Nach der WM ist vor der EM

Selten so oft daneben getippt wie bei dieser WM der Überraschungen, gesteht Kolumnist Henning Hirsch


„Nie war mir eine WM egaler als diese“, könnte mein Motto für das heute zu Ende gegangene Mammutturnier in Russland lauten. 32 Mannschaften, acht Vorrundengruppen, 64 Spiele, und ich habe mir davon maximal 25 Prozent reingezogen. Das war 2014 noch ganz anders gewesen: von den ebenfalls 64 Matches hatte ich ganze drei, aufgrund von Spontanschlaf vor dem TV-Gerät, verpasst. Ich weiß auch nicht so genau, woran es dieses Mal lag, dass mich das Fußballfieber nicht derart packte wie vor vier Jahren: am frühen Aus der deutschen Mannschaft, an der seit Jahren stattfindenden Übersättigung mit der Materie, meinem kaum noch zu unterdrückenden Widerwillen gegen die Hyperkommerzialisierung des Events oder den Kopfschmerzen, weil ich wochenlang all die hässlichen Deutschlanddevotionalien erblicken musste, die meinen Sinn für Ästhetik beleidigen. Wahrscheinlich ein Mix aus den vier aufgezählten Gründen, der mir in diesem Sommer den kindlichen Spaß am Rasenballsport verleidete und mich alternativ lieber Filme in Amazon und Netflix anschauen ließen.

Allez les Bleus!

Frankreich ist Weltmeister. Ein bisschen glücklich mit einem erschauspielerten Freistoß und einem geschenkten Elfmeter und zugegebenermaßen vom Ergebnis her zu hoch. Die Kroaten waren bis zum Schluss nah dran. Wäre irgendwann um die 80ste herum das 3 zu 4 gefallen, hätte ich der Überraschungself sogar Verlängerung und Sieg zugetraut. So bleibt es dabei: den Titel holt am Ende immer einer der Großen. Der letzte Kleine war Uruguay im Jahr 1950. Seitdem dominieren die Länder mit den starken und zahlungskräftigen Ligen das Turnier (okay, okay: Brasilien ist jetzt nicht so reich wie Spanien, Italien oder Deutschland. Aber es ist eben Brasilien). Didier Deschamps tritt in die Fußstapfen Beckenbauers und Zagallos: Weltmeister sowohl als Spieler als auch als Trainer. Verordnete der L‘Équipe Tricolore eine defensive Grundausrichtung bei gleichzeitig pfeilschnell vorgetragenen Kontern durch die beiden Spitzen Griezmann und Mbappé. Das reichte für Tabellenplatz 1 in der Vorrunde, war das richtige Konzept im superspannenden und auf Messers Schneide balancierenden Achtelfinale gegen Argentinien und ließ die Les Bleus im Anschluss über Uruguay und die als Geheimfavorit eingestuften Belgier triumphieren. Kroatiens Weg war steiniger: zweimal Elfmeterschießen und ein Sieg in der Nachspielzeit gegen England. Das kostete ne Menge Kraft. Zudem ein Tag weniger Ruhepause als der Wettbewerber. Von schwachen Beinen sah man trotzdem nichts im Finale. Die Kicker vom Balkan scheinen zwei Lungen zu besitzen und über ein nie verzagendes Kämpferherz zu verfügen. Selten eine Mannschaft gesehen, die sich so reinwirft und bis zur letzten Sekunde fightet. Die beiden letztgenannten Fähigkeiten galten übrigens früher als typisch deutsche Tugenden. Lang ist’s her.

Glückwunsch an Frankreich zum zweiten Titel!

Bei keiner WM lag ich mit meinen Tipps so daneben wie bei dieser. Sowohl im Büro als auch im Bekanntenkreis jeweils Letzter im Tableau geworden. Und das mir, der ich die Spiele seit 1970 schaue und bis vor kurzem noch ehrfurchtsvoll als Orakel vom Mittelrhein bezeichnet wurde. Aber wer prognostiziert schon allen Ernstes, dass Japan gegen Kolumbien gewinnt, der Iran den hochgelobten Portugiesen ein Unentschieden abtrotzt oder Schweden die Mexikaner 3 zu 0 weghaut? Kroatien im Finale – kann man als Hochrisikospekulation natürlich abgeben; aber alte Männer wie ich tun das nicht, sondern vertrauen lieber auf Argentinien, Brasilien und Spanien. Alle drei allerdings auch nicht viel erfolgreicher bei diesem Turnier als das deutsche Team gewesen. Wobei sie schöneren und vor allem einsatzfreudigeren Fußball zelebrierten und nur haarscharf stolperten.

Aus deutscher Sicht: Turnier des Grauens

Deutschland hingegen hat die schlechteste WM aller Zeiten gespielt. Als bisheriger Tiefpunkt galt das Ausscheiden im Achtelfinale 1938 gegen die Schweiz. Seitdem war die Runde der letzten 8 das Minimalziel, das erreicht werden musste. 4x der Titel, 4x Vize, 3x Dritter. Die Liste der Triumphe ist lang. Vorzeitige Heimreisen bedeuteten zumeist auch die gleichzeitige Auflösung des Trainervertrags. Weil entweder der Übungsleiter von sich aus einsah, dass er mit seinen Motivationskünsten am Ende war, oder die DFB-Oberen ihn sanft nach draußen bugsierten. Dieses Mal ist alles anders: Der Nivea-Coach glaubt, (nahezu) alles richtig gemacht zu haben, der Manager – der im Falle des Rauswurfs seines wichtigsten Angestellten ebenfalls die Koffer packen müsste – stärkt ihm den Rücken, und die Funktionäre aus der Frankfurter Zentrale haben sich verzockt; keinen Plan B in der Tasche, sodass sie wider besseren Wissens am abgehalfterten Duo Bierhoff & Löw festhalten. Die Satzhülse „In schwierigen Zeiten machen wir uns nicht einfach aus dem Staub“ bedeutet übersetzt nichts anderes als: „Wir möchten unsere gut bezahlten Jobs gerne weiter behalten, weil wir so schnell keine lukrative Anschlussbeschäftigung finden werden“. Das Nicht-Reinemachen wird sich bereits im Herbst bitter rächen, wenn das mittelmäßige deutsche Team in der Nations League – ein neues Turnier im ständig weiter aufgeblähten UEFA-Kalender – auf die Hochkaräter Frankreich und Niederlande trifft und sich dabei saftige Packungen einfängt. Spätestens dann eröffnet die Presse das Feuer auf den Trainer, in dessen Flammen und dilettantischen Löschversuchen sich ebenfalls Manager und Präsident üble Brandwunden zuziehen werden. Völlig zu Recht. Wer zu lange zögert, den entsorgt der Boulevard.

Die Defizite waren offensichtlich: unfitte Spieler, Gruppenbildung innerhalb der Mannschaft, veraltete Taktik auf dem Platz, ermüdender Schlafwagen-Ballbesitz-Fußball, hunderte – zu nichts führende – Querpässe im Mittelfeld, keine Alphatypen dabei, gute Stürmer gar nicht erst mitgenommen, sondern zu Hause gelassen, vogelwilde Defensive, kein Aufbäumen gegen drohende Niederlagen, die Akteure spulten ein Minimalprogramm ab. Schablonenfußball, der dem Auge wehtat. Und: An den Spielern alleine lag es nicht. Da waren einige Weltklasseleute dabei: Kroos, Boateng, Özil, Neuer. In ihren Vereinen fest gesetzt, die das Kicken sicher nicht mit der Ankunft in Moskau verlernt hatten. Es schien mir primär ein Problem mangelnder Inspiration und Motivation zu sein. Kombiniert mit komischen taktischen Entscheidungen und einer von Match zu Match anders zusammengewürfelten Startelf. Für sowas ist nun mal der Coach zuständig und, falls es nicht hinhaut, in der Konsequenz auch verantwortlich. Weshalb es abenteuerlich anmutet, dass ausgerechnet der Mann, der die aktuelle Misere verschuldet hat, nun ankündigt, er wolle das System grundlegend reformieren. Dafür hatte er doch seit der EM 16 – die ja aus deutscher Sicht ebenfalls nicht richtig rund lief – zwei Jahre Zeit gehabt. Und jetzt weitere sechs? Oh weh! Wobei Löw nach der Gruppenphase der Nations League eh Vergangenheit sein wird.

Das unselige Foto in London

Man kann die Geschichte dieser WM nicht schreiben, ohne auf die unglückliche Causa Özil/ Gündogan/ Tosun/ Erdogan einzugehen. Ein Foto aus dem Mai, in dem sich vier lächelnde Männer gegenseitig umarmen und handsignierte Trikots überreichen. Aufgenommen in London anlässlich eines (spontan arrangierten?) Treffens mit dem türkischen Staatschef. Ein Bild, das die deutsche Fußballwelt für einige Tage in ihren demokratischen Grundfesten erschütterte. Kein Außenstehender weiß bis heute so genau, was die beiden Spieler dazu bewegte, dem türkischen Autokraten die Hand zu schütteln und ihn mit „Mein Präsident“ anzuhimmeln. Waren es Verwandte in der Heimat, die es zu schützen galt, war es Eitelkeit oder doch nur Dummheit, oder bewundern die beiden gar den AKP-Vorsitzenden? Das Ganze fällt in die Rubrik: Dinge, die man besser nicht gemacht hätte. Passiert, dumm gelaufen, Shitstorm ertragen, Augen schließen, Ohren zuhalten, eine kleine Erklärung dazu abgeben und danach ins Trainingslager nach Südtirol aufbrechen. Kann man als DFB so akzeptieren oder es eben auch nicht tun. Soll heißen: vernünftiges Krisenmanagement wäre es gewesen, die beiden entweder sofort auszuladen oder von ihnen eine sattelfeste Entschuldigung zu verlangen. Im Falle der zweiten Möglichkeit hätte es danach aber auch wieder gut sein müssen. Ein Foto mit dem türkischen Staatsoberhaupt stellt ja kein Kapitalverbrechen dar.

Aber der DFB wählte keine der beiden oben genannten Varianten. Stattdessen wurde das Thema kleingeredet, nachhakende Journalisten mit „Schwamm drüber, alles halb so wild“ vertröstet. Die Pfiffe beim Testspiel in Leverkusen zeigten jedoch, dass die Fans mit dieser wachsweichen Vorgehensweise nicht zufrieden waren. Das setzte sich fort mit der unsäglichen Diskussion, dass Özil die Hymne nicht mitsingt, er in engen Matches einfach abtaucht, nicht genug Einsatz für Deutschland zeigt, im Herzen eben ein Türke geblieben sei. Und niemand stellte sich schützend vor ihn. Stattdessen ließ der Verband, der sich gerne mit dem Spruch „Gib Rassismus keine Chance!“ präsentiert, unwidersprochen zu, dass sein einstiger Vorzeige-Integrationsschüler im Boulevard und in den sozialen Medien tagein, tagaus mit Dreck beworfen wurde. Und um dem Ganzen noch die Krone der Peinlichkeit aufzusetzen, schwadroniert Bierhoff 14 Tage nach dem blamablen Aus als Letzter der Vorrundengruppe F darüber, dass es nicht hilfreich gewesen sei, was Özil und Gündogan sich geleistet hätten, ihre Londoner Aktion große Unruhe ins Team hineinbrachte. Man mehr Integrationswillen von ihnen, speziell Özil, verlangen dürfte.

WAS?? Das fällt ihm nach wochenlangem Schweigen erst jetzt ein? Warum wurde die Angelegenheit nicht im Vorfeld geklärt? Was für ein fadenscheiniges Ablenken vom eigenen Unvermögen! Was für eine ungenügende Ursachenanalyse. Als ob das Erdogan-Foto nun Reus, Kimmich oder Hector um den Schlaf gebracht hätte. Komplette Nonsensbehauptung eines Managers, der das Team ohnehin schon seit langem nicht mehr unter sportlichen Gesichtspunkten, sondern bloß noch als Gewinnmaximierungsverein betrachtet. Özil besitzt im kleinen Zeh, selbst wenn der verstaucht ist, mehr Ballgefühl als der Großteil seiner Mannschaftskollegen in beiden Beinen. War Dreh- und Angelpunkt der Siegertruppe von Rio. Es ist hochgradig unfair und ein Zeichen schwacher Führung, ausgerechnet ihn als Sündenbock für das Kollektivversagen herauszupicken. Weniger Bierhoffs und mehr Özils täten dem deutschen Fußball gut. Dass der farblose Oberfunktionär Grindel kurz danach ins selbe Horn stieß, lässt allerdings kein gutes Ende erahnen.

Noch 699 Tage bis zur EM

Die WM ist nach 32 Tagen endlich vorüber. Ob sie nun das beste Turnier aller Zeiten war, wie FIFA-Präsident Infantino im Überschwang der Gefühle und in Vorfreude des in Kürze bevorstehenden Kassensturzes behauptet, sei mal dahingestellt. Ich habe auf jeden Fall einige hochklassige uns spannende Partien gesehen, von denen mir insbesondere Spanien-Portugal, Frankreich-Argentinien, Uruguay-Portugal und die beiden Halbfinals in Erinnerung bleiben werden.

Jetzt werde ich drei Wochen lang keinen Ball mehr anschauen und mich innerlich auf die Anfang August schon wieder startende neue Saison vorbereiten. Mit meinem FC in Liga 2, wo Partien gegen Bielefeld, Heidenheim und Sandhausen auf uns Kölner warten. Und zwar nicht nur am Wochenende, sondern ebenfalls am Montagabend. Dienstag und Mittwoch gefolgt von der CL, am Donnerstag dann Europa League. Der Fußball der Moderne als 24/7 Dauerspektakel und Umsatzoptimierungsmaschine.

Noch 699 Tage bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiels der EM 2020. Mit einem bis dahin hoffentlich jungen, unverbrauchtem Team, einem Trainer, der taktisch auf der Höhe der Zeit ist, weniger Nutella & Nivea, und einer Führungsspitze, die ihre Mitarbeiter schützt, anstatt sie der stets blutrünstigen Meute zum Fraß vorzuwerfen.

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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