Fastnacht? Hassnacht? Von Ritualen und ritualisierter Kritik

Von Ritualen des Humors & Ritualen der Humorkritik schreibt Sören Heim in Auseinandersetzung mit seinem 20jährigen Selbst.

Feiern in Reih und Glied? Fastnacht kann steif sein. Muss aber nicht. Bild: Heinrich Schmitz

Der ältere, korpulente Herr mit der roten Nase steht auf der Bühne einer Turnhalle irgendeines rheinländischen Dorfes. Er zittert ein wenig, wohl mehr vor Aufregung als ob des Alters. Aus einer ächzenden Anlage – es gibt hier keine Band – erklingen die ersten Töne von N’oubliez jamais. Und dann bricht es los: Eine gewaltige, obschon nicht immer tonsichere Stimme, eine linkisch, doch im Wortsinne mitreißende Performance, wahrscheinlich von tausenden Videos des verstorbenen Joe Cocker abgeschaut. Und ein tobender Saal, ältere wie jüngere Dörfler mit Tränen in den Augen. Der Sänger sei Landwirt, lebe allein und meist auch zurückgezogen, erzählt man mir. Manchmal habe er seine Sangeskunst schon nach mehreren Bieren in der vor ein paar Jahren geschlossenen Dorfkneipe zum Besten gegeben. In diesem Jahr habe man ihn erstmals auf die Bühne komplementieren können – und nun genießt er sichtlich seinem großen Moment.

Es sind solche persönlichen Geschichten, mal herz-schmerzlich, mal amüsant, in denen mich die Fastnacht rühren kann. Besonders auf den kleinen Dörfern, besonders dort, wo die Sitzungen nicht durchchoreografiert sind und das duftä duftä den Rhythmus nach dem Ich-fress-dich-Prinzip gereimter Gags vorgibt. Wo man nicht aus Pflichtbewusstsein über zahme „Spitzen“ lacht, sondern über überraschende, oft zotige Pointen (zugegeben, nicht selten unterirdisch, was den besonderen Reiz ausmacht). Und wo das Publikum den Vortragenden schon mal Widerworte gibt.

Exzess und Spaß nach Zeitplan?

Fastnacht: Die liebt man ja eigentlich, oder man hasst sie. Zwischentöne sind selten. Derzeit bekomme ich naturgemäß wieder besonders zahlreich Beiträge in die Timeline gespühlt, wie man heute so sagt, die sich durch besonders vehemente Fastnachtablehnung auszeichnen.

Die Fastnacht ist einem torlosen Humorveranstaltung, die nicht einmal die teilnehmenden selbst ohne Alkohol lustig fänden. Es handelt sich um zwanghaftes Amusement auf Knopfdruck, dass nur beweise wie verklemmt die Feiernden doch eigentlich seien. Einmal im Jahr die Sau rauslassen Zeuge von nichts als Untertanengeist, wie viel schöner sei es doch da wenn man spontan und ungezwungen Spaß das ganze Jahr über haben könnte. Natürlich handele es sich auch durch die Bank weg um eine wahlweise sexistisch oder rassistische Veranstaltung.

So in etwa lassen sich die Fundstücke zu einem einzigen Rant zusammenfassen, und: Vor etwa zehn, vielleicht auch noch vor sechs, sieben Jahren hätte dieser Rant ungefähr so auch von mir stammen können. Denn: Alkoholischer Exzess, verordneter Spaß nach Zeitplan und die Unfähigkeit mancher Narren, zu akzeptieren, dass nicht jeder im Januar und Februar so närrisch drauf ist, wie man selbst. Jepp, das gibt’s. Und jepp, das kann tierisch nerven1.
Einmal vor vielen vielen Jahren – ein besonders schönes Beispiel – da war ich, in leicht punkigem, eher hippieskem Look (sagen wir besser, weder das eine noch das andere: ein Pippi wohl, bisschen Punk, bisschen Hippi, und mir selbst mein bester Freund) auf einer Flaggenhissung zu Gast. Da liegen dann die Flaggen auf der Erde, die Bürgermeister hält eine Rede, der Pfarrer hält eine Rede, dann werden beide aufgehängt (duftä!). Und die Fastnachtsgranden applaudieren in bunten Narrenkappen, und das Fußvolk als Cowboy, Indianer, Clown oder was gerade das verbreitete Kostüm der Session war.
Im Anschluss an diese fröhliche Veranstaltung hatte dann irgendjemand aus der Menge nichts Besseres zu tun als mich wegen meines „Aufzugs“ bei Chef und Eltern anzuschwärzen. Derart abgerissen könne man doch nicht rumlaufen. So absurd, dass es schon fast wieder komisch ist, nicht? Aber ernsthaft: In solchen Moment zeigt sich die Fastnacht (auch wenn es unfair ist das pars pro toto zu nehmen) von ihrer unschöneren Seite.

Dunkle Seiten und interne Umwälzungen

Und ja, man stolpert noch immer über Vorträge und Auftritte, die alle humoristischen Lockerheit zum Trotz nur daneben und von Zeit zu Zeit offen rassistisch genannt werden können. Von „Negerkostümen“ mit Knochen im Haarschopf bis zum minutenlangen Rumreiten auf riesigen Penissen (schlechtes Wortspiel beabsichtigt) kann man fast jedes Klischee noch zumindest hier und da auf Sitzungen antreffen. Gibts nix zu beschönigen. Regelmäßige Leser werden wissen, dass ich in solchen Fällen der Letzte bin der auf konstruktive Kritik besteht und ätzende Polemik von „außen“ eine Absage erteilt. Allerdings: Gegenüber beweglichen Zielen, und gesellschaftliche Rituale sind solche, sollte man aufpassen, dass man sich nicht an Pappnasen … ähh Kameraden abarbeitet. Humoristische Kritik althergebrachter und problematischer Muster hat nämlich ebenso längst in die Vereine Einzug gehalten (die übrigens heute selbst in den kleinsten Dörfern kaum weniger „weltoffen“ sind als mancher „Karneval der Kulturen“), ebenso wie das Bestreben es einfach anders, besser zu machen. Kritische Vereinsmitglieder haben sich da nach meinen Beobachtungen weit effektiver gezeigt als Antifastnachtswut und Aktivismus.

So verstört mich dann heute auch immermehr vor allem die Vehemenz der Ablehnung der ritualisierten Lustigkeit. Denn gewiss: Niemand muss Fastnacht mögen und wer sie nicht mag und kaum Chancen hat ihr aus dem Weg zu gehen, teile dagegen aus. Aber warum diese immergleichen Phrasen, dieses absolute Fehlen aller Versuche sich auch in die einzufühlen, die tatsächlich Spaß daran haben? Mir scheint, dass der nachvollziehbare Affekt zum analogen Ritual erstarrt. Ist nicht Fastnachtshass in Fastnachtshochburgen am verbreitetsten? In Norddeutschland etwa steht man den südlicheren Verrücktheiten recht gelassen gegenüber, teils hat sich sogar ein gewisser Karnevalstourismus entwickelt.

Ritualisierte Fröhlichkeit, ritualisierte Ritualkritik

Und ist nicht zuletzt der so reflexhafte Einwand gegen das Amüsieren auf Knopfdruck, gegen die gezwungene bürgerliche (lies: spießige) Fröhlichkeit selbst ein eher schales kritisches Manöver? Insbesondere, wo das Verfemte mit einem natürlichen, anarchischen freien Genuss kontrastiert wird? Wo ist sie denn die spontane Fröhlichkeit die das saisonale Feiern so zu beschämen bestrebt ist? Im Winter findet man sie ganz unspontan auf Konzerten in Clubs, Festsälen und Sporthallen. Der besonders individualistische Teil wartet derzeit noch auf die im Frühsommer beginnende Festivalsaison. Möglich, einige wenige bleiben tatsächlich allen organisierten Massenveranstaltung fern. Allerdings muss deren privates Amusement ewig Behauptung bleiben, dabei beobachtet hat man sie zumindest bisher noch nicht. Wäre ja auch ganz schön voyeuristisch.

Der Bauer, der nun wenigstens einmal im Jahr als Joe Cocker im Mittelpunkt steht, der junge Mann der auf dem Fußballplatz wenig Beachtung fand aber seit einigen Jahren umso mehr in der zu 95 % weiblichen Showtanzgruppe, zahlreiche andere, die vielleicht darin ihre Erfüllung finden, vielleicht einfach nur feiern wollen, genießen das Fastnachtsritual, auch und gerade weil es als Ritual überhaupt erst einen Rahmen absteckt indem sie sich trauen ihre eigenen Talente oder Macken zur Entfaltung zu bringen. All das übergeht die ritualisierte Ritualkritik gern jährlich zur Fastnacht. Aber auch die Kritik geht leicht von der Hand, wo sie schon zur Gewohnheit geworden ist. Drum will ich heut nicht weiter kritisieren.

 

1Ich werde in diesem Text nicht auf das Thema sexuelle Übergriffe eingehen, einfach weil die immer und überall Scheiße sind und trotzdem auf fast allen Massenveranstaltungen vorkommen, was das Ganze weniger zu einem Fastnachts- als zu einem Massen(trink-?)veranstaltungsproblem macht.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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