Erweckungserlebnisse

Clemens Haas. Tonmeister, Pianist und Komponist, ist ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Mit dieser Kolumne, die hoffentlich nur die erste einer langen Reihe sein wird, möchte er diese Begeisterung für die Musik weitergeben und auch musikalischen Analphabeten zu einem klassischen Erweckungserlebnis verhelfen.


Ich bin meinen Eltern für vieles sehr dankbar. Am vielleicht allerdankbarsten bin ich dafür, dass sie mir die Liebe zur Musik in die Wiege gelegt haben – nichts bedeutet mir neben meiner Familie auch nur annähernd so viel und ist mir so lebenswichtig – und mir und meinen drei Geschwistern privaten Musikunterricht angedeihen liessen. Denn auf den Musikunterricht an unseren staatlichen Schulen kann man sich dabei nicht verlassen, um es sehr freundlich zu formulieren. Der war schon zu meiner Schulzeit eher ein Totalausfall, und die Zustände scheinen sich sogar noch verschlimmert zu haben.

Musikalische Analphabeten

Eine befreundete Leiterin einer Musikschule hatte vor einiger Zeit mal auf facebook exemplarisch Aufgaben verglichen zwischen einer 1. Schulklasse in ihrer Heimat Bulgarien und der 5. Klasse ihrer Tochter auf einem Gymnasium in Düsseldorf.

Der Niveauunterschied ist erschreckend und beschämend. Abiturienten – unsere kommenden Führungseliten – verlassen die Schule als musikalische Analphabeten ohne grundlegendste Kenntnis der Kulturtechniken und sind nicht in der Lage, unfallfrei einen Vierertakt zu klatschen.

Bestenfalls wurden irgendwann einmal die Geburts- und Todesdaten von J. S. Bach auswendig gelernt, mit etwa dem gleichen horizonterweiternden Effekt wie das bei einer mittelbegabten Bergdohle der Fall wäre, die krähend die richtigen Laute imitiert – mit dem Unterschied, dass die Dohle das Gelernte in der Regel länger behält. Vor allem aber versagt der Musikunterricht bei seiner vornehmsten Aufgabe: In den Schülern Liebe zur klassischen Musik zu wecken oder wenigstens das Interesse daran. Und auch die Situation für private Musikschulen und -lehrer ist alles andere als erfreulich, wovon meine Freundin ein Trauerlied singen kann. Dort wie hier wird von öffentlicher Seite gespart und Unterstützung verweigert, wo es geht und auch nicht geht.

Kulturlos

Und das alles im Land der Dichter und Denker, das sich auf seine abendländische Kultur nur dann besinnt, wenn es nichts kostet und man sich billig von „fremden Kulturen“ absetzen und dem Bevölkerungsaustausch vorbeugen möchte: Unsere Kultur möchten wir dann schon gerne alleine zugrunderichten, wenn´s recht ist. Der Neid auf das rhythmische Talent der Bahnhofsklatscher mag dabei auch eine Rolle spielen. Doch all das soll hier nicht das Thema sein, auch weil ich es nicht vermeiden könnte, ausfallend zu werden.

Marco, der Punk

Darum nicht diese Töne, sondern lassen Sie mich freudenvollere anstimmen: Denn es ist nie zu spät, seine Liebe zur klassischen Musik zu entdecken. Marco, einer meiner besten Freunde (Name von der Redaktion nicht geändert) hatte dabei als Kind ungleich ungünstigere Startbedingungen als ich. Da stand im Wohnblock eines bundesweit bekannten sozialen Brennpunkts kein Flügel, da schallte Sonntags keine Bachkantate durch die Wohnung, an privaten Musikunterricht war nicht zu denken. Sein musikalischer Weg begann als Mitglied einer Punkband, in der er sich die Finger an der Gitarre blutig schrammelte und abwechselnd soff und brüllte. Von hier aus hat er sich im Lauf von Jahrzehnten eine wirklich ganz erstaunlich profunde Kenntnis der populären Musik erarbeitet, die mich noch immer vor Neid erblassen lässt.

Vom Reden und vom Saufen

Da war es oft ein Vergnügen, mit ihm zusammen ganze Abende bis Nächte lang abwechselnd über Musik zu reden und zu saufen (er ist auch sonst ein super Typ). Irgendwann dann drückte ich ihm einen USB-Stick mit ein paar Platten von Steve Reich in die Hand und sagte: Zieh dir das mal rein, ich glaub, das könnte dir gefallen. Einige Tage später lag er vor mir im Staub und hauchte -ich glaube sogar wörtlich:

Clemens! Danke danke danke! Danach hab ich mein ganzes Leben gesucht!

In der Folge (inzwischen haben uns unsere beruflichen Wege leider örtlich getrennt) saßen wir oft nächtelang zusammen, wobei abwechselnd er mir irgendeine neue Platte einer lettischen Indieband oder eines zahnlosen Folksängers aus Kentucky vorspielte und ich ihm etwa eine neue Beethoven-Einspielung

Wahnsinn, die ist ja total anders als die von letzter Woche, obwohl es doch das gleiche Stück ist! Ich hol uns noch n Bierchen.

und wir zusammen soffen. Herrlich. Welches Stück von Steve Reich Marco zuerst hörte, oder welches insbesondere ihn so nachdrücklich begeisterte, weiss ich nicht mehr oder wusste es nie.

Music for 18 Musicians

Zumindest aber haben wir uns mehr als einmal über „Music for 18 Musicians“

unterhalten, und er hatte mich erst kürzlich (Spitzenkarten in Griffweite zum Meister, Steve Reich war anwesend) zur Aufführung dieses Werks in der Elbphilharmonie eingeladen. Das soll hier das erste Hörbeispiel sein, auch wenn mir die Führungsriege der Kolumnisten nahegelegt hat, mich zunächst mal mit Chopin einzuschmeicheln..

Mercedes unter den klassischen Komponisten

Die zweite freudenvolle Anekdote handelt von meiner ebenso guten Freundin Susi (Name von der Redaktion nicht geändert), die wie Marco erheblich weniger privilegiert aufgewachsen ist als ich, und die wie Marco das Abitur gemacht hat, ohne bis dahin von klassischer Musik über das verdrängbare Maß hinaus behelligt worden zu sein, und die ich also wie Marco in diesem musikalisch jungfräulichen Rohzustand kennengelernt habe. Hier war das Erweckungserlebnis Johann Sebastian Bach, der natürlich der Mercedes unter den klassischen Komponisten ist, namentlich die Cellosuite Nr. 1.

Die hat Susi so beeindruckt, dass sie sich ein Cello gemietet und im zarten Alter von immerhin 30 begonnen hat, privaten Unterricht zu nehmen, und kürzlich sogar schon ihr erstes kleines Hauskonzert zusammen mit ihrer Lehrerin gegeben hat. Ich könnte platzen vor Stolz. Auch uns hat der Lauf der Welt inzwischen leider räumlich getrennt, aber wir schreiben uns unter anderem Emails darüber, welche Interpretation dieser Suite uns am besten gefällt. Susi hat sich für Mischa Maisky entschieden, ich mich für Jacqueline du Pré.

Aber entscheiden Sie selbst.

Und wenn Ihnen keine der beiden Interpretationen gefällt oder beide Ihnen schlichtweg gar nichts sagen: Macht nichts. Sie sind darum nicht blöd. Vielleicht ist bei Ihnen das Erweckungserlebnis halt ein völlig anderes als Steve Reich oder Hansi Bach. Aber dass es eines geben kann, davon bin ich tief überzeugt. Schliesslich sind Sie ein Mensch. Und dann erschliesst sich Ihnen eine nie versiegende und unendlich weite Quelle der Freude, des Trosts, der Ekstase oder der Ruhe. Was immer Sie gerade möchten.

Neu und unerwartet

Überhaupt: Interpretationen. Klassische Musik ist nicht tot oder verstaubt. Ganz im Gegenteil: Ich kann mir nichts lebendigeres und wandelbareres vorstellen. Aber sie muss natürlich, da zunächst nur auf Papier notiert, gespielt und also interpretiert werden. Das kann auf sehr verschiedene Weise geschehen

Wahnsinn! Das ist ja total anders! Ich hol uns noch n Bierchen.“ ,“Ich versteh total, was du meinst mit Maisky: ICH spiele Bach und du Pre: Ich spiele BACH“

die mal tot und verstaubt wirken kann oder „hormonlos“, wie meine Klavierprofessorin mal über eine Beethoven-Sonate des späten Rudolf Serkin sagte, aber eben auch völlig neu und unerwartet.

Damit kommen wir zu meinen Anekdoten drei und vier. Mir ist vor etwa einem Jahr beim youtube-Schmökern ein Clip untergekommen, der mich umgehauen hat. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, Sie erinnern sich: Lebendig, wandelbar, neu, unerwartet, nie versiegender Quell.

Das Experiment

Ich habe dann aber zusätzlich zu meiner Erbauung ein kleines Experiment veranstaltet: Ich habe einem Kollegen, seinerseits ebenfalls Profimusiker, zunächst eine andere Interpretation des vergleichsweise unbekannten Stücks gezeigt.

Die hat er sich tapfer angesehen – man kann in diesem Clip, wenn man das seltene Glück hat, diese Kulturtechnik in der Schule gelernt zu haben, den Notentext mitlesen, also das „Werk an sich“ – und mich dann leicht irritiert und fragend angesehen, vermutlich weil ich durch Körpersprache eine gewisse Erwartungshaltung kommuniziert hatte.

Ja, ganz nettes Stück. Und?

Dann habe ich die Katze aus dem Sack gelassen (keine wirklich erfolgreiche Kolumne ohne Katzen) und ihm den eigentlichen Clip gezeigt.

Und fast wie erwartet: Nach nicht mal zehn Sekunden flossen beim Kollegen die Tränen, und am Ende war der Gebrauch eines Taschentuchs dringend angezeigt. Nur darum „fast“ wie erwartet, weil ich mit bis zu 15 oder gar 20 Sekunden bis zum Einsatz des Tränenflusses gerechnet hatte

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Haisi fka Thiesi

Das gleiche Experiment habe ich – Anekdote vier – einige Zeit später mit meiner SEHR GUTEN Facebook-Freundin Haisi (Name von der Redaktion aus „Thiesi“ geändert) durchgeführt, die keine Musikerin ist und bisher eher wenig Kontakt zu klassischer Musik hatte und also ein Rohdiamant ist wie Marco und Susi. Tränen sind meiner Erinnerung nach zwar nicht geflossen (sie ist aber auch ein besonders harter Hund), aber sie war doch nachhaltig beeindruckt von der Unterschiedlichkeit der beiden Interpretationen

Wahnsinn! Das ist ja total anders! Gibt´s noch was von dem leckeren Montepulciano?

und vor allem auch angemessen berührt von der umwerfenden Interpretation Trifonovs.

Trifonov

Machen Sie das Experiment doch selbst. Aber nicht schummeln. Erst die eine Interpretation ganz anhören, dann die andere. Welche gefällt Ihnen besser? Ich will Sie nicht beeinflussen: Die erste, brav und bieder fehlerfrei runtergespielte mit dem Notentext, oder die sublime transzendente des anbetungswürdigen Jahrhundertpianisten Trifonov?

Wenn Sie keinen Unterschied bemerken, dann tue ich etwas, das nur ich ungestraft tun darf: Mir widersprechen. Dann sind Sie nämlich doch blöd. Oder taub. Oder blöd und taub. Und wenn ich Sie damit jetzt nicht erfolgreich vergrault habe, dann schreib ich hier vielleicht nochmal was über klassische Musik. Vielleicht dann was mit Chopin. Vielleicht dann auch gespielt von Trifonov. Doch, wenn, dann bestimmt wieder mit Trifonov.

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Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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