Bach and cover!

Aufmerksame Leser werden sich vielleicht schon gefragt haben, warum der Titel dieser Kolumnenreihe „Bach- und Sachgeschichten“ lautet. Die Scharfsinnigen unter den Aufmerksamen werden sogar schon vermutet haben, daß das mit dem Komponisten J. S. Bach zu tun haben könnte. Wie Christoph Waltz als Judenjäger Hans Landa in „Inglourious Basterds“ sagen würde: Wir haben ein Bingo!


Und die ganz besonders aufmerksamen, scharfsinnigen UND treuen Leser wie etwa „Der harte Hund“ werden sich daran erinnern, daß ich Bach in der Pilotfolge als den Mercedes unter den klassischen Komponisten bezeichnet habe (zum hier halbwegs falsch verwendeten Begriff „klassisch“ siehe auch Folge 2).

Das war natürlich Blödsinn. In Wahrheit ist Bach der Mercedes, BMW, Audi, Porsche, Rolls Royce, Bugatti und Smart unter den Komponisten. Vielleicht hat man Ihnen im Musikunterricht in der Schule tatsächlich aus Versehen etwas beigebracht und Sie haben da vom Vertretungslehrer zwischen den Schwätzchen mit dem Banknachbarn etwas gehört über musikalische Epochen wie Gregorianik, Ars Nova, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassik, Romantik etc. Aber auch das war Blödsinn. In Wahrheit läßt sich die Musikgeschichte in genau drei Epochen aufteilen: Vorbach, Bach und Nachbach.

Unzerstörbarer Bach

Jetzt aber mal kurz Scherz beiseite. Dass Bach tatsächlich eine Sonderstellung innerhalb der abendländischen Musik einnimmt mit kaum zu überschätzendem Einfluß auf die weitere Entwicklung, und zwar nicht nur für die klassische (oder E-)Musik, sondern weit hinein in fast alle Genres der populären (oder U-)Musik, wird eigentlich nicht ernsthaft bestritten. Ich will das hier auch gar nicht näher ausführen, und ich will hier auch nicht Bachs eigene Werke als Hörbeispiele bringen, sondern Bearbeitungen seiner Werke durch andere Komponisten, was man auch „Cover-Versionen“ nennen könnte.

Ich kenne keine Statistiken, aber ich vermute, dass die Anzahl solcher Cover-Versionen die Anzahl seiner eigenen Werke (und Bach war enorm produktiv!) deutlich übersteigt – übrigens hat Bach selbst auch ganz gern mal Werke anderer Komponisten gecovert, das wäre vielleicht mal ein Thema für ein Kolumnen-Sequel. „Bach kriegt man nicht kaputt“ habe ich oft gehört, also weder als Interpret noch als Bearbeiter, und es ist was dran: Weil die Kompositionen selbst einfach so unfaßbar gut sind, daß man ihnen einen Kartoffelsack überstülpen kann und sie trotzdem noch die schärfsten Bräute in der Disco sind. Ich kann mich im Moment nur an einen Fall erinnern, wo das Kaputtkriegen ansatzweise ganz gut geglückt ist: Bei der Bearbeitung der Kunst der Fuge durch eine Band, die mit Lai- anfängt und lustigerweise mit -bach aufhört.

Komm, süßer Tod

Jedenfalls: Falls ein thermonuklearer Krieg dem Irrsinn hier auf Erden mal ein Ende bereitet und ich in meinem Atombunker noch ein paar Wochen Musik hören darf, bis die Konservenbüchsen aufgebraucht sind, aber unter der Auflage, daß ich nur die Musik eines einzigen Komponisten hören dürfe, dann wäre das ohne jeden Zweifel Bach. Und dann: Komm, süßer Tod!

Den gleichnamigen Choral von Bach hat der 2014 verstorbene norwegische Komponist Knut Nystedt als Ausgangsmaterial seiner Komposition „Immortal Bach“ für Chor acapella verwendet. Ohne jetzt die Komposition im Einzelnen anzugeben (schon aus urheberrechtlichen Gründen), läuft das im Prinzip so: Wir nehmen zunächst die ersten zwei Zeilen des Bach-Chorals, und singen die ganz konventionell, so wie Bach die geschrieben hat: „Komm, süßer Tod, komm, sel´ge Ruh´, komm führe mich in Frieden.“ Dann fangen wir wieder von vorne an, also beginnen wieder alle zusammen mit „Komm“, aber jede/r singt jetzt in seinem/ihren eigenen (ziemlich langsamen) Tempo und hält die Töne so lange, wie er/sie will, bis er/sie dann beim Wort „Tod“ angekommen ist. Wer/wie zuerst da ist, hält den Ton und wartet dann halt auf die anderen, bis alle fertig sind. Und so geht das dann sinngemäß weiter. Ist das nicht köstlich? Kommt und macht doch, was ihr wollt, am Ende seid ihr eh alle beim Tod. Jaja, haha, wahnsinnig witzig, mögen Sie jetzt sagen, aber wenn alle kreuz und quer durcheinandersingen, wie sie grad lustig sind, dann klingt das doch wie Arsch auf Eimer!

Nein, tut es nicht. Es klingt sensationell. Zum niederknien. Ehrlich.

 

Weil das morbide Gehuste aus dem Publikum hier ziemlich auf den Senkel gehen kann und ein richtiges Abtauchen empfindlich stört, gebe ich Ihnen hier gleich noch eine zweite (Studio-)Aufnahme, die ich sehr sehr liebe und Ihnen unmöglich vorenthalten kann (hier ist der konventionelle Choral-Part ans Ende gestellt und es beginnt gleich mit dem „Chaos“).

 

Das könnte ich stundenlang hören und hab das auch schon ein paar Mal tatsächlich gemacht. Man sollte in den folgenden Stunden aber nicht unbedingt aktiv am Straßenverkehr teilnehmen oder schwere Maschinen bedienen.

Trauerarbeit

Nachdem ich uns jetzt in eine angenehm düstere Stimmung versetzt habe, muß ich Ihnen leider noch eine traurige Nachricht überbringen: Für mein zweites Hörbeispiel habe ich keinen Link gefunden. Chnüff. Es hätte sich um das Brandenburgische Konzert Nr. 3 gehandelt in der Bearbeitung von Wendy Carlos (bzw. damals 1968, noch vor der Geschlechtsumwandlung, Walter Carlos) von der großartigen Platte „Switched on Bach“, eine Interpretation von verschiedenen Bach-Werken mithilfe eines Moog-Modularsynthesizers. Und zwar um den zweiten Satz (ich habe ja ein Faible für zweite Sätze), der nicht nur eine Interpretation/Bearbeitung ist, sondern eine veritable kompositorische Eigenleistung (zusammen mit Rachel Elkind). Es ist auch ziemlich schwierig, davon noch zu zivilen Preisen eine Platte zu bekommen; warum, weiß ich nicht, vielleicht hat Wendy keine Lust mehr auf den Irrsinn. Also nicht, daß Sie jetzt denken, das sei irgendeine nerdige Underground-Scheibe, die nur total verstrahlte Psychos kennen: Nein, das ist ein Meilenstein und Leuchtturm in mehrfacher Hinsicht. Ein Topseller mit Platinstatus. Ausgezeichnet mit drei Grammys: Best Classical Album, Best Classical Performance Instrumental Soloist, Best Engineered Classical Recording. Eine MEGA-Platte, aber kaum aufzutreiben, ist das nicht ein herrlicher Irrsinn? Über das Nachfolgealbum mit dem Brandenburgischen Nr. 4 sagte kein geringerer als Glenn Gould, einer DER Bachinterpreten überhaupt:

To put it bluntly, the finest performance of any of the Brandenburgs – live, canned, or intuited – I’ve ever heard.“

Ok, ein wenig verstrahlt war der Glenn schon auch. Trotzdem: Versuchen Sie, die Platte zu finden. Es lohnt sich.

Trost

Falls es Ihnen trotz aller Bemühungen nicht gelingt, diese Platte zu finden, möchte ich Sie ein wenig trösten – alles wird gut – mit einer Klaviertranskription von „Die Seele ruht in Jesu Händen“ aus der Kantate „Herr Jesu Christ, wahr´ Mensch und Gott“ von Walter Morse Rummel. Waaas, den kennen Sie nicht? Kannte ich auch nicht, bis ich beim youtube-Schmökern irgendwie rein zufällig auf dieses Werk gestoßen bin. Man möchte ja gar nicht wissen, was man alles nicht gekannt hat, wenn man dereinst von der Erde abtritt.

Dieses Werk also, gespielt von mir, stellvertretend für die unzähligen wunderbaren Bach-Klaviertranskriptionen von Busoni, Siloti, Godowsky, Bauer, Kempff etc., die Sie als Hausaufgabe mal selbst googeln. Ich eitler Sack wollte vor allem nicht die einmalige Gelegenheit verstreichen lassen, mich selbst in einem Atemzug mit Bach, Wendy Carlos und Glenn Gould zu nennen. Danke für das Verständnis. Knicks.

 

Und gleich noch eine weitere Klaviertranskription, hier für vier Hände (das Klavier ist halt mein Instrument, da kann ich nicht aus meiner Haut), und noch mal aus einer Kantate: „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“. Diese Bearbeitung ist vom ungarischen Komponisten György Kurtág, der eigentlich ganz anderes Zeug macht. Googeln/youtuben Sie gern mal selbst, das ist dann halt zeitgenössische „E-Musik“, die man häufig mit dem signalgelben Etikett „Vorsicht! Schwer zugänglich!“ beklebt und den nerdigen Feuilletonisten überlässt. Das zeigt aber wiederum auch, wie tief die Verehrung für Bach auch (oder gerade?) bei den für Ungeübte schwer verdaulichen E-Musik-Zeitgenossen sitzt. György Kurtág spielt selbst zusammen mit seiner Frau.

Das ist der ultimative Trost. Die absolute Perfektion. Die maximale Einfachheit. Besser geht es nicht. Ich kann nicht in Worte fassen, wie groß diese Miniatur ist. Als Bach das geschrieben hat, war er 22. Ich kann nicht mehr.

Und ist es nicht zauberhaftigst, wie Kurtág da mit seiner Frau am Flügel sitzt?

And now for something completely different

Bevor ich jetzt anfange, vor Ergriffenheit und Rührung zu heulen und „Der harte Hund“ deswegen wieder garstig über mich herzieht: Schnell for something completely different.

Die wie ich glaube einzigen „nichtklassischen“ Platten in meinem Elternhaus – also bevor die vierköpfige Hasenbrut mit mir am Ende der musikalischen Nahrungskette das Arsenal eigenmächtig spektral erweitert hat – waren die „Play Bach“-Reihe vom französischen Jazzpianisten Jacques Loussier. Die waren natürlich dadurch für den kleinen Hasi etwas irgendwie Besonderes, und sind ihm darum auch entsprechend im Gedächtnis haften geblieben. Halt, mir fällt grad ein: „Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze“ von Wum hatten wir auch. Ich hab mal ein wenig auf youtube rumgestöbert, welches Stück von Play Bach ich Ihnen hier zeige, und bin dabei auf folgendes gestoßen: Eine Improvisation mit dem Jacques Loussier Trio und Bobby McFerrin (toller Musiker!) anläßlich des „Bachfest 2000“ in Leipzig. Es war ja nicht alles schlecht drüben.

 

 

Das Original ist aus der Ka… Hm? Na? Wer weiß es? Richtig: KANTATE „Wachet auf ruft uns die Stimme“. Wir haben schon wieder ein Bingo!

Nachdem ich Sie mit dem heiter swingenden Bach aus den düsteren Todesgedanken erweckt und mit diesem kleinen Erfolgserlebnis ein wenig voreuphorisiert habe, kommen wir nun wie immer zum Höhepunkt, auf den Sie bestimmt alle schon sehnsüchtig warten: Zu unserem Trifonov-Moment.

Heute spielt Daniil für uns Fantasie und Fuge g-moll BWV 542, in der Bearbeitung von Franz Liszt. Liszt hat ja so gut wie alles gecovert, was nicht bei drei auf dem Baum war. Aber er hatte es auch drauf. Trifonov hat es auch drauf. Und Bach sowieso. Das garantiert uns ein Musikerlebnis der absoluten Extraklasse.

 

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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