Dumm oder konservativ?

Es gibt ein Recht darauf, zu wünschen, dass die Welt so bleibt, wie sie ist – jedenfalls in vielem Alltäglichen. Wer das will, ist nicht dumm. Wer das ändern will, braucht Geduld und Argumente.

Es gibt ein Recht darauf, das lecker zu finden. Foto: Oliver Hallmann. Lizenz: CC BY 2.0

Ist die Masse dumm und manipulierbar? Ist ein großer Teil der Bevölkerung für populistische Thesen empfänglich und entscheidet sich deshalb zunehmend bei Wahlen für radikale oder extreme Parteien, die mit demagogischen Parolen auf Stimmenfang gehen? Sind es am Ende gar die ausgefeilten Big-Data-Algorithmen, die den Bürgern manipulativ den Kopf verdrehen? Wer so denkt, wird die Ursachen für die Wahlerfolge von Donald Trump, von AfD und FPÖ nicht verstehen. Wer so argumentiert, hilft am Ende den Populisten.

Die Erfolge von Parteien wie der AfD und Kandidaten wie Trump basieren nicht auf Manipulation. Sie zeigen, dass ein großer Teil der Bürger sich im bisherigen Spektrum der politischen Parteien nicht wiederfindet. Und wer gegen die Parolen der Populisten Stimmung macht, ohne zuerst einmal zu akzeptieren, dass deren Wahlerfolge auf freien Wahlentscheidungen mündiger Bürger beruhen, darf sich nicht wundern, dass jeder Satz, den er ausspricht, die Stimmung zugunsten eben dieser Populisten verschiebt.

Das Recht auf Stillstand

Es gibt ein Recht darauf, zu wollen, dass die Gesellschaft so bleibt, wie sie ist. Es gibt ein Recht darauf, sich eine Landschaft ohne Windräder zu wünschen. Es gibt ein Recht darauf, sich zu wünschen, dass Kinder in „klassischen Familien“ aufwachsen, es gibt ein Recht darauf, zu wünschen, dass die Ehe einer Beziehung zwischen Frau und Mann vorbehalten bleibt, es gibt auch ein Recht darauf, ein Auto besitzen zu wollen, das von einem starken Benzinmotor angetrieben wird.

Es gibt selbstverständlich ebenso das Recht, all dies falsch zu finden, es gibt auch das Recht darauf, auf Konsequenzen dieser Wünsche hinzuweisen, es gibt eben auch das Recht darauf, sich eine andere Gesellschaft zu wünschen.

Aber zunächst mal sind die nicht dümmer, die sich wünschen, dass alles so bleibt, wie es war. Es gibt sogar gute Gründe dafür, nicht alles, was schon lange so ist, nicht einfach deshalb falsch zu finden, weil es nicht fortschrittlich ist. Fortschritt und Veränderung sind kein Selbstzweck, es kann sich auch als dumm herausstellen, Althergebrachtes nur deshalb einzureißen, weil man daran gewöhnt ist.

Jeder hat das Recht, für eine Gesellschaft zu sein, die seinen eigenen Wünschen entspricht, die Konservativen genauso wie die Progressiven. Und wenn die einen meinen, dass die Wünsche der anderen nicht erfüllbar sind, dann müssen sie Argumente bringen, und die anderen nicht als blöd hinstellen.

Was wir jedoch in den letzten Jahrzehnten erleben ist, dass die Politik in allem den „Progressiven“ hinterherläuft. Nicht nur beim Klima- und Umweltschutz, auch bei der Frage, wie Familien aussehen sollen, wie das Zusammenleben von Menschen zu fördern ist, ob man noch irgendwo rauchen darf, ob man Fleisch essen darf, ob man ohne Helm Fahrrad fahren darf.

Herrschaft der Progressivisten

Keine politische Partei, die heute im Bundestag sitzt, hat noch Verständnis für die, die nicht fortschrittlich sein wollen. Was aber, wenn das die Mehrheit ist? Dann müsste die Politik doch auch diesen Menschen eine Stimme geben?

Man macht sich gern lustig über diese Leute. Wenn die ohnmächtig sagen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ dann lachen die Progressivisten gern sehr fortschrittlich und sagen: „Na, sagt es doch. Verbietet euch doch keiner.“ Aber ein bloßes Sagen ist eben stimmlos, wenn es in der Politik gar nicht und in den Medien kaum zur Sprache kommt. Wenn der Journalist den, der spricht, nur mitleidig anlächelt und sich im anschließenden Kommentar darüber wundert, wie einfältig dieses Volk doch ist.

Klar kann man fast alles sagen in diesem Land. Aber deshalb hat man in Politik und Medien noch längst keine Stimme, die gehört wird. Und wenn nun Leute kommen, die versprechen, diesen Menschen eine Stimme zu geben, dann werden die gewählt. Das ist keine Manipulation, das ist eine nachvollziehbare freie Entscheidung.

Die Volksparteien hätten zunächst mal die Aufgabe, denen, die keine Veränderung wollen, eine Stimme zu geben. Sie haben auch die Aufgabe, mit ihnen den Konsens über das, was dennoch verändert werden muss, auszuhandeln. Wenn das gelänge, dann würde es keine Populisten geben. Aber ein Wandel dahin wird schwierig. Denn die Fortschrittler werden das als Rechtsruck diffamieren.

Im Moment haben wir die Herrschaft einer Minderheit der Fortschrittlichen, die meinen, zu wissen, wie sich die Gesellschaft wandeln muss. Ihnen ist die Demokratie im Herzen suspekt, weil sie all die, die keinen Wandel wollen, für dumm halten. Die Demokratie selbst schickt sich jedoch an, hier korrigierend einzugreifen. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Das Erstarken des Populismus, oder die Re-Integration der Konservativen in die Volksparteien. Wie schmerzhaft der Weg wird, hängt davon ab, welche Möglichkeit wir zulassen.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • derblondehans

    Konservativ, lat. conservare, ‚erhalten, bewahren‘, ‚etwas in seinem Zusammenhang erhalten‘, ist progressiv! Was sonst? Alles andere ist Zeitgeist … manchmal/oft/immer – dumm! … und es gibt kein Recht auf Dummheit.

    • Schnatz

      Interessanterweise gibt es Menschen, die das „konservieren“ als Teil der Dummheit ansehen, die das Land Deutschland so aufhält, in fast allen Belangen. Technik? #Neuland

      • derblondehans

        … ja, die gibt ’s … die die Dummheit ‚konservieren‘ wollen/möchten. Aber
        interessant? … eher langweilig. Oder?

  • Robert

    Mein grundsätzliches Problem mit Sprüchen á la „ist doch Meinungsfreiheit, wenn man keine Adoption für schwule Paare will“ – als weißer, heterosexueller Mann ist das leicht gesagt.

    Es kann mir ja auch total egal sein, wenn jemand so denkt, oder wenn solche Leute das gar dauerhaft in der Politik durchgesetzt kriegen.

    Ich muss nicht darunter leiden, wegen meiner angeborenen Präferenz anders, schlechter behandelt zu werden, ich brauche mich niemals im Leben verstellen, ich muss deswegen niemals Selbstmordgedanken haben.

    Wenn ich also nur mich und meinesgleichen sehe, dann fällt es mir natürlich leicht, eine AfD oder einen Trump als demokratische Alternative zu sehen, die es „denen da oben“ doch ruhig mal zeigen soll. Wenn dann auch viele „da unten“ darunter leiden, egal, als weißer heterosexueller Mann werde ich sicherlich als letzter drankommen, wenn überhaupt.

    Eher werde ich allerdings drankommen, wenn die „Kohle statt Windräder“-Fraktion gewinnt.

    Man kann sich immer darüber streiten, wie Veränderung aussehen soll, oder wie schnell sie gehen soll bzw. muss.

    Sich aber dieser Veränderung komplett zu verschließen, oder sie gar zurückdrehen zu wollen, wenn unter dem Status Quo Menschen ganz praktisch und objektiv leiden (werden), halte ich für keine Alternative. Weder in Deutschland noch anderswo.

    Ein konservativer Ansatz kann durchaus darin liegen, bremsendes Korrektiv zu sein, wenn die Progressiven wieder alles jetzt sofort wollen.

    Wenn das aber zu einer Vollbremsung oder gar einem Rückwärtsgang werden soll, dann darf man schon darauf hinweisen, dass dies auf Dauer Deutschland/der Menschheit nicht gerade förderlich ist. Sogar, dass es in gewisser Weise ziemlich dumm ist.

    • The Saint

      Robert, ich bin gegen die Adoption von Kindern durch schwule Paare. Ich schaue weg, wenn sich im Film zwei Männer küssen, das erzeugt in mir Unwohlsein.

      Mir sind die Argumente, warum Schwule adoptieren dürfen müssen (alles hundertmal gehört) völlig Wurscht, ich halte meine Argumente dagegen für besser.

      Mir ist es auch egal, ob Männer sich auch in der Öffentlichkeit abschlecken können müssen dürfen, das ist schon bei manchen Hetenpärchen eine Zumutung, zusehen zu müssen, aber ich kann ja wegsehen.

      Solange ich diese meine Aversion nicht zur allgemeingültigen Pflicht machen will, ist das meine Sache. Umgekehrt kann mir niemand eine Affinität dazu oktruieren.

      Dass wegen meines Konservatismus „objektiv Menschen leiden würden“, ist kein Argument, das ist emotionale Meinungsmache. Das „objektiv“ ist anmassend, „leiden“ ist relativ (des einen Leid ist des anderen Freud, für den Fall, dass Sie ein iPhone besitzen) und im Besitz der absoluten Wahrheit sind nur Religioten und ihre Anführer.

      Jetzt habe ich vergessen, warum ich Ihnen das alles erzähle.

  • Thomas Ziegler

    Die Welt dreht sich immer weiter. Nichts ist so wie es ist. Denn das Ist, ist in Kürze vorbei. Ich bin daher eher der Meinung, wünschen das alles so bleibt wie es ist, ist zwar legitim aber praktisch nicht durchführbar.

    • Jörg Friedrich

      Die Welt dreht sich gar nicht weiter. Sie kommt seit Jahrmillionen nicht aus ihrer immer gleichen Schleife um die Sonne heraus.

      • Herold Hansen

        Ziegler hat natürlich recht, denn was er sagen will , ist natürlich das „panta rhei“ (alles fließt) des Heraklit, aus dem bei Platon noch deutlicher das „panta chorei kai ouden menai“ (Alles bewegt sich fort und nichts bleibt.) wurde.

        Bei den Vorsokratikern findet man den Gedanken: Man kann niemals zweimal in denselben Fluss steigen.

      • The Saint

        Nicht ganz richtig. Die Erde war noch niemals am selben Ort im Weltall zweimal.

    • Herold Hansen

      Richtig, meint auch Goethe:
      „Denn alles muss in Nichts zerfallen, wenn es im Sein beharren will“.

  • Thomas Krämer-Badoni

    Das ist mir zu einfach, weil hierbei die Fremdenfeindlichkeit, Verfassungsferne und masslose Aggressivität dr besorgten Bürger unter den Tosch fällt, die ich für genau so unzulässig halte wie die linke Gewalttätigkeit. Wenn konservative Personen sich in nationale Sozialisten verwandeln, dann ist das kein demokratscher Akt.

    • The Saint

      Was ist Ihnen zu einfach? Das Recht auf Ablehnung des Fortschritts bzw. es dem Recht, den Fortschritt für gut zu halten, gleichzusetzen? Und wenn Sie dieses Recht ablehnen, was stört Sie dann daran, dass Menschen Fremde oder die Verfasssung ablehnen? Es wird Ihnen evtl. neu sein, aber es ist zulässig, gegen Fremde, die Verfasssung oder Political Correctness zu sein. So wie Sie gegen besorgte Bürger sein dürfen.

      Keine Ursache.

    • kiwabee

      Ich glaube aber auch, dass die „Fremdenfeindlichkeit, Verfassungsferne und masslose Aggressivität der besorgten Bürger“ eine Unterstellung ist. Natürlich gibt es diese auch, aber nicht jeder, der eine rechtspopulistische Partei wählt, zeichnet sich durch diese Eigenschaften aus. Ich kenne in meinem beruflichen Umfeld einige, die zu den Rechtspopulisten tendieren und die weder völlig blöd, noch völlig ungut sind. Ganz im Gegenteil sehr nette Menschen, die mit bestimmten politischen Entscheidungen sehr unzufrieden sind, und sich von anderen Parteien nicht vertreten fühlen. Von „fremdenfeindlich“ oder „verfassungsfeindlich“ kann jedenfalls keine Rede sein.
      Da würde ich zb Erdogan-Anhänger als um einiges verfassungsfeindlicher und aggressiver einstufen.
      Es beginnt schon mit diesen Zuschreibungen. Man ist überzeugt, dass diese Wähler entweder dumm oder böse sind. Und das stimmt so nicht. Wäre ja auch ein bisschen zu einfach, nicht?

  • The Saint

    Entweder dumm oder konservativ, die Leute müssen sich schon entscheiden.

  • derblondehans

    … ich meine es passt hier her:

    Es geht ums Ganze

    ‚Wenn selbst jemand wie Broder ein Banner mit „Ihr Totengräber :(“ aufhängt, dann scheint die Achse schwer getroffen zu sein. Das Boot leckt. Das sollte niemandem gefallen, der Interesse daran hat, dass wir uns selbst eine Meinung bilden, als diese vorgebildet bekommen. Eine der liebsten Parolen des linksextremen Lagers ist die des „Hetzers“. Dabei ist es genau das, was hier stattfindet: eine Hetzkampagne gegen eines von Deutschlands größten, unabhängigen Portalen, bei denen renommierte Autoren, Journalisten, Künstler schreiben.

    Unser Recht auf Meinungsäußerung wird mittlerweile von den Medien als eine gefährlichere Waffe angesehen, als der tagtäglich in Europa ablaufende Zug von Mord, Raub und Vergewaltigung. „Hass im Netz“, und „FakeNews“ sind für diese Elite ein wichtigeres Thema, weil es ihre eigene Position betrifft. Der Pöbel, der mit den Auswirkungen der Einwanderungspolitik in den Ghettos des Ruhrgebiets und anderswo zu kämpfen hat, ist diesen Schönen und Guten fern und unwichtig.‘

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