Es gibt keine Diktatur der politischen Korrektheit

Doch ist PC ist mehr als nur ein Ausdruck allgemeiner Höflichkeitsregeln. Sie befördert das Freund/Feind-Denken. Dabei ist PC alles andre als ein rein linkes Phänomen.

La Danse, ein PC-Opfer des 19. Jahrhunderts gemeinfrei

„Political Correctness heißt eigentlich nur: „Sei kein Arschloch.“ Höre Menschen zu, nimm sie ernst, begegne ihnen mit Anstand und Respekt“,

so Schriftsteller und Chamisso-Preisträger Senthuran Varatharajah in der TAZ.

Das ist höchstens halb richtig und damit schon beinah ganz falsch. Richtig ist, dass viele Kritiker der politischen Korrektheit in erster Linie ungestört unhöflich bis menschenfeindlich sein wollen. Man denke an all die Provokateure, die zum Beispiel gerade zur Fastnacht wieder als wichtigstes Thema entdeckten, wie schändliches doch sei, dass man ein zurecht größtenteils aus dem Wortschatz verbanntes Wort mit N nicht mehr sagen dürfte (umgehend bewies tosender Applaus das Gegenteil).

PC ist mehr als grundlegende Höflichkeit

Aber natürlich gibt es eine politische Korrektheit, die weit über das Einhalten einsichtiger Benimmregeln hinausgeht. Huckleberry Finn, der seit über 100 Jahren wechselseitig von links und rechts unter Beschuss genommen wird, kann ein Lied von singen. Vor gut zehn Jahren war ich mit dabei, als eine linke Jugendgruppe durch eine andere unter Beschuss geriet, da diese sich auf den „Antisemiten“ Büchner beziehe. Casus Knaxus: Die Figurenrede des Handwerksburschen im Woyzek, der nach einer Rede wie im Wahn ausspricht: „Zum Beschluß, meine geliebten Zuhörer, laßt uns noch übers Kreuz pissen, damit ein Jud stirbt!“.
Übrigens lässt sich über Antisemitismus bei Büchner durchaus im Kontext und anhand von Inhalten diskutieren. Aber eben nicht durch das wahllose Herausgreifen von Textfragmenten.

Dieses Extrembeispiel reproduziert sich allenthalben in etwas weniger Ausfallender Weise im öffentlichen Diskurs. Dass es bei PC eben nicht nur um grundlegende Höflichkeiten geht nun zeigt sich vor allem auch an der eklatanten Unfähigkeit oder dem Unwillen zu genauer Lektüre. Insbesondere wenn über Kunst geurteilt wird.

Es gibt keine Diktatur der politischen Korrektheit

Was es nicht gibt ist die gern von rechts behauptete „Diktatur der politischen Korrektheit“. PC ist im Großen und Ganzen ein ubiquitäres Phänomen des In- und Outgrouping. Jede Gruppe hat ihre eigenen Korrektheiten als mehr oder minder konsistentes System von Tabus, wobei auch die Intensität der Durchsetzung durchaus stark variiert. Das macht die Sache nicht viel besser. So findet man als „unkorrekt“ zum zweiten Mal Verheiratete/r im Pflegebereich oder in der Kinderbetreuung nur sehr schwer einen neuen Job. Hier regiert mit unglaublicher Macht die Korrektheit des Christentums. Und für wen die Kritik an islamischem Fundamentalismus mehr ist als nur ein Lippenbekenntnis, für den wird es im geisteswissenschaftlichen Segment der Universität schwierig, besonders wohl in der Ethnologie. Und als Autor findet man sich selbst als vehementer Kämpfer gegen genau dieses Milieu von Außen rasch in die Nähe der Achse, Sarrazins & Co gedrängt. Über PC-Rituale der selbst erklärten gemäßigten Mitte (Radikale ausschließen, gegen politische Gegner, vor allem solche von rechts, bloß nicht unter die Gürtellinie gehen, niemals die falschen Klamotten tragen usw.), ließen sich ganze Bücher schreiben.
Niemand wird zwar, entgegen der ebenfalls Merkmale politischer Korrektheit zeigenden Hysterie „mundtot gemacht“. Aber immer öfter ist nur die Predigt zum Chor noch möglich, und man sieht sich gezwungen genau abzuwägen, was man zu welchem Chor predigt, sollen nicht die Tomaten fliegen.

Oder einfacher: Man kann kaum noch irgendetwas sagen, ohne dass nicht irgendwer irgendwo über einen her fällt.

Nun soll es Menschen geben, die sich zwar selbst für deren Gegner halten, doch sich Hoffnung machen, dass ausgerechnet mit dem stärker Werden des Rechtsradikalismus und dessen Kampf für die eigene Meinungsfreiheit sich politische Korrektheit auf dem Rückzug befinden wird. Vergesst es. Es werden längst neue (nicht-)Sagbarkeitsräume definiert, etwa dahingehend, dass man für „Antideutsche Polemiken“ schon zurecht im türkischen Knast sitze. Die tief blicken lassende Querfront zwischen AfDisten und AKPisten gegen Deniz Yücel lässt grüßen.
Von einer Gruppe, die immer wieder erklärt und tätig bekräftigt, wie wenig sie die Pressefreiheit respektiert eine Verteidigung der Redefreiheit zu erwarten… das möchte man kaum mehr naiv nennen. So einen waschechten von Leseunlust gesättigten Sturm der politischen Korrektheit gabs übrigens letzte Woche wieder, als sich rund um den Interntationalen Frauentag der FPÖ-Mob gegen die Schriftstellerinnen Stefanie Sargnagel, Lydia Haider und Maria Hofer erhob. Hier erweisen sich die Rechten als wahre Meister der Diskurskontrolle. Ihnen gelang es tatsächlich, für eine literatische Provokation eine Facebooksperre zu erzwingen.

PC als Ausfluss antagonistischer Konfliktführung

Worauf die weitreichende heutige Aufmerksamkeit gegenüber dem seit Menschengedenken bestehenden Phänomen der Political Correctness eigentlich den Blick lenken sollte, ist die zunehmende Polarisierung aller Debatte, in der sich der Zerfall einer Welt der isolierten Einzelnen in homogene Gruppen und Banden abbildet. Das Problem ist weniger, dass PC existiert, als dass es für einen denkenden Menschen kaum noch möglich ist irgendetwas zu formulieren, wofür nicht irgend eine Gruppe über einen herfällt. Scheiß drauf, könnte man sagen, bin ich halt in erster Linie „Ich“. Aber auch das ist kaum durchzuhalten, so vehement folgt dem Outgrouping das zwanghafte Einrücken von außen in die Gruppe der „Feinde“ auf dem Fuß.

Schön wäre es, hätte Senthuran Varatharajah Recht. Bedeutete PC wirklich einfach: „„Sei kein Arschloch.“ Höre Menschen zu, nimm sie ernst, begegne ihnen mit Anstand und Respekt.“ Da ließe sich reden, da wäre Verständigung möglich. Aber das ist – leider – derzeit mehr frommer Wunsch als treffende Beschreibung.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Der Gast

    Sollte es nicht viel eher lauten: Natürlich gibt es eine „Diktatur“ der politischen Korrektheit, sie gab es in irgendeiner Form immer und wird es, solange Menschen miteinander interagieren, immer geben. Denn auch wenn PC antogonistische Strukturen abbaut, so doch nur innerhalb des Diskurses durch einen selbst erzeugten Antogonismus. Man könnte grob sagen zwischen akzeptierter Toleranz und ncht akzeptierter Intoleranz.

    Davon ab, sehr gute Kolumne, welche aber nur ein „Trostpflaster“ für die ist, die mit ihren z.T. menshenfeindlichen Aussagen des Diskurses verwiesen werden.

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