Ich lass mir doch kein E für ein U vormachen!

Meine erste Bach- und Sachgeschichte hatte ein „Kolumnisten“-Kollege auf seiner Facebook-Seite geteilt mit dem Hinweis, hier könne man „sein Herz für die ernste Musik erwärmen“, worauf ich kommentierte, über den Unsinn der Unterscheidung zwischen E- und U-Musik – also zwischen „ernster“ und „Unterhaltungsmusik“ – sei gegebenenfalls noch zu sprechen. Warum also eigentlich nicht gleich?


Und um es auch direkt vorwegzunehmen: Auch die Unterscheidung „klassische“ vs. irgendwie nichtklassische Musik, die ich selbst hier zumindest sprachlich vornehme, ist mindestens problematisch wenn nicht sogar grundfalsch, wie der Kolumnisten-Kollege dann im weiteren Verlauf völlig zu Recht andeutete. Ich will den Begriff „klassische Musik“ aber dennoch weiterhin verwenden, ohne mich um Kopf und Kragen zu definieren, im Vertrauen darauf, dass der geneigte Leser schon so ungefähr wissen wird, was gemeint ist. So ungefähr reicht auch völlig aus, genau weiß ich es ja selbst nicht.

Wie es zu dieser E/U-Unterscheidung überhaupt kam, lässt sich etwa bei wikipedia nachlesen.
Es ging natürlich um Geld, und was kann dabei schon Sinnvolles herauskommen. Im Grunde läuft eine solche Unterscheidung darauf hinaus, dass man eine bestimmte Art von Musik als besser und also „wertvoller“ bewertet als eine andere. Wer diese Bewertung dann jeweils anhand welcher objektiven Kriterien vornehmen soll – nun ja, man muss weder besonders scharfsinnig sein noch lange nachdenken, um zu bemerken, dass dieses Konstrukt auf äußerst wackligen Beinchen steht.

Eine unselige Geschichte

Das ist eine ganz unselige Geschichte, weil dadurch der einen, also „klassischen“ Musik, ein elitäres Image verpasst und den „klassischen“ Musikern unterstellt wird, sie hielten sich für etwas Besseres. So wurden mir an anderer Stelle in einem Facebook-Kommentar zu meiner Kolumne „Arroganz des E-Musikers“ und gar „Kulturfaschismus“ vorgeworfen, was natürlich ziemlich kompletter Blödsinn ist und das ziemlich genaue Gegenteil meiner Absicht, aber eben auch exemplarisch zeigt, welch giftigen Keil diese Unterscheidung völlig sinnfrei in die Hörerschaft getrieben hat.

Wenn Sie mir mal deutliche Worte gestatten… Ach was frag ich! Das ist meine Kolumne, da mach ich was ich will, so viel Arroganz des E-Musikers gestatte ich mir alleine. Also: Wenn mich sogenannte ernste Musik nicht auch unterhält, dann kann sie mich kreuzweise. Und zwar den Arsch. Fein recht schön sauber.

 

Was meinen Sie? Ist das ernste Musik? Oder Unterhaltungsmusik? Na, wenn´s von Mozart ist, wird es ja wohl schon ernste Musik sein, mag man sich bei der Bewertungsstelle gedacht haben. Ist es aber nicht, wie man erst 1988 bemerkt hat, sondern vom Herrn Wenzel Trnka von Krzowitz. Von Mozart ist nur der Text. Was nun? Neu bewerten?

Arschlecken

Hier der mutmaßliche Originaltext Mozarts:

Leck mire den A… recht schon,
fein sauber lecke ihn,
fein sauber lecke, leck mire den A…
Das ist ein fettigs Begehren,
nur gut mit Butter geschmiert,
den das Lecken der Braten mein tagliches Thun.
Drei lecken mehr als Zweie,
nur her, machet die Prob’
und leckt, leckt, leckt.
Jeder leckt sein A… fur sich.

Also jetzt doch Unterhaltungsmusik? Weil „Arsch lecken“ ja gleich so witzig und unterhaltsam ist? Unter uns: Ich find das Werk jetzt gar nicht mal so wahnsinnig unterhaltsam. Bei weitem, also bei ziemlich komplett weitem unterhaltsamer finde ich ein Werk, das nun ziemlich zweifelsfrei „ernst“ genannt werden darf: Die h-moll Messe von J. S. Bach. Die finde ich das Größte, was je von Menschenhand erschaffen wurde. Es ist natürlich ziemlich dreist von mir, die h-moll Messe und „Leck mir den Arsch fein recht schön sauber“ in einem Atemzug zu nennen.

Das tue ich, weil es meine Kolumne ist und WEIL ICH ES KANN. Und weil es mich unterhält. Im Ernst.
Und im Ernst: Wenn ich mir die h-moll Messe reinziehe – und das mach ich ziemlich oft – dann steck ich mir vorher keinen Stock in den A… und/oder pudere und parfümiere meine Perücke. Dann mach ich mir ein Bier auf und stell ein zweites oder gar drittes kalt (das Ding dauert ja ganz schön), fläze mich in Jeans oder auch nur in der Unterhose auf die Couch und dann wird genossen. Natürlich hab ich mich mit der h-moll Messe immer wieder beschäftigt – ich höre wohl nie auf, neues darin zu entdecken und noch tiefer im Staub zu versinken vor Demut – aber im Moment des Hörens ist das reines Genießen ohne akademisches oder elitäres Gehabe. Dann ist sie einfach GEIL, und wenn ich was neues darin selbst entdeckt oder darüber gelesen habe und sie wieder höre, dann ist sie NOCH GEILER. Yeah. Danke oh Herr. Danke danke danke.

Also hier die h-moll Messe, dirigiert vom großartigen John Eliot Gardiner. Ich bewerte jetzt auch mal was (weil ich es kann): Alles andere ist zweitklassig. Anspieltipp für Eilige: Dona Nobis Pacem (1:43:30)

Ich hab´s grad selbst noch mal gehört, weil ich ja den Link raussuchen musste. Sagte ich schon: Danke oh Herr! Danke danke danke! Nein? Dann: Danke danke danke! Wahnsinn! Danke!

Klassische Musik ist ja durchaus nicht nur zu unserer Erhebung gedacht. („Wie ich sie satt habe, diese erhebenden Themen! Die Menschen, die er auf die Bühne stellt, sind so erhaben, daß sie klingen, als ob sie Marmor scheissen.“, so sinngemäß aus meinem Gedächtnis heraus Mozart (über Gluck) in Peter Shaffers Theaterstück „Amadeus“ bzw. in der Verfilmung von Milos Forman). Sondern eben auch zur Unterhaltung. Und zwar schon so ziemlich von Anfang an.

Fressen bei Hofe

Musik, die man halt so nebenbei hört, während man sich bei Hofe den Wanst vollfrisst oder das Tanzbein schwingt. Ok, damals war das tatsächlich noch ein wenig elitär, es gab ja noch keine Transistorradios oder youtube beim Pöbel, aber kommen Sie, als wär das heute bei der sogenannten U-Musik großartig anders.

Ich zeig Ihnen mal zwei frühe Beispiele von klassischer ernster U-Musik, die ich total geil finde.

 

Anspieltipp: A Shepherd in a Shade 6:54. I love it! Love love love it!

Ha! Ich halt´s nicht aus! Ich MUSS tanzen! Das geht ja wohl voll in die Beine.

Das erste Stück aus Praetorius´ Terpsichore da oben hab ich mal – weil ich Bock drauf hatte und es mich unterhalten hat – an einem sonst langweiligen Nachmittag vor vier Jahren mal vier Jahrhunderte nach vorne transportiert. Wär nicht nötig gewesen, das Original ist fett genug.

Bei manchen „ernsten“ Musikformen ist die Unterhaltungspflicht sogar schon im Gattungsnamen festgeschrieben: Bei den Divertimenti, wie italienisch sprechende Leser wie „der harte Hund“, der vielleicht mein Maskottchen hier wird, bestätigen können. Am bekanntesten dürften da die Werke von Haydn oder Mozart sein, aber die dürfen Sie jetzt mal selbst googeln/youtuben, Mozart war heute schon.

B-Seiten

Stattdessen hier ein Divertimento von Bela Bartok, das ich selbst erst vor zwei Wochen eher unfreiwillig kennengelernt habe. Das war sozusagen die Vorgruppe in einem Konzertabend mit zwei Mozart-Klavierkonzerten, wegen der ich eigentlich hingegangen war – wie doch alles immer irgendwie zusammenhängt. Und wie das manchmal so ist: Das Hauptprogramm fand ich jetzt gar nicht mal so gut, die B-Seite dafür um so geiler. Vom Chamber Orchestra of Europe, das an diesem Abend toll gespielt hat, finde ich keinen Link, dafür aber einen vom RIAS Symphonie-Orchester unter der Leitung von Ferenc Fricsay, der auch bei der vielleicht wichtigsten Platte meines Lebens dirigiert hat: Dem d-moll Klavierkonzert von Mozart mit der allergroßartigsten Clara Haskil – wie doch alles immer irgendwie zusammenhängt. Man kann bei diesem Link auch den Notentext mitlesen – falls man das seltene Glück hat, diese abendländische Kulturtechnik in der Schule gelernt zu haben.

Sensationell fand ich den zweiten Satz (8:51), aber ich habe ohnehin ein Faible für zweite Sätze, das muss also nichts heißen. Und ich habe bei diesem Werk wie gesagt keinerlei Wissensvorsprung, also vergessen Sie, was ich gesagt habe. Danke.

So. Wir kommen jetzt zum krönenden Abschluss. Ich hatte ja versprochen: Wenn ich noch mal was schreibe, dann vielleicht mit (massenkompatiblem, wie die Kolumnisten-Führungsriege vermutet) Chopin. Und ganz bestimmt mit Trifonov. Und man kann ja nicht gackern und dann kein Ei legen. Und dieses Ei ist ganz frisch: Noch keine Woche alt. Hier ist also das Klavierkonzert Nr.1 e-moll von Frederic Chopin, gespielt von Daniil Trifonov (wie ich den Jungen liebe!). Was das mit ernster/unterhaltsamer Musik zu tun hat? Alles! Das ist nämlich ernst UND unterhaltsam, und der Junge hat keinen Stock im A…, sondern eine Menge Spaß beim Spielen.
Das hören und sehen Sie nicht? Dann sind sie halt blöd. Oder taub. Oder blind. Oder taub und blind. Oder taub und blind und blöd. Im Ernst.

 

E- und U-Musik – Wikipedia

E- und U-Musik sind die Bezeichnungen für den Versuch, musikalische Phänomene in ernste Musik (E-) und Unterhaltungsmusik (U-) zu unterteilen. Die Entgegensetzung von E- und U-Musik stammt von der Verteilungspraxis der Verwertungsgesellschaften seit Beginn des 20. Jahrhunderts her.

de.wikipedia.org

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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