Die Plausibilität der Gottesthese

Ist die These, dass Gott existiert und dass er die Welt geschaffen hat, plausibel, vielleicht sogar plausibler als die atheistische These?

Das Foucaultsche Pendel von Gerhard Richter in Münster. Foto: Jörg Phil Friedrich

In einer arte-Sendung über die Frage, ob der Glaube glücklich macht, habe ich einen Satz gesagt, der die Gemüter offenbar bewegt, er wurde im Teaser in der Mediathek zitiert, in Hinweistexten auf verschiedenen Portalen und unsere Sonntagskolumnistin Chris Kaiser hat er zu einer eigenen Kolumne angeregt: „Die Gottesthese ist nicht weniger plausibel als die atheistische These“.

Eigentlich ist der Satz noch zu vorsichtig formuliert, eigentlich müsste ich sagen: „Die These, dass es einen Gott gibt, hat viel mehr Plausibilität als die These, dass er nicht existiert.“ Das Problem ist, dass ich trotz jahrelangem Nachdenken über diese Frage, die zuerst zu meinem Buch „Der plausible Gott“ und dann zu einigen weiteren Vorträgen und Aufsätzen zu dieser Frage geführt hat, selbst keinen sicheren Glauben an Gott gefunden habe. Ich lebe in dem Dilemma, dass ich durch dieses Nachdenken einerseits zu der Überzeugung gekommen bin, dass die Welt, wie sie ist, nur verständlich ist, wenn ich das Wirken eines Gottes annehme, andererseits aber keine Gewissheit über die Anwesenheit dieses Gottes empfinde. Deshalb bleibt meine Formulierung ausgeglichen und vorsichtig.

Was heißt „plausibel“?

Wenn es eine Reihe von ganz unterschiedlichen Beobachtungen und Tatsachen gibt, die letztlich unerklärlich sind, diese alle aber durch die These der Existenz eines bestimmten Dings oder Wesens oder Objektes oder – im ganz ursprünglichen Sinn – Subjektes (lateinisch subiectum, Übersetzung des altgriechischen ὑποκείμενον hypokeímenon – das Zugrundeliegende) verständlich werden, dann ist es plausibel, die Existenz dieses Subjektes anzunehmen, auch wenn man es selbst nicht sehen kann. Dass die Beobachtungen und Tatsachen verständlich werden, besagt dann aber auch, dass man über dieses plausible Subjekt mehr sagen kann, als dass es einfach irgendwie existiert. Verständlich werden die Dinge nur, wenn man ein bestimmtes Subjekt annimmt – also doch wieder etwas anderes als das selbst Eigenschaftslose ὑποκείμενον bei Aristoteles, aber das nur nebenbei.

Die Gesetzmäßigkeiten

Was sind nun die grundsätzlich unerklärlichen Beobachtungen? Gern mein man ja, die moderne Naturwissenschaft könne doch irgendwann alles erklären, und Gott wäre nur der Lückenfüller für das, was sie bisher und vorläufig noch nicht erklärt habe. Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein – die Naturwissenschaft setzt vielmehr einiges voraus, was sie eben nicht erklären kann, sondern schlicht als gegeben annehmen muss. Sie sucht nach Gesetzmäßigkeiten – aber dass es diese Gesetzmäßigkeiten gibt, kann sie nicht erklären.

Man kann nun sagen: Aber das ist ja offensichtlich, dass es Gesetzmäßigkeiten gibt. Auch das ist aber nicht richtig. Gesetzmäßigkeiten werden erst wirklich sichtbar, wenn wir die Welt so einrichten, dass sie in einer geordneten, vereinfachten, technischen Welt sichtbar werden. Die Welt, wie sie den Menschen zunächst begegnet ist, war ziemlich regellos, selbst die Aussage, dass doch jeden Tag die Sonne aufgeht, ist keine selbstverständliche alltägliche Erfahrung, wenn man nicht schon ein Modell im Kopf hat, die auch die trübe Dämmerung an einem nebligen Tag mit der Sonne über den Wolken in Verbindung bringt.

Aber wir Menschen deuten in das tägliche Chaos nicht nur Regelmäßigkeiten hinein, wir verändern die Umwelt auch noch so, dass die Regelmäßigkeiten wirklich sichtbar werden, und wir nutzen sie zu unserem Vorteil. Damit allerdings haben wir erst ziemlich spät begonnen, ein Vorteil zum Überleben in der Wildnis ist auch nicht, Regelmäßigkeiten zu erkennen, sondern den Einzelfall in seiner Individualität möglichst detailliert zu erfassen.

Warum also gibt es einerseits diese ziemlich verborgen wirkenden Gesetzmäßigkeiten und warum tauchen in der Evolution Wesen auf, die diese Regelmäßigkeiten entdecken und die Welt so umgestalten wollen, dass sie sie nutzen können?

Ich und Du

Das ist erstaunlich, aber an diesen Wesen ist noch mehr Erstaunliches. Denn die Menschen sind nicht nur Gesetzes-Entdecker und Anwender, sie sind sich vor allem ihrer selbst bewusst. Jeder von uns sagt „Ich“ und redet da von einem Idividuum, das nicht einfach ein physischer Körper ist. Darüber hinaus, schauen wir einen anderen an und erkennen ihn als unseresgleichen, wir sind gewiss, dass auch er ein Selbstbewusstsein hat, das wir ansprechen können. Natürlich hat das alles eine auffindbare biologische Substanz, in der das geschieht, die Wissenschaftler sprechen von Neuronenfeuerwerken und Spiegelneuronen. Aber mein Wissen über mich und andere erlebe ich nicht als Neuronenfeuerwerk, sondern als geistige Existenz.

Wir können heute schon sicher sein, dass diese geistige Existenz keineswegs nötig wäre, um immer komplexere Prozesse hervorzubringen. Aber das ist auch egal, denn die Existenz des geistigen Erlebens meiner eigenen Person und anderer Personen, zudem das Erleben sogar eines Wir, ist etwas völlig anderes als eine naturwissenschaftliche Beschreibung von Prozessen in Neuronen-Netzen.

Das Gute und das Schöne

Nun kommt noch etwas Überraschendes hinzu: Diese Wesen können nicht nur durch praktische Nutzung von Gesetzmäßigkeiten ihre Lebensbedingungen verändern, sie erleben das auch noch als „Gut“ und als „Schön“, sie haben ein moralisches und ein ästhetisches Erleben ihrer Umwelt, ihres Tuns und ihrer selbst. Auch da kann man wieder wissenschaftliche Beschreibungen entwickeln, die das irgendwie zu erklären versuchen, aber all diese Erklärungen haben mit dem Erleben des Guten und des Schönen gar nichts zu tun.

All diese Dinge bleiben in einer Welt ohne Gott unerklärt, nicht vorläufig, nicht bisher, sondern prinzipiell, weil zwischen den Erklärungsmethoden und dem, was da zu erklären wäre, gar kein Zusammenhang besteht. Man merkt es, wenn man sich die verschiedenen Erklärungsversuche ohne Gott, die es in der Menschheitsgeschichte gab, ansieht, sie ähneln sich zum Verwechseln, ob man La Mettries „Der Mensch, eine Maschine“ liest oder die Bücher der Neurowissenschaftler, sie sind eigentlich gleich, und sie kommen nicht mal in die Nähe dessen, was wir erleben, wenn wir Ich, Du, Wir sagen, wenn wir etwas Schönes oder Gutes empfinden.

Gott als Erklärung

Im Angesicht dieses Scheiterns kann man nun fragen: Was wäre, wenn diese ganze Welt eine Schöpfung eines Gottes wäre? Dann bekommt all das beschriebene einen Sinn, genauer, wenn wir uns über diesen Gott noch ein paar Gedanken mehr machen: Ein Gott, der Geschöpfe wollte, die ihm ähneln, die selbst schöpfen, schöpferische Geschöpfe sind. Er muss dann die Welt so einrichten, dass sie sie verstehen können, sie muss der Vernunft dieser Geschöpfe zugänglich sein. Somit muss sie sich gesetzmäßig entwickeln, sie darf keine unerklärlichen Wunder enthalten, alle Erfahrungen müssen für den kleinen Geist der Geschöpfe verstehbar sein. Deshalb entsteht diese Welt auch nicht durch einen einmaligen Akt, sondern durch einen langwierigen Prozess, in dem das ganze Universum (in dem es vermutlich viele ähnliche Geschöpfe gibt) sich nach Regelmäßigkeiten entfaltet, die diese Geschöpfe sich verständlich machen können. Zudem brauchen diese Geschöpfe, um überhaupt schöpferisch werden zu können, einen Willen zum Gestalten, sie müssen Ziele haben, Freude an der Erkenntnis, Freude am Gestalten. Deshalb die Fähigkeit, das Schöne zu sehen, vor allem das Schöne des selbst Geschaffenen. Da der Geist dieser Geschöpfe aber begrenzt ist, da ihr Schöpferdrang auch gefährlich werden kann, müssen sie auch in der Lage sein, ein Gefühl für das Gute zu entwickeln, das ihnen Einhalt gebietet, wenn sie die Schöpfung im Kleinen wie im Ganzen zu zerstören beginnen.

Der Gott, der plausibel ist, ist also einer, der eine Schöpfung wollte, in der Geschöpfe entstehen, die ihm ähneln, nicht äußerlich, sondern als Schöpfer. Er überlässt ihnen einen Teil dieser Schöpfung, sodass sie selbst schöpferisch werden können. Deshalb müssen sie diese Schöpfung verstehen können. Und er gibt ihnen die Freiheit zur Schöpfung, aber zugleich die Fähigkeit, ihr Handeln zu begrenzen, sodass sie ihre eigene Schöpfung nicht zerstören.

Ein solche plausibler Gott ist sicherlich nicht darauf angewiesen, dass wir an ihn glauben, er straft nicht und er lobt nicht. Er will nicht angebetet werden. Die, die nicht an ihn glauben, sind ihm vermutlich genauso lieb wie die, die ihn verehren. Er vertraut darauf, dass wir unsere Freiheit auf lange Sicht beherrschen, sodass wir uns selbst und das, was wir geschaffen, haben, nicht zerstören.

Aber so eine Schöpfung ist auch ein Wagnis. Dieser Gott ist nicht allmächtig in dem Sinne, dass genau und nur das geschieht, was er will. Da er seine Geschöpfe als Freie und zugleich als Strebende geschaffen hat, muss er das Böse im Menschen auch hinnehmen, und da er will, dass uns die Welt verständlich werden kann, kann er nicht einfach eingreifen, um das Böse zu vernichten. Er muss darauf vertrauen, dass er uns genügend Einsicht, Moral und Empfindung für das Schöne mitgegeben hat, dass wir das selbst immer wieder schaffen.

Vieles kann ich hier nur andeuten, sonst müsste ich all das, was ich dazu geschrieben habe, noch einmal neu aufschreiben. Dieser Text soll eigentlich nur zum Überdenken von unbefragten Selbstverständlichkeiten anregen, die sich in der „atheistischen These“ verbergen. Ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die bis hier gelesen haben, jetzt nicht schnell dieses oder jenes mit einem vorschnellen Satz beiseiteschieben, sondern selbstkritisch und skeptisch auf diesen Satz, den sie da äußern wollen, schauen.

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