Richter vs. Donnersmarck: Kein Werk ohne Autor

Florian Henckel von Donnersmarck hat einen Film über Gerhard Richter gemacht. Oder nicht? Wer hat das Recht, ein Werk aus einer Biografie heraus zu deuten?

Bild und Foto: JPF

Der Film Werk ohne Autor ist in diesem Jahr für den Oscar nominiert. Das sollte Anlass zur Freude sein, aber die Schlagzeilen rund zu diesem Film sind von einer Kontroverse um den Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck und den Maler Gerhard Richter bestimmt.

Die Fakten sind schnell erzählt. Von Donnersmarck hatte Richter um ein Gespräch gebeten, nachdem er das Buch „Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie“ von Jürgen Schreiber gelesen hatte. Die Gespräche waren Ausgangspunkt des Filmprojekts, dessen Ergebnis nun die Chance auf den großen Filmpreis hat.

Den Regisseur interessierte an der Lebensgeschichte des Malers offenbar, inwiefern sich das Leben des Künstlers im Werk zeigt. Führen bestimmte Erlebnisse des Malers folgerichtig zu einem bestimmten Werk? Dieser Frage geht der Film nach, ob eine Antwort gelungen ist oder nicht, kann für diese Kolumne dahingestellt bleiben.

Die Kontroverse entsteht daraus, dass Richter in dem Film zwar die Fakten seines Lebens erkennen kann und muss, aber sich selbst nicht erkennt. Der Regisseur hat, meint Richter, sein Leben falsch gedeutet.

Der Film deutet die Fakten des Lebens auf eine bestimmte Weise, und zwar so, dass es plausibel erscheint, dass der Maler eben aus seiner besonderen Lebensgeschichte heraus genau diese Werke auf genau diese Weise geschaffen hat. Richter sieht das offenbar anders. Die Frage ist: Wer hat das Recht dazu, ein Leben zu deuten? Genauer: Wer kann entscheiden, welche Deutung öffentlich als plausibel angesehen werden darf?

Man könnte meinen, dass der Maler ja wohl besser wissen muss, was ihn zu seinen Werken gebracht hat, als es ein Regisseur wissen kann, der ein paar Gespräche geführt und ein paar Fakten recherchiert hat. Andererseits weiß man, dass eigene Erinnerungen trügen, und dass wir sehr oft die Frage, was uns zu einem bestimmten Ergebnis, zu unserer je eigenen Biografie geführt hat, oft nicht beantworten können oder wollen. Zudem sind wir oft bereit, uns vom Ergebnis her die Geschichte zurecht zu legen, dass sie uns selbst plausibel erscheint, und wir sagen uns, dass es nur genau so gewesen sein kann.

Somit kann es auch sein, dass ein Außenstehender, der sich mit einem Leben beschäftigt und der sich in die Folgerichtigkeit der Ereignisse hineindenkt, zu einem anderen Ergebnis kommt. Letztlich ist unentscheidbar, wer Recht hat, denn es geht ja nicht um nachprüfbare Fakten, sondern um deren Deutung. Möglich ist jedenfalls, dass der Außenstehende der Wahrheit näher kommt, als es der Betroffene selbst kann.

Mit Gerhard Richter kann man fragen, ob von Donnersmarck nicht seine Figur weiter vom Leben Richters hätte entfernen können. Er hätte die Geschichte eines Schriftstellers oder eines Bildhauers erzählen können, hätte ihn nicht aus Dresden, sondern aus Berlin stammen lassen können. Es hätte nicht die Tante sein müssen, die von den Nazis umgebracht wurde, sondern ein Schwager.

Allerdings wäre dann eine bestimmte Diskussion im Publikum nicht möglich gewesen. Ich als Zuschauer kann mich fragen, ob mir die Geschichte des Films plausibel erscheint in Hinsicht auf das tatsächliche Leben des Malers Gerhard Richter, in Hinsicht auf seine Werke, die ich kenne, und in Hinsicht auf seine Äußerungen zu seinen Werken. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn es nur die Filmgestalt gäbe und nichts außerhalb der Deutung des Films. Ein solcher Film würde ja nur seine selbst geschaffene Figur deuten.

„Werk ohne Autor“ ist selbst kein Werk ohne Autor. Wer meint, darin „die Wahrheit über Gerhardt Richter“ zu finden, ist natürlich im Irrtum, aber das ist nicht die Schuld des Regisseurs, sondern liegt an einer problematischen Vorstellung davon, was Kunst, auch Filmkunst, kann und soll. Der Film bietet eine Deutung eines Lebens und eines Werks an. Und über die kann man diskutieren, weil Werk und Maler bekannt sind.

Jörg Phil Friedrich

Jörg Phil Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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