Revolution in der Tradition

Ekrem Kus hat sich für die Kolumnisten DIE Traumhochzeit des Jahres angeschaut und gerät über die skurrilen Kopfbedeckungen der Gäste ins Schwärmen


Ein bekannter Journalist schrieb, ‚Mein Gott, es war nur eine Hochzeit‘. Ja, mein Gott, was für eine Hochzeit. Welch ein Ereignis für die ganze Welt und für alle Altersklassen. Was für eine Hochzeit in diesen unruhigen und unstabilen Zeiten. Einen Tag hatten wir die Möglichkeit Trump, Erdoğan und Putin zu vergessen. Einen Tag haben wir nichts gehört von Brexit, schwarzen Nullen und die mittlerweile täglichen verbalen Ausfällen der hasserfüllten Afd’ler. Die beste Antwort auf Neid, Missgunst, Rassismus und Hass ist immer noch der individuelle Erfolg des einzelnen.

60 Millionen Euro: klug investiertes Geld für dieses Event

Einen Tag wurden die Bösewichtler in ihre kümmerlichen Schranken gewiesen. An einem Tag waren wir alle Engländer und alle Monarchisten. Wie sich die Welt verändert. Prinz Harry heiratet eine geschiedene, halb schwarze Amerikanerin. König George VIII musste 1936 abdanken, weil er eine geschiedene Amerikanerin heiraten wollte. Ich glaube, ich brauche jetzt ein Taschentuch. 18 Monate nachdem der erste schwarze Präsident der USA das weiße Haus verlassen hat, zog die erste dunkelhäutige Amerikanerin in das Schloss Windsor ein. Die englische Monarchie hat sich, dank Megan Markle und Prinz Harry, sehr erfolgreich in das 21. Jahrhundert gerettet. Die Monarchie vermarktet sich und ihre Marke ‚Windsor‘ sehr erfolgeich und so ganz nebenbei GB und das ganze Commenwealth dazu.

Schon wird von Monarchiegegnern und Linken kritisiert, dass die Hochzeit 60 Mio. Euro gekostet hat. Angeblich könne man das Geld anderswo besser anlegen. Ich meine, 60 Mio Euro sind hier sehr gut angelegt. Dieses Spektakel ging um die ganze Welt, direkt in die Wohnzimmer von Milliarden von Menschen, die GB und sein Königshaus bewundern, die gerne mal London besuchen und sich mit der Palastwache fotografieren lassen würden. Jede Weltstadt hat wohl eine oder mehrere architektonische und/oder symbolische Wahrzeichen. Dazu gehört auch London. England hat aber auch die ‚Windsors‘ als Wahrzeichen, das von der übrigen Welt wahrlich bewundert wird. Einmal besuchte ich in Vaduz die Burg des Fürsten von Lichtenstein und konnte beobachten, wie hunderte Touristen an nur an einem Tag dort ein- und ausgingen. Die meisten kamen aus Japan. Man stelle sich mal vor, welchen Stellenwert die ‚Windsors‘ für die Menschen haben und welche Vorteile sie dem Fremdenverkehr in GB bescheren. Ich bin mir sicher, dass man das nicht mal annähernd in barer Münze messen kann.

Was die Namen Windsor und Mercedes miteinander verbindet

Die Windsors sind eigentlich eine Deutsche Adelsfamilie des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha. Nach dem 1. Weltkrieg hatte alles Deutsche einen so schlechten Ruf, dass sie den Namen ‚Windsor‘ annahmen, nach einer kleinen Stadt aus der Grafschaft Berkshire. Die Anglisierung des königlichen Namens zeugt auch von hoher Sensibilität der Familie und ihrem Geschäftssinn. Deutsch ist eine technische Sprache und ist somit zum Vermarkten von „weichen“ Produkten nicht besonders gut geeignet. Es sei denn, man verkauft Dübel. Darum wohl hat auch Carl Benz seinem Auto damals den Namen seiner Tochter gegeben, einer Brasilianerin, und nicht etwa ‚Renate‘ oder ‚Heidemarie‘. „Mercedes“ ist mittlerweile sogar in Papua Neuguinea ein Begriff. Die Königsfamilie vermarktet äußerst erfolgreich ihre Merchandising Produkte. Es wird vermutet, der Name ‚Wİndsor‘ hätte einen aktuellen Markenwert von ca. 50 Mrd. Euro.

Die königliche Veranstaltung ist aber wegen der Kopfbedeckungen interessant. Nirgendwo sonst bekommt man so viele zu sehen, wie bei Veranstaltungen dieser Art in England. Mit diesem Vorwand konnte ich ungeniert die Hochzeit im Fernsehen anschauen. In der Windsor Kirche waren 600 geladene Gäste aus der internationalen Gesellschaft. Alle Frauen waren anlassbedingt gut behu(e)tet mit extravagantesten Kopfbedeckungen. Solche Accessoires sind Unikate und kosten in der Regel ab 2.000 Euro aufwärts. Ein Blickfang für jeden Paparazzo, der seine Bilder zeitgleich mit uns teilt. ‚Welchen Hut habe ich noch nicht, was sollte ich mir leisten?‘ Ich glaube, die beste Kopfbedeckung hatte ein Zuschauer vor Ort, der den ‚Big Ben‘ auf seinem Kopf trug. Also, wenn ich das toppen muss, dann sollte ich schleunigst die Siegessäule auf dem Kopf tragen. Da ich nicht alle Hüte mein eigen nennen kann, erinnerte ich mich an den legendären englischen Piraten Benjamin Hornigold, der 1717 vor Honduras ein Schiff kaperte und die Hüte der Passagiere raubte . Der Grund: Seine Männer und er hatten ihre eigenen am Abend zuvor im Suff ins Meer geworfen.

Die skurrilsten Kopfbedeckungen sieht man bei englischen Hochzeiten

Nun, die alten Zeiten der Piraten und der Freibeuter sind längst vorbei. Zurück zur Dutches of Sussex. So heißt Megan Merkle von nun an, die Herzogin von Sussex. Die Nachfahrin von ehemals afrikanischen Sklaven, jetzt Herzogin der ehemaligen Kolonialmacht England. Was für eine wunderbar, sentimentale Umkehr der Geschichte. Was für ein Märchen, wie es nur in einer Monarchie vorkommen kann. Politisch, historisch und gesellschaftlich eine Revolution der Tradition. Megan Merkle hat die Multikulturalität ins englische Königshaus getragen. Das sollten sich die Bedenkenträger in Deutschland hinter die Ohren schreiben, die versuchen, Menschen in Bäckereien nach Brötchen zu messen. Ich habe mir die Hochzeit auf CNN angeschaut. CNN berichtete mit mehreren Kommentatoren, darunter auch mit schwarzen und asiatischen Journalisten. Die Journalisten der CNN, genauso aber die Gospelsinger, die ‚Stand by me‘ in der Kirche gesungen haben, oder der unverwechselbare schwarze Bischof Michael Curry, haben so emotional und enthusiastisch agiert, sich so verausgabt, dass die Hochzeit richtig Spaß gemacht hat. Sogar vor dem Fernseher.

Ach ja, die englische Kirche. Ich hatte den Eindruck, die englische Kirche sei besser digitalisiert als manche Universität in Deutschland. Die FDP hätte ihre helle Freude daran. Jetzt muss Deutschland aber schleunigst nachziehen. Wieder was gelernt von dieser schönen Hochzeit. Zur nächsten Hochzeit muss ich mich aber besser vorbereiten und mich mit Taschentüchern eindecken. Jetzt freue ich mich auf die Alltagsnachrichten über die Herzogin von Sussex. Wir haben viel zu lernen von ihr.

Ekrem Kus

Ekrem Kus

Ekrem Kuş ist 1961 in Ankara geboren und aufgewachsen. Seit 1970 lebte er in Konstanz. Er absolvierte eine Ausbildung zum Berufspiloten und eine weitere zum Industriekaufmann. 16 Jahre war er in Deutschland als Unternehmensberater tätig. Seit 2009 lebte er wieder in der Türkei und war dort als Unternehmer tätig. Er vertritt deutsche und schweizer Unternehmen in der Türkei. Kuş ist geschieden und wohnt nun wieder in Deutschland.

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