Die Motte, die Flamme und der tote Träumer – oder – Fuck, die Scheibe knallt wie Sau!

Ulf Kubankes Hörmal-Kolumne beschäftigt sich diese Woche mit Metallicas Comebackplatte „Hardwired…To Self-Destruct“. Unser Musikversteher ist begeistert und erblickt darin genau jene Scheibe, die viele den Metal-Schwergewichten nicht mehr zugetraut haben. Viele Songs sind „eine Brut, gezeugt von Splitterbombe und Rakete“.

(c) Universal Music

Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn.“
(In seinem Haus zu R’lyeh wartet träumend der tote Cthulhu)

H.P. Lovecraft

Apokalyptische Zeit

„We’re so fucked! Shit outta luck! Hardwired to self-destruct!“ – Ebenso derb wie prägnant bringen Metallica unsere apokalyptischen Zeiten auf den Punkt. Egal welches aktuelle Beispiel des Grauens man herauspickt: Schlussendlich wählt die Menschheit sich ihre Wölfe im Wolfspelz noch immer gern selber und läßt sich bereitwillig zur Schlachtbank führen. Mit „Hardwired…To Self-Destruct“ gelingt der Metal-Legende der perfekte Soundtrack zu allem Irrsinn, aller Verrohung und dem nimmermüden Totentanz auf der Rasierklinge, in dem unsere Spezies sich gegenwärtig umschlingt.

Daneben personifiziert die Platte alle Vitalität, Frische und schiere Kraft, auf die Metallicafans seit gefühlten Äonen warten. Langjährige Skeptiker finden endlich wieder Grund zur eisernen Freude. Ganz besonders jene, die ohnehin finden, „Death Magnetic“ sei ebenso halbherziger wie mies produzierter Kasperkram; alles nach „Master Of Puppets“ keine echte Offenbarung und „Ride The Lightning“ sowieso das beste Speed ’n‘ Thrash-Album der gottverdammten Musikgeschichte. Dieser Fraktion lege ich als Anspieltipp besonders den Knochenbrecher „Spit Out The Bone“ ans Herz. Es ist ein zermalmender Zerberster, der nicht nur in Visage und Hoden tritt, sondern gleich den gesamten Kopf abreißt. Durch seine schöne geometrische Struktur transportiert das Lied den unverwechselbaren Markenkern Metallicas, ohne im Klischee zu erstarren. Besonders „der Neue“ Trujillo greift hier auf, was Ur-Vorgänger Cliff Burton u.A. auf „For Whom The Bell Tolls“ hinterließ.

Alles Andere als Nostalgie

Erfreulicherweise ist diese zehnte Studioscheibe dennoch kein Backlash für nostalgische Metalheads. Im Gegenteil: Die Platte strotzt nur so vor Vielschichtigkeit und verankert den Blick fest nach vorn. Die Amerikaner schmieden aus sämtlichen Facetten ihrer dreieinhalb Dekaden einen mächtigen Buntmetal-Leviathan. Mit jedem Hördurchgang entdeckt man neue Schattierungen, neuen Schimmer.

Bestes Beispiel für so einen „Grower“ ist das nagelnde Brett „Atlas, Rise!“. Natürlich wächst hier in Wahrheit nicht der Song, sondern die Wahrnehmung des Hörers. Von Lauf zu Lauf wandelt sich das Stück vom treibenden Klopper zur cleveren Hymne mit einem Hauch songdienlichen Pathos‘. Das passt gut. Denn auch die Lyrics haben einen doppelten Boden in petto. Einerseits kann man den Track auf die griechisch-mythologische Ebene beziehen. Andererseits funktionieren die Zeilen ebenso gut als Ayn Rand-Hommage. Letzteres wäre nicht das erste Mal (siehe „The Unfogiven“), sind Hetfield und Ulrich doch bekennende Bewunderer der polarisierenden Philosophin.

Dieses „Two-Face“-Naturell kommt nicht von ungefähr und zieht sich als berühmter roter Faden durch „Hardwired….To Self-Destruct“. So ist bereits die Konzeption als Doppelalbum offensichtlich kein Zufall. Ungefähr die Hälfte ist eine Brut, gezeugt von Splitterbombe und Rakete. Vieles knallt wie Sau, huldigt dem Bleifuß und tackert sich mit Lichtgeschwindigkeit ins Hirn. Auf der anderen Seite zeigen sie eine langsame – gleichwohl nicht beruhigende – Seite. Passagen trostloser Finsternis schleichen sich ein, als hätte man es zwischendurch mit Paradise Lost zu tun („Confusion“). Zwei Nummern schälen sich als Höhepunkte dieser Strömung heraus. „Am I Savage“ räumt als Fortsetzung von „Am I Evil“ grandios darkrockig ab. Allein schon für die inspirierten Gitarrensounds lohnt sich die Nummer. Mein Favorit ist dennoch das ebenso epische wie intensive „Halo On Fire“. „Obey, obey, just don’t turn away./ Beyond the black, come, won’t you stay?/ Hello darkness, say goodbye.“

Jagger/Richards des Metal

Als musikalisch federführender Kern dominieren Metallica einmal mehr Hetfield/Ulrich als Lennon/McCarntney und Jagger/Richards des Metal. Die druckvolle, dabei transparente Produktion teilen sie sich mit Greg Fidelman. Letzterer erweist sich erwartungsgemäß als gute Wahl. Hat er neben Metallica doch schon Essentielles für den Sound von u.A. Black Sabbath, Bruce Dickinson (Iron Maiden), Marilyn Manson oder „Californication“ der Red Hot Chili Peppers beigetragen.

Ein schönes Detail sind die in ihrer Häufung ungewohnt konkreten Widmungen mancher Lieder. „Murder One“ etwa ist ein Kniefall vor Motörheads Lemmy. Leider zündet der Track nicht so gut wie die restlichen Lieder des Albums und wirkt als einziges Stück ein wenig mittelmäßig. „Dream No More“ geht zum ersten Mal seit 1984 („The Call Of Ktulu“) wieder an die Adresse des toten Träumers Cthulhu. So untopbar destruktiv wie die menschliche Rasse momentan drauf ist, kann der gute Mr. C. aber gleich liegenbleiben. Sein Job klappt augenscheinlich auch ohne ihn recht gut.

Doch der musikalische wie textliche Höhepunkt steht noch aus: Selbiger hört auf den Namen „Moth Into Flame“ und verkörpert einen Epitaph für Amy Winehouse. Empathisch und berührend vergleichen sie die verstorbene, großartige Künstlerin mit einer Motte, die – angezogen vom trügerischen Licht – in der Flamme verglüht. Ruhm und falsch verstandenes Popstartum sitzen als Scheiterhaufen auf der Anklagebank. Der Chorus ist eine melodische Glanztat und einer der stärksten Metallica-Refrains überhaupt. „Sold your soul. Built a higher wall./ Yesterday… Now you’re thrown away…..“

Zum Abschluss dieser Kolumne empfehle ich neben diesem grandiosen Comeback gern meine Alltime-Lieblingsmetallicaplatte – „…And Justice For All“ im Allgemeinen und meinen ebenso ewigen Songfavoriten dieser Band im Besonderen: „To Live Is To Die“. Schon immer war ich ein großer Freund ihrer akustischen Intros, die als ganz und gar eigene Skulpturen erstrahlen. Der gesamte zehnminütige Song ist ein Meilenstein des eleganten Metal und betört euch hoffentlich genau so sehr, wie es mir mit dem Stück seit fast 30 Jahren geht. Auch nach so langer Zeit nimmt es mich noch immer gefangen. Euch auch?

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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