Willkommen bei den Lannisters

Ein australische Baufirma plant, einige Straßen in einem Neubaugebiet nach Figuren aus „Game of Thrones“ zu benennen. Gegen eine „Lannister Straße“ hat jedoch die zuständige Kommunalbehörde ihr Veto eingelegt. Man wünscht sich keine Straße, die nach einem inzestuösen Geschwisterpaar benannt ist, Für die Snow- und die Samwell-Straße soll es aber grünes Licht geben.

Hier in Frieden vereint: Lena Headey und Nikolaj Coster-Waldau (ganz links), die bei Game of Thrones die Lannister-Geschwister spielen, und Kit Harington, der ihren Erzrivalen Jon Snow gibt, bei einer Pressekonferenz im Jahr 2011. Foto: Wikimedia Commons; Quelle: flickr; Autor: Hilary from United Kingdom

Bis vergangene Woche wusste ich nicht, wer Carl Schmitt ist, über Cersei und Jamie Lannister war ich dagegen bestens informiert. Da die Lektüre der Kolumnisten gelegentlich auch Kolumnisten bildet, habe ich inzwischen einiges über Herrn Schmitt erfahren. Nach all dem, was ich lesen konnte, glaube ich eher nicht, dass nach ihm (noch) eine Straße benannt ist. Anders sieht es bei den Lannister-Geschwistern aus oder sagen wir besser: beinahe hätte es anders ausgesehen.

Eine australische Baufirma plante, eine Straße in einem Neubaugebiet nach diesen Figuren der Erfolgsserie „Game of Thrones“ zu benennen. Dagegen stellten sich die Kommunalbehörden. Sie stießen sich daran, dass die beiden eine inzestuöse Liebesbeziehung pflegen und erklärten, dass ein Straßenname die öffentliche Ordnung nicht stören und bestehende Gemeinschaftswerte nicht gefährden dürfe.

Cersei hat es faustdick hinter den Ohren

Nun hat Cersei nicht nur drei Kinder mit ihrem Bruder gezeugt, sie ist auch sonst nicht gerade ein Vorbild an Anstand, Sitte und Moral. Viele sehen in ihr den ruchlosesten Charakter unter den Thronprätendenten des fiktiven Kontinents Westeros. Wer seine Schwiegertochter in die Luft Jagen lässt, dem Ehemann ständig mit dem eigenen Bruder Hörner aufsetzt und einen anderen Bruder aus Machtkalkül zum Abschuss freigibt, der muss ziemlich hartgesotten sein. Selbst J. R. Ewing, der ultimative Filmbösewicht meiner Kindheit, wirkt gegen Madame allenfalls wie ein halbstarker Vorstadtintrigant. Wenn Cersei Lannister tatsächlich existieren würde, dann käme wohl niemand auf die Idee, auch nur ein Dorfgässchen nach ihr zu benennen.

Bei Jamie sieht das schon anders aus. Der ist eigentlich ein anständiger Kerl. Wenn er nicht gerade von Cersei verführt oder manipuliert wird, glänzt er als tapferer Kämpfer und ziemlich fähiger Heerführer. Seinem Bruder Tyrion, dem schwarzen Schaf der Familie, hat er das eine oder andere Mal aus der Patsche geholfen und ihn sogar vor seiner bevorstehenden Hinrichtung bewahrt. Die übrigens maßgeblich von Schwester Cersei betrieben wurde. Also nach jemanden wie Jamie könnte man schon eine Straße benennen, wenn eben diese pikante Bettgeschichte mit Cersei nicht wäre…

Jon Snow würde sogar Margot Kässmann gut finden

Auch wenn die Lannister-Straße passé ist, es werden „down under“ doch noch Straßen nach „Game of Thrones“-Persönlichkeiten benannt. Etwa nach Jon Snow, gegen den selbst die größten Moralapostel nichts einzuwenden haben dürften. Snow lässt quasi Klimaflüchtlinge in sein nördliches Königreich einreisen, öffnet Grenzwälle und setzt sich für Völkerverständigung ein. Sogar eine waschechte Wiederauferstehung hat er hingekriegt. Würde es Snow wirklich geben, selbst Margot Kässmann und Katrin Göring-Eckardt könnten ihn guten Gewissens in ihre Nachgebete aufnehmen.

Eine andere Straße soll den Namen von Samwell Tarly tragen, einem Vertrauten von Snow. Auch dagegen dürfte niemand etwas haben. Samwell ist ziemlich korpulent und eigentlich ungeschickt. Dennoch meldet er sich zum Dienst bei der Nachtwache, einer Art Frontex von Westeros. Bei der Grenztruppe bekommt Tarly viele verzwickte Aufgaben gestellt, die ihn zwar häufig überfordern, vor denen er aber nie wegläuft. Wer Hartnäckigkeit und Kampfgeist gut findet, für den ist Samwell weit vorn dabei. Persönlich habe ich für diese Figur äußerst viele Sympathien. Eigentlich ist er neben Tyrion mein absoluter Favorit bei „Game of Thrones“. Irgendwie geht es Samwell bei der Nachtwache genau wie mir beim Schulturnen: Wer weitgehend talentfrei ist, sich aber trotzdem anstrengt, der bekommt die „Gnaden-Drei“ oder eben den Zuspruch der Serienfans. Außerdem mag ich Menschen mit Schwächen. Die Superperfekten, die immer alles richtig machen und auf einem moralisch besonders hohen Ross sitzen, sind mir suspekt. „Game of Thrones“ hat mich in dieser Einstellung bestätigt. So gab sich der Oberpriester „Hoher Spatz“ streng, mildtätig und puritanisch. Er hatte es aber faustdick hinter den Ohren und war genauso machtbewusst wie Cersei. Der „Hohe Spatz“ mag zwar alle Gebote seiner Religion gekannt haben, die einfache Regel „Leg Dich nicht mit Cersei an“, hat er aber missachtet. Und so wurde auch er pulverisiert. Das war nun wirklich nicht nett. In einer Hohe-Spatz-Straße hätte ich aber auch nicht leben mögen.

Samwell Tarly bekommt seine Straße

Samwell Tarley pflegt zwar einige Laster, dafür ist er kopfklar und belesen. Sicher wüsste er, wer Carl Schmitt ist. Im weiteren Verlauf der Serie setze ich voll auf Samwell. Wenn sich einer eine List ausdenken kann, um Cersei oder den immer mächtiger werdenden Nachtkönig zu besiegen, dann er. So war es schließlich auch bei Odysseus in der Antike oder bei Wickie im Kinderfernsehen: Mit Pfiff und Strategie lassen sich selbst die vermeintlich größten Matadore schlagen.

Deshalb hätte ich nichts dagegen, in einer Samwell-Tarly-Straße zu wohnen. Lieber jedenfalls als in einer Wilhelm-Pieck- oder Ernst-Thälmann-Straße, die es zumindest im Osten Deutschlands noch vereinzelt gibt. Und im Westen der Republik sind bis zum heutigen Tag Straßen nach Größen aus der Zeit des Nationalsozialismus benannt. Etwa nach dem Sportfunktionär Carl Diem, der unter anderem im Frühjahr 1945, in einer so genannten „Sparta-Rede“, Kinder und Jugendliche zum „finalen Opfergang für den Führer“ aufrief. So kurz vor dem Untergang der Hitler-Diktatur hätte selbst dem verblendetsten NS-Anhänger klar sein müssen, dass er mit so einer Aussage Minderjährige in den sicheren Tod schickt. Verglichen mit Herrn Diem zöge ich irgendeine Game-of-Thrones-Persönlichkeit als Patron meiner Straße dann doch vor.

Manche Namen muss man googlen

Ohnehin finde ich die Namensidee der australischen Baugesellschaft gar nicht schlecht. Die Figuren aus der Erfolgsserie kennen mit Sicherheit mehr Menschen als den dänischen Kommunisten Martin Andersen Nexö, dessen Namen man in den neuen Bundesändern noch immer auf vielen Straßenschildern findet. Die schwedische Philantrophin Elsa Brändström ist dagegen eine hochehrenwerte Frau. Niemand macht einen Fehler, wenn er eine Straße nach ihr benennt. Als ich ihren Namen das erste Mal las, musste ich aber ein Lexikon aufschlagen. Google & Co. gab es damals noch nicht. 2005, als ich in eine Winckelmann-Straße zog, waren diese Internetsuchmaschinen schon bestens bekannt. Sie halfen mir jedoch nicht wirklich weiter, da ich gleich auf mehrere Winckelmänner mit nicht ganz uninteressanter Biographie stieß. Allein aufgrund eines regionalen Abgleichs von Namensgeber und Stadt, konnte ich eine belastbare Vermutung darüber anstellen, um welchen Winckelmann es sich eigentlich in meiner Straße handelt. Besser wäre gewesen, die Stadtverwaltung hätte den Vornamen mit auf das Schild geschrieben…

Zuvor hatte ich mein halbes Leben in einer Martinstraße gelebt. Da war die Namenszuordnung einfacher. Martin Schulz war noch kein Thema und rundherum trugen alle Straßen die Namen von bereits vom Vatikan anerkannten Heiligen. Straßenpatron muss zwangsläufig Martin von Tours gewesen sein, der in einer frostigen Sturmnacht seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat.

The real Sankt Martin ist ohnehin so etwas wie der ideale Namensgeber schlechthin: Überregional, ja weltweit bekannt, moralisch unangreifbar und über die politischen Lager hinweg konsensfähig. Nur: Man kann nicht alle Straßen nach ihm benennen, und allzu viele ebenso populäre wie unangreifbare Persönlichkeiten gibt es nicht. Die Option, fiktive Figuren zu nutzen, finde ich deshalb grundsätzlich erwägenswert.

Die Schimi-Uni wäre cool gewesen

Anfang der 90er Jahre schlugen die Duisburger Jungsozialisten vor, die örtliche Universität nach Horst Schimanski zu benennen, dem legendären Fernsehkommissar aus dem Ruhrpott. Ich hätte das charmant gefunden. Ehrlich gesagt, könnte ich sonst spontan keinen berühmten real existierenden Duisburger nennen, außer vielleicht den Kickern des Fußballklubs MSV, Torwartlegende Toni Turek oder jenem unglücklichen Bürgermeister, der bei der Love Parade-Katastrophe amtiert hat. Und manch ein Student hätte es mit Sicherhheit cool gefunden, zu sagen: „Ich geh`anne Schimi-Uni!“ Benannt wurde die Universität schließlich nach Gerhard Mercator. Dank Internet-Recherche weiß ich, dass das ein Mathematiker und Kartograf aus dem 16. Jahrhundert war.

Immerhin haben die Duisburger Stadtväter inzwischen eine Gasse nach Schimanski benannt. Das hat das Raubein von der Ruhr jetzt sowohl Herrn Schmitt als auch den Lannisters voraus.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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