Deutscher Buchpreis, oder: Das Elend des gefälligen Handbremsen-Modernismus

Ein Rant zum Deutschen Buchpreis von Kolumnist Sören Heim.


Nein, eigentlich habe ich keine Lust auf eine weitere Buchpreis-Leserunde. Meine Güte, diese Titelauswahl. Nur „Mobbing Dick“ von Tom Zürcher klingt auf den ersten Blick halbwegs interessant. Da kann man sich immerhin einreden, es gehe um einen soziopathischen Penis, und außerdem ist der Titel so dreist dumm, dass er fast schon wieder gut ist. (Fast) alles andere wirkt so schrecklich vorhersehbar. So ein schrecklich belangloser Querschnitt durch die deutsche „Intellektuellenliteratur“. Und dabei meine ich nicht, dass die üblichen verdächtigen Namen ausgewählt wurden. So richtige „Großschriftsteller“, von denen die öffentliche Meinung überzeugt ist – „Ohne den/die geht so ein Buchpreis nicht“ – gibt es ja sowieso nicht mehr. Nein, die Themen sind es. Diese Mischung aus Betroffenheitsprosa, Polit-Gefühligkeit und immer wieder und wieder Familiengeschichten. Könnte man ausrasten, wenn es nicht so einschläfernd wäre.

Homogenes Milieu der Texte

Ernsthaft: Spielt zum Beispiel überhaupt irgendein Roman nicht im bildungsbürgerlichen Milieu? PhysikerInnen, RegiesseurInnen, SchauspielerInnen, Menschen, die „Angelika bei einem dionysischen Neptunfest über den Strand tanzen“ sehen (Klappentext zu Gelenke des Lichts) – das scheint das beinahe ausschließliche Personal der in diesem Jahr zum Buchpreis aufmarschierten Romane zu sein. Nein, ich verlange nicht, dass Literatur sich durchweg den „Erniedrigten und Beleidigten“ zuwendet, wie es noch immer manche linke Literaturkritiker in Verwechslung von Kunst und Agit-Prop tun. Aber diese zweifelnden Bildungsbürger können doch nicht immer in dieser Masse auflaufen. Manch einer müsste doch auch nach Italien fahren, um sich dort mit den Protagonisten von Ortheil, Strauss und Kirchhoff über ihr Leben klar zu werden (und bitte bitte, schreibt nicht noch ein Buch darüber).

Vieles ist wieder betont Zeitgeschichtliches, was fast immer in die Hose geht. Flucht und Vertreibung sind erneut ein zentrales Thema. Hoffen wir, dass wenigstens einmal etwas auf dem Niveau von Prossers Gemma Habibi herauskommt. Und nicht ein weiteres Gehen, Ging, Gegangen (Erpenbeck). Ein Roman, von Norah Bossong, heißt Schutzzone. Es scheint, für das, was ich den „Suhrkamp-Intellektualismus“ nenne, also einen Modernismus mit angezogener Handbremse, der dabei eine fast immer bauchgefühlig liberale Weltsicht vertritt, sei mittlerweile selbst so eine Schutzzone errichtet worden. Es ist ja nicht so, dass das die einzige Art Literatur wäre, die in Deutschland produziert wird. Man müsste im Zweifel halt mal vielleicht in kleineren Verlage schauen, oder am Ende sogar in die so genannte Unterhaltungsliteratur, um Texte abseits dieser gediegenen Selbstvergewisserungen im Angesicht immer offener zu Tage tretender Katastrophen zu finden.

Natürlich werde ich am Ende doch wieder ein paar von den Büchern lesen und je nach Ge- oder Missfallen auch besprechen (genau genommen habe ich schon 6 Titel hinter mir). Man kommt ja nicht raus aus alten Gewohnheiten. Aber den Stress der vergangenen Jahre, zumindest die ganze Shortlist zu rezensieren… nee. Den mache ich mir nicht. Und dann wird man auch wieder die ewige Gutfinderei der Blogger und Feuilletonisten zu ertragen haben.

PS: Ein absolut würdiger Preisträger immerhin ist dabei, soviel kann ich schon mal verraten, wie ja auch im vergangenen Jahr mit Der Vogelgott ein Jahrhundertroman auf der Shortlist stand, der dann leider übergangen wurde.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Monographien: Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen Audio-Exklusiv: La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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