Von der Güte.

Heute befasst sich Bruno Schulz mit der „Güte“. Eine Leserin seines Textes über private Erfahrungen in Sachen „Spiritualität“ war über den Begriff gestolpert und wünschte sich einen persönlichen Standpunkt. Gar nicht so leicht. Hier ist ein vorsichtiger Versuch der Annäherung.

Tibetanische Gebetsfahnen

„Güte ist das Feingefühl roher Seelen.“ (Fernando Pessoa)

Vor einiger Zeit habe ich mich ein wenig in den französischen Philosophen André Comte-Sponville eingelesen. Eine interessante Personalie. Der studierte Philosophie an der „École Normale Supérieure“ und wurde 2008 als bekennender Atheist  in das „Comité consultatif national d’éthique“ berufen. Glückliches Frankreich. In seinem wirklich bemerkenswerten Standardwerk “Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott.” argumentiert Comte-Sponville gegen die Existenz Gottes, erkennt aber in vielen Haltungen des Glaubens die immense Bedeutung für ein menschliches Zusammenleben: Gerechtigkeit, Mitgefühl, Liebe, Demokratie und Menschenrechte. Und die können seiner Ansicht nach glaubensunabhängig und -übergreifend funktionieren. Ohne Mission. Er findet eine Spiritualität ohne unmittelbaren Gottes- und Transzendenzbezug. Das schmeckt interessant.

Basisspiritualität

Selbst der Dalai Lama spricht als Oberhaupt des tibetanischen Buddhismus von einer religionsunabhängigen Basisspiritualität. Auch da geht es um die grundlegenden menschlichen Werte wie Güte, Freundlichkeit, Mitgefühl und liebevolle Zuwendung. Eine Art humanistische Spiritualität, in der man die Werte des Humanismus zur eigenen Lebenswirklichkeit werden ließe. Für mich ein großartiger Ansatz.

Einsichten und Annäherung

Kaum halbwegs verdaut, verarbeitete ich meine subjektiven Schlüsse daraus in einem kleinen Essay über meine persönlichen spirituellen Erfahrungen, die ich vor beinahe fünfzehn Jahren während eines Arbeitsaufenthalts im kleinen Himalayakönigreich Bhutan sammeln durfte, dem Land des Donnerdrachens.

Meine damaligen Ausführungen haben meiner Leserin Ilona scheinbar gefallen, was sie mir mit einem sehr bekömmlichen Kompliment quittierte. In ihrem Folgesatz kletterte sie dann schon durch mein Vokabular und präsentierte einen Fund so stolz wie der Schmetterlingsjäger seinen Ausnahmefalter: die „Güte“!

Ilona fragte: „was genau ist Güte? Ich mag das Wort sehr und kann mir auch was unter „Güte“ und „gütig sein“ vorstellen, gibt es aber so etwas wie eine offizielle Begriffsdefinition?“

von den Stauffern bis Schopenhauer

Ein Näherungsversuch. Güte kommt grundsätzlich erstmal von „gut“ und aus dem Mittelhochdeutschen „güete“. Das war die hochmittelalterliche Sprache der höfischen Literatur zur Zeit der Stauffer zwischen 1050 und 1350. Der Vollständigkeit halber kommen wir noch auf das Althochdeutsche und sein „guoti“.

Die Güte, eigentlich die Herzensgüte, steht für eine positive Haltung. Für eine wohlwollende, freundliche und nachsichtige Einstellung gegenüber anderen. Sie ist die Summe von Begriffen wie „Wohlwollen“ und „Barmherzigkeit“, „Gutes tun“ und Gnade üben“.

In der Tugendlehre findet man die Güte als eine der 12 Kardinalstugenden im allegorische Gedicht „Der meide kranz“. Verfasst von Heinrich von Mügeln rund um das Jahr 1355.

Für die Christen ist die Güte nach dem Neuen Testament eine Frucht des Heiligen Geistes, durch den sie in uns Menschen erblüht. Maßstabslos in Wachstum und Zunahme. Ziemlich schwurbelig, finde ich.

Arthur Schopenhauer, Philosoph, Hochschullehrer und selbst Kantschüler entwickelte eine eigene Lehre um Erkenntnistheorie, Metaphysik, Ästhetik und Ethik. In gleichen Maßen. Er definiert Güte als das „Überwiegen von Erkenntnis über den Willen“. Das klingt für mich schon erheblich klarer.

das Daodejing

Im achten Kapitel des Daodejing kommt Laotse zu Wort: „Güte beim Denken erzeugt Tiefe, Güte beim Verschenken erzeugt Liebe, Güte in den Worten erzeugt Wahrheit.“ Großartig! By the way: Laotse ist eine, aus heutiger Sicht wahrscheinlich fiktive Gestalt. Lǎozǐ ist ein Ehrentitel und bedeutet in etwa „der alte Meister“. Das Daodejing selbst ist eine Sammlung von Texten und bildet eine Art humanistischer Staatslehre ab. Es geht um die Befreiung von Gewalt und Armut und um ein harmonisches Zusammenleben. Das Daodejing gilt als Gründungsschrift des Daoismus. Und dessen Anhänger in allen Ausprägungen sehen es als kanonischen, heiligen Text an. Entstanden ist der nach letzten, linguistischen Erkenntnissen etwa 400 Jahre vor Christus. Also in einer Zeit, als die Leute hier noch mit blutigen Kaninchenfellen um die Füße durch die Wälder hasteten.

Fernando Pessoa

Mein aktueller Favorit bleibt „Güte ist das Feingefühl roher Seelen.“ Das stammt von Fernando Pessoa in seiner „Deklaration der Differenz“. Der Portugiese Fernando Pessoa lebte von 1888 bis 1935, hieß eigentlich Fernando António Nogueira de Seabra Pessoa und war Dichter, Schriftsteller, Angestellter eines Handelshauses und Geisteswissenschaftler. Er gilt als einer der wichtigsten Dichter der portugiesischen Sprache und zählt zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Subjektiv ein bisschen arg wirr in seinen grundsätzlichen Ansichten, aber wunderschön zu lesen.

Fazit

Persönlich kann ich der „Güte“ gerne und leicht aus ihrem religiösen Mantel helfen und verstehe sie eben als humanistischen Grundzug. Als wesentliche Qualität in der Herzensbildung eines Menschen. Als Empathieausweis in Sachen sozialer Kompetenz. Ja Ilona, ich glaube, das ist meine Haltung dazu.

Bruno Schulz

Bruno Schulz

Bruno Schulz ist zweiundfünfzig Jahre alt und Vater eines Sohnes. Er hat Innenarchitektur studiert und einiges Geisteswissenschaftliche. Nach einigen Stationen in Deutschland, Europa, in Asien und in Afrika arbeitet er als Designer, Texter und Moderator. Mit seiner Agentur schulzundtebbe (www.schulzundtebbe.de) entwickelt und pflegt er Marken. Er liebt und lebt das Storytelling und schreibt immer und leidenschaftlich. Essays, Short Stories, Reiseberichte, dies und das. Oft geht es dabei um die Liebe, das Leben, Genuß und Kultur. Und um Frauen, natürlich.

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