Kolumnisten und andere Taugenichtse

Kolumnenschreiben ist brotlose Kunst, weiß Kolumnist Henning Hirsch zu berichten


»Ihr Autoren führt doch ein superangenehmes Leben«, sagt sie und stochert auf der Terrasse eines Kölner Lokals mit schönem Rheinblick in einem Wurstsalat rum.
»Wie meinst du das?«, frage ich.
»Ihr hockt den ganzen Tag in Cafés, trinkt einen Espresso nach dem anderen, beobachtet die Leute und schreibt im Anschluss eine Kurzgeschichte darüber.«
»Was soll daran verkehrt sein?«
»Nix ist daran verkehrt. Aber so einfach wie du möchte ich mein Geld auch mal verdienen. Ich sitze vierzig Stunden in einem schlecht klimatisierten Großraumbüro, tippe mir dort die Finger wund, niemand interessiert sich für das, was ich tue, und am Ende vom Monat reicht der mickrige Scheck kaum für die Miete und eine Kühlschrankfüllung.«
»Schreib halt selber was«, antworte ich.
»Würde ich gerne tun, habe aber nicht so endlos viel Zeit wie du für sowas. In meinen Augen führst du das Leben eines Taugenichts, der den ganzen lieben langen Tag damit verplempert, auf den einen Einfall für ne zündende Story zu warten, die er dann abends aufs Papier schmiert. Sei dir ja von Herzen gegönnt. Aber seriöse Arbeit ist was anderes.« Sie schiebt den Salat von sich weg in die Tischmitte, und ich sehe, dass sie die Wurststreifen raussortiert und nur den Käse gegessen hat.

Islam und Sachsen ziehen immer

Schon mal vorab: Würde ich mit dem Kolumnenschreiben reich werden, hätte ich schon längst damit aufgehört, ein Haus im Trentino gekauft, wo ich im Sommer auf dem Gardasee windsurfe und im Winter in den Dolomiten Ski fahre. Stattdessen sitze ich in der Mittagspause auf einer Parkbank, studiere die Zeitung und zermartere mir das Hirn, welche Nachricht für eine Kolumne taugen könnte. Zur Auswahl stehen heute:

▪ Hässlichkeit als Programm – Der Erfolg des italienischen Innenministers liegt in seiner bodenlosen Gemeinheit
▪ Grüne: AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen
▪ FDP lehnt Mietpreisbremse ab
▪ Patin ohne Patent – Sahra Wagenknecht und die neue Sammlungsbewegung Aufstehn
▪ Seehofer: Migration ist die Mutter aller politischen Probleme

Politische Themen – im Moment speziell Islam, Rechtspopulismus und Sachsen – kommen tendenziell immer gut. Die Klickzahlen sind erfreulich, die darunter stehenden Kommentare lassen zwar mitunter Zweifel an Geisteszustand und Seelenhygiene der Absender entstehen; aber was soll’s? Hauptsache, ne kontroverse Diskussion angestoßen. Beiträge übers Saufen, Buchrezis und Lyrik hingegen laufen eher schleppend. Was ja auch nicht großartig verwundert. Trinker sind den gesamten Tag mit der Beschaffung von Nachschub beschäftigt, haben deshalb weder Zeit noch den Kopf frei für schlaue Kolumnen, und der Rest der Bevölkerung verkraftet eh nur noch ultrakurze Texte mit maximal hundert Wörtern Länge, weshalb Literaturbesprechungen für diese Menschen völlig uninteressant sind. Und Lyrik ist sowieso nur was für romantische Spinner.

Über alles wurde schon tausend Mal geschrieben

Ich könnte ein paar Zeilen zu Chemnitz tippen Wie mir das selbst gebastelte Opferrollen-Mimimi der Besorgtbürger auf den Sack geht Aber dazu hatte ich vergangene Woche schon was geschrieben. Bloß keine Wiederholung. Auf jeden Fall nicht so eng getaktet. Wird ja nicht die letzte Fascho-Demo im Osten gewesen sein. Jetzt, wo AfD, Pegida, NPD ungeniert Seite an Seite marschieren – endlich zusammenwächst, was zusammengehört –, der Höcke in der Rolle als rachedürstender Klein-Siegfried mit Designerkrawatte vorneweg, und die betrunkenen Hools folgen. Das hat was von wagnerscher Dramatik und nibelungenscher Tragödie.

Seehofer und sein Alterswahn: Die Migranten. Keine Ahnung, welche Dämonen diesen Mann heimsuchen, dass er die armen Flüchtlinge für sämtliches Unheil, das in unserem Land geschieht, verantwortlich macht. Altersarmut, Wohnungsnot, verfehlte Klimaziele, Dieselabgas-Skandal – alles egal. Hauptsache, mal wieder die Ausländer gedisst und fünf Asylsuchende – streng gesetzeskonform gemäß der Dublin 3-Regeln – an der bayerischen Grenze abgewiesen und nach Österreich zurückgeschickt. Wie viele Leitartikel haben diese Phobie bereits seziert? Viele.

AfD vom Verfassungsschutz beobachten lassen: ebenfalls eine alte Kamelle, die periodisch wiederkehrend an die nicht-rechte Wählerschaft verteilt wird. Wie die Bonbons vom Kölner Karneval, die an Sankt Martin den Besitzer wechseln. Seehofer sieht, was nicht groß verwundert, keine Anhaltspunkte dafür, die Hellblauen observieren zu lassen. Die würden sich, falls es doch irgendwann gemacht würde, als Märtyrer aufführen, und am besten wäre es meiner Meinung nach sowieso, den Haufen komplett aufzulösen und Mitglieder und Sympathisanten dahin zurückzuverfrachten, wo sie hervorgekrochen sind: an die biergeschwängerten Platten der deutschen Stammtische. Da können sie sich dann in Kleingruppen über den in Kürze bevorstehenden Untergang des Abendlands die Köpfe heißreden, den Sturz des Systems herbeigrölen und sich für den kommenden Tag – sobald der Blutalkoholgehalt wieder unter die Zwei-Promille-Grenze fällt – zur konservativen Weltrevolution verabreden.

„Hässlichkeit als Programm“ gefällt mir; ein interessanter Artikel im Feuilleton der Süddeutschen. Das allmähliche Salonfähigwerden von Lüge und Gemeinheit. Die Masse applaudiert unverhohlen und bekundet lautstark ihre Sehnsucht nach Arschlochtum und dem schleunigen Überbordwerfen lästiger humaner Prinzipien. Sicherlich spannend, aber auch schon mehrere Dutzend Male durchdekliniert.

Wagenknechts und Lafontaines Aufstehn. Eine neue linke Bewegung, angeführt von zwei komplett humorbefreiten Galionsfiguren. Selbst wenn ich ein paar von deren Ansichten teilte – ich schlösse mich nie einer Gruppe an, bei der man zum Lachen in den Keller geschickt wird. Ein bisschen Spaß muss schon erlaubt sein. Über Griesgrame in der Politik werde ich heute hundertpro nichts schreiben.

Bliebe noch die FDP und die Mietpreisbremse. Aber dass die Liberalen, deren Mitglieder und Wähler in Vorortvillen, schicken Lofts oder an der Côte d’Azur leben, mit erschwinglichem Wohnraum für die weniger gut verdienende Bevölkerung nichts am Hut haben, überrascht nun auch nicht gerade. Für einen Meinungsbeitrag taugt das deshalb überhaupt nicht.

In Zukunft mehr Porno

Die Mittagspause ist vorüber, die Zeitung durchgelesen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich mit all diesen Themen keinen Pulitzerpreis gewinnen kann. Eigentlich brauche ich heute gar keine Kolumne zu tippen: mir fällt nichts Pfiffiges ein; unlustig und schläfrig bin ich zudem. Vielleicht kommt mir morgen ein Gedankenblitz. Ich könnte ja zur Abwechslung mal was Pornografisches schreiben, oder eine Sitzung mit meiner Psychologin wiedergeben. Wobei natürlich bei Porno und Psychologin eine Schnittmenge existiert. Oder ich schildere das Grauen, das mich packt, sobald ich einen Supermarkt betrete und dort mit meinen stark übergewichtigen, fresswütigen Landsleuten konfrontiert werde. Oder, oder, oder … auf jeden Fall alles spannender als die fünf oben aufgezählten Polit-Gähner. Ich werde ein, zwei Nächte drüber schlafen in der Hoffnung, dass ich mir was Erzählenswertes zusammenträume. Falls nein, dann sauge ich mir halt irgendwas aus den Fingern. Bloß was?

Sie sehen: 75% der Schaffenszeit verbringt der Kolumnist damit, darüber nachzudenken, was er überhaupt zu Papier bringen soll. Ein kontemplativer Vorgang, der auf Außenstehende wie meine hart arbeitende Kölner Bekannte den Eindruck fortgesetzten Nichtstuns erweckt. Das stimmt aber ganz und gar nicht.

Und damit jetzt keiner auf die Idee kommt, mich anzupumpen: Kolumnenschreiben ist eine komplett brotlose Kunst. Wir Schreiber ernähren uns einzig von der Aufmerksamkeit des Publikums. Und nun verlasse ich die Parkbank, denn es fängt an zu regnen … ENDE dieser Nicht-Kolumne

PS. Tschechows Novelle Der Taugenichts ist übrigens sehr unterhaltsam zu lesen

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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