Noch einmal zu Schmitt und Heidegger

Wie soll man über Heidegger und Schmitt sprechen? Wie kann man aus ihrem Verhalten etwas lernen? Die Diskussion geht weiter.


CC BY-SA 3.0  Von Jewgenia – Eigener Scan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12720276 Frei gem. § 51 UrhG (Zitat). 

Meine Kolumne Carl Schmitt und ich ist auf Widerspruch gestoßen, nicht nur auf die reflexhafte Ablehnung von Internet-Kommentatoren, die, kaum dass sie den Teaser überflogen haben, schon alles besser wissen. Mitkolumnist Sören Heim hat mir in einer Kolumne geantwortet, bei Ruprecht Polenz hat sich auf Facebook eine vielseitige Diskussion entwickelt. Es freut mich natürlich, dass ich mit meiner Reaktion auf einen Gastbeitrag hier auf unser Plattform offenbar eine Frage angesprochen habe, von der sich kluge Köpfe bewegen lassen.

Ich möchte deshalb einige Punkte vertiefen, die offenbar in meinem ersten Text nicht ganz deutlich geworden sind, und ich möchte einen Gedanken aufgreifen, der dort gar nicht zur Sprache kam.

Wider besseres Wissen oder Unwissenheit?

Man muss unterscheiden zwischen einem Handeln gegen besseres Wissen und einem Handeln aus Unwissen, insbesondere aus nachvollziehbarem Unwissen. Wohl fast jeder hat schon die Erfahrung gemacht, dass er etwas tut, was er besser nicht tun sollte, und dass er zudem genau weiß, dass er dies nicht tun sollte. Eine weiß, dass sie heute kein Eis mehr kaufen sollte, weil es ihr nicht guttut, und sie tut es trotzdem, weil der Appetit größer ist als die Einsicht. Ein anderer weiß, dass er seine Mutter mal wieder besuchen sollte, aber er tut es nicht, weil er keine Lust hat. Wir tun nicht immer das, was wir tun sollten, obwohl wir es besser wissen. Manchmal ist es nur zu unserem eigenen Schaden, manchmal leiden andere darunter, dann laden wir Schuld auf uns. Für dieses falsche Handeln sind wir selbst ganz verantwortlich – und natürlich können andere unser Verhalten kritisieren indem sie uns vorhalten, dass wir hätten besser handeln können, dass es nicht gut war, dass wir dieses getan oder jenes unterlassen haben. Und ganz selbstverständlich können wir uns auch kritisch mit dem Verhalten unserer Vorfahren auseinandersetzen, die nicht den Mut oder die Kraft hatten, sich den Nationalsozialisten zu widersetzen, die gleichgültig weggesehen haben. Und wir tun das trotzdem mit dem Blick auf unsere eigenen Schwächen, froh, dass wir nicht in gleicher Weise gefordert sind, und oft genug beschämt darüber wie schwach und gleichgültig wir schon mit dem Leid umgehen, das uns heute umgibt.
Aber es gibt auch falsches Handeln, dass sich daraus ergibt, dass wir Situationen falsch einschätzen, weil es uns an Wissen und Erfahrungen fehlt und weil aktuelle tägliche Erfahrungen uns auf falsche Fährten im Weltverständnis führen. Auch da ist natürlich Kritik möglich, aber sie muss anders ansetzen.

Mit meiner Skizze der Lage, in der sich ein Rechtswissenschaftler 1933 und 1934 befunden haben könnte, wollte ich andeuten, dass es zu dieser Zeit durchaus plausible Gründe gegeben haben kann, die Nationalsozialisten zu unterstützen. Wir dürfen hier nicht von dem ausgehen, was wir heute wissen, sondern von dem, was man, als Teil einer bestimmten Gemeinschaft, in dieser Zeit wissen konnte. Man kann sich da auch nicht zusammensammeln, was einzelne andere zu diesem Zeitpunkt gewusst oder geahnt haben.

Und es geht dabei nicht nur um Faktenwissen. Es geht auch um die Frage, was man plausibel glauben konnte, wie die Gesellschaft sich weiterentwickeln würde und auf welche Weise man Einfluss nehmen könnte. Mit dieser Perspektive muss man auch Texte lesen wie Heideggers Antrittsvorlesung oder Schmitts „Der Führer schützt das Recht“.

CC BY-SA 3.0  Von Jewgenia – Eigener Scan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12720276 Frei gem. § 51 UrhG (Zitat). 
Wenn ich mich frage, wie ich selbst zu dieser Zeit gehandelt hätte, dann ist es nicht mein Ziel, mich in Heidegger oder Schmitt „hineinzuversetzen“, sondern mich in ihr Umfeld hineinzudenken. Was wäre, wenn ich in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts Philosophie oder Recht studiert hätte, wenn ich den Krieg miterlebt hätte, wenn ich das Chaos der ersten demokratischen Versuche der Weimarer Republik und den politischen Terror von Links und Rechts beobachtet hätte? Worauf hätte ich in den frühen 1930ern gehofft, welche Kompromisse hätte ich gemacht, mit wem hätte ich micharrangiert, wem hätte ich öffentlich widersprochen, welche Floskeln und Redewendungen hätte ich übernommen? Wie hätte ich in diesem Moment „vernünftiges Handeln“ definiert, was hätte ich als sinnlos, was als vergeblich angesehen?

Und von dieser Perspektive aus ist dann natürlich auch Kritik möglich und sinnvoll. Menschliches Handeln ist immer geleitet aus einer Mischung aus Einsicht, Verdrängung, Kalkül, Eigennutz, Moral und Hoffnung. Es ist richtig, zu verstehen, wann welche Triebfeder zur Ausrede für andere wird, wann man sich nur einredet, etwas nicht gewusst zu haben, weil man die Anzeichen mehr oder weniger absichtlich übersehen hat.

Zu dieser Analyse und Einsicht kann ich aber gar nicht kommen, wenn ich bei einer Kritik von Heidegger oder Schmitt stehenbleibe. Über deren Kalküle, Hoffnungen, eigennützigen Ziele und moralischen Werte kann man zwar wortreich urteilen, aber eigentlich wissen wir darüber wenig. Über mich selbst aber weiß ich eine Menge, deshalb setze ich mich in ihre Lage, ich frage mich, ob ich in diese Lage hätte kommen können, und was ich dann getan hätte. Und das ist der Startpunkt der kritischen Reflexion.

Die fehlende Entschuldigung

Es wird immer mal wieder ins Feld geführt, und das auch in dieser Diskussion, dass aber Schmitt und Heidegger sich nach dem Krieg nicht öffentlich entschuldigt haben, dass sie nicht Abbitte geleistet haben. Ich persönlich kann diesen Vorwurf überhaupt nicht nachvollziehen. Auch hier hilft wieder, sich selbst an die Stelle der genannten Personen zu setzen, die historische und biografische Situation genauer in den Blick zu nehmen. Ich werde das hier nicht ausführen, will nur darauf hinweisen, dass es viele Gründe gibt, sich nicht öffentlich zur eigenen Vergangenheit zu äußern, insbesondere, wenn es für das eigene Fortkommen irgendwie erwartet wird. Was Heidegger betrifft, kann man in seinen Aufsätzen schon der späten 1930er, mehr noch der 1950er Jahre sehr gut sehen, dass ein Neubedenken der eigenen Weltsicht stattgefunden hat. Empfohlen sei hier vor allem die Vorlesungsreihe „Was heißt Denken?“ und der „Brief über den Humanismus“. Ein Philosoph, zumal einer, dessen öffentliche Wirkungsmöglichkeiten ohnehin beschränkt sind, tut gut daran, die Situation und die eigenen Erfahrungen philosophisch zu durchdenken, statt sich mit wohlfeilen Entschuldigungen bei den neuen Institutionen anzubiedern.

Totalitäres Denken?

Damit bin ich schon ganz nah an einem weiteren Punkt, der in den Diskussionen um meinen Beitrag angesprochen wurde. Gibt es etwas im Denken Heideggers und Schmitts, eine Grundbewegung oder ein zentrales Motiv sozusagen, welches zwangsläufig oder wenigstens mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu totalitärem Denken, zur Unterstützung von Diktaturen und unmenschlichen Systemen führt? Was Schmitt betrifft, scheint die Sache klar zu sein, seine Kritik an den demokratischen Strukturen und seine Theorie der Souveränität und des Ausnahmezustandes scheinen eindeutig auf eine Bevorzugung undemokratischer Verfassungen hinauszulaufen.

Andererseits hat etwa Chantal Mouffe gezeigt, wie Schmitts Konzepte weiterentwickelt werden können und fruchtbar gemacht werden können für ein Verständnis, ja, sogar für eine Verteidigung der parlamentarischen Demokratie. Die Sache ist also keineswegs so klar, wie sie auf den ersten Blick aussieht.

Was Heidegger betrifft, habe ich selbst mich in einem langen Aufsatz („Denken am Abgrund“, erschienen im Band „Abgründe“ der Philosophisch-Literarischen Reflexionen, hier das Manuskript zum Nachlesen) ausführlich mit dieser Frage beschäftigt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass bestimmte Denkfiguren bei Heidegger durchaus die Gefahr mit sich bringen, den Menschen mit seinen Ängsten und Nöten aus dem Blick zu verlieren, was auf die Gefahr hinausläuft, dass die Philosophie selbst unmenschlich wird.

Aber gerade wenn man die Aufsätze Heideggers aus den 1950er Jahren genau liest, kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass er selbst diese Gefahr erkannt hat und den Menschen wieder genauer in den Blick genommen hat. Heute glaube ich, dass es nichts einfach ist, dafür eine klare Antwort zu finden.

In jedem Fall ist es möglich, aus Heideggers und Schmitts Leben zu lernen, wo Gefahren lauern, wenn man nicht ständig selbst über die Konsequenzen des eigenen Denkens reflektiert.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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