Der Säbelmeister des Rock

Eine Sisters Of Mercy-Kolumne zum 60. Geburtstag von Andrew Eldritch.

Photo: Artwork "Floodland", Copyright by Andrew Eldritch/Sisters Of Mercy

„Mr. Eldritch, warum gibt es bei Ihnen immer nur einen Computer und keinen Menschen als Drummer?“ „Weil die alle doof sind!“ Letzteres trifft definitiv nicht auf Andrew Eldritch zu. Nun feiert der Engländer, der seine Laufbahn ebenfalls als “tierisch schlechter Schlagzeuger” begann, seinen 60. Geburtstag. Mit den Sisters Of Mercy erschuf er eine der einflussreichsten Rockbands der Musikgeschichte.

Der Mann:

Über Familie und Privatleben gibt es so gut wie keine gesicherten Informationen. Bürgerlich heißt er Taylor. Mit Eldritch hingegen erfindet er nicht nur einen Künstlernamen. Er verkörpert ihn geradezu. Der Begriff bedeutet seiner Herkunft nach “Anführer der Elben” bzw. “nobler Anführer”. Eine zu hohe Messlatte? Keineswegs! Er ist hochintelligent, gebildet und belesen. Als vielfacher Kommunikator beherrscht er etliche Sprachen, darunter deutsch, französisch und chinesisch. Daneben die Weltsprache Musik. Er textet, komponiert, arrangiert und produziert. Unter Sarkasmus schimmert mitunter seine hochsensible Natur. Hinzu tritt nivauvoller, very britischer Humor, der gut austeilt (“Ich habe meine Sprachfähigkeit in Amerika verloren. Die Amis können einfach kein englisch.”). Andererseits spart er ebenso wenig an Selbstkritik/Selbstironie (“Mit Frauen und Drogen bin ich nicht so gut. Zu klein und zerbrechlich, kein guter Ficker!”). Hinzu treten laszive Sexyness, ein unverwechselbar charismatischer Bassbariton und edle Gesichtszüge. Zur Krönung frönt Eldritch seit früher Jugend dem Fechtsport und erwarb dort den Rang des Säbelmeisters. Kein Wunder, dass Ikonen wie David Bowie und Leonard Cohen sich von ihm für den Rolling Stone zum anregenden Plausch verführen ließen.

Hierzu passt die politisch weltoffene Haltung des Freigeistes. Autoritäre, rechtskonservtive Politik ist dem Bekennenden FC St. Pauli-Fan zuwider. Über Franz Josef Strauss machte er sich ebenso lustig wie er gegenüber Donald Trump deutlich wird.

Je fieser er ist, desto erfolgreicher wird er. Er bringt das Schlimmste in den Menschen heraus. Angesichts dieser Wahl scheinen vielleicht 40 % der Wähler ein bisschen schlicht zu sein.

Entsprechend heißt es bereits 1982 in „Adrenochrome“ gallig „Time to think is time to lose.“

„Too much contact, no more feeling!“ Schlussendlich entschwand er analog den Elben vollends. Zwar besteht die Band noch als gelegentlich tourender Live-Act. Auch existieren neue Tracks. Dennoch gibt es seit 3 Dekaden kein Album. Wer die späten, teils sehr guten Stücke genießen möchte, muss Gigs besuchen. Auch sonst bleibt Eldritch ein Phantom, das sich der Öffentlichkeit entzieht. Denn „This place is death with walls!“ Wissend um jenes Bild, welches die stets fordernde Welt von seiner Person und dem klassischen Look hat, verbirgt er diesen.

Der Texter:

Die meisten Autoren können schreiben. Die meisten Rock’n’Roller können es nicht.

Eldritch kann es. Es ist keine Übertreibung, keine Schmeichelei, ihn als einen der besten Songtexter im Rockkontext zu bezeichnen. Gelernt hat er von den Besten. Als Vorbilder kristallisieren sich im wesentlichen drei Namen heraus: Leonard Cohen, T.S. Eliot sowie Shakespear. Letzterer nutzte das Wort “Eldritch” im “Mittsommernachtstraum”. Hinzu tritt des Sängers eigene Fähigkeit, Romantik und Liebe mit Desillusion zu koppeln, sowie einen gehörigen Schuss byronesker Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Libertinage zu addieren. Wer sich die Mühe macht, Eldritchs Songtexte zu untersuchen, entdeckt unweigerlich eine Doppelbödigkeit, die zeigt, wie entwickelt seine Zeilen bereits in jungen Jahren waren.

Beispiele gibt es zuhauf. “Temple Of Love” etwa liest sich in Teilen wie eine Entgegnung bzw. Ergänzung zu Eliots “The Waste Land”. Cohen-Zitate greift er geschickt auf und setzt sie in einen entweder anderen oder fortsetzenden Zusammenhang. Auf “Lucretia My Reflection” vergleicht er Sisters-Bassistin Patricia Morrison mit Lucrezia Borgia und verknüpft dies surreal mit Gedanken über den Niedergang des nicht minder machiavellistischen, britischen Empire. “Heartland” kann man entweder als Sehnsuchtsort wahrnehmen oder als Entlarvung von Hegemonialstreben am Beispiel der “Heartland-Theorie”. Perspektivisch nimmt Eldritch in seinen Texten teilweise den Standpunkt des unbeteiligten, zynischen Beobachters a la Lou Reed ein. In anderen Momenten ist sein lyrisches Ich Teil eines Sturms aus Gefühlen und Ereignissen. Diese Variabilität bieten nicht viele Songwriter.

Der Musiker:

“Andrew, wie entstehen deine Songs?” Er erklärt es. Aber dann: “Was weiß ich? Ich bin kein Musiker.”

Auch hier ist er das Kind exakt der richtigen Lehrmeister. David Bowie, Leonard Cohen, Iggy Pop und The Velvet Underground gibt er als Lieblingsmusiker an. Das hört man Eldritchs Songs zwar nicht stilistisch, wohl aber in Bezug auf Hochwertigkeit an.

Zwei seltene Qualitäten fallen ins Auge: Zum einen handelt es sich bei den Sisters um eine der effektivsten wie einendsten Bands im Bereich populärer Musik. Mit nur drei Alben plus einer Handvoll EPs erlangen sie Legendenstatus jenseits aller Sterblichkeit. Die frühen Jahre bis “First And Last And Always” (1985) darf man – je nach Gusto – getrost als grandiosen Gothic Rock, Postpunk oder Waverock bezeichnen. Mit “Floodland” folgt 1987 die Hinwendung zu opulentem, nahezu majestätischem Pop. Seine damals berufliche Partnerin, Patricia Morrison, vollbrachte das Kunststück, als Bassistin in gleich drei Bands von Weltrang zu spielen: Gun Club, Sisters und The Damned! Und das “Vision Thing” führt 1990 den Beweis, dass exzellenter Hardrock jenseits von Ölwanne und Biker-Klischee funktioniert. Der damalige Wahlhamburger Eldritch legt hier inspiriert vom Halbweltcharme der Reeperbahn los. Insgesamt führen songwriterische Quaität, Eldritchs Charisma und stilistische Vielfalt dazu, dass die Sisters zum ewigen Positivbeispiel einer Konsensband avancieren. Egal ob Metalhead, Gothchick, Popfan etc.: Sisters gehen immer. Egal auf welcher Partie. Wer einen ihrer Tracks auflegt, wird sich nie blamieren.

Dies liegt zum Anderen auch an der Unverwundbarkeit des Sounds. Zwar hört man den Stücken ausnahmslos an, wie sehr sie Kinder ihrer jeweiligen Zeit sind. Gleichzeitig nagt der Zahn selbiger bis heute nicht an ihnen. Alle LPs definieren den großen Unterschied zwischen “alte Schule” und “altbacken”. Das liegt nicht nur aber hauptsächlich an Eldritchs in jeder Phase sichtbarem Talent für Arrangement und Produktion. Sicher: Bei der ersten Platte darf man die Leistung von Gary Marx und dem späteren The Mission-Gründer Wayne Hussey nicht unterschlagen. Ebenso profitieren Welthits wie “This Corrosion” oder “More” von Pathos-König Jim Steinman (u.A. Meatloafs “Bat Out Of Hell”). Doch insgesamt nimmt man in jeder Periode Eldritchs prägenden Stempel wahr.

Ein paar Anspieltipps:

„Gimme the ring!“ Es lohnt sich das Schürfen nach versteckten Schätzen.

„Afterhours“ von der “Body And Soul”-EP, „Lights“ (von „Reptile House“) und “Bury Me Deep” (von “No Time To Cry”) verkörpern Klang gewordenen Nebel, der trefflich die in uns allen lauernde Dunkelheit illustriert. Inmitten dräuender Finsternis erwartet den Hörer in ersterem eine tonnenschwere Magma-Gitarre. Sie repetiert ein hochgradig hypnotisches Riff und knüpft dort an, von Ennio Morricones „Harmonica Man“ vor einem halben Jahrhundert begann.

“Ribbons” von “Vision Thing” ist total Reeperbahn, voller Begehren und Abgründigkeit. Ist das noch Leidenschaft oder schon Triebtäter? Definitiv sein Anthony Perkins-Song! “Love is a many splintered thing. Don’t be afraid now. Just walk on in!”

„Emma“ ist eigentlich die B-Seite von „Dominion“, hat 1987 jedoch bereits ein vierjähriges Vorleben als beliebtes Live-Stück hinter sich. Das Original stammt von der Disco-Soul-Formation Hot Chocolate. Eldritch amputiert den Groove und ersetzt ihn durch wuchtige Schwermut. Der Text beginnt als optimistische Romanze und endet in absoluter Tragödie, deren bittersüße Darbietung augenblicklich fasziniert.

“Rain From Heaven” stammt vom Seitenprojekt Sisterhood und seiner quasi Solo-LP „Gift“, die er bewusst seiner deutschen Bedeutung entlehnte. Ein vergifteter Apfel als Signal an seine Kontrahenten im Streit um den Bandnamen nach ihrem 1985er Split. Der hat es als Monte Christo-Song in sich. Erst nackt und knochig, zum Ende in unheilvolle Rachechöre gebettet, bannt Eldritchs Elefantengedächtnis, das nimmer vergisst, den Hörer und sendet seinen Kontrahenten ironisch die Botschaft ewig währender Unversöhnlichkeit. „We forgive as we forget. As the day is long…..as the day is long…. Rain from heaven!“

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

More Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen