen Partei überlassen. Die Bolschewiki profitierten davon, dass die Provisorische Regierung nicht den Mut besaß, an solch dringende politische, wirtschaftliche und soziale Fragen wie die Beendigung des Krieges, die Agrarreform, die Arbeitermitbestimmung, das Selbstbestimmungsrecht der nationalen Minderheiten, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Reiches stellten und vieles mehr sofort heranzugehen. Mit der Lösung all dieser Fragen wollte die Regierung bis nach der Einberufung der Verfassunggebenden Versammlung warten. Bereits in ihrem Manifest vom 3. März 1917 versprach die Provisorische Regierung die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung zügig zu organisieren. Der Wahltermin wurde jedoch immer wieder verschoben. Dies bedeutete aber, dass der Regierung in der Zwischenzeit eine ausreichende demokratische Legitimierung fehlte. Einer der Führer der menschewistischen Partei, Irakli Zereteli, hielt die Verzögerung der Wahlen zur Konstituante, die erst Mitte November 1917 – also bereits nach dem bolschewistischen Staatsstreich stattfanden – für einen der größten Fehler der „ersten“ russischen Demokratie.

Die russischen Unterschichten wurden immer ungeduldiger und radikaler. Viele politische Denker, so z.B. Joseph de Maistre, machten die Beobachtung, dass große Revolutionen unter einem gewissen Zwang stünden, immer radikaler zu werden. So hätte der Prozess der Radikalisierung und der Vertiefung der russischen Revolution sicherlich auch ohne das Zutun der Bolschewiki stattgefunden. Die Bolschewiki waren allerdings die einzige bedeutende politische Kraft Russlands, die sich von diesem Radikalisierungsprozess nicht beunruhigen ließ und ihn sogar zu beschleunigen suchte. Der russische Philosoph und Akteur der damaligen Ereignisse, Fjodor Stepun, schreibt: Lenin sei der einzige russische Politiker gewesen, der vor keinen Folgen der Revolution Angst gehabt habe, das einzige, was er von der Revolution gefordert habe, sei ihre weitere Vertiefung gewesen. Diese Offenheit Lenins gegenüber allen Stürmen der Revolution sei den dunklen, destruktiven Instinkten der Volksmassen entgegengekommen.

Lenin und Trotzki

Am 25. September 1917 wurde Lew Trotzki, der der bolschewistischen Partei erst im Juli 1917 beigetreten war, zum Vorsitzenden des Petrograder Sowjets gewählt. Seit der Spaltung der russischen Sozialdemokratie im Jahre 1903 gehörte Trotzki zu den schärfsten Kritikern der Bolschewiki. Er prangerte die oligarchische Struktur der Leninschen Partei an, in der die Minderheit – das Zentralkomitee – die Mehrheit (die Parteibasis) beinahe diktatorisch zu führen versuchte. Für Lenin wiederum war Trotzkis Revolutionstheorie inakzeptabel, in der ebenfalls von der führenden Rolle einer Minderheit die Rede war – nämlich vom russischen Industrieproletariat, das der überwältigenden Mehrheit, nämlich der russischen Bauernschaft, seinen Willen aufzwingen sollte. 1917 beendeten aber die beiden Politiker ihren jahrelangen Streit. Sie hätten sich quasi gegenseitig rehabilitiert, so der amerikanische Sowjetologe Bertram Wolfe. Lenin und Trotzki waren im Revolutionsjahr 1917 aufeinander geradezu angewiesen. Trotzki – ein ausgesprochener Individualist – vertrat im Streit zwischen den beiden großen Flügeln der russischen Sozialdemokratie einen eigenen Standpunkt und wollte sich weder mit den Menschewiki noch mit den Bolschewiki identifizieren. Dieses Fehlen einer eigenen organisatorischen Basis kompensierte Trotzki durch sein ungewöhnliches rednerisches und publizistisches Talent. 1917 wurde er nicht nur von seinen Bewunderern, sondern auch von vielen seiner erbitterten Gegner als der vielleicht einflussreichste Redner der Revolution bezeichnet. Aber das rednerische Talent allein war nicht ausreichend, um bei den damaligen Ereignissen eine entscheidende Rolle zu spielen. Dazu bedurfte es auch einer disziplinierten Partei von Berufsrevolutionären, die nur Lenin zur Verfügung stand. Nicht zuletzt deshalb erklärte sich Trotzki unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil (Mai 1917) bereit, mit den Bolschewiki zu kooperieren.

Aber auch für Lenin war es äußerst wichtig, Trotzki als Verbündeten zu gewinnen. Die Führung der bolschewistischen Partei bestand im Wesentlichen aus den Zöglingen bzw. „Schülern“ Lenins, die außerhalb der bolschewistischen Partei über wenig Renommee und Ausstrahlungskraft verfügten. Zwar handelte es sich dabei nicht selten um widerspenstige Schüler, die sich gegen ihren Lehrmeister immer wieder auflehnten. Trotzdem besaßen sie ohne Lenin nur wenig Eigengewicht. Bei Trotzki hingegen handelte es sich um eine eigenständige politische Figur, deren Format demjenigen Lenins vergleichbar war. Trotzki selbst wies immer wieder darauf hin, dass es sich bei ihm keineswegs um einen Schüler, sondern um einen gleichwertigen Partner Lenins handele. Einen solchen eigenständigen Partner mit beträchtlichem Einfluss auf die nichtbolschewistischen revolutionären Kreise, benötigte Lenin. Insbesondere nach dem Debakel vom 3.-5. Juli, als der Führer der Bolschewiki, um einer Verhaftung zu entgehen, keine öffentlichen Auftritte mehr wagte und, wie bereits gesagt, bis zum bolschewistischen Staatsstreich im Oktober 1917 nur im Verborgenen agierte. Trotzki hingegen wurde nun – ungeachtet seines so späten Eintritts in die bolschewistische Partei – zum öffentlichen Symbol des bolschewistischen Dranges zur Macht.

Trotzki, der wegen der Juli-Ereignisse, ebenso wie viele bolschewistische Führer, verhaftet worden war, wurde unmittelbar nach der Kornilow-Affäre  freigelassen. Er übernahm die Führung der bolschewistischen Fraktion im Sowjet und wurde, neben Lenin, zur treibenden Kraft des sich anbahnenden bolschewistischen Umsturzes.

Die „Kunst des Aufstandes“?

Aus seinem finnischen Versteck forderte Lenin nun die Bolschewiki unentwegt dazu auf, die ganze Macht im Lande zu übernehmen. Er polemisierte gegen die Gegner des sofortigen Aufstandes innerhalb der bolschewistischen Partei. Das Argument seiner Opponenten, die Bolschewiki hätten noch keine Mehrheit innerhalb der Bevölkerung, nannte er pedantisch. Man dürfe nicht mit der Revolution warten, bis sich genau 51% der Bevölkerung für sie ausgesprochen hätte. Solche Abstimmungen hätten in einer revolutionären Situation keinen Wert. Der Sieg in der Revolution gehöre nicht denjenigen Parteien, die über eine parlamentarische Mehrheit verfügten, sondern denjenigen, die eine größere Entschlossenheit als andere an den Tag legten, und die in den wichtigsten Zentren des Landes über starke Machtpositionen verfügten. Auf das Argument seiner innerparteilichen Kritiker, eine marxistische Partei dürfe nicht eine Revolution mit einer militärischen Verschwörung gleichsetzen, antwortete Lenin, der Marxismus sei eine vielschichtige Lehre, die Theorie von der Kunst des Aufstandes sei Bestandteil des Marxismus. In einer Situation, in der die revolutionäre Aktivität der Massen einen Höhepunkt erreiche und die Verteidiger der bestehenden Ordnung demoralisiert und unschlüssig seien, bedeute der Verzicht auf den Aufstand einen Verrat am Marxismus.

Die Vorbereitungen des bolschewistischen Staatsstreiches erfolgten beinahe öffentlich. Eine immer größere Bedeutung erlangte in diesem Zusammenhang das Militärische Revolutionskomitee, das am 9.10.1917 auf Antrag eines menschewistischen Deputierten des Sowjets gegründet worden war. Sein Ziel sollte ursprünglich die Verteidigung Petrograds vor dem äußeren Feind – vor den deutschen Truppen – sein, die nach der Eroberung Rigas (21.8.1917) der russischen Hauptstadt immer näher rückten. Von den Bolschewiki wurde aber dieses Komitee in ein Instrument zur Machteroberung umfunktioniert. Am 22. Oktober 1917 stellte das Komitee dem Kommandanten des Petrograder Militärbezirks, Polkownikow, eine Art Ultimatum: Alle Befehle des Petrograder Militärstabes sollten von nun an vom Militärischen Revolutionskomitee gegengezeichnet werden. Polkownikow lehnte diese Forderung ab. So wurde die Petrograder Garnison gleichzeitig zwei unterschiedlichen Befehlszentren unterstellt, die sich gegenseitig nicht anerkannten. Das System der Doppelherrschaft, das in Russland nach dem Sturz des Zaren errichtet worden war (die bürgerliche Provisorische Regierung auf der einen und die Sowjets auf der anderen Seite)  offenbarte nun sein eigentliches Wesen – es bestand in der Zerstörung des Gewaltmonopols des Staates, in der Schaffung zweier unterschiedlichen Militär- und Verwaltungsstrukturen, die sich gegenseitig lähmten. Diese Lähmung beinahe aller Staatsmechanismen kam eindeutig den Bolschewiki zugute. Nur deshalb konnten sie praktisch im Alleingang, gegen den Willen der wichtigsten politischen Gruppierungen im Lande, sogar gegen den Willen eines Teils der eigenen Partei die Alleinherrschaft in Russland erobern. In Anlehnung an Marx betonte Lenin wiederholt, dass einer proletarischen Revolution die Zerstörung der bürgerlichen Staatsmaschinerie vorausgehen müsse, vor allem die Zerstörung ihres Militärapparates. Später (im November 1918) schrieb er:

Ohne ‚Desorganisation‘ der Armee ist noch keine große Revolution ausgekommen … denn die Armee ist das am stärksten verknöcherte Werkzeug, mit dem sich das alte Regime hält, das festeste Bollwerk der bürgerlichen Disziplin.

Die Auflösung der russischen Staatsmaschinerie stellte einen eigendynamischen Prozess dar, der von den Bolschewiki zwar beschleunigt, aber keineswegs verursacht wurde. Dieser Prozess führte aber letztendlich dazu, dass die Macht in Russland quasi „ auf der Straße lag“. Keine russische Partei wagte es aber, diese Macht „von der Straße aufzuheben“, um die ausschließliche Verantwortung für das zusammengebrochene Land zu übernehmen – bis auf die Bolschewiki.

Die Erstürmung des Winterpalastes – des Sitzes der Provisorischen Regierung -, wie sie von vielen sowjetischen Malern, Dichtern und Filmregisseuren dargestellt wurde, hat in Wirklichkeit in dieser Form gar nicht stattgefunden. Die Regierung ergab sich beinahe kampflos, weil ihr so gut wie keine Truppen zur Verfügung standen. So verlief der bolschewistische Staatsstreich, der eine der radikalsten Revolutionen in der Geschichte der Neuzeit einleitete und das erste totalitäre Regime der Moderne errichtete, beinahe unblutig.

Die Flucht vor der Verantwortung

Zeitzeugen wie der Menschewik Nikolaj Suchanow meinen, der Militärkommandant von Petrograd, Polkownikow, wäre durchaus imstande gewesen, mit etwa 500 Hundert Soldaten und Kadetten den Sitz des Petrograder Sowjets und des von den Bolschewiki dominierten Revolutionären Militärkomitees zu besetzen und damit die Zentrale des geplanten Aufstandes lahmzulegen. Andere Autoren meinen auch, dass ein diszipliniertes und regierungstreues Regiment ausreichend gewesen wäre, um den bolschewistischen Putsch zu vereiteln. Trotzki – der neben Lenin wichtigste Urheber des Staatsstreiches – ist mit dieser These durchaus einverstanden. Dass ein solches Regiment nicht gefunden werden konnte, gibt den Erforschern der damaligen Ereignisse bis heute Rätsel auf. Alexander Kerenski hatte am Tag des bolschewistischen Staatsstreiches Petrograd heimlich verlassen und sich nach Pskow – das Hauptquartier der russischen Nordfront – begeben. Dort versuchte er den Oberkommandierenden der Front, General Tscheremisow, zu überreden, nach Petrograd zu marschieren – ohne Erfolg. Nur eine kleine Schar von Kosaken (etwa 600) unter ihrem Anführer, Ataman Krasnow, war bereit, Kerenski zu folgen. Am 30.10.1917 erreichten sie Pulkowo, einen Vorort von Petrograd. Dort wurden sie von den schlechtorganisierten, aber zahlenmäßig erdrückend überlegenen bolschewistischen Truppen zum Rückzug gezwungen. Dies war praktisch das letzte Gefecht der Provisorischen Regierung, die nun die politische Bühne endgültig räumen musste.

Warum nahm der bolschewistische Staatsstreich in Petrograd, gegen den sich beinahe die gesamte politische Klasse Russlands und sogar viele Bolschewiki wandten, einen derart reibungslosen Verlauf? Um diese Frage leichter beantworten zu können, sollte man vielleicht eine Parallele zu einem anderen, ebenso folgenschweren Ereignis ziehen – nämlich zur nationalsozialistischen „Machtergreifung“ in Deutschland im Januar 1933. Sie verlief ebenso „reibungslos“, wie der bolschewistische Staatsstreich, vielleicht noch „reibungsloser“. Denn die Nationalsozialisten hatten, im Gegensatz zu den Bolschewiki, mächtige Verbündete – die deutschen Konservativen, die viele Schlüsselpositionen im Weimarer Staat unangefochten kontrollierten und die der NSDAP die Macht praktisch übergaben. Sie lieferten also den Staat, den sie verteidigen sollten, seinen unversöhnlichsten Feinden aus. Der Sozialdemokrat Konrad Heiden spricht im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Triumph von einer Flucht der politischen Klassen Deutschlands vor der Verantwortung, vom „Zeitalter der Verantwortungslosigkeit“. Aber auch im Zusammenhang mit dem bolschewistischen Triumph in Russland kann man von einer Flucht vor der politischen Verantwortung – diesmal der russischen politischen Elite -, von einer Art Desertion sprechen. Die demütigende Suche des letzten demokratischen Ministerpräsidenten des Landes nach Truppen, die bereit gewesen wären, die russische Demokratie vor ihren radikalen Feinden zu verteidigen, veranschaulicht diese Desertion besonders deutlich.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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