Das ist nicht Amerika

Der Auftritt von Helene Fischer beim DFB-Pokalfinale ging am vergangenen Samstag in einem Pfeifkonzert unter. Den Fans aus Dortmund und Frankfurt ging es aber weniger um die Sängerin selbst als um die zunehmende Eventisierung des Sports. Man mag die Pfiffe für unangemessen halten, der Deutsche Fußball Bund sollte die Kritik dennoch ernst nehmen. Denn eine Eventkultur wie in den USA ist nicht 1:1 auf Europa übertragbar.

Atemlos durch die Nacht. Bei ihren zahlreichen Fans kommt Helene Fischer, hier bei einem Auftritt in Stuttgart, deutlich besser an als bei den Anhängern von Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt am vergangenen Samstag. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Fred Kuhles

1994 war ich das erste Mal in Kanada. Neben unzähligen positiven Erinnerungen blieb auch ein Ereignis negativ an mir haften: Der Besuch eines Baseball-Spiels. Nicht dass mich dieser Sport irgendwie interessiert hätte, der Ausflug ins Stadion stand nun einmal im Programm meiner damaligen Sprachschule. Man sollte einen Einblick in Land, Gesellschaft und wohl auch in die sportlichen Gepflogenheiten erhalten. Das eigentlich Spannende – oder sagen wir: Bedrückende – war: Auch viele Einheimische zeigten ein kaum stärkeres Interesse am Spielgeschehen als ich. Dabei hätten sich die Kanadier doch sehr viel mehr für den Sport und ihre Montreal Expos begeistern müssen als ein Gast aus Mitteleuropa. Man unterhielt sich, ging ständig in den für damalige Verhältnisse üppig aufgestellten Gastronomiebereich oder suchte sonst irgendwie Zerstreuung. Die Partie indes wurde immer wieder unterbrochen für Showeinlagen, Tanzvorführungen und – last but not least – Werbejingles. Die Atmosphäre erinnerte mehr an einen sonntäglichen Ausflug in den Stadtpark als an die Stimmung in einem x-beliebigen Stadion der Fußball-Bundesliga.

Stimmung wie beim Sonntagsausflug

Der Eindruck, dass der sportliche Wettkampf in Nordamerika Beilagecharakter hat, verstärkt sich dadurch, dass die Bedeutung eines Vorrundenmatchs in der Tat begrenzt ist. Die besten Teams ihrer Gruppe ziehen anschließend in eine Zwischenrunde ein, bevor es später in den Play-Offs wirklich ernst wird. Einen Abstieg, wie er im europäischen Sport gang und gäbe ist, kennt die nordamerikanische Baseball-Liga nicht. Dafür kann es sein, dass ein Team in eine andere Stadt umgesiedelt wird, falls der wirtschaftliche Erfolg ausbleibt. Genauso erging es den Montreal Expos. Die Liga gab 2004 bekannt, das Franchise aus dem wenig profitablen kanadischen Markt in die US-amerikanische Hauptstadt Washington zu verlegen, wo zuvor mehr als 30 Jahren lang kein Profi-Baseball mehr gespielt wurde.

Mit der Gewissheit, dass ein derart vom Businessgedanken durchorchestrierter Sport nicht mit den europäischen Gepflogenheiten kompatibel ist, kehrte ich in meine hessische Heimat zurück, um mich Samstag für Samstag an den Partien der Frankfurter Eintracht, zugigen Stehplätzen, alkoholfreiem Bier und Laugenbrezeln zu erfreuen. Der Komfort mag im Frankfurter Waldstadion, wie es damals noch hieß, kleiner geschrieben worden sein als im überdachten Olympiastadion von Montreal, die Stimmung und der sportliche Nährwert waren dagegen um Dimensionen besser.

Europa hat andere Fankultur als USA

Nun sind seit meinem Montreal-Erlebnis über 20 Jahre vergangen. Sportpuristen mussten inzwischen hinnehmen, dass es Franchises nicht bloß in den nordamerikanischen Ligen gibt. Mit RB Leipzig ist ein ganz ähnliches Konstrukt in der obersten deutschen Fußballspielklasse angekommen. Und während einst ruhmreiche Traditionsvereine wie der 1. FC Kaiserslautern oder der Nürnberger Club sich immer schwerer tun, überhaupt am Leben zu bleiben, mischt neben den Leipzigern auch der von einem Mäzen gepäppelte „Dorfklub“ FC Hoffenheim die Liga auf. Die im Orbit von Großkonzernen wie Bayer und Volkswagen aktiven „Werksteams“ aus Leverkusen und Wolfsburg haben sich zwar dieses Jahr eine Erfolgspause gegönnt. Sie sind finanziell dennoch derart im Vorteil, dass sie nächstes Jahr wieder Traditionsvereine wie den 1. FC Köln oder Werder Bremen übertrumpfen könnten.

Der Deutsche Fußball Bund (DFB) selbst ist in Sachen Kommerzialisierung längst schon weiter als die Bundesliga. Dem Nationalteam wurde der international vermarktbare Name „Die Mannschaft“ verpasst und bei Länderspielen ähneln Show- und Rahmenprogramm immer mehr den Gepflogenheiten, die man aus Übersee kennt. Eine Helene Fischer in der Halbzeitpause eines Freundschaftsspiels des DFB-Teams wäre keineswegs ungewöhnlich gewesen. Vielleicht hätte es dem Event- und Familienpublikum des DFB sogar gefallen. Die Schlagerdiva aber ausgerechnet beim Pokalfinale zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt, zwei ausgeprägten Traditionsteams mit entsprechendem Selbstverständnis, singen zu lassen, war dagegen keine kluge Idee. Jeder, der sich in die Stimmung beider Fanlager hineinversetzt hätte, hätte das Pfeifkonzert vorhersehen können. Eine Amerikanisierung und Eventisierung des Fußballs ist Westfalen wie Hessen ein rotes Tuch. Bei einem Endspiel zwischen Leipzig und Hoffenheim wäre die Sache wohl anders gelaufen. Sogar YouTuberin „Bibi“ hätte da eventuell Applaus bekommen.

Furcht vor Kommerzialisierung

Nicht ohne Berechtigung meinen manche, dass man Madame Fischer nicht derart hätte auspfeiffen dürfen. Eine Abstimmung mit den Füßen, hin zum Bierstand oder zum Urinal, hätte es auch getan. Wäre ich im Stadion gewesen, dann hätte ich es auch so gehalten. Nur bin ich gewiss kein Fan der Schlagerfrau, bei den Dire Straits, Oasis oder auch Ed Sheeran wäre ich schon im Stadion geblieben und hätte mir deren Show angesehen. Dann allerdings hätte ich Nahrungsaufnahme und Harnentleerung notfalls in die reguläre Spielzeit verschieben müssen. Im Gegensatz zu den amerikanischen Fans haben hiesige Sportenthusiasten aber ein echtes Interesse an dem, was da auf dem Platz passiert. Darauf wollen und können sie schwer verzichten. Showeinlagen sollten Nebensache sein und kein Event – wie etwa beim Super Bowl in den USA.

Und mit Verlaub: Zehn bis 15 Minuten Musik in der Halbzeitpause, was soll so ein Appetizer bringen? Im originären Interesse der Fans ist das nicht, ansonsten fände so etwas in längerer Form vor oder nach dem Spiel statt. Nicht nur die Ultras aus den Fankurven von Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt dürften da vermuten, dass es zuallererst um die wirtschaftlichen Interessen des Veranstalters geht. Und sie dürften die Nachtigall trapsen hören, dass Sportveranstaltungen künftig – eben wie in den USA – häufiger unterbrochen werden, eben für Werbung und dieser förderlicher Showeinlagen.

Wer in die Küche geht, muss die Hitze vertragen

Nun bin ich beileibe nicht derjenige, der von vorneherein alles verteufelt, was da aus Nordamerika herüber kommt. Beispielsweise sehe ich mir gerne Hollywoodstreifen im Kino an. Sie sind meist besser und oft auch intelligenter gemacht als alles, was hierzulande so zusammenproduziert wird. Ab und an trinke ich auch im Ketten-Coffeeshop einen Espresso. Der schmeckt nicht schlecht und es gibt stabil funktionierendes WLAN. Ich habe noch nicht mal Lust, als Zweihunderttausendster täglich, den gegenwärtigen US-Präsidenten öffentlich zu bashen. Das machen genug andere und bei vielen fehlt mir inzwischen einfach die Originalität.

Europa hat aber definitiv eine andere Fankultur als die USA oder Kanada. Oder um es mit David Bowie zu sagen: „This is not America“ (deutsch: „Das ist nicht Amerika“). Deshalb halte ich es ebenso für legal wie für legitim, dass Zuschauer eine Sängerin auspfeifen, weil sie ein Zeichen gegen eine – wenn auch vielleicht nur vermutete – Eventisierung des Sports setzen wollen. Auch das ist Meinungsfreiheit und die gehört zu einer Demokratie nun einmal essentiell dazu. Für den DFB wie für Helene Fischer gilt dagegen: Wer in die Küche geht, der muss die Hitze vertragen können. Und wer mit Show ins Stadion geht, die Reaktionen der Fans. Die Anhänger aus Dortmund und Frankfurt hinterher zu diffamieren, war dagegen das Falscheste was Verbandspräsident Grindel tun konnte. Die „Der-Fußball-das-sind-wir-Attitüde“ dürfte sich der DFB spätestens seit den Skandalen um die WM 2006 eigentlich nicht mehr leisten können.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

More Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen