Homöopathie und Liebe

Eine kleine Geschichte über Alice, Bob und Conrad – mit einer Offenbarung bezüglich des Autors selbst.


Zum Dank für die vielen Kommentare zu meinem Artikel Homöopathie und Wirkung gibt es heute eine kleine Zugabe in Form einer Geschichte.

Bob ist Anhänger der Homöopathie, und er liebt Alice. Einmal hat er Alice getroffen, sie hat mit ihm gesprochen, sie hat ihn angelächelt, und es war wunderbar. Seit diesem Tag weiß Bob, dass auch Alice ihn liebt. Am Ende hat Alice einen kleinen Zettel genommen, einen zierlichen Stift in ein Tintenfässchen getaucht und mit ihrer zarten Schrift auf den Zettel geschrieben: „Ich mag dich. D.A.“

Immer, wenn Bob den Zettel aus seiner Brieftasche holt, erfasst ihn wieder dieser wohlige Schauer, und er ist glücklich. Er sagt, der Zettel bewirke bei ihm jedes mal einen Freuden-Glücks-Taumel.

Bob hat seinem Freund Conrad davon erzählt, der ein Anhänger der rationalen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Conrad hat sich ein Tintenfässchen besorgt, genau die Marke, die Alice benutzt, und hat die Tinte auf ein Blatt Papier geschüttet. Dann hat er draufgestarrt und festgestellt, das da kein Kribbeln und kein wohliger Schauer über ihn kommt.

Dann hat er 100 Zettel mit der Aufschrift „Ich mag dich. D.A.“ an 100 Leute verteilt. Fünfzig hat er von Alice schreiben lassen (sie wusste schon vorher, dass Conrad manchmal, nun ja, interessante Ideen hat) und fünfzig hat er selbst beschriftet. Er hat festgestellt, dass es keine besondere Kribbel-Glücks-Taumel-Häufung bei den Zetteln von Alice gab.

Seit dem weiß er, dass sich Bob dieses tolle Gefühl nur einbildet.

Sie, geneigte Leser, werden sich nun fragen, was mit mir ist, dem Autor dieser Geschichte. Bin ich Bob, oder bin ich Conrad?

Nun, ich muss zugeben, ich treffe Alice so oft es geht persönlich. Über Details dieser Treffen möchte ich schweigen. In der Zeit zwischen unseren Treffen nutzen wir WhatsApp.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • Heinrich Schmitz

    Ich frage mich etwas ganz anderes. Glaubt Bob ernsthaft, dass es der Zettel ist, der das wohlige Gefühl auslöst? Und wenn der nun mit anderen Zetteln 1 Miliarde mal gewaschen worden wäre, würde Bob ihn noch heraufinden, auch wenn kein Molekül der ursprünglichen Tinte mehr darauf wäre? Wäre aein Gefühl dann noch potenzierter? Oder würde die Wirkung auch noch eintreten, wenn Bob erführe, dass Alice ihm den Zettel nur gegeben hat, weil sie ihn für einen armen Irren hält, der sich in Sie verknallt hat und nicht kapiert, dass sie ihn gar nicht mag?

    • Jörg Friedrich

      Klar ist es der Zettel! Und auf Nachfrage hat Bob mir gerade versichert: Der Zettel wurde inzwischen drei Mal mitgewaschen, er wurde 1.000 mal gefaltet und wieder aufgemacht. Mit bloßem Auge ist keine Tinte mehr zu sehen. Aber er wirkt wie am ersten Tag. Wenn Bob den Zettel nicht bei sich hat, geht es ihm mies. Da hilft auch nichts, dass er genau weiß, wo der Zettel gerade liegt.

      • ringo74

        Die Geschichte geht noch weiter. Alice hat schlicht gelogen. Was auf dem Zettel steht ist eine Lüge. Sie lässt sich von Bob nur aushalten. Sie hat ähnliche Zettel auch an andere verteilt. Nur die sind darauf nicht reingefallen.

        Wieso sie versuchen die Homöopathie mit derartigem Kokolores zu verteitige ist mir ein Rätsel.

  • Hans Zauner

    Samuel hat einen kleinen altmodischen Schreibwarenladen direkt neben einer Schule. Eines Tages fing er an, spezielle Tinte an die Teenager der Schule zu verkaufen:

    „Samuels Zaubertinte: Für unwiderstehliche Liebesbriefe“.

    Die Tinte sah zwar aus wie die Tinte im anderen, super-modernen Schreibwarenladen von Robert, sie beziehen sie auch vom gleichen Großhändler. Aber Samuel vollzieht ein nächtliches Ritual, in dem er die Tinte mit speziellen Kräften auflädt – sagt er zumindest. Sie ist deshalb drei mal so teuer wie Roberts ordinäre Schultinte.

    Und, es ist der Wahnsinn: Immer mehr Schüler berichten davon, wie Samuels Zaubertinte zu erfolgreichen Paarbildungen geführt hat. „Wer der Liebe auf die Sprünge hilft, hat recht“. „Es gibt doch mehr zwischen Himmel und Erde …“

    Bis eines Tages eine Schulklasse mit ihrem Chemielehrer ein Experiment startet:
    Sie verteilen Tintenfässchen an alle Schüler, mit Samuels Original-Aufschrift. Aber nur die Hälfte der Fässchen enthält tatsächlich Samuels Tinte, die andere Roberts.
    Die Schüler halten in Fragebögen genau fest, mit welcher Tinte welche Liebesbriefe verfasst wurden, und was das Ergebnis war (romantische Blicke, Antwortbriefe, Küsse, dauerhafte Beziehungen..)- ohne zu wissen, woher ihre Tinte jeweils stammte. Als am Ende die zwei Gruppen verglichen werden kommt heraus: Samuels Zaubertinte ist nicht „erfolgreicher“ als Roberts ordinäre Tinte. Es kommt also nur auf den Inhalt und den Kontext der Briefe an, Samuels magisches Ritual macht keinen Unterschied.

    Epilog:

    Aber weil Samuel einen guten Draht zur Schulleitung hatte, wurde an der Schule weiter fleißig Werbung für Samuels Produkte gemacht und alle waren glücklich und zufrieden, auch Robert, der nun selbst seine eigene Zaubertinte verkauft – alle, bis auf den Chemielehrer, dem das Herz blutete, wenn er sah, wie seine Schüler ihr Geld zum Fenster rauswarfen, obwohl sie es eigentlich besser wissen könnten.

    • Rolf Wagels

      Danke!

    • Bettina Frank

      Die „Chemielehrer“ dieser Welt sagen danke.

    • Jörg Friedrich

      Ich wusste, dass Sie auch hier den entscheidenden Moment der Geschichte verpassen.

      • Hans Zauner

        In Ihrer Geschichte, oder in meiner?

        Auf Ihre Geschichte bin ich gar nicht eingegangen und habe lieber meine eigene erzählt, weil Ihre Version kein gutes Gleichnis für homöopathische Globuli enthält. Ihr Zettel ist ein höchst individuelles Stück Papier mit ganz spezifischer Bedeutung, eine ganz intime Sache zwischen Sender und Empfänger.

        Globuli werden dagegen in Massenproduktion hergestellt. Das homöopathische Mittel, Arnika C30 oder was auch immer, das ein Heilprakitker in Bochum verschreibt, ist genau das gleiche wie das, das sein Kollege in München benutzt, und es kommt nicht mit individuellen Anpassungen an den Benutzer aus der Fabrik.

        Dass der Übergabe der anonymen Kügelchen ein individuelle Anamnese vorausgeht, und dabei das wirkstofffreie Placebo-Mittel mit Bedeutung befrachtet wird, die einen positiven Effekt bewirken kann – das ist unbestritten, aber ein ganz anderes Thema, wie schon mehrfach gesagt.

        • Rolf Wagels

          Ja, auf diesen Unterschied hatte ich schon in der Diskussion um den anderen Artikel, als auch Bob und Alice und Kribbeln im Bauch als hinkender Vergleich herhalten musste, hingewiesen. Um so erstaunlicher, dass das hier wieder ein Thema wird, sogar ein ganzer Artikel…

      • Mkaysen

        Was ist denn ihrer Meinung nach der entscheidende Moment der Geschichte? Wie auch bei Ihrer letzten Kolumne, dem Beispiel in den dortigen Kommentaren und jetzt dieser Kolumne hier, scheint die Mehrheit der Leser, oder zumindest die Mehrheit der Kommentierenden, Ihrer Aussage nach, den springenden Punkt nicht zu erkennen. Ich kann absolut nachvollziehen, dass Sie jetzt ein wenig in die Defensive gehen, Sie haben ja auch reichlich Gegenwind abbekommen, aber kann ich Sie vielleicht nochmal dazu bewegen zu erklären, worum es Ihnen bei dieser ganzen Sache eigentlich geht? Ich habe nämlich auch Probleme das genau festzumachen und würde es gerne verstehen.

    • Jörg Friedrich

      Aber bezeichnend auch, dass es bei Ihnen ein „Lehrer“ ist, dem „das Herz blutet“ weil seine „Schüler“ nicht auf ihn hören.

  • Johannes Güntert

    Es wird immer bescheuerter – Äpfel mit Birnen, die x-te. *facepalm*

  • derblondehans

    … Politik ist Placebo. Liebe ist wahr.

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