Fußballwunder und neues Jerusalem

Auch abseits der großen Politik war 2015 ein ereignisreiches Jahr; es gab Verlierer und Gewinner. Dirk Schuster schaffte mit Darmstadt 98 ein echtes Fußballwunder, ein griechischer Minister wurde zum Darling der Verschwörungstheoretiker. Und die ARD scheiterte mit dem Versuch, den Propheten des neuen Jerusalem für Deutschland singen zu lassen

von MH891 (Diskussion) 16:19, 25. Mai 2015 (CEST) (Selbst fotografiert) [Copyrighted free use], via Wikimedia Commons
Ein Wunder ist geschehen! Am 25. Mai 2015 feierte Underdog Darmstadt 98 den Aufstieg in die Bundesliga. von MH891 - gemeinfrei

Viele nehmen den Jahreswechsel zum Anlass, um Bilanz zu ziehen, Personen des Jahres zu küren oder Gewinner und Verlierer in irgendwelchen Kategorien zu benennen. Wie subjektiv solche Rankings sind, zeigt das „Time Magazine“. In dessen Wertung zur „Person des Jahres“ folgt auf die deutsche Bundeskanzlerin der Anführer des Islamischen Staates, dann kommt der hierzulande nicht gerade positiv konnotierte US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Viel gemeinsam dürften die drei Genannten nicht haben. Außer, dass sie vielleicht die Schlagzeilen der Medien maßgeblich mitbestimmt haben. Was allerdings auch auf FIFA-Präsident Blatter (immerhin „Schweizer des Jahres“), Vladimir Putin (hat gewiss ein Abo auf den Titel „Russe des Jahres“) oder Pep Guardiola (vielleicht „Katalane des Jahres“?) zutreffen dürfte.

Alle küren ihre „Person des Jahres“

Nun ist das „Time Magazine“ mit seiner Kür nicht allein. Der „Kicker“ etwa macht das auch. So unterschiedliche Publikationen wie die das „Handelsblatt“, der „Focus“ und die „Gala“ haben ebenso Listen mit Gewinnern des Jahres abgedruckt. Warum also nicht auch in dieser Kolumne ein paar Gewinner und Verlierer ausloben?

Da wir uns hier zumeist in der Welt von Film, Sport oder Kuriosem bewegen, soll sich das Casting auf diese Sphären beschränken. Kanzlerin und IS-Kalif fallen daher von vorn herein aus der Wertung. Trump immerhin bleibt im Rennen.

Für uns liegt nahe, sich dem Votum des „Kicker“ anzuschließen und den Trainer von Darmstadt 98, Dirk Schuster, zur „Person des Jahres“ zu krönen. Erstens wird jedem Fußball-Nostalgiker warm ums Herz, wenn ein Klub mit kleinstmöglichem Etat fast von Liga 4 in Liga 1 durchmarschiert und dabei noch dem mit Brause-Millionen gepamperten Retortenklub aus Leipzig eine lange Nase zeigt. Und obwohl die aktuellen Darmstädter Spieler zuvor überall gescheitert waren und das Klubumfeld an einen Zeitsprung zurück in die 70er Jahre erinnert, stellen die Lilien ab und an echten Bundesliga-Größen ein Bein. In der Halbzeit-Tabelle liegen die Südhessen vor weitaus finanzstärkeren Klubs wie Stuttgart, Hannover – und Dietmar Hopps Hoffenheim, dank SAP-Millionen ebenfalls einer der neureichen Kunstvereine.

Schuster hat in Darmstadt ein Wunder vollbracht

Wenn eine US-amerikanische Zeitung Deutschland – trotz Flughafen Berlin, Hamburger Elbphilharmonie und „Wertarbeit“ á la Volkswagen – zur neuen „CanDo-Nation“, also zum Machervolk, erklärt, dann muss Darmstadt mindestens eine „CanDo-Stadt“ sein und Schuster der „CanDo“-Typ schlechthin. In der Tat: SV98-Stürmer Marco „Toni“ Sailer berichtete uns in einem Interview, dass der hessische Höhenflug keines Falls vom Himmel gefallen kam, sondern vielmehr die Frucht harter Arbeit war. Zudem betonte auch Sailer die überragende Bedeutung Schusters. Ohne seine Begeisterungsfähigkeit, seine Menschenführung und sein taktisches Geschick gäbe es am Böllenfalltor womöglich immer noch Dritt- oder Viertligaduelle gegen Großaspach, Chemnitz oder die Würzburger Kickers.

Stattdessen lernen nun Weltstars wie Xabi Alonso, Robert Lewandowski oder Chicharito die Vorzüge der 70er-Jahre-Atmosphäre im 98er-Stadion kennen. Läge Darmstadt in Österreich, der legendäre Fernsehkommentator Edi Finger hätte die Erfolgsstory gewiss mit einem „zwickts mi, i glaab i draam“ kommentiert.

Varoufakis – mehr Glanz als Substanz

Mit dem „Wunder vom Böllenfalltor“ ist es Schuster aus unserer Sicht gelungen, die gefühlte Nummer 2, den griechischen Ex-Finanzministerdarsteller Yanis Varoufakis, abzuhängen. Stünde nur dessen Wirken als Politiker zur Wertung, Varoufakis hätte selbst diese Platzierung eher nicht verdient. Aber wir konzentrieren uns ja auch auf Star-Appeal und Glamour-Faktor. So trüb die politische Bilanz nach nur einem halben Jahr Minister-Aufführung war, so rasant verlief Varoufakis`Aufstieg in der Yellow-Press und bei Verschwörungstheoretikern.

Mit Ledermantel, Motorrad und offenem Hemd brachte der virile Schuldenrebell mitunter gestandene Politmoderatorinnen zum Erröten. Seine steilen Thesen zur internationalen Finanzpolitik stiegen bei einer Querfront vom ganz linkem bis zum ganz rechten Rand zwischenzeitlich schneller im Kurs als die T-Aktie in ihren besten Tagen. Nicht nur in Griechenland werden inzwischen T-Shirts mit dem Konterfei des Hellen verkauft – angelehnt an ein entsprechendes Modell Ché Guevaras. Darüber hinaus bezeugte der Sozialist mit mehreren in Celebrity-Magazinen veröffentlichten Fotos, dass man zwar Marxismus predigen, dabei aber durchaus im üppigen Upper-Class-Ambiente residieren kann. Nicht immer bestimmt das Sein das Bewusstsein.

Vom abseitigen Wissenschaftler in Griechenland hin zum „sexiest rebel alive“. So einen Aufstieg schafft wohl nicht jeder Athener Wirtschaftsprofessor! Musste der Spieltheoretiker früher bei irgendwelchen obskuren Weltverbesserertreffen in Kroatien noch den „großen Effenberg“ zeigen, um zumindest in radikalen Internetforen entsprechend Widerhall zu finden, so rissen sich die Talkshows zeitweise geradezu um ihn. Varoufakis`Bücher erzielen noch immer enorme Auflagen. Der Politjob als Prequell zum lukrativen globalen Revoluzzerrdasein. Auch so kann Karriere gehen.

Immerhin: Grieche lieferte stets eine gute Show

Für Griechen und Europäische Union indes war Varoufakis`Gastrolle in der Regierung im besten Fall eine verlorene – und sicher auch kostspielige – Zeit. Aber immerhin: Eine gute Show hat der Yanis stets abgeliefert – oder um es in der Sprache der Eiskunstlaufjuroren zu sagen: Die B-Note hat gestimmt…

Auf Platz drei setzen wir J. J. Abrams. Dem Regisseur und Produzenten ist es gelungen, mit „Star Wars – das Erwachen der Macht“ den erfolgreichsten Start der Kinogeschichte hinzulegen. Sicher, irgendwie ist es ein Selbstläufer, wenn der omnipotente Disney-Konzern die größte Kino-Franchise überhaupt wieder zum Laufen bringt. Allerdings ist der Film nicht nur handwerklich perfekt gemacht. Alte Stars wie Carrie Fisher oder Harrison Ford lassen auch langjährigen Fans schnell warm ums Herz werden; frische, unverbrauchte Schauspieler wie Daisy Ridley oder John Boyega führen mit ihrem Talent wiederum eindringlich vor Augen, warum das amerikanische oder britische Kino auch künftig Lichtjahre vor dem hiesigen liegen wird. Einen Til Schweiger könnte man sich nicht einmal in der Rolle von Jar-Jar Binks ernsthaft vorstellen…

Abrams hat Mythos Star Wars neu belebt

Abrams und sein Team haben nicht nur ein perfektes Ensemble aus jung und alt zusammengestellt. Es ist ihnen vor allem gelungen, einen Mythos aufleben zu lassen, ohne ihn konservieren zu wollen.

Gewiss, das „Erwachen der Macht“ wirkt in weiten Teilen wie eine Hommage an die Anfänge des Star-Wars-Kults. Aber das dürfte Absicht gewesen sein. Wenn es Abrams nun schafft, im nächsten – bereits angekündigten – Stars Wars Streifen ganz neue Akzente zu setzen, dann ist ihm endgültig ein Platz im Hollywood-Olymp sicher.

Wo es Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben. Aber hier wollen wir zum Jahresende gnädig sein – und die meisten Unzulänglichkeiten mit dem Mantel des Schweigens bedecken. Kandidaten für die Loser-Kür hätte es aber auch in der „bunten Welt“ im Überfluss gegeben: Den schon erwähnten Herrn Blatter ebenso wie seinen Gegenspieler Michel Platini. Diverse Herren beim Deutschen Fußball Bund nicht zu vergessen. Kurz und schmerzlos präsentieren wir allerdings die ARD – oder besser gesagt, die für den Eurovision Song Contest verantwortliche Redaktion – auf Rang 1.

ARD erlitt mit Naidoo Schiffbruch

Den tiefen Sturz einer nichtssagenden Ersatzkandidatin auf den letzten Platz – weit hinter so profilierten Schlagernationen wie Albanien oder Aserbaidschan – sollte Xavier Naidoo im neuen Jahr wettmachen. Per Fingerzeig wurde der Sohn Mannheims in aller Eile – an den Fans vorbei – ausgewählt. Die Gebührenfunker vergaßen indes das zu tun, was jeder anständige Personalchef vor einer X-beliebigen Neueinstellung macht: Sich über den Kandidaten zu informieren.

Der badische Barde ist gesellschaftspolitisch ja kein Unbekannter, sondern immer wieder mit seiner Meinung als Borderliner aufgefallen. Mannheim nannte er einmal das „neue Jerusalem“ – obwohl man dort Ölberg und Garten Gethsemane vergeblich suchen muss. Auch wurden Naidoos Auftritte bei rechtsverschwörerischen Gruppen in den Medien bereits umfänglich kommentiert. What you get, is what you see!

„Lebbe geht immer weiter“

Überraschend hätte das Echo in den Medien und den sozialen Netzwerken für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in keinem Fall kommen dürfen. Die Damen und Herren Redakteure hätten zur Not einfach mal googlen müssen, bevor man Xavier für Deutschland singen lässt. So gebührt der ARD neben dem Schaden verdientermaßen auch der Spott. Naidoos Image dürfte ebenso Kollateralschäden abbekommen haben, obwohl der wirklich nichts für die Pleite konnte.

Wie dem auch sei: Für Verlierer wie für Gewinner gilt auch im neuen Jahr die Weisheit des hessisch-serbischen Volksphilosophen Dragoslav Stepanovic: Lebbe geht immer weiter…

In diesem Sinne: Ein gesundes und erfolgreiches 2016

 

 

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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