Der ComiXjunkie (1)

Valerian & Veronique: „Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie. Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.“

Mit diesen Worten startet die poetisch schönste Weltraumsaga, die je gedichtet wurde

© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

Valerian & Veronique

 

Science Fiction ist eine wunderbare Möglichkeit, der Realität zu entfliehen
Pierre Christin

Im Reich der 1000 Planeten

»Du bist doch Comic-Junkie?«, erkundigt sich Ulf bei mir auf der letzten Redaktionssitzung.
»Warum?«, antworte ich vorsichtig, weil nach solchen Fragen erfahrungsgemäß Arbeit verteilt wird.
»Dann schreib darüber doch mal was.«
»Dir schwebt bestimmt schon was vor, oder?«
»Du kennst Valerian, den neuen Film von Luc Besson?«
»Klar.«
»Und hast auch ein, zwei der Alben gelesen?«
»ALLE 22.«
»Fein, also bist du genau der Richtige, dazu eine Rezi zu tippen.«

Zurück zu Hause krame ich die Sammlung aus einem Umzugskarton hervor: Valerian & Veronique (V&V) In der Hardcover-Ausgabe des Carlsen Verlags: jeweils drei Erzählungen in einem Band zusammengefasst. Eine meiner Lieblingslektüren aus Kindheit und Jugend. Das erste Mal kennengelernt hatte ich den Raumzeitagenten im Jahre 1972, als die Geschichte „Stadt der tosenden Wasser“ im damals neuen Magazin ZACK abgedruckt war, und ich die Serie, die sich über zehn Ausgaben hinzog, geradezu verschlang. Chronologisch korrekt ging es allerdings fünf Jahre zuvor in der von René Goscinny geleiteten, französischen Comiczeitung Pilote los: „Schlechte Träume“; und zwar mit diesen Einstiegssätzen:

 

Wir schreiben das Jahr 2720. Galaxity ist die Hauptstadt der Erde und des gesamten irdischen Machtbereichs in der Galaxie.

Arbeit hat für die meisten Menschen keine Bedeutung mehr. Nur einige hundert Raumzeitagenten und Technokraten des Raum-Zeit-Service sind noch aktiv.

Die Raumzeitmaschine ermöglicht sowohl Reisen über riesige Distanzen als auch Sprünge in der Zeit. Dennoch ist zu Beginn des 28sten Jahrhunderts noch nicht das komplette Universum erforscht, entdecken die Agenten ständig neue Sonnensysteme und stoßen dabei auf unbekannte Lebensformen.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

Autor und Zeichner: seit Kindheit befreundet

Pierre Christin (*1938, Text) und Jean-Claude Mézières (*1938, Zeichnungen) lernen sich als Kinder in einem, im Osten von Paris gelegenen Luftschutzkeller kennen, während die Stadt im Sommer 1944 bombardiert wird. Nach dem Krieg trennen sich ihre Wege: Christin studiert Politologie und Literatur an der Sorbonne, Mézières besucht das Institut des Artes Appliquès. Mitte der 60er Jahre beschließen beide unabhängig voneinander, ein Auslandsjahr in den USA einzulegen und verabreden sich Monate später in Salt Lake City am Rande des Großen Salzsees für einen Erfahrungsaustausch. In diesen Tagen wird die Idee geboren, eine Science-Fiction-Geschichte in Comicform zu erzählen. Pate standen unter anderem Filme wie „This Island Earth“, „Forbidden Planet“ „Barbarella“ sowie Romane von Isaac Asimov, Alfred E. van Vogt, Jack Vance und John Wyndham. Christin und Mézières kehren nach Frankreich zurück, üben ein Jahr lang mit gezeichneten Short Stories, bevor 1967 ihr Valerian-Erstling in Pilote erscheint und ihnen sofort zum Durchbruch verhilft. Weitere 21 Erzählungen folgen bis 2007.


Pierre Christin – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg


Jean-Claude Mézières – © Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

Start der Serie im Summer of love

In „Les mauvais rêves (Schlechte Träume)“ wird Valerian weit zurück in die Vergangenheit katapultiert – ins mittelalterliche Frankreich im Jahr 1000 –, um dort den flüchtigen Traumaufseher Kombul zu stellen. Der plant, Hexen und Dämonen nach Galaxity zu importieren, Chaos zu verursachen, einen Umsturz herbeizuführen und sich zum Alleinherrscher der Erde krönen zu lassen. Bei der Suche erfährt Valerian Unterstützung vom Bauernmädchen Laureline [kein Mensch kann einem heute noch erklären, warum sie in der deutschen Version in Veronique umgetauft wurde]. Sie begleitet ihn beim Zeitsprung zurück in die Moderne, erhält einen Crashkurs unter der sogenannten Gedankenhaube und fungiert von nun an als seine neue (Agenten-) Partnerin. Die Figuren in „Schlechte Träume“ sind noch im Funnystyle gezeichnet, die Erzählung verläuft linear und ein bisschen simpel. Aber man lernt hier die für die ersten Folgen wichtigen Akteure kennen: Valerian, Veronique, Kombul und den Obersten Technokraten.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

Band 2, der zwölf Monate später erscheint, ist da schon ein ganz anderes Kaliber: „Die Stadt der tosenden Wasser“. New York im Jahre 1986; am Nordpol explodiert ein Depot mit Wasserstoffbomben, Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt an, Städte und Länder versinken, das Ende der Zivilisation des 20sten Jahrhunderts. Danach drei Säkula finstere Epoche, bis sich gegen 2300 die Moderne aus der Dunkelheit herausschält. Wer mit dem Wissen Kombuls ins Jahr 1986 zurückreist, kann dort den Verlauf der Geschichte drastisch verändern und Galaxity gar nicht erst entstehen lassen. Für Valerian und Veronique beginnt ein Wettlauf gegen die Uhr. Sie jagen Kombul durch die überfluteten und von dschungelartiger Vegetation überwucherten Straßen New Yorks. Mit etwas Fantasie ähneln die Bilder denjenigen im Blockbuster „Die Klapperschlange“, in dem Snake Plissken (Kurt Russell) durch das apokalyptische Gewirr im Big Apple hetzt. Wobei der Comic zehn Jahre vor dem Film entstand.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

1967/68 gezeichnet, vom Summer of love inspiriert, ähneln viele Figuren Hippies. Ein Wissenschaftler trägt das Gesicht von Jerry Lewis, ein Revolutionär das des Jazzkomponisten Sun Ra. Die Konturen der beiden Protagonisten werden in Band 2 schärfer, nehmen nun halbreale Züge an.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

In Teil 3 der Saga „Im Reich der tausend Planeten“ (1969 veröffentlicht) plötzlich ein gewaltiger Sprung: weg von der Erde mitten hinein in die unendlichen Weiten des Universums – Syrtis Magnificus. Hier kann der Autor seiner Fantasie endlich freien Raum lassen, der Zeichner neue Formen und Farben ausprobieren. Ganz stark die Szene, als V & V in einem Wasserfall herunterregnender Blumen stehen, bevor der Boden unter ihren Füßen wegbricht, und sie sich gegen eine Urweltschlange zur Wehr setzen müssen.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

In einer weit entfernten Galaxie steht ein Stern im Zentrum eines unermesslichen Sonnensystems. Es ist Syrtis Magnificus, Mittelpunkt des Reiches der tausend Planeten.

Das viele Jahrhunderte wohlhabende Reich verfällt zunehmend. Der Herrscher hat sich in seinen Palast zurückgezogen, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Kundigen – eine mysteriöse Priesterkaste – übernehmen die Regierungsgeschäfte. Die einst mächtige Kaufmannsgilde, die nun ein Schattendasein fristet, bittet die zwei Raumzeitagenten um Unterstützung. Die Geschichte erinnert ans alte Ägypten, als die Amunpriester einige Jahrzehnte lang die Geschicke des Landes lenkten, und die Rolle des Pharaos sich aufs Repräsentative beschränkte, bis das Pendel wieder umschlug, und die weltliche Gewalt zurück in die Hände des Königs wanderte.

„Im Reich der tausend Planeten“ ist ein richtiger Comicklassiker mit einer wunderschönen Poesie. In der spannenden Atmosphäre fremdartiger Kulturen, Rassen und Religionen gelingt Mézières die glaubwürdige Darstellung sowohl von schmutzigen Gassen wie von prächtigen Palästen. Christin dagegen kann mit einer Vielzahl toller Wortschöpfungen glänzen. Ihm haben wir die Namen der Schamlis, Spiglis oder Bluxte zu verdanken, und er ist der Erfinder der lebenden Steine von Arphal.
© Stan Barets

Aktuelle Verfilmung: eher für Kinder geeignet

Die aktuelle Verfilmung von Luc Besson mit dem leicht anderslautenden Titel „Die Stadt der tausend Planeten“ ist leider Gottes bloß ein müder Abklatsch des Originals. Zum einen quirlt der Drehbuchautor Fragmente verschiedener Bände zu einem grellbunten und Sodbrennen verursachenden Cocktail zusammen; zum anderen erliegt der Regisseur der Versuchung, Bilder und Spezialeffekte in den Vordergrund zu stellen; bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Storytellings. So sitzt man zwei Stunden im Kino, denkt, wann nimmt der Streifen endlich Fahrt auf, wundert sich über die Fehlbesetzung der männlichen Hauptrolle [ein Milchbubi statt eines kernigen Zeitraumagenten], das Theater mit den militärischen Rängen, die es im Comic-Valerian überhaupt nicht gibt und hofft, dass es irgendwann nochmal spannend wird. Vergeblich, denn der Film plätschert ideenlos bis zum dümmlichen Finale vor sich hin. Besonders fatal ist es, dass die intelligente Handlung des Originals von Besson auf Walt-Disney-Niveau geschrumpft wird. Selbst vor dem Einsatz von Weltraum-Teletubbies und Plagiatszenen aus dem „5ten Element“ schreckt er nicht zurück. Der Schwertkampfauftritt à la Luc Skywalker auf Speed ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Fazit: „Stadt der tausend Planeten“ ist eher was für Kinder, die nach „Die Schöne und das Biest“ einen neuen Nervenkitzel suchen und nicht für erfahrene Comicjunkies geeignet.

Parallelen zwischen V&V und Star Wars

Interessanter als Bessons kraftlose Adaption sind die Anleihen, die George Lucas bei Valerian gemacht hat. In Star Wars wimmelt es von Figuren und Kostümen, die Christin und Mézières viele Jahre vorher entworfen hatten: die Bandbreite reicht dabei von Prinzessin Leias Kostümen, die sie in Veroniques Kleiderschrank ausgeliehen zu haben scheint, über die Gesichtsverbrennungen und die Maske von Darth Vader (wie bei den Kundigen im „Reich der tausend Planeten“), das Einfrieren von Han Solo (ebenfalls in den „tausend Planeten“), die Konturen des Schrotthändlers Watto (die Shinguz aus dem Band „Botschafter der Schatten“) bis hin zum identischen Design der Raumschiffe. Christin und Mézières haben also in Teilen die Blaupause für die erfolgreichste SciFi-Saga Hollywoods geliefert. Im Unterschied zu Besson erzählt Lucas allerdings eine überzeugende Geschichte, sodass die Ähnlichkeiten einiger Figuren eher das Vergnügen des Wiedererkennens denn Kopfschmerzen bereiten. Obwohl Star Wars seiner eigenen Handlung folgt, glaubt man doch an manchen Stellen, Ideen aus V & V aufblitzen zu sehen. So sind beispielsweise die beiden künstlichen Städte Central City und Coruscant nahezu identisch gestaltet. Bei genauerer Betrachtung lassen sich noch zahlreiche weitere Parallelen entdecken, deren Erörterung in diesem kurzen Beitrag jedoch zu weit führen würde.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

V & V ist ein Comiczyklus, den man sowohl als Jugendlicher als auch ü40 in die Hand nehmen kann. Christin und Mézières haben Pionierarbeit in Sachen SciFi-Storytelling, Figurenentwicklung und Weltraumszenerie geleistet.  Die Erzählung genießt man am besten als Gesamtwerk, die Bände lassen sich aber auch einzeln gut lesen. Die Folgen bauen zwar aufeinander auf, es ist jedoch nicht zwingend notwendig, die Vorgeschichte zu kennen. Die Handlungen sind stets in sich abgeschlossen. Die Protas wurden im Lauf der Jahre erwachsen, nehmen ständig realere Züge an. Bis hin zu dem Vorwurf, dass Veronique mittlerweile zu sexy und Valerian zu muskulös wirken. Mich stört das nicht; ganz im Gegenteil: die beiden erscheinen dadurch menschlicher. Die Saga  bleibt durchgängig intelligent und aufregend, und man fiebert bis zum Finale mit, ob die Erde nach der Zerstörung des Raum-Zeit-Service ein weiteres Mal von den zwei Helden gerettet werden kann.


© Christin/Mézières, Carlsen Verlag/Hamburg

Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung des Carlsen Verlags

Henning Hirsch

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, begeisterter Comicleser, Filmjunkie und trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, arbeitet er tagsüber als freiberuflicher Organisationsplaner in wechselnden Projekten. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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