Homöopathie und Wirkung

Die Homöopathie ist der Lieblingsfeind der Aufklärer. Man muss aber kein Anhänger der Globuli sein, um zu sehen, dass die Argumente der Kritiker dürftig sind. Eine Antwort auf Heinrich Schmitz.

Wirkt nach durchzechter Nacht. Oder auch nicht. Fortsetzung folgt. Foto: JF

Kollege Heinrich Schmitz gehört zu den tapferen Streitern für die Wahrheit und das Licht der Aufklärung. Todesmutig hat es sich gestern an das Thema Homöopathie herangewagt. Er selbst meint in einem Facebook-Post, damit sei er etwa so mutig wie jemand, der sich trauen würde, mit einem „Fuck Erdogan“-T-Shirt durch Ankara zu laufen. Das war natürlich nur metaphorisch gemeint, am Ende vielleicht gar nur eine scherzhafte Übertreibung, die aber irgendwie nahelegen soll, dass der öffentliche Konsens in Deutschland in einer Anerkennung oder gar Bevorzugung der Homöopathie bestehen würde, während es die Gegner der Homöopathen hierzulande schwer hätten, sich Gehör zu verschaffen.

Meine Wahrnehmung ist allerdings eine andere, ich halte Homöopathie-Kritik in Deutschland, ebenso wie die Kritik an allen anderen Praktiken des Problemlösens, die nicht den Anschein erwecken, sich auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu berufen, eher für langweiliges Alltagsgeschreibe. Kritik an „unwissenschaftlichen“ Methoden des Heilens und Hoffens ist wohlfeil, und die Kritiker der so genannten Scharlatane scheinen mir immer sehr große Strohmänner zu bauen, von denen sie sich dann bedroht fühlen können und auf die sie tapfer einschlagen.

Dabei sind ihre eigenen Argumente durchaus dürftig, und daran ändert auch nichts, dass sie sich immer wieder gegenseitig versichern, dass sie überzeugend und wissenschaftlich und damit einfach unschlagbar seien. Schauen wir uns das am Beispiel der Homöopathie-Kritik einmal genauer an.

Es gibt keinen Wirkstoff

Der zentrale Begriff der Kritiker ist der der „Wirkung“. Richtige Heilmethoden müssten, wenn sie akzeptabel sein sollten, einem klaren Ursache-Wirkungs-Prinzip folgen, das Mittel muss die Heilung kausal verursachen, und das heißt, es muss irgendwie einen plausiblen Wirkmechanismus geben, den die Naturwissenschaften im besten Falle sogar bereits durchschaut haben, nach dem das Mittel, der so genannte Wirkstoff, die Heilung des Kranken verursacht.

Klingt plausibel, ist es aber nicht. Ausgerechnet die Naturwissenschaften, allen voran die Physik, haben sich von der Kausalität, dem Prinzip, dass es bestimmte Ursachen gibt, die bestimmte Wirkungen haben, bereits vor rund hundert Jahren verabschiedet. Kein geringerer als Ernst Mach stellte fest, dass es in der Natur keine Kausalität gibt, weil zur Kausalität die Wiederholbarkeit gleicher Bedingung gehört und die sei in der Natur prinzipiell nicht gegeben. Andere Physiker und Wissenschaftstheoretiker haben diesen Standpunkt erweitert und ausgebaut, und inzwischen spricht eigentlich kein Naturwissenschaftler, der über die Grundlagen seiner Disziplin nachdenkt, mehr über Kausalität – außer natürlich, wenn er dem staunenden Publikum von den großen Errungenschaften der Naturwissenschaften erzählt – aber dann denkt er ja auch nicht nach.

Aber das ist eine andere Geschichte. Für uns hier ist die Einsicht Machs von der Unmöglichkeit der Wiederholung der gleichen Situation besonders interessant. Für die Physik selbst, mit ihren technischen Laborbedingungen, möchte man Mach eigentlich sogar widersprechen, aber im Falle der Biologie und der Medizin ist seine Einsicht sonnenklar. Die Konstellation jedes Patienten ist so einzigartig, dass man von einer Wirkung eines Medikaments in dem Sinne, dass genau dieser „Wirkstoff“ Ursache für eine Heilung von der Krankheit ist, niemals seriös sprechen kann, selbst wenn man über eine Theorie verfügt, die halbwegs beschreibt, was in einer idealen Situation im menschlichen Körper passiert, wenn die Chemikalie, die wir den „Wirkstoff“ nennen, mit den Chemikalien im Körper zusammentrifft.

Aber warum ist die Medizin dann so erfolgreich?

Nun wird Heinrich Schmitz an dieser Stelle eine Menge einzuwenden haben, und einige seiner Einwände, oder die von tapferen Mitstreitern, können wir hier sogar vorwegnehmen.

Etwa der Einwurf, dass uns aber von einer Menge von Chemikalien bekannt ist, was bei ihrem Zusammentreffen mit den Chemikalien im Körper passiert, und dass die Erfahrung millionenfach bestätigt hat, dass dies eigentlich fast immer wirklich passiert, dass also die so genannte evidenzbasierte Medizin doch erfolgreich sei. Dem ist auch gar nicht zu widersprechen, und es ist gut so, dass das so ist, es ist gut, dass es Anti-Baby-Pillen gibt, die „wirken“, kaum ein Mann wird das bestreiten. Es ist gut, dass es Impfungen gegen alle möglichen schrecklichen Krankheiten gibt, es ist sehr gut, dass es Ibuprofen gibt. Auch ich sage, wenn die Kopfschmerzen nachlassen, dass Ibu wirkt, auch wenn ich weiß, dass es komischerweise manchmal nicht wirkt, und dass auch das Wasser, das ich dazu trinke, gegen Kopfschmerzen hilft, und die frische Luft und auch einfach die Zeit, die vergeht, und die der Körper nutzt, um die Gifte vom Vorabend abzubauen und auszuscheiden.

Das alles zeigt schon, dass es eben kaum möglich ist, von der Wirkung des Medikaments zu sprechen, dass es vielmehr ganz viele Prozesse sind, die zusammenspielen und die uns oft eine Wirkung auch nur vorgaukeln.

Und dass oft genug die Wirkung, vorgegaukelt oder nicht, eben auch ausbleibt, wissen wir auch aus Erfahrung. Dann sagt der Arzt, dieses Medikament „schlägt bei diesem Patienten nicht an“. Und probiert etwas anderes. Warum das eine „wirkt“ und das andere „nicht wirkt“, weiß er nicht. Eigentlich verweist genau diese medizinische Praxis darauf, dass es in der Natur tatsächlich keine Wirkung, keine Kausalität gibt, wie Ernst Mach es eben auch vor 100 Jahren schon bemerkt hat.

Aber, so könnte der nächste Einwand lauten, in den „richtigen Medikamenten“ ist wenigstens überhaupt irgendwas drin, was „wirken“ könnte, mal dahingestellt, ob es nun tatsächlich wirkt, oder nicht. Da ist eben wenigstens eine Chemikalie drin, die im Körper irgendwie in ein Zusammenspiel mit anderen Chemikalien kommen könnte, ein Zusammenspiel, an dessen Ende eben die Heilung des Patienten stehen könnte. Und so ein Inhalt fehlt doch in der Homöopathie.

Dieser Einwand geht davon aus, dass Medizin vorrangig eine naturwissenschaftliche Angelegenheit ist, und dass Heilung eine Sache von physiologischen Prozessen sei, nicht mehr. Auch zur evidenzbasierten Medizin, zur so genannten Schulmedizin, gehört aber weit mehr, und niemand weiß, ob zur „Wirksamkeit“ oder „Wirkungslosigkeit“ einer Behandlung im Einzelfall nicht wesentlich dieses außerphysiologische, das Vertrauen zwischen Arzt und Patient, der Wille zum Gesundwerden, der Einfluß von Stimmungen und sozialen Situationen, gehört. Auch zur „Wirkung“ eines Medikaments voller chemischer „Wirkstoffe“ kann wesentlich beitragen, dass es von einer wissenschaftlich autorisierten Respektsperson verschrieben wurde, und dass es in einem Verfahren entwickelt wurde, an das der Patient glaubt, ohne es zu verstehen. Die Situation des Patienten gegenüber seinem Arzt und den pharmazeutischen Verfahren unterscheidet sich subjektiv nicht wesentlich von der, die der Kranke gegenüber seinem Homöopathen einnimmt, und niemand weiß, wie groß der Beitrag des Glaubens an der Wirkung pharmazeutischer Präparate ist.

Der Unsinn der klinischen Studien

Aber, so wird man jetzt sofort einwenden, diese Wirkung wird doch durch objektive klinische Studien belegt, durch die berühmten doppelt verblindeten Studien, bei denen die Wirksamkeit eines Präparats bestimmt werden kann.

Wenn man genau über das nachdenkt, was seit Mach über die fehlende Kausalität in der Natur gesagt wurde, kann man sich eigentlich nur wundern, dass jemand überhaupt etwas auf diese Studien gibt. Denn die Grundidee dieser Studien ist genau die Wiederholbarkeit, sie setzen voraus, dass die Probanden alle gleich sind, dass sie alle die gleiche Krankheit haben und dass sie alle auf die gleiche Art auf das Medikament reagieren müssten, wenigstens im „statistischen Mittel“. Dass eine Behandlung eine hochindividuelle Sache ist, bei der zwei verschiedene Patienten eigentlich nie auf exakt die gleiche Weise gesund werden, wäre eine Sicht, die dem Prinzip der klinischen Studie genau zuwider läuft. Ein individueller Ansatz, bei dem ein Arzt die gesamte konkret-individuelle Situation des Patienten mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen abgleicht und daraus eine Behandlungsentscheidung ableitet, ist mit der klinischen Studie nicht überprüfbar.

Es ist interessant, einmal darüber nachzudenken, welcher Begriff von Gesundheit eigentlich der Idee der klinischen Studie zugrunde liegt. Es ist eine Art „Volksgesundheit“ – denn bei der klinischen Studie gilt als gesundmachend, was bei einer statistisch signifikanten Mehrheit von Testpersonen hilft. Medikamente werden also anerkannt, wenn nach ihrer Einnahme viele Menschen wieder gesund werden, dabei wird angenommen, dass die alle genau gleich „funktionieren“ und auch auf die gleiche Weise krank sind. Medikamente, die sehr individuell helfen und bei der großen Masse nicht wirken würden, können eine klinische Studie niemals bestehen. Dass Medikamente, die zwar den klinischen Test bestehen und somit zur Volksgesundheit beitragen, bei einigen Patienten vielleicht sogar eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes auslösen, wird unter „Nebenwirkungen“ notiert.

Es gibt eine Reihe von Behandlungsmethoden auch in der nicht-alternativen Medizin, bei der eine doppelt-verblindete klinische Studie nicht möglich ist, und umso individueller die Medizin wird, desto weniger werden statistische Studien Aussagekraft haben. Es gibt zudem auch eine Menge von Behandlungsmethoden, bei denen es keinerlei chemische, biologische oder auch nur physikalische Eingriffe in das Zusammenspiel der physiologischen Prozesse im Menschen gibt. Wer mit dem Argument, dass in Globuli keine chemisch nachweisbaren Wirkstoffe enthalten seien, gegen die Homöopathie zu Felde zieht, muss auch gegen Psychotherapeuten und Psychologen, die mit Gesprächen, Aufgaben und Spielen arbeiten, vorgehen.

Aber was ist mit dem Wassergedächtnis?

Aber, so könnte man hier einwenden, die Homöopathen behaupten doch, dass die Globuli irgendwie physisch wirken, sie reden vom Wassergedächtnis und behaupten, dass das dann im Körper wirkt. Das ist richtig, und das ist auch der Grund, weshalb ich selbst noch nie zu einem homöopathischen Mittel gegriffen habe. Denn auch für mich muss das Heilverfahren, dem ich mich aussetze, irgendwie plausibel sein, und für mich persönlich ist Homöopathie nicht plausibel, ebensowenig wie Akupunktur, Besprechen und Pendeln. Dabei bin ich mir durchaus darüber im klaren, dass es Zusammenhänge geben kann, die ich eben nicht kenne und die mein kleiner Geist sich auch nicht vorstellen kann. Es steht auch den Homöopathen und ihren Patienten frei, an solche Zusammenhänge zu glauben und auf Basis der Zusammenhänge und ihres Glaubens daran gesund zu werden.

Was ist Gesundheit?

Damit kommen wir zur letzten zentralen Frage, zu dem wichtigen Begriff, der die ganze Zeit im Hintergrund steht und der auch bei Heinrich Schmitz ja von großer Bedeutung ist: Gesundheit.

Für Homöopathie-Gegner scheint Gesundheit irgendwie etwas objektives und messbares zu sein. Ob ich gesund bin und vor allem, ob mich ein Heilverfahren gesund gemacht hat, kann ich in dieser Lesart keineswegs selbst bestimmen. Denn dass sich die Mehrzahl der Patienten nach einer homöopathischen Behandlung besser fühlt, zählt für die Kritiker ganz und gar nicht. Es zählt nur die statistische Volksgesundheit. Ob jemand gesund ist oder nicht, entscheidet der medizinische Test und nicht das subjektive Wohlbefinden.

In wessen Interesse ist so ein statistisch-objektiver Gesundheitsbegriff? Einer freiheitlich-liberalen sozialen Ordnung ist er jedenfalls fremd. So, wie es jedem frei steht, nach seinem individuellen Glück zu streben, so steht es auch jedem frei, sich als gesund zu bestimmen, den eigenen subjektiven Eindruck des Wohlbefindens als sicheren Ausdruck des Gesundseins zu erleben. Denn Glück und Gesundheit gehören zusammen. Man kann Menschen sehr unglücklich damit machen, wenn man ihnen sagt, dass sie krank sind. Hier wäre der richtige Moment, über die leidige Praxis der bürokratischen Krebsscreening-Verfahren zu schreiben, aber auch das ist eine andere Geschichte. Wichtig ist: Was gesund ist und was krank ist, darf nicht gesellschaftlich-politisch festgelegt werden, das ist eine Entscheidung des selbstbewussten und reflektierenden Subjekts. Und so ist es auch mit den Wegen, die zur Gesundheit führen. Zur Würde und zur Autonomie des Menschen gehört auch, dass er selbst bestimmen darf, was ihn gesund macht.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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