Pippi und der Negerkönig

Südsee- oder Negerkönig?
Roma oder Zigeuner?
Plädoyer für die Achtsamkeit mit historisch kontaminierten Begriffen in Kinder- und Jugendliteratur, oder weshalb Lektoren mitunter zur Flasche greifen


Nachträgliche Revision von kritischen Formulierungen in Kinderbüchern: Zensur oder notwendige Korrektur?

„Meine Mama ist ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig. Es gibt wahrhaftig nicht viele Kinder, die so feine Eltern haben!“, pflegte Pippi sehr stolz zu sagen. „Und wenn mein Papa sich nur ein Schiff bauen kann, dann kommt er und holt mich, und dann werde ich Negerprinzessin.“
Pippi in Taka-Tuka-Land (1948)

Wer spontan Lust auf eine lange und kontroverse Diskussion verspürt, der braucht in Facebook bloß die Frage zu stellen, ob alte Begriffe wie Neger, Mohr und Zigeuner aus unserem Sprachschatz eliminiert werden sollen. In wenigen Minuten ist der digitale Teufel los. Die Gemüter erhitzen sich schneller als ein Cerankochfeld auf Stufe 12, die Tastaturen laufen heiß. Die Standpunkte reichen von „ich lasse mir doch den Mund nicht verbieten“, „das ist Gehirnwäsche“ über „es hängt vom Kontext ab“ bis hin zu „ihr seid alle Sprachfaschisten“. Da kommen binnen weniger Stunden schon mal vier-, fünfhundert Kommentare zusammen.

Falls man es bereits als vergebliche Liebesmühe ansieht, seine Zeitgenossen davon überzeugen zu wollen, in der Kantine eine Portion Schweinefleisch mit Paprikasoße statt eines Zigeunerschnitzels zu bestellen, oder Schaumkuss für Mohrenkopf zu sagen, dürfte man sich an das Thema „nachträgliche Textkorrektur“  gar nicht erst heranwagen. Denn hier drohen sofort Keulen wie Zensur, „Kunst darf niemals von Fremden angetastet werden“ und „Orwells Neusprech lässt grüßen“. Trotzdem soll in dieser Kolumne der Versuch unternommen werden, Pro & Contra-Argumente zur Revision kritischer Begriffe in KINDERbüchern gegenüberzustellen und zu einer vernünftigen Vorgehensweise zu gelangen.

N- und Z-Worte waren nie neutral

Zuerst muss allerdings mit einem Irrglauben aufgeräumt werden: Neger, Mohr und Zigeuner waren im Deutschen NIE neutral oder gar positiv besetzt gewesen. So leitet sich Neger zwar – über die Zwischenstationen negro und nègre – vom lateinischen Adjektiv niger (schwarz) ab, zielt also bei oberflächlicher Betrachtung einzig auf die Hautfarbe. Erfunden wurde der Ausdruck im 16ten Jahrhundert und diente als Produktbezeichnung für Menschen, die von Westafrika verschleppt und in die neuen amerikanischen Kolonien verkauft wurden. Neger war also ein Synonym für Sklave. Diesen Zusammenhang kannten die Deutschen, als sie den Begriff mit ein paar Jahrzehnten Verspätung von den Franzosen übernahmen und die ältere Vokabel Mohr dafür über Bord warfen. Mohr wiederum geht auf die Wurzeln moros (altgriechisch = töricht, dumm) und maurus (lateinisch = schwarz, dunkel) zurück, was in der Kombination der beiden Eigenschaftsworte einen stark abwertenden Beigeschmack erhält und in der Konsequenz dazu führte, Schwarze vor allem als Diener ihrer weißen Herren zu betrachten. Die genaue Herkunft von Zigeuner ist bis heute nicht abschließend geklärt. Im Raum stehen mehrere Deutungen: Athinganoi (Anhänger einer gnostischen Sekte, die sich angeblich auf Wahrsagerei und Schlangenbeschwörung spezialisiert hatte), Ciganch (persisch = Musiker, Tänzer), čïgāń (alttürkisch = arm, mittellos). Noch in einer Brockhausausgabe von 1848 wird Zigeuner sogar mit Ziehgauner (also ein nomadisierender Kleinkrimineller) übersetzt. Die seit Mitte des 19ten Jahrhunderts betriebene – auf völlig irrigen Annahmen beruhende – und achtzig Jahre später von den Nationalsozialisten in barbarische Ausrottungsorgien umgesetzte Rassenlehre bedeutete den endgültigen Todesstoß für die oben genannten, diskriminierenden Kennzeichnungen. Sollte man meinen. Dem war aber nicht so. Es dauerte weitere dreißig Jahre, bis endlich eine flächendeckende Sensibilisierung für diese Problematik eintrat.

Denn – und das ist wichtig und entscheidend –: schwarze Menschen möchten nicht als Neger und Mohren tituliert und Sinti & Roma keinesfalls als Zigeuner verunglimpft werden. Tun wir es dennoch, obwohl wir um die negative Konnotation der Worte wissen, reden wir in diskriminierender Weise. Die Argumente, „das haben wir immer schon so gesagt“ und „ich sag’s zwar, meine es aber nicht böse“, ziehen nicht bei Ausdrücken, deren herabsetzende  Zielrichtung seit Jahrzehnten klar erkannt und benannt ist.  Da hilft auch nicht, irgendeinen nebulösen Kontext bemühen zu wollen.

Wenn also unsere Großeltern noch nach Kriegsende die Vokabeln Neger und Zigeuner in den Mund nahmen, war ihnen durchaus bewusst, dass sie sich unkorrekt ausdrückten. Es ist ein frommes Märchen, dass ihnen keine freundlicheren Beschreibungen zur Verfügung gestanden hätten. Afrikaner und Schwarzer waren auch damals schon als Synonyme im Umlauf. Sobald Oma und Opa von Neger sprachen, dann meinten sie es latent abwertend. Es herrschte bis weit in die 70er Jahre die Denkweise vor: „Schau, was aus den ehemaligen Kolonien geworden ist, seitdem die Neger auf sich alleine gestellt sind. Nichts außer Tohuwabohu und Mord und Totschlag“. Insofern jedoch bereits meiner Großmutter halbwegs klar war, dass man das N-Wort besser nicht sagen sollte, um wie viel schwerer wirkt der Gebrauch wider besseren Wissens in Blickrichtung auf Autoren, denen diese Formulierung ja nicht spontan im Verlauf einer Konversation herausrutschte, sondern die alle Zeit der Welt besaßen, sich über die von ihnen fabrizierten Sätze Gedanken zu machen? Der Vorwurf des Rassismus ist bei Lindgren, Preußler, Ende – um nur drei prominente Beispiele aufzuzählen – sicher etliche Nummern zu hoch gegriffen. Kinderbuchschreiber, die Neger, Negerlein, Mohren und Zigeuner in ihre Geschichten integrieren, müssen sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, fahrlässig mit diesen Worten hantiert zu haben. Speziell Negerlein – für das kein Pendant bei anderen Hautfarben existiert – erweckt in mir die Assoziation nach putzigen Haustieren. Sie tanzen, trommeln, pfeifen immer gerne die Negerlein in ihren bunten Baströckchen und sind dabei so erfrischend natürlich, was nichts anderes als naiv bedeutet. Während die weißen Helden der Geschichten stets klug, abenteuerlustig und mutig gezeichnet werden.

Nachträgliche Anpassung: pro & contra

So weit, so gut bzw. schlecht. Wie soll nun ein Verlag im Jahre 2017 bei der Neuauflage von Taka-Tuka-Land verfahren? Die mittlerweile indizierten Wendungen unangetastet lassen oder durch politisch korrekte Termini ersetzen? An dieser Stelle muss mit einem weiteren Mythos aufgeräumt werden: Neubearbeitungen von Texten gab es immer schon. Wie oft sind Altes und Neues Testament in verschiedene Sprachen übersetzt und der Wortlaut dem jeweils geltenden Sprachgebrauch angepasst worden? Wer will schon seine Hand dafür ins Feuer legen, dass sämtliche ausländischen Romane eins zu eins ins Deutsche übertragen wurden und werden? Wie viel Gestaltungsspielraum genießt eigentlich ein Übersetzer? Wie häufig kommt es vor, dass Filmhelden in der synchronisierten Fassung andere Sätze in den Mund gelegt werden, als sie sie im Original von sich geben? Sehr oft!

Sören Heim erklärt dazu in seiner Kolumne Politische Korrektheit – in Literatur immer fehl am Platz? (Okt. 2015):

Schauen wir lieber darauf, was die Bearbeitung mit dem Werk macht, ob sie es verbessert, bereichert, ihm etwas wegnimmt, oder ob sie es kaum berührt.

Solange frühere Versionen nicht unzugänglich gemacht werden, ist gegen künstlerische Bearbeitungen auch im Sinne politisch korrekter Vorstellungen nichts einzuwenden. Nur wäre die Diskussion darüber, ob das Werk dadurch gewinnt oder verliert, nicht mit einem Tabu zu belegen.

Preußler zeigte sich kompromissbereit, Lindgren blieb bis zum Tod stur, Ende war zu Lebzeiten nicht mehr gefragt worden. Trotzdem wurde der Negerkönig in Taka-Tuka-Land nachträglich in Südseekönig abgewandelt. Die Beibehaltung des Negers in Jim Knopf hingegen soll gemäß Erklärung des Verlags dazu dienen, den so redenden Fotografen Ärmel als Besserwisser darzustellen.

Auch wenn ich künstlerische Freiheit als hohes und schützenswertes Gut erachte, bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass sämtliche Literatur sakrosankt ist und nicht kritisch hinterfragt und in bestimmten Fällen sogar korrigiert werden darf. Welche Vorgehensweisen bieten sich an?

(1) Gar nichts tun. Alles so lassen, wie es einst zu Papier gebracht wurde
(2) Wie (1), jedoch einen Erklärtext voranstellen
(3) Die Worte austauschen.

Die Befürworter von (1) stellen sich auf den Standpunkt, dass diskriminierende Formulierungen am besten durch den vorlesenden Elternteil erklärt und mit dem zuhörenden Kind diskutiert werden. Das sei sinnvoller als reines Window dressing. Klingt plausibel, entpuppt sich allerdings bei näherer Betrachtung als fromme Absichtserklärung.  Die meisten Bücher liest man als Kind und Jugendlicher alleine und erkundigt sich auch im Nachgang nicht bei Vater und Mutter, ob bestimmte Vokabeln vom Autor richtig oder falsch eingesetzt wurden. (2) ist eine Totgeburt. Denn – Hand aufs Herz – wer studiert schon ein Vorwort oder gar eine Gebrauchsanweisung fürs korrekte Verständnis eines Textes? Niemand! Dann also doch (3) Auswechseln der Begriffe?

Ich bin da zwiegespalten. Zum einen verstehe ich den Wunsch der betroffenen Gruppen, die monierten Bezeichnungen in sämtlichen Werken zu eliminieren, frage mich aber zum anderen: wo anfangen und wo aufhören?  Was ist mit älteren Büchern? Muss der Mohr im Struwwelpeter raus, sind sämtliche Märchen von Grimm, Andersen und Hauff zu entrümpeln, soll untersucht werden, ob sich Dickens, Stevenson, Cooper, Defoe und Karl May durchgängig politisch korrekt ausdrückten? Was passiert, wenn neue kritische Wendungen auftauchen, über die sich beispielsweise Feministinnen empören? Wie soll verfahren werden, falls es sich nicht bloß um einzelne Worte, sondern um längere Textabschnitte handelt, die vom heutigen Blickwinkel aus als diskriminierend einzustufen sind? Pippis Vater als weißer Südseekönig ließ die schwarzen Insulaner für sich arbeiten und begründete so den Reichtum, von dem auch seine Tochter im weit entfernten Schweden prima leben konnte. Liegt hier nicht ein verklärendes Kolonialklischee vor? Fragen über Fragen.

Phase 1: Konzentration auf Nachkriegsliteratur

Bevor dem Lektor über diesem Problem graue Haare wachsen, und er aus Verzweiflung zur Flasche greifen muss – hier ein Lösungsvorschlag zur Güte: Kinderliteratur, die nach 1945 entstand, wird ausnahmslos auf den aktuell politisch korrekten Stand gebracht. Denn spätestens mit Beendigung von WK2 war klar, dass die Begriffe Neger, Mohr und Zigeuner in den Mülleimer der Geschichte gehören. Wer sie als Autor trotzdem verwendete, handelte fahrlässig. Bei älteren Werken kann – muss aber nicht – angepasst werden. Diese Forderung gilt einzig für den Austausch einzelner Worte, nicht hingegen fürs nachträgliche Umschreiben ganzer Kapitel. Die Transformation von Neger in Insulaner berührt den Inhalt nur marginal, während das Herausnehmen der Taka-Tuka-Land-Passage die gesamte Pippi-Langstrumpf-Geschichte ad absurdum führen würde. Schulen können wertvolle flankierende Aufklärungsarbeit leisten. Zwar wird ein Kind durch das ungefilterte Lesen von diskriminierenden Bezeichnungen nicht zwangsläufig zum Rassisten; es reicht aber mMn alleine der Wunsch der betroffenen Gruppen nach Anpassung des antiquierten Vokabulars an die aktuelle Sprachregelung aus, um die nachträglichen Korrekturen zu rechtfertigen.  Die künstlerische Freiheit eines Kinderbuches endet dort, wo sich Menschen berechtigterweise (!) durch die Wortwahl diskriminiert fühlen. Stellten wir uns taub, würden wir damit demonstrieren, dass uns die Anliegen von Minderheiten völlig egal sind, und wir lieber aufgrund eines falsch verstandenen Kunstbegriffs an kontaminierten Ausdrücken festhalten, als uns als Mehrheitsgesellschaft auf diese Personenkreise zuzubewegen.

Und das hat alles nicht das Geringste mit Orwells Neusprech zu tun!!

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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