Gimme Danger – Bänkelsang versus Bourgeoisie
Europa um 1200: Der Bänkelsang zieht sich von nun an als feuriger Klangfaden durch Europa. Vorläufig kaltzustellen vermag ihn erst WWI. In längst vergangenen Jahrhunderten zogen jene Bänkelsänger im Lande herum, um allüberall von Horror-Geschichten, von Mord, Liebe, realen oft auch politischen Begebenheitenen zu künden. Der Puls der Zeit, das Maul des Volkes. Geachtete Künstler? Am Arsch.
Nicht von der Masse.
Warum?
Ja, fahrendes Volk, wa. Allet Kriegskaputte, Gauner oder Krüppel, wa.“
Erfüllt haben jene ihre soziale wie historische Aufgabe gleichwohl.
Cut.
Manhattan, New York 1979: Aufblende: eine typische New Yorker 70er Party. Ein paar Gäste diskutieren leidenschaftlich.
„Isaac Davis: „Habt Ihr gelesen, dass die Nazis Umzüge in New Jersey veranstalten? Wir sollten dort hingehen und es denen mal richtig zeigen; so mit Knüppeln und Baseballschlägern und denen die Sache mal richtig klar machen.“
Partygast A: „Eine sehr beißende Satire stand neulich in der „Times“ über diese Burschen. Unheimlich böse, sage ich Dir.“
Isaac Davis: „ Ja, eine Satire darüber in der „Times“ ist gut. Aber Knüppel und Baseballschlägern sind eindeutig besser.“
Partygast B: „Ich finde, eine beißende Satire ist auf jeden Fall besser als Gewalt.“
Isaac Davis: „Aber Gewalt kommt bei den Nazis wesentlich besser an. Mit einer Satire kann man auf Schaftstiefel keinen sehr großen Eindruck machen.“
(Woody Allen „Manhattan“ 1979)
Cut
Deutschland im Juli 2026.
Daniel und Igor haben es wieder getan.
Link „Kunstfreiheit“
Link „Keine Angst“:
Schon mit „Kunstfreiheit“ boten sie dem Land lustvoll einen Metaebenen getränkten Knallbonbon zwischen Augenzwinkern und Augenklappe. „Keine Angst“ nimmt jenen Faden offenkundig auf, spinnt ihn jedoch mit umgekehrten Vorzeichen zurück. Ging es dort um die aktive Entlarvung rechtsextremer Politiker mittels überwiegend humoristischer Überzeichnung, nehmen sie hier – nicht minder offensichtlich – die Position des von derlei Strömungen bedrohten Teils unseres Landes ein.
Wie sie es tun, ist künstlerisch einmal mehr absolute Oberliga. Vordergründig werfen sie gebührend provokant das Skelett einer Handlungsanweisung in den Ring. Dahinter jedoch pocht das wilde Herz jener, die – ob des mittlerweile recht rauen Klimas in Richtung Antisemitismus/Rassismus – entweder längst eingeschüchtert den Kopf hängen lassen oder nur noch per Bodyguard und Bazooka unversehrt das eigene Land durchqueren kann.
Keine leichte künstlerische Aufgabe, so es nicht aufgesetzt klingen soll. Persönlich bringen beide hier alles mit, was man zur Glaubwürdigkeit bei den Zielschei….hust…Zielgruppen von Rassismus/Antisemitismus minimal benötigt.
Weltoffenst
Danger bzw Daniel Pongratz scheint diesbzgl. der weltoffenst denkbare Mensch zu sein. Neben tausend anderen wilden Sachen seiner Biografie führt er etwa im Auftrag des Goethe Instituts interdisziplinäre Theater- und Musikprojekte in 17 verschiedenen Ländern, so etwa in Afrika oder Georgien, durch oder stellt unabhängige Radioprojekte oder Gigs auf dem Tharir Square in Kairo auf die Beine. Allemal vertraut mit jenem überwiegenden Teil der Weltbevölkerung, der schon per äußerer Erscheinung manche Gegenden unseres Landes nicht gefahrlos würde bereisen können.
Und Igor Levit? Musikalisch eh eine Bank. Selten haben überwiegend klassisch tätige Musiker einen so sinnlichen Touch im Anschlag, der es auch in Kaschemmen, Bordellen und Saloons bringen würde. Einer, dem man auch ein „Levit Billie Holiday“ zutrauen würde. Hier gibt er 7 Minuten lang souverän den Mr Moritat zu Dr Danger.
Seine Bio? Igor Levit ist bekennender Jude und prominent.
Fertig.
Reicht.
Damit steht er in seinem äußeren Erscheinungsbild im Ergebnis jener obigen Gruppe gleich, die sich aufgrund von Hautfarbe, sichtbarer Behinderung etc nicht der Gefahr entziehen kann.
Hypnotischer Bastard
Im Lichte dieses Perspektivwechsels funktioniert das chorusartige „Keine Angst“ auch musikalisch als perfekt sloganisierende wie empathisch ermutigende Ebene. Top Dynamik, top Gefühl, top puristisch arrangiert wie produziert. Hypnotischer Bastard of modern Bänkelsang, Baby.
Jenem althergebrachten Genre entlehnen sie die Eskalationsspirale gen wahlweise Tragödie, Drama, Thriller, Dystopie. Alles sauber konstruiert mit dem künstlerischen Stilmittel der Überidentifikation in Ich-Perspekktive.
Verbindet man beide Gedanken – die offensichtliche Ebene mit dem Perspektivwechsel – ergibt sich:
Die beiden sind nicht gewaltverherrlichende, RAFgeile Trottel.
Sie sind Kassandra.
In „Manhattan“ etwa war es Woody Allen, der sich eines filmbezogen ähnlich drastischen Kniffs bediente.
Was bedeutet das?
Es ist offenkundig ein „Anpasserlied“, wie Georg Kreisler sagte. Denn es schildert die Situation jener, die weitgehend im Stich gelassen werden im Angesicht des Bös…hust Blöden.
Es ist der Galgenhumor jener,
die sich nach 11 feisten Faschosprüchen über den Tag (Da war schon die dümmliche Stadtbild-Diskussion nicht hilfreich.),
beim dreckigen Dutzend berechtigt sarkastisch denken:
„Ach Mensch, die ganzen Klappskallis hier mal wieder. Wo ist eigentlich die Zivilcourage hin? Achso, futsch. Fuck, wo sind eigentlich Spiderman, Batman, Supergirl, Rambo, Dr. Lecter, Clint Eastwood, Cthulhu, alle, die gerade so still drumherumstehen, Lina, Gucci, Maja und Nanuk, wenn man sie e i n m a l braucht?“
Bleibt er noch lange absent,
jener Teil der Gesellschaft, der durch sein Mitläufertum ein Klima konstant steigender Diskriminierung und Gefahr für Dritte bräsig ignorant begünstigt, dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben, wenn jene in einer Art Notwehrexzess übers Ziel hinausschießen.
Derlei mag niemand gern hören. Der Lauscher an der Wand. Entsprechend überfordert agiert besonders manch kommentierender Nichtjuristen, wie man der zugehörigen Aspekte Sendung entnehmen kann.
https://www.zdf.de/play/reportagen/aspekte-106/meinungsfreiheit-musik-100
Der eine verkennt Inhalt, Thema und Tiefe, indem er sich durch lautstarke, autoritäre Empörungsrhethorik metzgert, deren breitbeinig dargebotene Stringenz keine Sekunde zu verdecken vermag, dass hier jemand Antworten auf eine Frage gibt, deren Komplexität er nicht im Ansatz verstanden hat.
Der Andere balzt vor allem auf der Linksrechts-Kasperfrage herum, während er die viktimisierten Gruppen dadurch faktisch erneut marginalisiert.
Goth, gimme Strength.
Der Verantwortliche der Sendeanstalt nimmt derweil die Mehrdeutigkeit des Kunstwerks – „…könnte missverstanden werden“ – ein Kunst überhaupt erst bedingendes Element! – allen haarsträubenden Ernstes als Grund, sich g e g e n den Auftritt zu entscheiden.
Echt jetzt?
Und ich Dummerle dachte immer. Es wäre dann ein Problem, wenn es eindeutig eine Aufforderung zur Gewalt wäre. Jetzt darf Kunst nicht einmal mehr mehrdeutig sein,
or what?
Tja,
genau deshalb sagte auch Kreisler zu seinem „Taubenvergiften“ (komponiert 1956):
„Ich habe mich damals geniert, Gerechtigkeit zu verlangen, es wäre auch vergeblich gewesen. Ich habe ‚Taubenvergiften‘ geschrieben statt ein paar Worte oder Klänge, über die ich Blut verloren hätte. Aber ich war ausgesaugt.“
Berührend scharfsinnig.
Bei ihm verstehe ich das negative Gefühl um einiges besser als bei den aktuell so selbstbezogen Empörten. Doch das ist zugegeben nicht der Punkt.
Was ist der Punkt?
Was ergibt sich daraus?
Zumindest meine Frage ist mithin, wie oft noch Kunst auf ihre Oberfläche reduziert wird, statt diese als Ausgangspunkt der Artikulation einer darunter liegenden tieferen Ebene des Misstandes zu begreifen und zu nutzen?
Statt schablonenschnell auf den nächsten Skandal zu springen, könnte man das Längerfristige suchen, und die hierfür zweifellos notwendige Geduld mit dem Publikum teilen.
Warum das zumindest aus meiner bescheidenen Sicht der effektivere Weg sein könnte?
Erkenntnis gewinnt man durch vielseitigen Perspektivwechsel im gegenseitigen Austausch, nicht wahr?
Nur wie?
Vielleicht so:
Einfach mal schön lecker mehr Fragen und Zusammenhänge aufmachen anstelle zuverlässig rapider Schnellschüsse, getarnt als Antworten.
Clickbait?
Nope!
Ein Prozess?
Ja, klar.
Das dauert.
Wie sonst soll es gehen?
Und derlei ist nun mal per se nicht leicht getan. Wohl für niemanden.
Alles quält sich,
Alles schält sich
unter Pein heraus.
In diesem Sinne
Art 4 Art’s Sake
From Hamburg
with Love
UK
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Mighty Quinn
… poooh, was die beiden Figuren beabsichtigen oder auch nicht, ignoriere ick nicht mal … zum ‚Bänkelsang‘ aaaber immer wieder gern zitiert – Michael Klonovsky:
‚Wer heutzutage in einer politischen Debatte den Begriff ‚Nazi‘ gegen wen auch immer ins Feld führt, ist aus ethischer Sicht ein Lump, aus historischer Sicht ein Verharmloser, und aus intellektueller Sicht eine Null.‘
… no comment