Ob Patriarchat oder Matriarchat, oder ob überhaupt eines davon heute „vorherrscht“ – das kann ich nicht sagen, ich halte diese inzwischen überstrapazierten Begriffe lediglich von symbolischer Bedeutung, damit man sich auf etwas beziehen kann, wie man es ungefähr, so richtungsmäßig meint. Ob diejenigen, die diese Begriffe anders, ernster, mit Bedeutung gefüllt, verwenden, das tatsächlich genau und präzise durchdacht tun, oder es eher das Gefühl von Druck und Angst und ominösem Unwohlsein ausdrücken soll – das sei erstmal dahingestellt.
Kein Patriarchat – kein Matriarchat
Im Grunde ist es schon richtig, es anzuzweifeln, dass wir in einem „echten Patriarchat“ leben, zumindest hier und heute, „im modernen Westen“, im liberalen globalen Norden, sozusagen. Doch in einem könnte man sich wahrscheinlich sehr einig sein – ein Matriarchat ist es nicht. Wir haben weder eine weibliche Abstammungslinie (maximal haben wir die männliche zur Unkenntlichkeit reduziert), noch ist das Muttersein etwas, das über Ökonomie und Gesetzlichkeit herrscht, dass alles andere dagegen abfällt.
Parität noch lange nicht stabil
Worüber wir diskutieren könnten, ist, wo es noch patriarchale Momente, Muster, Residuen, Elemente etc. in der Gesellschaft und in den staatlichen Strukturen gibt. Ebenso könnten wir noch darüber diskutieren, ob die Egalität und Parität im realen Miteinander und in der Gesetzgebung, die wir bisher errungen haben, so stabil und irreversibel sind, dass es nicht nur einen Präsidenten oder eine Partei in der Regierung später braucht, um Frauen fundamentale Rechte zu entziehen.
Wenn ein Blick über den Atlantik genügen sollte, dass innerhalb einer Legislaturperiode demokratische Gewissheiten, die über ein Vierteljahrtausend gewachsen sind, nichts mehr wert sind. Wenn es nur ein entsprechendes Narrativ, Religionsdruck, nationalistische Tendenzen, genug Reichweite, und eine manipulierte Wahlbevölkerung braucht, dass liberale Werte des 21. Jahrhunderts um 100 Jahre zurückgeworfen werden. Wenn wir eine rasante Destabilisierung von wissenschaftlichen Allgemeinkenntnissen über das Internet erkennen. Wenn wir alles dieses sehen, wie können wir da wirklich behaupten, dass es ein stabiles Erreichtes gibt, das weder Energie noch Engagement mehr braucht?
Grundsätzlich: Wann ist das Ziel erreicht?
Ich halte es für richtig, einer Forderungsbewegung, wie es der Feminismus ist, ein paar Fragen zu stellen: Wann ist eure Forderung erfüllt? Wenn ihr euer Ziel als erfüllbar und realistisch einschätzt – welches sind die Kriterien, diesen Zustand des Erreichens des Ziels zu erkennen? Gibt es einen Punkt, an dem diese Bewegung dann auch überflüssig ist, und wenn nicht, warum nicht?
Organisationen mit sozialen Zielen und Forderungen an die Gesellschaft, die zur Emanzipation und Verbesserung der Situation von ihren benachteiligten Gruppen führen sollen, lösen sich üblicherweise nicht auf, sondern haben oft die Angewohnheit, sich zum Beispiel neue Ziele zu suchen. Denn es wäre ja schade, schon bestehende Infrastruktur und die schon mal versammelten Leute nicht weiter zu nutzen. Oder böse gesagt: Die Organisation folgt einem Selbsterhaltungstrieb und nicht mehr ihrem eigentlichen Zweck. Mich erstaunt zum Beispiel immer wieder die Vehemenz mit der amnesty international jährlich auch zu Deutschland Zahlen und Kritik vorlegt.
Eher: Selbsterhaltungstrieb
Ich bin nicht überzeugt, dass es diese Vehemenz dafür braucht, da gibt’s doch ganz andere Kaliber in der Welt und wäre es nicht besser, sich darauf zu konzentrieren? Fehler, Ungerechtigkeit, ja, auch wirklich Schaden – das ist auch in einem Land wie Deutschland vorhanden, natürlich. Aber lohnt es sich, daraus eine Organisation am Leben zu halten? Daraus einen Länderbericht zu basteln?
Und Gewerkschaften, die nach Erreichen der 35h-Woche nach weiterer Arbeitszeitreduktion rufen .
Gibt es überhaupt eine Struktur der Gesellschaft, die nicht noch weiter die Schraube der Forderungen dreht, um ihre Präsenz zu rechtfertigen, um ihre Mitglieder zu halten, um Sympathie und Sympathisanten anzuziehen?
Leider selten oder gar nicht. Leider ist das eine Konstante, die uns nicht guttut, die der Demokratie nicht guttut. Ich würde es begrüßen, wenn jede einzelne davon ihr Limit klar definiert und sich automatisch auflöst, wenn erreicht. Aber das ist eine utopische Forderung. Warum dann mit dem Feminismus anfangen? Warum nicht mit den ganzen Hilfsorganisationen und NGOs? Die zumindest sehr konkrete Forderungen an die Gesellschaft herantragen und darum auch daran messbar sind. Aber „Feminismus“?
Schwarz und Weiß
Besser wäre es, die einzelne Feministin oder feministische Gruppierungen zu fragen. Vielleicht würde man dann auch feststellen, dass die Forderungen gar nicht so gleich sind. In der amerikanischen Feminsmusgeschichte geschah schon im letzten Jahrhundert etwas Erstaunliches: Schwarze Frauen entdeckten, dass ihre Bedürfnisse und Ziele mit denen von weißen Frauen gar nicht übereinstimmten! Weil ihre Realität und ihre jeweiligen männlichen Gegenüber unterschiedlichen Situationen unterworfen sind. Arme Männer können patriarchal sein, aber sie sind sicher nicht in einem Herrschaftsverhältnis zum Rest der Menschen. Und wenn Frauen sich in den oberen Etagen der Macht unterrepräsentiert fühlen, dann fühlen das auch Männer von unterdrückten Minderheitengruppen. Und Frauen von unterdrückten Minderheitengruppen sind quasi an zwei Fronten im Hintertreffen. „Der Feminismus“ ist – anders als eine NGO eben nicht mit einer festen, schriftlichen Satzung unterwegs. Sondern besteht aus einer Vielzahl individueller Vorstellungen, die sich wahrscheinlich in einigen der Punkte ähneln, aber eben nicht in allen. Wenn die weiße, reiche Frau im urbanen New York ihre Gleichberechtigung erreicht hat, weil sie sich eine Nanny und einen Abschluss in Yale leisten kann, dann trifft das noch nicht unbedingt auf ihr schwarzes, armes Pendant im ruralen Süden der USA zu. Oder die Nanny.
Individuelle Feminismen
Und 1990 hatte die Frau im Osten Deutschlands hat ganz andere Bedürfnisse und Ansprüche als ihr Pendant im Westen. Und die muslimische Einwanderin aus Syrien 2015 nochmal ganz andere. Diese drei sind nicht grundverschieden, wie drei Spezies, also als ob die eine im Wasser wohnt, die andere am Lande, die dritte in der Luft. Aber ihre dringendsten Verbesserungspunkte sehen eben anders aus. Doch wenn sie diese ersten Etappen erreichen, werden sie sich sicher etwas ähnlicher und irgendwo in einem idealen Fluchtpunkt in der Zukunft ist die Verschiedenheit nur noch individueller Natur, nicht mehr nach ihren kulturellen Hintergründen unterteilt. Also bleibt es bei der Idee: Fragt die einzelne Person, was ihr Ziel ist, und wann es erfüllt ist, aber bitte nicht „den Feminismus“.
Dann habe ich noch zwei Details, die mich etwas wurmen in der Diskussion um „Feminismus“ und ihre „nervigen“ Forderungen, die doch bitte auch mal gut sein sollen.
Lackmustest Disproporz
Ich kann in einem Kommunalwahlergebnis mit unfassbar schlechter weiblicher Präsenz vielleicht die Achseln zucken und sagen: Niemand und kein Gesetz hat Frauen davon abgehalten, also muss es daran liegen, dass Frauen es nicht wollen. Und dagegen kann ich nichts tun. Kann ich. Oder ich kann das als Lackmustest nehmen, als statistisches Aufdecken eines tieferen Problems, das ich noch nicht kenne. Aber das ich angehen muss. Ich müsste ja annehmen, dass Frauen so anders sind als Männer, dass ihr Geschlecht ihnen die politische Repräsentanz und die Lust darauf entzieht. Dann muss ich aber das auch wirklich explizit formulieren und falsifizierbar machen. Etwa sagen: Ja, wenn „Frausein“ so ein Faktor ist, dann muss ich entdecken, was eine „Frau“ soweit unterscheidet, dass ihr Gehirn oder ihr Körper oder ihr Leben, ihre Biografie sie in der Parität abrutschen lässt. Und wenn es ihre Vagina und ihre Brüste sind, dann muss ich schon formulieren, wie die im Weg stehen. Und wenn ich glaube, dass Frauen „anders denken“, dann muss ich das auch neurophysiologisch begründen. Sonst stehle ich mich aus der Verantwortung, dass es vielleicht doch am dritten Punkt liegt, dass die weibliche Biografie mit Kindern und sozialen Umständen, die entscheidenden Faktoren sind. Und dann bin ich gerade als politisch Agierender in der Pflicht, diese Biografien nicht nach Geschlecht auseinanderdriften zu lassen, denn außer ein paar Monate Schwangersein dürfte eben nicht mehr vorliegen.
Bedingungen und Geschlechtszugehörigkeit
Und somit ist das eben NICHT abzutun, dass es Frauen halt nicht wollen. Denn wenn sie es nicht „wollen“, aber Männer umso mehr, dann ist das ein Punkt, an dem noch zu arbeiten ist. Nicht bei der einzelnen Person. Sondern eben an den Bedingungen, die die Geschlechtsangehörigkeit in der Gesellschaft bedeuten.
Und das zweite Detail hängt damit zusammen: Es gibt sehr wohl Gesetze, die rein an das Geschlecht gebunden sind. Und eines davon ist alles was mit dem Recht auf Abtreibung verbunden ist. Das in Deutschland und durch die ständige Interferenz von traditionellen religiösen Vorstellungen kein vernachlässigbarer Faktor ist. Nicht genug, dass Kinder und Schwangersein für Frauen ihr inhärentes Paket der Benachteiligung im Vergleich der Biografien bedeuten, sondern dieses Schicksal wird mit Moral, Schuld, Ideologie noch verschärft und zu einer unerträglichen Bürde verfestigt. Solange diese Last nicht aufgelöst wird und es auf den minimalen noch möglichen Unterschied (wenige Monate Schwangerschaft) zurückgedrängt wird – ist für mich persönlich MEIN Feminismus nicht erfüllt. Und solange es Bilder von Berufsgruppen und Politikern gibt, die nicht einigermaßen eine gleichmäßige Aufteilung in den Geschlechtern aufweisen, sehe ich das als BELEG, dass noch ganz schön viel zu tun ist.
Worin aber das „zu tun“ liegt, das kann ich nicht in allem sagen. Da bin ich offen für Vorschläge. Auch von Männern.
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Mighty Quinn
… es gibt kein ‚Recht auf Abtreibung‘. Die Einschränkung des Abtreibungs’recht’s ist eine zwingende Konsequenz der unantastbaren Menschenwürde, weshalb das deutsche Bundesverfassungsgericht Abtreibung als illegal bezeichnet. Menschenwürde ist eben nicht an das Geschlecht gebunden, wertes Frl. Kaiser.