Ne Unterhosen-Kolumne

Es ist heiß, der Autor sitzt in Unterhose am Schreibtisch und ihm fällt partout nichts ein, worüber er was schreiben könnte. Folge 1 der neuen Unterhosen-Serie von Henning Hirsch

Bild von janjf93 auf: pixabay

»Du hast schon lange nichts mehr geschrieben«, sagt sie.
»Es ist heiß und alles Mitteilenswerte wurde schon tausend Mal geschrieben, bevor ich auch nur darüber nachdenke, was dazu zu schreiben«, sage ich.
»Du bist halt ein langsamer Schreiber«, sagt sie.
»Stimmt«, sage ich.
»Willst du jetzt den gesamten Corona-Sommer in ner Unterhose auf deinem Balkon rumsitzen?«, fragt sie.
»Was ist verkehrt daran, in einem Corona-Sommer in ner Unterhose auf dem Balkon zu sitzen?«, frage ich.
»Nichts ist verkehrt daran, in einem Corona-Sommer in ner Unterhose auf dem Balkon zu sitzen. Aber du solltest trotzdem mal wieder was schreiben. Das wird dir gut tun«, sagt sie und legt auf.

In Facebook auch nichts Neues

Und nun sitze ich in Unterhose an meinem Schreibtisch und überlege, was ich schreiben soll, worüber andere nicht schon viel früher und viel Schlaueres, als ich es gleich tun werde, geschrieben haben. Ich meine, heute ist es doch so: Sie klappen das Internet morgens auf, und PENG werden Sie mit einer Million Informationen, die binnen Nanosekunden über Ihren Bildschirm flimmern, reizüberflutet. Eine chronische Reizüberflutung, die beim Ersten einen chronischem Reizdarm, beim Zweiten chronische Migräne und beim Dritten chronisch schlechte Laune auslöst. Die Kunst besteht also nicht darin, möglichst viele Nachrichten aufzunehmen, sondern zu erkennen, welche 99.9 Prozent man gar nicht erst lesen sollte, um nicht unnötig Lebenszeit mit dem Studium von Infomüll zu vergeuden und chronischen Reizdarm zu vermeiden, denn der ist das schlimmste von allen.

Also, wofür lohnt es sich, am Sonntagmorgen zwei Stunden in Unterhose am Schreibtisch zu sitzen und eine Kolumne zu tippen? Ich schaue kurz in Facebook vorbei, weil dort alles, was auch nur den leisesten Hauch einer Nachricht aufweist, über den Newsfeed gejagt wird. Facebook ist neben meinen nächtlichen Albträumen die beste Inspirationsquelle für neue Texte. Ich lese, „DFG will Dieter Nuhr nicht mehr als Markenbotschafter haben“, und gähne. Das ist ein komplettes Nicht-Thema. Zum einen hat die DFG völlig Recht damit, Dieter Nuhr den Youtube-Stuhl vor die Tür zu setzen, zum anderen ist ein Tag ohne Dieter-Nuhr-alter-weißer-Mann-Kalauer eh immer ein guter Tag. Bloß keine Kolumne über inhaltlich ausgezehrte Comedians, die im Alter den rechten Rand als neue Zielgruppe für sich entdeckt haben. Die gestrige Demo in Berlin wäre vielleicht was: 20.000 Freiheitsbewegte, die gegen Corona, unsere Regierung und die Wissenschaft protestieren. Masken sind schädlicher als das Virus – falls es das überhaupt gibt –, Viren gab es immer schon, wer sich gesund ernährt, wird an Covid-19 nicht sterben, wir lassen uns das Recht auf Massentourismus nicht nehmen, Impfen ist Teufelszeug, die ganze Pandemie ist der größte Schwindel seit Apollo 11 und der Einführung der Sommerzeit etc. etc. Jetzt alles nichts unbedingt Neues; die verquere Diskussion kennt jeder, der in den sozialen Netzwerken unterwegs ist. Aber aufgrund der 20.000-maskenbefreiten-Personen-Haufenbildung mitten im Machtzentrum der Republik doch irgendwie spooky, selbst für Horrorfilm-gewöhnte Netflix-Kunden wie mich.

Am besten gefällt mir ein Video, in dem eine Gruppe Entrückter (was sprachlich eng an ‚verrückt‘ dran ist. Falls diese sprachliche Verwandtschaft jemanden interessieren sollte) den Jesus tanzt. Nun ist den Jesus tanzen sicherlich politisch korrekter als den Mussolini tanzen; ich überlege dabei jedoch fieberhaft, was Jesus wohl zu SARS-CoV 2, den Wissenschaftlern, die vor einer zweiten Welle warnen und den Corona-weg-Tänzern gesagt hätte. Wäre er der Meinung gewesen, dass wir mittlerweile eh alle aufgrund des eitlen medizinischen Fortschritts viel zu alt werden, weshalb eine periodische Reduktionsnummer ab und an notwendig ist, um uns Menschen vom Irrglauben an unsere immerwährende irdische Existenz zu befreien? Ich meine, Gott war im Alten Testament nie zimperlich, wenn es darum ging, seinen Kindern die Grenzen aufzuzeigen. Denken Sie bloß an die zehn Plagen, die er über Ägypten sandte. Dagegen ist Corona ein kleiner Sonntagsspaziergang. Oder hätte Jesus, der ja chronologisch nicht mehr dem Alten, sondern dem Neuen Testament angehört, sich auf die Seite der Alten und Schwachen (neudeutsch = Risikogruppen) gestellt und uns aufgetragen, auf diese Mitbürger besondere Rücksicht zu nehmen? Und zu dieser Rücksichtnahme gehören eben auch zwingend Masken und Mindestabstand. Was mich zu dem Schluss gelangen lässt, dass jemand, der auf einer Corona-ist-auch-nur-ein-Schnupfen-Demo den Jesus tanzt, näher an ver- als an entrückt dran ist.

Und bevor Sie jetzt sagen, der Hirsch wird im Alter wunderlich und sucht verzweifelt Gott – das hier zur Klarstellung: das letzte Mal gebetet habe ich auf Geheiß meiner Mutter – die legte da abends vor dem Zubettgehen Wert drauf – mit 10, und in die Kirche gehe ich nur anlässlich von Beerdigungen, die allerdings mit steigendem Alter meiner Verwandten und Freunde seit ein paar Jahren zunehmen.

Über die wohlstandsverwahrloste Asozialität der Teilnehmer von Anti-Corona-Aufläufen hatte ich allerdings schon mal im Mai diesen Jahres eine Kolumne geschrieben, weshalb ich das heute nicht alles nochmal wiederholen möchte.

Das gute alte Zigeunerschnitzel

Das Thema ‚Rassismus‘ böte sich evtl noch an. Dass es in den sozialen Netzwerken (dort trauen sie es sich, oft unter Pseudonym und mit nem Tierbild im Profil) immer noch ne Menge Sprachnostalgiker gibt, die dem guten alten Zigeunerschnitzel hinterhertrauern, Negerküsse und Mohrenköpfe niedlich finden, die Mohrenapotheke fälschlich vom heiligen Mauritius herleiten und bei der geforderten Umbenennung von Mohrenstraßen meinen, dass es wirklich wichtigere Probleme gibt (z.B. die Beschäftigung mit der in Kürze mal wieder anstehenden Umsatzsteuervorauszahlung oder -rückzahlung oder sonstwas anderes Wichtiges mit der Umsatzsteuer), als alte Straßen umzubenennen (zumal die neuen Schilder ja auch wieder Geld kosten. Geld des Steuerzahlers!), brauche ich Ihnen als altgedientem Facebook-Kämpen nicht zu erzählen. Das lesen Sie ja alles selber in den Beiträgen, die Sie täglich überfliegen. Dass manche Übereifrige nun allerdings auch noch alte Kinderbücher von ‚bösen‘ Begriffen säubern wollen, erfüllt mich dann doch ein wenig mit Sorge. Hier gilt der Grundsatz: Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch immer gut durchdacht oder gar gut gemacht. Nachträglicher Furor gegen Jim Knopf und Pippi Langstrumpf schadet der notwendigen Rassismus-Debatte eher, als dass er ihr nützt.

Nicht jeder, der Negerkuss sagt und gerne Zigeunerschnitzel isst, ist deshalb gleich ein Rassist, Herr Sprachpolizist-Autor, wenden Sie ein?
Das stimmt, antworte ich Ihnen. Jedoch ist die Korrelation zwischen Negerkuss, und „ich würde meine Tochter auf keinen Fall mit einem Afrikaner verheiraten wollen“, groß.
Das soll Rassismus sein? Sie kennen weder mich noch meine Tochter, sagen Sie jetzt?
Genau DAS ist Rassismus, erwidere ich.
Anzeige raus, kommt nun noch von Ihnen, und dann blockieren Sie mich.

Letztlich aber auch ein alter Hut. Darüber wurden schon tonnenweise Kolumnen geschrieben. Selbst von einem faulen Schreiber wie mir. Lohnt nicht, das heute alles ein weiteres Mal durchzukauen. So langsam gehen mir die mitteilenswerten Themen aus, merke ich. Soll ich deshalb an dieser Stelle den finalen Punkt setzen und vom Schreibtisch auf den Balkon wechseln? Halb elf morgens und schon knapp 30 Grad in meiner Bude. Das hält man wirklich nur in Unterhose auf dem Balkon aus.

Aerodynamische Särge und Katzen

Was gäb‘s sonst noch an diesem Sonntag, 2. August 2020, zu berichten? Heute wäre beispielsweise der 92ste Geburtstag von Luigi Colani gewesen. Sie wissen nicht, wer das ist? Schlagen Sie bitte unter „C“ in Ihrer Brockhaus-Taschenbuchausgabe nach. Colani, der nicht nur ein eigenwilliger und erfolgreicher Designer war, hat der Nachwelt neben dem aerodynamischen Sarg und der Küche, in der man jedes Gerät im Sitzen bedienen kann, auch einige durchaus zitierenswerte Sätze hinterlassen. Bspw. diesen hier:

Die Autoproduktion muss weg! Sie muss anderen Verkehrsphilosophien Platz machen.

Bereits in den 80er Jahren getätigt. Ähnliches äußerte in etwa zeitgleich ein Kumpel von mir, der von einem Zentralcomputer gelenkte Kugeln als PKW-Ersatz vorschlug. Wir hielten ihn damals alle für etwas weltentrückt (nicht verrückt, obwohl er unter Alkoholeinfluss stundenweise auch dazu neigte) und empfahlen ihm, weniger Perry-Rhodan-Hefte zu lesen; aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er doch Recht behalten.

Oder den hier:

Das Bauhaus ist out. Outer geht’s gar nicht mehr.

Ich wiederum sage: Lieber Bauhaus als andere bauliche Scheußlichkeiten. Aber ich bin halt bloß ein architektonischer Laie und nicht Colani.

Besonders gefällt mir allerdings diese Reflexion:

Die Nierentische, das war ein geniales Design, das den Menschen einbezog in eine Kommaform.

Und ich überlege, was genau mir der geniale Designer mit ‚einbeziehen in eine Kommaform‘ sagen will. Ist das eine Anspielung auf meine am Schreibtisch vom orthopädischen Blickwinkel aus schlechte Körperhaltung (die man sich wie einen Hybrid zwischen Scheuermann und Bandscheibenvorfall vorstellen muss), ein Plädoyer für mehr runde Ecken in meiner Wohnung, die Erkenntnis, dass es im Leben keine Punkte gibt, sondern unsere irdische Existenz bloß eine zufällige Abfolge von durch Kommas abgetrennten Ereignissen darstellt? Falls ja, dann setze ich an dieser Stelle zur Abwechslung mal ein Semikolon; denn der Strichpunkt läuft seit Jahren Gefahr, in Vergessenheit zu geraten, bis er eines nicht mehr fernen Tages aufhört zu existieren. Dass ich vor einigen Jahren eine Facebookgruppe ‚Rettet das Semikolon!‘ gegründet habe, hatte ich Ihnen schon mal erzählt? Egal, ist auch nicht so wichtig. Mehr als fünf Mitglieder, die sich erbittert über die Notwendigkeit von Strichpunkten im 21. Jahrhundert stritten, hatte die eh nie, und in der Konsequenz lösten wir die Gruppe sechs Monate später wieder auf.

Am 2. August wurden ebenfalls Jonas Blue, Katrin Müller-Hohenstein und Ruth Maria Kubitschek geboren, die bisher allerdings keine zitierenswerten Sätze hinterließen. Deshalb zitiere ich sie in dieser Kolumne auch nicht, denn ich möchte Ihre wertvolle Zeit keinesfalls mit nicht-zitierenswerten Sätzen verplempern.

An einem 2. August gestorben ist u.a. William S. Burroughs, der – bevor Sie jetzt wieder mühsam in Ihrer Lexikon-Taschenbuchausgabe blättern müssen und ihn dort nicht finden, weil Ihre Lexikon-Taschenbuchausgabe der letzte Dreck ist, verrate ich es Ihnen – der Autor von Romanen wie ‚Naked lunch‘ und der ‚Nova-Trilogie‘ und zudem der Erfinder des – mittels vorheriger Drogenzufuhr stimulierten – automatischen Schreibens ist. Wenn ich mir anschaue, wie mühsam ich mit meinem 4-Finger-Suchsystem die Seiten fülle, träume ich manchmal von der Gabe des Maschinengewehr-artigen Tippens. Als ich das aber früher hin und wieder unter massivem Wodkazufluss ausprobierte, betrug der Output jedoch nie mehr als maximal zwanzig Zeilen, die zudem am Morgen danach allenfalls unter Hinzuziehung eines Kryptologen dechiffrierbar gewesen wären. Weshalb ich das Schreiben unter Wodkazufluss irgendwann ganz sein ließ. Das ist aber eine separate Geschichte, die ich heute nicht erzählen will. Vielleicht ein anderes Mal. Erinnern Sie mich aber bitte daran. Ich bin vergesslich.

Diese Erkenntnis von Burroughs möchte ich Ihnen aber heute unbedingt noch mit auf den Weg geben:

Meine Beziehung zu Katzen hat mich davor bewahrt, ein kompletter Ignorant zu werden.

Denken Sie gleich, wenn Sie Ihren Hund Gassi führen, mal darüber nach.

An dieser Stelle setze ich nun tatsächlich den finalen Punkt. Mein Rücken schmerzt, mir fällt partout nichts mehr ein, und ich muss die Unterhose dringend mal wechseln. Zudem ist mir Handlungsfaden zwischendurch irgendwo abhandengekommen.

Dieser Text besaß nie einen Handlungsfaden, geschweige denn einen Spannungsbogen, meinen Sie mit strenger Stimme? Das trifft leider zu, erwidere ich; aber es ist heiß, und die Unterhose ist vom stundenlangen am Schreibtischsitzen komplett durchgeschwitzt und zwickt mittlerweile gewaltig, was den nicht-existenten Spannungsbogen hoffentlich ein wenig entschuldigt.

PUNKT

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Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern ... Wer mehr von mir lesen möchte: www.saufdruck.de

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