Der Kipppunkt

Im Nachhinein, heute, vielleicht aber auch schon um 1968 rum, oder gleich nach dem Krieg – klagen wir: Bitte, warum habt ihr dem nicht noch mehr widerstanden? Vielleicht liegt der Grundstein dazu schon in der Äquidistanz zu Kommunisten und Nazis 1931.

Gefahr und Angst Pixabay - Peter Linforth

Meine Großmutter hatte es in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts geschafft, als junges Mädchen alleine für ein halbes Jahr in die Fremde zu gehen. Diese Fremde war Norddeutschland, aufgrund eines Programms zur Bildung von deutschsprachigen jungen Leuten aus dem Ausland. Im Falle meiner Großmutter: Rumänien. Sie wäre beinahe geblieben, hätte Sport studiert. Sie wurde aber von der Familie zurückgerufen und hat zeitlebens davon erzählt. Sie zeigte mir diese Briefe aus den 20er und 30er Jahren, in Sütterlin, von ihrer Freundin, die später in Berlin oder einer anderen großen Stadt lebte. Und ein halber Satz aus diesen Briefen hatte meine Großmutter immer und immer wieder zitiert, vielleicht von 1931: „Auf der Straße schlagen sich die Nazi und die Kozi die Köpfe blutig.“ Tatsächlich waren in der zu Ende neigenden Weimarer Zeit die Straßenschlachten zwischen Kommunisten und den SA-Truppen virulent und blutig. Für friedliebende Bürger muss das von außen verstörend ausgesehen und Angst vor beiden Seiten erzeugt haben. 

Historische Sicht

Aus der heutigen historischen Sicht ist es einfach(er), die SA als den Vorboten der Gräuel zu sehen, die das Dritte Reich an Juden und anderen Minderheiten beging, an den Schrecken, die es über Europa brachte, als das, was man „damals“ mit allen Mitteln hätte verhindern sollen. Es fällt womöglich mit diesem Wissen schwer, die „Kozi“ und die „Nazi“ gleich problematisch zu empfinden, wie das die Freundin meiner Großmutter so ausgedrückt hat.

Ebenso weiß diese Freundin von 1931 eben nicht, dass sie zwei Jahre vor der Machtergreifung der NSDAP ist, 4 Jahre vor den Nürnberger Gesetzen, 8 Jahre vor dem Überfall auf Polen. Und Auschwitz und Dachau hatten nicht den Klang von Asche und Ungeheuerlichkeit, wie sie heute tragen. Sie weiß vor allem nichts davon, dass sie in der „sich zu Ende neigenden Weimarer Zeit“ befindet.

Kaum Widerstand

Ich habe keine Ahnung, was aus dieser Freundin meiner Oma wurde, aber ganz gleich – aus diesem einen halben Satz von ihr, der in meiner Familie tradiert wurde, schließe ich auf eine exemplarische bürgerliche Existenz, die Frieden im Leben, wirtschaftliche Prosperität ohne große Ambitionen nach Reichtum wünschte, und vor allem eine gewisse Distanz zur erhitzten politischen Situation im Land. „Bitte hört BEIDE damit auf. Ihr seid BEIDE ein Problem.“ – danach klingt das.

Im Nachhinein, heute, vielleicht aber auch schon um 1968 rum, oder gleich nach dem Krieg – klagen wir: Bitte, warum habt ihr dem nicht noch mehr widerstanden? Wenn ein Eigenbrödler wie Georg Elser nicht wie der Unabomber aussieht sondern für uns Deutsche das Feigenblatt des Widerstands bedeutet, wenn Stauffenbergs Putschversagen beklagt wird und die Mitglieder der Weißen Rose vor allem durch das grausame Bestrafen zu Helden werden, obwohl die Jugendlichen sehr moderate Forderungen auf Papier verbreitet hatten – nimmt diese Äquidistanz zu „Kozi“ und „Nazi“ 1931 die desolate Lage auf der Widerstandsfront nicht schon voraus?

Eichmann und Höß‘ Frau

Die „Banalität des Bösen“  ist in dem Moment, sobald der Faschismus schon mordet und die Niederträchtigkeit schon Staatsraison geworden ist, nur eine andere Bezeichnung von „Gutbürgerlichkeit“. Der Blumengarten der Familie Höß in Auschwitz, wie in dem Film „Zone of Interest“ ist nur ein Symbol dafür, wie Innere Emigration in aufgeheizten Zeiten von der Blindheit inmitten von Grausamkeit nur schwer zu unterscheiden ist.

Was wir heute im Unterschied zu damals haben: den demokratischen Rechtsstaat, die entnazifiziert erzogenen Generationen in einer wirtschaftlich führenden Nation, eine soziale Marktwirtschaft mit verfassungsrechtlich zugesicherten existenziellem Überleben. Jahrzehntelanger Frieden, außenpolitische Konfliktfreiheit, umgeben von freundlichen Nachbarn. Technologisch und medizinisch entwickelt. Keine Perfektion, klar, aber die wichtigsten gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen sind vorhanden, um im jetzigen Moment eine stabile Gesellschaft und demokratische Struktur zu halten. Die meisten haben was davon und wollen dass es so bleibt. Man hat viel zu verlieren, wenn man das Bestehende zu Fall bringen würde.

Konservatismus erster Ableitung

Und das ist – meiner Ansicht nach – der wichtigste Faktor für „Konservatismus“ im eigentlichen Sinne des Wortes, also, dass man keinen Umsturz und nicht mal wesentliche Änderungen wünscht. Vielleicht eher eine Art von „Konservatismus der ersten Ableitung“. In der Mathematik ist die erste Ableitung einer linearen Funktion eine Konstante. Anders gesagt: Wenn die erste Ableitung eine Konstante ist, dann liegt darunter eine lineare Funktion, also eine stetige Bewegung, ohne krasse Kapriolen. 

Also für unser Politikmodell: ein kontinuierlicher Fortschritt, in stetiger moderater Bewegung. So dass möglichst viele mitkommen, aber dennoch nicht zu viele zurückgehalten werden, auf ihrem Weg zum (angenommenen) Besseren. 

Turbulenz und Chance

Eine „Revolution“ hingegen erzeugt Turbulenzen, kehrt das Unterste zuoberst und umgekehrt. Eine Disruption verändert Voraussetzungen, führt zum Verlust aller bisherigen Gewissheiten. In einer solchen politischen Umgebung passiert etwas, das man analytisch vielleicht mit „es ist alles möglich“ bezeichnen könnte. Das stimmt aber nur analytisch. Denn es kann zwar alles Mögliche PASSIEREN, aber es heißt eben nicht, dass jeder von uns seine Agenda durchsetzen kann, also dass man Kontrolle bekommt, über das was passieren wird. Sondern dass die Unvorhersehbarkeit, die Unplanbarkeit, die Vernichtung vorheriger Zwänge und Gesetzlichkeiten im politischen Handeln eintreten. 

Wenn jemand in einer funktionierenden Gesellschaft wahrnimmt, dass er keinen Fuß in die Tür bekommt, wenn also ihm vorkommt, dass die Zwänge und Gesetzlichkeiten dieser Gesellschaft ihn auf Schritt und Tritt behindern und immer anderen den Vorzug geben, dann wird derjenige Revolution und Disruption dem Status Quo vorziehen. Denn „jetzt“ sieht er sich auf die Niete im Leben festgelegt, im Umsturz jedoch kommt er in die Lotteriebox und hat wenigstens eine Chance zum Gewinn. So die Kalkulation. Genauso die Illusion, wie beim Lottospielen. Eine unheilige Allianz von Fatalismus – „ich bin jetzt unterdrückt und habe keine Chance“ und selbsttäuschendem Überoptimismus – „ich schaffe es, andere zu unterdrücken, und kann somit selbst nicht mehr unterdrückt werden“.

Die Kosten der Revolution

Auf der anderen Seite aber sind alle anderen – vor allem diejenigen, die vom bestehenden System (Status Quo) direkt profitieren. Dann diejenigen, die von der Stabilität des Systems Vorteile ziehen, selbst wenn sie nicht zu den direkten Profiteuren gehören. Und auch jene, die sich rational abwägend für das bestehende System entschieden haben, weil andere stabile Systeme (die womöglich von den Revoluzzern in Aussucht gestellt werden) ihnen nicht oder nur wenig mehr Vorteile bieten können, und die Kosten und die Unsicherheit der Revolution ihnen aber zu problematisch erscheinen.

Aber zu dem Zeitpunkt, wenn die Revolution, das Unterbrechen („Disruption“) der bestehenden Ordnung schon eingetreten ist, fallen immer mehr Kalkulationen der Gegner der Revolution weg. Rational betrachtet werden nur noch diejenigen das vorrevolutionäre System verteidigen, denen jenes massive Vorteile gegenüber dem revolutionär Anvisierten brachte. Selbst moderate Vorteile sind nicht mehr genug, um Verfechter bei der Stange zu halten, wenn inzwischen das Momentum der sozialen Bewegung zu fortgeschritten ist. Denn die Veränderung ist näher und verursacht dann weniger persönliche Kosten, als das weiter Festhalten am Alten, das inzwischen zu weit zurückgelassen wurde

Graduell, verschmiert, gekippt

Menschen sind keine idealen Entitäten, die stets rational und in ihrem Interesse handeln. Somit wird der gerade beschriebene Mechanismus nicht so sauber ablaufen. Der graduelle Übergang wird in Realität entweder zu einem Kipp-Punkt, oder aber zum verschmierten Fleck, bei dem einige sich Blumengärten in Vernichtungslagern halten und andere sich auf bürokratische Abläufe beziehen statt auf die Gräuel, die sie in Güterwaggons zu verantworten haben. Und Teil dieses Verschmieren ist auch der äquidistante Ekel vor den „Nazi und Kozi“, mit denen beiden man nichts zu tun haben will. 

Erkenne den „Eichmann“

Natürlich ist es unfair, den Eichmann von 1961 mit der Freundin meiner Großmutter in dieser nonchalanten Form zu vergleichen. Darum geht es gerade nicht. Eher geht es darum, zu überlegen, ob man bei sich selbst den Übergang zwischen 1931er Freundin und 1961er Eichmann erkennen würde. Ob man es in einem anderen erkennen würde. Ob man es sich bei der Unterscheidung zwischen dem blutigen „Kozi“ 1931 und dem im KZ getöteten Kommunisten nicht zu einfach macht, denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass es derselbe ist.  

Ist der „Kozi“ der Mutige, der damals von der Freundin voller Angst verkannt wurde? Begeht die Angst von damals und der Mut von damals heute Wiederauferstehung? Bin ich dabei der davon verschreckte Bürger wie die Freundin meiner Großmutter? Blutige „Kozi“- und „Nazi“-Köpfe – was ist das auf heute übertragen?

Rein hypothetisch

Ich kann eine rein hypothetische und sehr akademisch anmutende Antwort geben: WENN ich in einer Gesellschaft mit stabilen politischen Zuständen lebe, dann möchte ich diese blutigen Köpfe nicht. Dann gefährden diese Straßenkämpfe diese Stabilität und ich halte beide Gruppen für gewalttätige Mobs, die sich gegenseitig nichts schenken. WENN ABER die Gesellschaft schon im Kipppunkt zur disruptiven Veränderung steht, dann ist die äquidistante Angst vor beiden eine trügerische Wahrnehmung und das, was mich alle kleinen Schritte immer weiter führt, bis dass ich leugne, den Rauch in Dachau zu riechen und ich Blumen in Auschwitz pflanze, und ich rede mir am Ende noch ein, nur meine Pflicht im Referat IV B 4 zu erfüllen. WENN ABER diese Disruption gar nicht stattgefunden hat, dann ist das nicht Georg Elser, sondern der Unabomber; das ist nicht die Weiße Rose, sondern die RAF. 

Danger, Danger – keine Angst!

DAS ist die Angst, die ich eigentlich haben sollte. Und das ist kein Kipppunkt mehr, das ist ein Kippbild, um dieses WENN herum. Und Angst und Angstfreiheit tauschen dabei die Plätze von vernünftigem Begleiter und gefährlichem Verführer – je nachdem. Und dieses Kippbild ist wie alle Kippbilder für unterschiedliche Menschen in erster Näherung auch unterschiedlich und führt zu Unverständnis über die Wahrnehmung. Doch mit Vernunft und weniger Selbstgerechtigkeit, dann kann man mit einiger Anstrengung selbst erfahren, was der andere gerade sieht. Und behält sich im besten Fall vor, das Eine zu tun oder das Andere zu lassen.

Newsletter abonnieren

Sie wollen keine Kolumne mehr verpassen? Dann melden Sie sich zu unserem wöchentlichen Newsletter an und erhalten Sie jeden Freitag einen Überblick über die Kolumnen der Woche.