Warum wurde Khashoggi ermordet?

Der im saudischen Konsulat in Istanbul ermordete Journalist Jamal Khashoggi war weder ein Regimekritiker noch war er Demokrat oder gar ein Kämpfer für Meinungsfreiheit und Menschenrechte, wie in den letzten Tagen oft in diversen Medien zu lesen und zu hören war.


Selbstverständlich ist die von der saudischen Führung befohlene Ermordung ein völlig inakzeptables Vorgehen des saudischen Regimes. Sie ist ein weiteres Verbrechen des theokratischen Regimes, das hoffentlich auch den letzten Politikerinnen und Politikern im Westen die Illusion über Kronprinz Mohammed bin Salman nimmt, er hätte mehr als wirtschaftliche Reformen im Sinn.

Khashoggi war bis Herbst 2017 Teil des saudischen Establishments. Der Konflikt, der seiner Ermordung zugrunde liegt, war einer zwischen Muslimbruderschaft und saudischer Regierung, bzw. der religiösen Elite. Bereits kurz nach seinem Verschwinden wurde bekannt, dass seine Verlobte, nachdem sie vergeblich vor der saudischen Botschaft gewartet hatte, mit Khashoggis Handy den türkischen Politiker Yasin Aktay, ein hochrangiges Mitglied der türkischen Regierungspartei AKP und Berater Erdoğans angerufen hatte. Dass Khashoggi ausgerechnet dessen Telefonnummer in seinem Handy gespeichert hatte, hätte bereits zu denken geben sollen. Interessantes Detail am Rande: Yasin Aktay ist mitverantwortlich für viele Verfahren gegen Journalisten und Journalistinnen in der Türkei.

Khashoggi war bis 2003 stv. Chefredakteur bei Arab News, Saudi Arabiens wichtigster englischsprachiger Zeitung. Danach arbeitete er als Chefredakteur bei Al-Watan, eine der führenden saudischen Tageszeitungen. 2010 wurde er zum Direktor von Al-Arab News Channel in Bahrain ernannt. Er stand stets an der Seite der saudischen Regierung, hatte gute Kontakte zum saudischen Königshaus und verteidigte die Politik Mohammed bin Salmans, dessen wirtschaftlichen Reformplan, die sogenannte „Vision 2030“ und den vorgeblichen Kampf gegen Korruption.

Kritiker und Menschenrechtsaktivisten schreiben in Saudi Arabien nicht für staatliche Zeitungen, sie sitzen im Gefängnis wie Raif Badawi, seine Schwester Samar Badawi, Waleed abu al-Khair und unzählige andere. Khashoggi wurde, anders als diese Kritiker, nie für einen seiner Artikel bestraft und er war auch nicht einfach nur Journalist, sondern saß stets an Schaltstellen der saudischen Propaganda.

Warum wurde Khashoggi plötzlich zum Feind, den man beseitigen wollte?

Khashoggi stand dem Denken der Muslimbruderschaft nahe und hatte sowohl innerhalb als auch außerhalb Saudi Arabiens gute Kontakte zu dieser. Das war all die Jahre kein Problem, da er sich in der Öffentlichkeit zurückhielt und einflussreiche Förderer ihre schützende Hand über ihn hielten: Vor allem die drei Prinzen Turki ibn Faisal (langjähriger Chef des Auslandsgeheimdienstes), Khalid ibn Faysal (Besitzer der Tageszeitung al-Watan) und Alwalid ibn Talal (einer der reichsten saudischen Investoren).

Letzter gehörte zu jenen Prinzen, die Ende 2017 im Zuge einer Verhaftungswelle gegen Korruption festgenommen und als „Luxusgefangene“ (so die internationale Presse) im Hotel Ritz Carlton in Riad festgehalten wurden, bis sie gegen die Zahlung hohen Lösegeldes (sie mussten einen großen Teil ihrer Vermögen an den saudischen Staat überschreiben), wieder freigelassen wurden. Das versetzte Khashoggi in Alarmzustand, der zu den Günstlingen des verhafteten Alwalid ibn Talal gehörte. Er setzte sich zunächst in die USA ab.

Aus seinen danach verfassten Artikeln gehen deutlich seine Sympathien für die Muslimbruderschaft und für die Erdoğan-Regierung hervor. Er begann die Muslimbruderschaft öffentlich zu verteidigen und warf den USA vor, diese nicht zu verstehen. Unter dem Titel The U.S. is wrong about the Muslim Brotherhood — and the Arab world is suffering for it schrieb er für die Washington Post unter anderem:

There can be no political reform and democracy in any Arab country without accepting that political Islam is a part of it.

Bemerkenswert ist, dass er explizit die Worte “politischer Islam” verwendet, während sich diverse Aktivisten im Dunstkreis der Muslimbruderschaft in Europa bemühen, diesen Begriff als Erfindung von “Islamfeinden” und Ausdruck von “Islamophobie” zu “dekonstruieren” und zurückzuweisen.

In saudischen Zeitungen wurde ihm fortan seine Nähe zur Türkei und vor allem zu Katar vorgeworfen. So soll er sich etwa in New York mit dem Emir von Katar getroffen haben. Katar ist neben Erdoğans Türkei nicht nur die Schutzmacht der Muslimbruderschaft, der Golfstaat ist auch der wichtigste Gegenspieler Saudi Arabiens im Streben um Hegemonie in der Golfregion und darüber hinaus in der islamischen Welt. Khashoggi galt nun als Verräter und Überläufer zum Feind, den man eliminieren muss. Seine Ermordung kann auch als Zeichen an andere gelesen werden. Denn die Muslimbruderschaft hat, wiewohl sie verboten ist, auch in Saudi Arabien zahlreiche Anhänger. Und so wird deutlich signalisiert: Wer mit Katar kooperiert, wird vernichtet.

Khashoggi war kein Demokrat und kein Kämpfer für Menschenrechte, er war überzeugter Islamist. Es ist nicht gerechtfertigt, ihn in eine Reihe mit den verfolgten und inhaftierten Menschenrechtsaktivisten und –aktivistinnen in Saudi Arabien zu stellen. Aber seine politische Einstellung rechtfertigt keinesfalls seine Ermordung. Dieses Staatsverbrechen sollte unbedingt Konsequenzen haben. Saudi Arabien sollte endlich auch von der westlichen Politik als das gesehen werden, was es ist: Ein Staat, der Terrorgruppen finanziert, islamistische Propaganda über Moscheen und Bildungseinrichtungen nach Europa trägt, Kriege führt und wenn es sein muss, auch zu Staatsterror greift.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie. Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien. Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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