Warum blieben die Bolschewiki an der Macht? Zum hundertsten Jahrestag des Dekrets „Über den roten Terror“

Die Tatsache, dass die bolschewistische Machtergreifung am 25. Oktober 1917 recht glimpflich verlief, sagte noch nicht allzuviel über die wahre innere Verfassung der russischen Gesellschaft. Ihr Rückgrat war damals bei weitem noch nicht gebrochen, das Widerstandspotential durchaus vorhanden. Nicht zuletzt deshalb konnte in einem kriegsmüden Land – unmittelbar nach dem Ausscheiden Russlands aus dem Ersten Weltkrieg – ein grausamer Bürgerkrieg beginnen, der dem Land noch wesentlich mehr Opfer abverlangte. Warum konnten die Bolschewiki diesen Krieg gewinnen, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung sich während des Bürgerkrieges gegen sie gewandt hatte?
Mit dieser Frage befasst sich die folgende Kolumne.


Russlands Abschied von der Demokratie

Zu den größten Problemen des bolschewistischen Regimes gehörte seine fehlende Legitimität. Die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung, die einige Wochen nach dem bolschewistischen Staatsstreich stattfanden, endeten mit einem Debakel der Bolschewiki. Sie erhielten lediglich 24% der Stimmen. Deshalb wurde die damals einzige Einrichtung, die den Gesamtwillen der russischen Wähler repräsentierte, von den Bolschewiki am 19. Januar 1918 brutal auseinandergejagt. Sie verzichteten damit auf eine demokratische Legitimierung ihres Regimes. Dies war der endgültige Abschied Russlands von der Demokratie im klassischen Sinne. Die Demokratie für alle wurde nun durch die sogenannte Sowjetdemokratie nur für die werktätigen Schichten abgelöst. Der Klassenkampf stellte eine Art Fundament des neuen Staates dar. Gegenüber den so genannten ausbeuterischen Klassen hatte das Regime nur ein Mittel parat – bewaffnete Unterdrückung. Das offene Bekenntnis der Bolschewiki zum Terror, ihre Missachtung der elementarsten parlamentarischen Spielregeln wurde zum Stein des Anstoßes für die demokratisch gesinnten sozialistischen Kräfte sowohl in Russland als auch in der gesamten Welt. Die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung, die sich nach der Bewilligung der Kriegskredite durch führende Parteien der II. Internationalen im Sommer 1914 angebahnt hatte, wurde nach der Errichtung der bolschewistischen Terrorherrschaft endgültig vollzogen. Besonders scharf kritisierte Karl Kautsky – einer der führenden Theoretiker der II. Internationale – das bolschewistische System. So schrieb er in seiner Schrift „Terrorismus und Kommunismus“ (1919):

Dass der Bolschewismus sich als Minderheit im Volke fühlt, nur das allein macht es begreiflich, dass er die Demokratie so hartnäckig ablehnt … Die Bolschewiki sind bereit, um sich zu halten, alle möglichen Konzessionen der Bürokratie, dem Militarismus, dem Kapitalismus zu machen. Aber eine Konzession an die Demokratie erscheint ihnen als Selbstmord.

Dem Vorwurf Kautskys, der Bolschewismus nehme in einem immer stärkeren Ausmaß militaristische Züge an, widersprachen die Bolschewiki gar nicht. Ja, die Arbeiter müssten lernen, mit den Waffen umzugehen, wenn sie die Macht behaupten wollten, so Leo Trotzki. Auch Lenin setzte sich mit der Kritik Kautskys scharf auseinander und rechtfertigte das Vorgehen der Bolschewiki. Er verklärte die Diktatur des Proletariats und den Terror als die wirksamsten Mittel, um die „Menschheit vom Joch des Kapitals und von Kriegen (zu) erlösen“, um zum „Absterben des Staates“ zu kommen.

Lenin als Inspirator des „roten“ Terrors

Die offizielle sowjetische Historiographie, die Lenin quasi heiliggesprochen hatte, neigte dazu, Lenins Bekenntnis zum erbarmungslosen Terror zu relativieren. Der Lenin-Kult wurde, vor allem nach dem Tode des sowjetischen Staatsgründers (Januar 1924), zum Bestandteil der sowjetischen Staatsdoktrin. Dementsprechend galt Lenin als die Verkörperung aller denkbaren Tugenden, als Quelle der Inspiration. Sogar viele kritisch denkende sowjetische Intellektuelle gerieten bei der Erwähnung von Lenins Namen ins Schwärmen. Dass die Brutalisierung der sowjetischen Politik, die Erhebung des systematischen Terrors zu einer der wichtigsten Säulen des Regimes untrennbar mit dem Namen Lenins verbunden war, ließ sich mit diesem verklärten Lenin-Bild schwer vereinbaren. Die Quellen, insbesondere die vor kurzem zugänglich gewordenen Dokumente, sprechen aber eine eindeutige Sprache. Der Lenin-Biograph Dmitrij Wolkogonow schrieb 1993:

Lenin war nicht nur der geistige Urheber des bolschewistischen Terrors, sondern er hob ihn als Politik zudem in den Rang einer Staatsdoktrin.

Wiederholt kritisierte Lenin das Vorgehen der Bolschewiki gegen ihre Gegner als zu unentschlossen und weich. Als der Volkskommissar für Pressewesen, Wolodarski, am 20.6.1918 in Petrograd einem Attentat zum Opfer gefallen war, kritisierte Lenin die Mitglieder des Petrograder Parteikomitees für eine allzu zaghafte Reaktion auf diesen Mord:

Genosse Sinowjew (Sinowjew war Vorsitzender des Petrograder Parteikomitees)! Erst heute haben wir im ZK davon gehört, dass die Arbeiter in Petrograd die Ermordung Wolodarskis mit Massenterror beantworten wollten und dass … die Petrograder Genossen zögerten. Ich protestiere entschieden! Wir kompromittieren uns … Das darf nicht sein! … Man muss mit der vollen Härte des Terrors gegen die Konterrevolution vorgehen.

Ununterbrochen spornte Lenin die Bolschewiki auch zu einem härteren Vorgehen gegen die reicheren Bauern an – die sog. Kulaken (vom russischen Wort „kulak“- Faust). So schlug er im August 1918 dem Volkskommissar für Versorgung, Tsjurupa, vor:

In jedem Getreidebezirk 25-30 Reiche als Geiseln zu nehmen, die mit ihrem Leben für das Sammeln und Speichern aller Überschüsse bürgen sollen.

Auch die Ermordung der Zarenfamilie am 16./17. Juli 1918 in der Stadt Jekaterinburg im Ural, in der sie seit April 1918 in der Verbannung lebte, ging auf die Initiative der Moskauer Zentrale, nicht zuletzt Lenins zurück.

Das Dekret „Über den roten Terror“

Einen systematischen Charakter nahm der bolschewistische Terror nach dem missglückten Attentat auf Lenin an, das die Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan am 30.8.1918 verübte. Lenin wurde von zwei Kugeln getroffen. Als die Attentäterin beim Verhör nach ihren Motiven gefragt wurde, antwortete sie:

Ich halte (Lenin) für einen Verräter. Je länger er lebt, desto mehr wird die Idee des Sozialismus entstellt. Und das auf Dutzende von Jahren.

Am gleichen Tag wurde in Petrograd der Leiter der dortigen Sicherheitsorgane, Moisej Uritzki, erschossen. Der Attentäter war ebenso wie Fanny Kaplan ein Sozialrevolutionär.

Die beiden Attentate wurden von der bolschewistischen Führung zum Anlass genommen, um am 5.9.1918 das Dekret „Über den roten Terror“ zu verabschieden, das in der Geschichte des Sowjetsystems eine traurige Berühmtheit erlangen sollte. Da Lenin sich von seinen Verletzungen sehr schnell erholte, nehmen einige Autoren an, dass dieses Dekret nicht ohne Beteiligung Lenins zustande kam. Es enthielt folgende Passagen:

In der gegebenen Situation ist es unbedingt erforderlich, das Hinterland durch Terror zu sichern … Zum Schutz der Sowjetrepublik vor Klassenfeinden werden diese in Konzentrationslagern isoliert. Personen, die an weißgardistischen Organisationen, Verschwörungen und Rebellionen beteiligt sind, werden erschossen.

Insbesondere nach diesem Dekret entwickelte sich die für den revolutionären Terror „zuständige“ Allrussische Außerordentliche Kommission (Tscheka) zu einer Mammutbehörde, die die Verteidigung des Regimes vor „inneren Feinden“ weitgehend monopolisierte. Lenins Definition der Diktatur des „revolutionären Volkes“ als „einer Macht, die durch keinerlei Gesetze beschränkt ist“, erhielt im Falle der Tscheka eine besondere Relevanz. Über die Machtfülle der Tscheka schrieb einer ihrer führenden Funktionäre, Peters:

In ihrer Tätigkeit ist die Tscheka völlig unabhängig; sie führt Ermittlungen durch, nimmt Verhaftungen und Hinrichtungen vor und erstattet darüber anschließend dem Rat der Volkskommissare (sowjetische Regierung – L.L.) und dem Zentralen Exekutivkomitee (der Sowjets) Bericht.

Es wäre allerdings völlig verfehlt, die Eigenständigkeit der Tscheka über zu bewerten, denn letztendlich handelte es sich bei ihr um ein Instrument der Parteiführung

Lenin nahm wiederholt die Tscheka vor der immer schärfer werdenden Kritik in Schutz. Auf einer Veranstaltung der Mitarbeiter der Tscheka anlässlich des 1. Jahrestages der Oktoberrevolution führte er aus:

Die spießerhafte Intelligenz greift (die Fehler der Tscheka) auf, ohne tiefer in das Wesen der Sache eindringen zu wollen. Was mich an dem Geschrei über die Fehler der Tscheka wundert, ist die Unfähigkeit, die Frage im großen Zusammenhang zu sehen. … Es ist durchaus begreiflich, dass sich in die Tscheka fremde Elemente einschleichen. Durch Selbstkritik werden wir sie abschütteln. Wichtig für uns ist, dass die Tscheka unmittelbar die Diktatur des Proletariats verwirklicht, und in dieser Hinsicht kann ihre Rolle nicht hoch genug eingeschätzt werden. Einen anderen Weg zur Befreiung der Massen als die gewaltsame Niederschlagung der Ausbeuter gibt es nicht.

Aber nicht nur die „spießerhafte Intelligenz“, sondern auch viele alte Bolschewiki beschwerten sich wiederholt über das skandalöse Verhalten der Sicherheitsorgane. D. Gopner (Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands seit 1900) beklagte sich am 22.3.1919 in einem Brief an Lenin über eine „verzweifelt kriminelle Atmosphäre“, die in der Tscheka der Ukraine herrsche. Gopner sprach von einer „Diktatur dieser offiziell untergeordneten Institution (Tscheka)“, von der „vollkommenen Missachtung aller Gesetze und Verordnungen der Regierung“ durch die Tschekisten.

Ein anderer „alter“ Bolschewik, Olminski, fügte etwa zur gleichen Zeit hinzu:

Man kann über den ´roten Terror´ verschiedener Meinung sein; das aber, was jetzt in der Provinz vorgeht, ist kein ´roter´ Terror mehr, sondern der willkürlichste Massenmord, der überhaupt denkbar ist.

Solche Äußerungen konnten die bolschewistische Spirale der Gewalt natürlich nicht aufhalten, sie zeigten allerdings, dass die bolschewistische Partei in der frühsowjetischen Zeit noch weit davon entfernt war, mit einer Stimme zu sprechen. Später, in der Stalin-Zeit, wären derartige kritische Aussagen undenkbar gewesen.

Der Kampf der Bolschewiki gegen die ehemalige russische Oberschicht

Alle Schichten der russischen Bevölkerung wurden vom „roten Terror“ erfasst. Mit besonderer Brutalität richtete er sich aber gegen die Vertreter der ehemaligen russischen Oberschicht. Nach ihrer politischen Entmachtung und Expropriation folgte nun ihre physische Dezimierung. Die sowjetische Verfassung vom Juli 1918 entzog den Mitgliedern der sog. „ausbeuterischen Klassen“ sowohl das aktive als auch das passive Wahlrecht. Sie wurden während des Bürgerkrieges auch am schlechtesten versorgt und erhielten in der Regel die Lebensmittelkarten der niedrigsten Kategorie. Wiederholt wurden von den Behörden den Angehörigen der „Bourgeoisie“ Sondersteuern – die sog. „Kontributionen“ auferlegt. Im Rahmen der Arbeitspflicht wurden sie oft zu den schwersten und niedrigsten Arbeiten herangezogen.

Zu einem wichtigen Bestandteil des „roten Terrors“ gehörten die „Geiselnahmen“ – willkürliche Verhaftungen unzähliger Bürger unterschiedlichster Kategorien, die von den Terrororganen als eine Art menschliches Pfand betrachtet wurden. Widerstandsakte gegen das Regime wurden dann nicht selten durch massenhafte Erschießungen von Geiseln beantwortet. Zu der Kategorie von Geiseln, die in der Regel zuerst hingerichtet wurden, gehörten die Angehörigen der ehemals besitzenden Klassen.

Das Schicksal der entmachteten Oberschicht erinnert auf den ersten Blick an das Schicksal der Juden im Dritten Reich. Auch hier lässt sich eine fortwährende Radikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen feststellen – Entrechtung, Entwürdigung, Ausgrenzung und schließlich physische Vernichtung. Dennoch bestand ein grundlegender Unterschied zwischen den beiden Arten von Verfolgungen. Das Endziel der Nationalsozialisten, vor allem nach dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges, war ein totaler Genozid, eine gänzliche Vernichtung der Juden, ungeachtet ihres Alters, Geschlechts, ihrer Religionszugehörigkeit oder beruflichen Stellung. Der bolschewistische Feldzug gegen die bürgerlich-adeligen Schichten Russlands war indes anders geartet. Die Bolschewiki versuchten ihre „Klassengegner“ zu spalten. Ein Teil von ihnen wurde unterdrückt oder vernichtet, der andere hingegen für die Zwecke des Regimes eingespannt. Hunderttausende von „bürgerlichen“ Spezialisten arbeiteten in den sowjetischen Behörden und Betrieben. Die Rote Armee wäre ohne die Zehntausende von ehemaligen Offizieren der zarischen Armee nicht handlungsfähig gewesen. Das Offizierskorps der Roten Armee bestand 1918 zu 75% aus ehemaligen zarischen Offizieren, 1921 waren es immer noch 34%. Man darf auch nicht vergessen, dass viele bolschewistische Führer bürgerlicher oder adeliger Herkunft waren – nicht zuletzt Lenin selbst.

Die soziale Isolierung des bolschewistischen Regimes

Zu einer besonders gefährlichen Herausforderung für die Bolschewiki zur Zeit des Bürgerkrieges wurde die Haltung der größten Bevölkerungsgruppe im Lande – der Bauernschaft. Am 11.1.1919 wurde ein Dekret über die bäuerliche Getreideablieferungspflicht erlassen, in dem der Staat seine Bedürfnisse genau definierte. Jede Region musste nun die vom Staat genannte Menge von Getreide und anderen Nahrungsmitteln abliefern. Für die Nichteinhaltung der Ablieferungspflicht wurden die Bauern brutal bestraft. Die Auflehnung der Landbevölkerung gegen diese Politik war vorprogrammiert. Militärisch hatten die schlecht organisierten und unzureichend bewaffneten Bauern (wenn man von einigen Ausnahmen absieht) bei der Auseinandersetzung mit den Terrororganen und den regulären Einheiten der Roten Armee natürlich keine Chance. Die Auflehnung der Bauern gegen das Regime stellte für die Bolschewiki in erster Linie einen moralischen Rückschlag dar. Denn sie hatten innerhalb kürzester Zeit die Unterstützung ausgerechnet derjenigen Bevölkerungsgruppe verloren, die von der Oktoberrevolution infolge des Dekrets über Grund und Boden (8.11.1917) am stärksten profitiert hatte.

Aber noch stärker wurde die Glaubwürdigkeit der Bolschewiki durch Revolten derjenigen Schicht untergraben, in deren Namen sie regierten – der Industriearbeiterschaft. Insbesondere im Frühjahr 1919 wurde eine Reihe von Industriezentren von Streiks erfasst (Petrograd, Tula, Astrachan u.a.). Diese Proteste wurden von den Bolschewiki mit äußerster Brutalität niedergeschlagen.

Warum blieben die Bolschewiki an der Macht?

So wurde das bolschewistische Regime zur Zeit des „roten Terrors“ beinahe von allen Bevölkerungsschichten Russlands abgelehnt, es befand sich in einer weitgehenden sozialen Isolation. Was ermöglichte dann den Bolschewiki, diese Isolation zu überstehen und den Bürgerkrieg letztendlich als überlegene Sieger zu beenden? Der Massenterror allein wäre dafür keineswegs ausreichend gewesen. Der Erfolg der Bolschewiki wurde wohl auch durch andere nicht weniger wichtige Faktoren mitbedingt. So z.B. durch die Fähigkeit der Bolschewiki, den doktrinären Rigorismus mit einem erstaunlichen Realitätssinn zu vereinbaren. Charakteristisch war in diesem Zusammenhang etwa ihre Einstellung zum Privathandel, und zwar nach seiner Verstaatlichung, die durch das Dekret vom 21.11.1918 erfolgte. Eine buchstabengetreue Verwirklichung dieses Dekrets durch das Regime hätte für die überwältigende Mehrheit der Stadtbewohner den sicheren Hungertod bedeutet. So deckte der freie Handel in den Monaten Juli bis September 1918 etwa 90% des Brotbedarfs der Bewohner Moskaus. Nach verschiedenen Schätzungen betrug der Anteil des freien, im Grunde illegalen Marktes an der Versorgung der Stadtbevölkerung während des gesamten Bürgerkrieges mehr als 50%. Das Überleben der Städte wurde also in erster Linie durch die halbherzige Duldung des Marktes durch die Bolschewiki garantiert. Dadurch entschärften sie – zumindest partiell – soziale Spannungen in der Stadt, was ihnen die Machtbehauptung durchaus erleichterte. Hier kam ihnen nicht ihre Konsequenz, sondern ihre Inkonsequenz zugute.

Ähnliches gilt auch für ihre Bauernpolitik. So stellte die Abschaffung des Privateigentums eine der wichtigsten Säulen des von den Bolschewiki 1918 errichteten „kriegskommunistischen“ Systems dar. Nur in einem Bereich bremsten die Bolschewiki ihren Drang nach einer totalen Verstaatlichung der Produktionsmittel – im Bereich des bäuerlichen Bodenbesitzes. Der gesamte Boden wurde zwar durch das Dekret über Grund und Boden vom 8.11.1917 zum Gemeineigentum des Volkes erklärt und den Bauern nur „zur Nutzung übergeben“. Dies war aber zunächst nur eine theoretische Spitzfindigkeit, die die tatsächlichen Besitzverhältnisse auf dem Lande kaum tangierte. So befanden sich im Jahre 1919, als das kriegskommunistische System sich bereits voll etablierte, etwa 97% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in bäuerlicher Hand. Dieser Zustand war für viele bolschewistische Puristen unhaltbar. Die Vergesellschaftung des Bodens betrachteten sie als unverzichtbaren Bestandteil des neuen wirtschaftlichen Systems. Diesen Standpunkt vertraten damals die Linken Kommunisten, geführt von Nikolaj Bucharin (Mitte der 1920-er Jahre sollte Bucharin seinen Standpunkt grundlegend ändern. Er verwandelte sich in den wichtigsten Wortführer einer bauernfreundlichen Politik in der bolschewistischen Partei).

Die maßgeblichen Kräfte innerhalb der sowjetischen Führung, nicht zuletzt Lenin selbst, lehnten aber während des Bürgerkrieges die Forderungen der Linken Opposition ab. Sie wollten zwar den Bauern ihre sogenannten Überschüsse, aber nicht den Boden entreißen. Damit zeigten sie, dass die bäuerliche Psyche ihnen viel besser vertraut war, als ihren linken Kritikern. Denn sie wussten, dass jeder Versuch, die Ergebnisse der Bodenreform vom November 1917 in Frage zu stellen – und dies beabsichtigten die Linken Bolschewiki – den ohnehin verzweifelten Widerstand der Bauern gegen die bolschewistische Politik um ein Vielfaches verstärken würde. Deshalb wollte Lenin nicht an diesen so sensiblen Punkt der Agrarpolitik rühren.

Eine ganz andere Einstellung zur Agrarfrage hatten die am besten organisierten Gegner der Bolschewiki im Bürgerkrieg – die „weißen“ Gruppierungen. Überall dort, wo die „Weißen“ ihr eigenes Regiment errichtet hatten, gerieten sie sofort in eine harte Konfrontation mit der Landbevölkerung, weil sie die bolschewistische Bodenreform nicht anerkannten. Sie versuchten oft, die früheren Besitzverhältnisse auf dem Lande wiederherzustellen und forderten dadurch die Bauern in einer beispiellosen Weise heraus. Sie standen von nun an auf verlorenem Posten. Denn die Abwendung der Bauern von den Bolschewiki bedeutete keineswegs, dass sie sich von den Idealen der Revolution abgewendet hatten. Der Hass gegen das „alte Regime“ und alle seine Erscheinungsformen, stellte auch weiterhin bei den russischen Unterschichten die allesbeherrschende Emotion dar. Alle politischen Gruppierungen, die im Verdacht standen, die Zustände vor Februar 1917, ja sogar diejenigen vor Oktober 1917 restaurieren zu wollen, hatten keine Chance den Bürgerkrieg zu gewinnen. Einer der Führer der oppositionellen menschewistischen Partei, Fjodor Dan, sagte im Jahre 1920: Trotz ihrer Unzufriedenheit mit der Sowjetmacht hätten die Bauern um jeden Preis die Wiederherstellung des alten Regimes, das die Weißen verkörperten, verhindern wollen. Dies sei für den Sieg der Bolschewiki ausschlaggebend gewesen.

Und auch Lenin äußerte sich etwa zur gleichen Zeit in ähnlichem Sinne: Das Blatt habe sich nur deshalb zu Gunsten der Bolschewiki gewendet, weil die Bauern Angst vor dem Sieg der Weißen bekommen hätten, Angst davor, dass sie ihres eben errungenen Bodens wieder beraubt würden.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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