Politische Korrektheit – In Literatur immer fehl am Platz?

In Debatten über politische Korrektheit in Literatur geht es meist um moralisches Anspruchsdenken. Auf der anderen Seite wird vergessen, dass Bearbeitungen nicht per se negativ sind.

Wurde als rassistisch kritisiert, aber - Überraschung - auch als Toleranzapell verteidigt: Die "Geschichte von den schwarzen Buben". Gemeinfrei

Dickens revidierter Antisemitismus

Ab 1863 strich Charles Dickens aus seinem Roman Oliver Twist alle expliziten Hinweise auf Schurken Fagin als „Der Jude“ und fuhr zudem alle Elemente, die den Verbrecherkönig im Sinne von „jüdischen“ Stereotypen charakterisierten, deutlich zurück. Vorausgegangen war eine freundschaftliche Beziehung zu Eliza und James Davis, den Dickens 1860 noch als „Jew Money-Lender“ bezeichnete. Diese Beziehung brachte den Schriftsteller dazu, seine bisherigen, mit allen zeitgenössisch gängigen Vorurteilen zum Judentum behafteten, Vorstellungen aufzugeben und zu realisieren, dass sein Fagin Juden „großes Unrecht getan“ habe.
Es handelt sich hierbei um den einzigen mir bekannten Fall, in dem ein ob antisemitischer Klischees Kritisierter auf die Kritik eingeht und seine Haltung überdenkt, anstatt mit Abwehr und verschärften Ausfällen zu reagieren.

Jim Knopf, Pippi Langstrumpf und andere Aufreger

Aktuell heizt die Veröffentlichung einer „Jim Knopf“ Ausgabe des Thienemann-Esslinger Verlages, die im Gegensatz zu Neuauflagen von „Die kleine Hexe“ und „Pippi Langstrumpf“ an der darin verwendeten Bezeichnung „Neger“ festhält, die Debatte um „politisch korrekte“ Überarbeitungen von Kunstwerken erneut an. Am sichersten äußerte man sich dazu nur vorsichtig oder gar nicht: Zu groß ist die Gefahr, sich auf beiden Seiten dieser Demarkationslinie zwischen selbsterklärten Antirassisten und selbsterklärten Freunden der Freiheit einem „friendly Fire“ auszusetzen. Die Fronten sind klar, und unempfänglich für Ambivalenzen. Ein Rassist, wer daran festhält, dass Kunst sich auch unbequemer Begriffe bedienen darf. Ein Freiheitsfeind, wer sich durchaus akzeptable Umarbeitungen vorstellen kann. Dabei sollte Dickens Beispiel manche Gewissheit erschüttern: Hier korrigierte ein Autor, nachdem er tiefere Einsichten gewonnen hat, ein Werk, das er so nicht stehen lassen will. Charles Dickens – auch nur ein Opfer der immer drückenderen politischen Korrektheit?

Prinzipiell stehe ich kosmetischen Eingriffen in Literatur ablehnend gegenüber. Die Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut, oft war sie einer der letzten Rückzugsräume aufklärerischer Kritik. Auch erinnern heutige – meist linke – Versuche, Kunst politisch korrekt zu überformen, unangenehm an frühere konservative Angriffe, etwa auf Mark Twains „Huckleberry Finn“, oder auf Harper Lees „Wer die Nachtigal stört“. Ja: Interessanterweise trifft die linke politische Korrektheit oft ausgerechnet jene Werke, die schon der konservativen ein Dorn im Auge waren.

Doch wenn wir es bei Dickens akzeptieren, dass dieser korrigierend in sein Werk eingreift, bedeutet das nicht, dass es zumindest prinzipiell Fälle gibt, in denen so ein Eingriff besser ist, als alles beim Alten zu belassen?

Die einfache Formel: Der Autor darf.

Eine einfache Formel wäre wohl: Was der Autor selbst macht ist seine Sache, alles andere ist ein No-Go. Doch das ist kurzsichtig. Natürlich kann ein Autor genauso gut in kluger, souveräner Weise verbessernd in sein Werk eingreifen, wie er vor Zeitgeist und äußeren Zwängen einknicken mag. Nicht jede Revision kommt in ihren literarischen Meriten der zweiten Ausgabe des Holzschen „Phantasus“ gleich. Auch erlauben wir in zahlreichen anderen Fällen, ohne uns Rechenschaft darüber abzulegen, Fremdbearbeitungen gerne, wenn sie uns denn künstlerisch zusagen. Andernfalls wären Thomas Manns Doktor Faustus ebenso undenkbar wie Coppolas Apocalypse Now. Die Autorenintention zentral für die Beurteilung eines Werkes zu setzen ist ein romantisches Residuum der Genieästhetik. Aus literaturkritischer Sicht sollte auch in Fragen der „Politischen Korrektheit“ die Frage nach der künstlerischen Stimmigkeit entscheidend sein: Die Frage nach dem Verhältnis des Werkes zu sich und zur Welt.

Lassen wir also den Autor heraus, wenn wir künstlerische Umarbeitungen beurteilen. Schauen wir lieber darauf, was die Bearbeitung mit dem Werk macht, ob sie es verbessert, bereichert, ob sie ihm etwas wegnimmt, oder ob sie es kaum berührt.

Wie steht der Begriff zum Werk?

So dürfte beispielsweise relativ unstrittig sein, dass „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ seine komplette politische Sprengkraft ebenso verlöre wie die historische Verortung, ersetzte oder strich man, wie mehrfach angeregt und in der CBS-Verfilmung von 1955 umgesetzt, den inkriminierten Begriff „Nigger“. Das Gesamtwerk William Faulkners, Lees Nachtigall und die Neuerscheinung „Gehe hin, stelle einen Wächter“ könnte man bei gleicher Vorgehensweise dem Müll überantworten, so zentral ist darin jene auch sprachlich geschaffene Atmosphäre einer von der Herabwürdigung Schwarzer geprägten Gesellschaft bei gleichzeitig scheinbar absoluter Normalität dieses Sachverhalts. Und auch wenn Jim Knopf an diese Werke nicht heran reicht, kann dem Verlag kaum widersprochen werden, wenn dieser erklärt dass das Wort „Neger“ nur in einer Szene vorkomme, die dazu diene, den Fotografen Ärmel als Besserwisser darzustellen.

Bei Dickens Fagin dagegen sieht die Sache anders aus. Oliver Twist bleibt ein armer Waisenjunge, der in die Fänge einer Verbrecherbande gerät. An einem spezifisch jüdischen Fagin wird dabei nur festhalten wollen, wer das Detail für eine relevante Charakterisierung der Londoner Unterwelt hält. Ambivalenter verhält sich die Sache im Falle des „Negerkönigs“ in Pippi Langstrumpf, ob dessen Streichung in vergangenen Jahren hysterisch der Untergang des Abendlandes ausgerufen wurde. Denn einerseits: Die Streichung verdeckt tatsächlich literarisch Relevantes: Die Herrschaftsverhältnisse in den Kolonien, auf deren Ausbeutung Pippis Reichtum und mithin ihre Freiheit sich gründet. Aber: Reflektiert ein einfaches Kinderbuch diesen Sachverhalt tatsächlich für die Zielgruppe nachvollziehbar? Und geht es den Bewahrern des Begriffes um historische Korrektheit? Oder will man nicht doch in erster Linie sich ungestört weiter rassistischer Sprache bedienen können?

Gegen Bearbeitung nichts einzuwenden

Es ist ein Kreuz mit der politischen Korrektheit in der Kunst. Kämpfe um Befindlichkeiten bedrohen tatsächlich die Freiheit des Ausdrucks. Nicht nur werden bestehende Werke ihres inhaltlichen und stilistischen Reichtums sowie ironischerweise eines oft linken kritischen Impetus beraubt. Wenn ein rassistischer Atticus Finch, ein bornierter Herr Ärmel zum No-Go werden, etabliert sich bei Autoren auch immer öfter eine Schere im Kopf. Der Drang zum freiwilligen Konformismus wächst. Auf der anderen Seite ist es leicht, zu leicht, alle Kunst für sakrosankt zu erklären und jegliche Änderung, die Autoren, Rechteinhaber oder spätere Bearbeitungen an einem Werk vornehmen, der Feigheit vor der öffentlichen Meinung in die Schuhe zu schieben. Solange frühere Versionen nicht unzugänglich gemacht werden ist gegen künstlerische Bearbeitungen auch im Sinne politisch korrekter Vorstellungen nichts einzuwenden. Nur wäre die Diskussion darüber, ob das Werk dadurch gewinnt oder verliert, nicht mit einem Tabu zu belegen.

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Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Herbert Brünner

    Historische Figuren sind von ihrer Zeit behaftet. Jetzt über korrekte Bezeichnungen zu orakeln ist reiner Moralismus! Der Nigrin, Schwarzkopf-Mohr etc. sind authentische Figuren an denen herumgeschnitzt wird! Neger ist das aus dem Romanischen entlehnte Pendant zu Schwarzer! Was wäre, wenn Alice Schwarzer ihren Namen ändern sollte? Dies ist ausschließlich ein rot-grüner Zweckmoralismus! Rassistische oder fremdenfeindliche Tendenzen sind davon nicht abzuleiten!

    • Sören Heim

      Haben Sie sich die Mühe gemacht, den Text zu lesen, ehe Sie sich hier über Moralismus echauffieren?

    • Sören Heim

      um für die Mitlesenden noch einmal etwas konstruktives zu sagen. Dass Figuren ihrer Zeit verhaftet sind mag stimmen, ist aber gerade bei Kinderbüchern, die, wo sie nicht selbst didaktisch daherkommen, zumindest immer wieder so eingesetzt werden, doch eine Ausflucht. So oder so allerdings, stimmte es (und es stimmt natürlich nicht, da ein wertneutrales Verhältnis von Mensch zu Mensch zwischen Schwarz und Weiß in in der Zeit der Entstehung entsprechender Bezeichnungen gar nicht existierte), stimmte es also, dass „Neger“ tatsächlich einmal die wertneutrale Bezeichnung gewesen wäre, die „schwarz“ heute meint, so wäre ja gerade das ein Argument für die möglichst umfassende Ersetzung des Begriffes durch den heute wertneutralen, GERADE um den Sinn nicht zu entstellen. Das ist natürlich Quatsch. Allein die Tatsache, dass ein Begriff seine Konotationen hat, und in diesem Fall negative, die den Sprechenden seiner Haltung entlarven ist ja Grund, keine Änderungen vorzunehmen um nicht die Vergangenheit möglichst angenehm glatt zu bügeln. Um ein politisch unverfängliches Beispiel zu bemühen. Es sollte klar sein, dass wir „Fuß“ oder „Elle“ korrekt in Zentimeter umrechnen können. Dass wir einen alten Text nicht in dieser Art übersetzen hat seine Gründe darin, dass die Begriffe jeweils dennoch anderes mit be-deuten. Soviel zum Geschichtlichen. Wer heute einen literarischen Text schreibt und Begriffe benutzt, deren Problematik nun wirklich ausfürlich herausgestellt wurde hat allerdings besser gut literarische Gründe dafür. Ansonsten ist und bleibt es kritikwürdig.

  • Ich denke, es lohnt sich ein Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, der betreffende Text wäre in einer fremden Sprache geschrieben und solle nun, heute, dem jetzigen Publikum nahe gebracht werden. Welche Begriffe würde man verwenden – solche, die heute so akzeptabel wären wie die damaligen zu ihrer Zeit? Oder würde man die buchstäbliche Übersetzung bevorzugen, auch wenn die dann jemanden diskriminieren würde?

    • Sören Heim

      In vielen Fällen kann das, wenn man es ernsthaft durchführt, zu guten Ergebnissen führen.

  • Pingback: Don Quijote im unheimlichen Tal | Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.()

  • Pingback: Besser als das “Original”? Eine literaturkritische Provokation – Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.()

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