Von der RAF, Flüchtlingen und anderen Dingen

In einer wagemutigen Doppelrezension wirft Kolumnist Sören Heim einen näheren Blick auf den Buchpreisfavoriten „Gehen, Ging, Gegangen“ und auf den späteren Sieger „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion…“

Kommt in beiden Büchern womöglich gar nicht vor: Die RAF. Bild: Sören Heim. Logo: Gemeinfrei

Er habe sich noch vor der Lektüre vorgenommen, das Buch schlecht zu finden. So Maxim Biller im neuen Literarischen Quartett über Ilja Trojanows – Macht und Widerstand. Ist das notwendig eine Haltung, die dem Kritiker seine Unabhängigkeit nimmt? Seine so erwünschte, so selten wirklich erreichbar objektiver Distanz? Oder ist anderes denkbar? Dass die offensive Formulierung des Vorurteils, ja, des gewollten Vorurteils! – Gerade die notwendige Distanz schafft, um klar zu sehen? Denn ist die Herangehensweise so eingestanden, wird man sich mit einem Verriss deutlich schwerer tun, wird nur verreißen, was es auch wirklich verdient, verrissen zu werden.

Gehen, Ging, leer Ausgegangen

Auch ich war mir relativ sicher, dass ich das schon lange im Vorfeld als Anwärter für den Deutschen Buchpreis gehandelte Gehen, Ging, Gegangen von Jenny Erpenbeck nicht mögen würde. Alternder Professor lernt unter Flüchtlingen das Leben kennen. Das klingt nach politisch korrekter Literatur. Das klingt nach engagierter Literatur. Das klingt nach einer Autorin mit durchweg sympathischen Anliegen, die mir, dem Leser, nach dem Mund redet. Gehen, Ging, Gegangen ist, so viel gebe ich nach der Lektüre gern zu, zumindest auch kein schlechter Roman. Es ist sauber komponiert, stilsicher geschrieben, gut recherchiert. Gehen, Ging, Gegangen ist – nett. Nette Anlage, nette Ausführung. Nett. Wahrscheinlich das vergiftetste Kompliment, das man Literatur machen kann. Beim Buchpreis ging der Roman dann auch zu Recht leer aus.

Routiniert. Vielleicht zu routiniert

Beginnen wir mit der von zeitgenössischer Kritik so gern übergangenen Komposition. Ein starker Roman hat Parallelen zu einem starken Musikstück. Themen werden exponiert, aufgegriffen, durchgeführt. Gegeneinander montiert, neu arrangiert. Bis es am Ende zu einer Auflösung der Spannungen kommt. Oder auch nicht. Autorin Erpenbeck leistet das wirklich mustergültig. Während wir anfangs Protagonist Richard durch seinen Alltag folgen, dringen (Fernsehen, Radio, Augenwinkel) Elemente der Realität der Flüchtlinge auf dem Oranienplatz bereits in unser Sichtfeld. Die Welt der Flüchtlinge wird bald zu unserem zweiten zentralen Handlungsstrang, immer stärker werden die beiden Stränge verwoben. Das ist so vorbildlich gehandhabt, wie vorhersehbar. Und nachdem die Erzählstränge sich in Richards Engagement endlich vereinigt haben, ist die Luft raus. Auch ein sich spät andeutender persönlicher Konflikt (Flüchtling Osarobo hat Richard womöglich bestohlen) bringt in die Handlung keinen Zug mehr.

Die Reflexion auf Werke von Johann Sebastian Bach stellt ein zentrales Motiv von Gehen, Ging, Gegangen dar. Deren innere Spannung erreicht der Roman allerdings selten. Bach wusste, dass man große Kunst und Predigt auseinander hält.

Zu viel Predigt, seltener Witz

Denn dazu wird Gehen, Ging, Gegangen leider nach dem ersten Drittel über weite Strecken: Wirklich alles, was der aufgeklärte Flüchtlingshelfer lernen und wissen muss, kommt vor. Melilla und Ceuta. Die Dublin-Verordnungen. „Fachkäftemangel“, demographischer Wandel und Abschiebung arbeitsfähiger Asylbewerber. Deutsche Waffenexporte nach Saudi-Arabien. Deutsches Giftgas im Irak. Vorurteile, bei denen sich Richard ertappt. Das geringe Wissen durchschnittlicher Deutscher über afrikanische Staaten. Vorurteile, denen Richard widerspricht. Die europäische Kolonialgeschichte. Deren Auswirkungen bis heute. Politische Plattitüden, von rechts, von links. Ganz selten trifft der Roman dabei einen leidlich komischen Ton, der über den leicht angesäuert informierenden hinausweist, etwa wenn sich Richard auf den Anwurf, Flüchtlinge sollten erstmal „ihre Probleme in Afrika lösen“, To-do-Listen für seine neuen Freunde ausdenkt:

„Während auf seinem eigenen Zettel zum Beispiel stünde:

  • Monteur für Reparatur Geschirrspüler bestellen.
  • Termin beim Urologen ausmachen
  • Zähler ablesen

würde auf der Erledigungsliste für Karon stattdessen stehen:

  • Korruption, Vetternwirtschaft und Kinderarbeit in Ghana abschaffen

(…) und bei Raschid stünde da:

  • Christen und Muslime in Nigeria miteinander versöhnen.
  • Boko Haram davon überzeugen, die Waffen niederzulegen.“

Islam heißt Frieden“

Einer von wenigen Höhepunkten. Dazu trägt nicht zuletzt auch der allzu ideal auf das zu vermittelnde Thema angepasste Hauptcharakter bei, der als ehemaliger DDR-Bürger ’89 ganz ohne es zu wollen in die Bundesrepublik „einwanderte“, dessen Eltern als deutsche Vertriebene eine eigene Fluchtgeschichte zur Familienchronik beisteuern, und dessen Flüchtlingsschicksalen gegenüber anfangs so unbedarfter Kopf ein solch reichhaltiges Sammelsurium an „deutscher“ und klassischer europäische Hochkultur beheimatet, dass ihm die von Erpenbeck wohl intendierte Kritik am erstarrten Humanismus zu beiden Ohren herauskommt.

Zuletzt muss sich ein Roman, der so offensichtlich ein zeitgeschichtlich relevanter sein will, vorrechnen lassen, was er ausspart. Das sind in diesem Fall vor allem Konflikte zwischen muslimischen und christlichen oder nichtreligiösen Flüchtlingen. Der Islam kommt in Gehen, Ging, Gegangen sowieso nur als mörderische politische Weltanschauung in fernen Ländern oder (unter Flüchtlingen) als Friedensreligion vor.

Lesespaß mit und ohne RAF

Der letztendliche Buchpreisträger Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 von Frank Witzel ist von einem ganz anderem Kaliber. Auch dieser Roman bearbeitet ein Kapitel jüngerer deutscher Zeitgeschichte, was es der Jury vielleicht etwas einfacher machte, nicht die Entscheidung zu treffen, auf die die Nation gewartet hatte. Allerdings bearbeitet Witzel die RAF, oder vielmehr deren Erfindung, oder vielmehr gar nicht wirklich deren Erfindung mit einigem Witz und aller Doppelbödigkeit der literarischen Moderne und Postmoderne. Der „Inhalt“ sollte mittlerweile aus zahlreichen Besprechungen bekannt sein:

„Witzel beschreibt … die alte BRD als Irrenanstalt und spiegelt in ihr die Adoleszenzprobleme seines Helden, der unter dem Vater leidet, unglücklich liebt, der zugedröhnt im Sängerheim in Wiesbaden-Biebrich aufschlägt und danach ins Sanatorium muss – aber der Tristesse vor allem durch imaginierte Gewaltakte und die Beatles entfliehen kann. “.

Was chaotisch klingt, liest sich auf den ersten Blick auch chaotisch. Doch bald wird klar, dass die Jahre des Ringens mit dem Stoff, die Witzel in seinen Roman gesteckt hat, keine ganz vergebene Mühe waren. Die wild fabulierten langen erzählerischen Passagen, die kaum chronologisch aus dem Leben des jungen Protagonisten berichten, korrespondieren treffend mit dem Geisteszustand des älteren Protagonisten, der sich seiner Jugend erinnert. Weitere Puzzlestücke der in diesem Gedankenstrom nur sehr fragmentarisch entwickelten Geschichte und all dessen, was danach geschah, werden parallel in Gesprächen mit Pfarrer und Psychiater sowie in einem Dialog, der sich mit der Zeit zu einem regelrechten Verhör verdichtet, nach und nach ausgebreitet. Die überbordende Imagination des „manisch-depressiven Teenager“ wird so immer wieder von Institutionellem eingehegt, kontrolliert, geformt. Der Gegenstand des Romans wird auf der Ebene der Form nachvollzogen. Nicht immer perfekt, zugegeben, und gerade die langen, mit unzähligen „und“ verbundenen Reihensätze können streckenweise nerven. Hier erinnert die Witzellektüre an manchen extra für innovative Literatur ausgeschriebenen Förderpreis, deren Siegerbeiträge sich meist lesen, als kämen sie alle aus einer Feder. An anderen Stellen aber ist Jonas Engelmann Recht zu geben, der in der Jungle World schreibt: „Und auch den großen Chronisten der hessischen Lebenswelt, Peter Kurzeck, meint man immer mal wieder zu vernehmen“. Und das heißt mit Sicherheit nicht wenig.

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ist sicherlich kein Roman ohne Makel. Aber alles in allem handelt es sich um einen würdigen Buchpreisträger. Um eine verdiente Auszeichnung für einen Autor, der nicht nur das Experiment nicht scheut (was für sich noch nicht viel ist), sondern dem das anspruchsvolle Experiment auch geglückt ist. Gehen, Ging, Gegangen dagegen ist weder sonderlich gewagt, noch geglückt. Das mag dem Thema geschuldet sein. Es ist nicht einfach, eine so frische Thematik zum Gegenstand eines Kunstwerks zu machen. Aus literarischer Perspektive aber hat die Buchpreisjury ganz richtig entschieden.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Rick Müller-Höhn

    Danke für die ausgezeichneten Rezensionen, werter Sören Heim. Den Roman von Frank Witzel werde ich mir auf jeden Fall kaufen. Meine Absicht wurde durch Ihre/deine Rezension nochmals bekräftigt.

    • Sören Heim

      Danke, freut mich 🙂

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