Persönliche Assistenz 2: Was ist das?

Obwohl Matthias von Schramm schon sehr lange persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung leistet, versucht er immer wieder, sich selbst und anderen zu erklären, was „Persönliche Assistenz“ eigentlich ist.

Foto: Matthias von Schramm

In einer der ersten Fortbildungen meiner Assistenztätigkeit war zur Erklärung immer von der rechten Hand und dem linken Fuß die Rede, die man in Persona ersetzen würde. Kein besonders gutes Bild, wie ich finde. Sicher, es gibt typische Tätigkeiten innerhalb der Assistenz. Das Essen angeben z. B. oder die Füße bewegen und damit einen immobilen Menschen von der einen in die andere Position befördern. Letztendlich geht es aber mehr um Hilfe als um Ersatz.

Verinnerlicht man dies, wird ein Grundmissverständnis bei der Assistenztätigkeit deutlich. Menschen mit Behinderung und Assistenzbedarf haben extrem unterschiedliche motorische Fähigkeiten. Von fast kompletter Immobilität bis dahin, dass nur eine leicht begleitende Unterstützung benötigt wird, ist alles vorhanden. Insofern macht es für mich sehr viel Sinn, von Hilfe zu sprechen. Dabei ist es immer der geistige Wille der Person mit Assistenzbedarf, der am Ende zu einer Bewegung führt, die assistierend begleitet wird.

Wenn meine Assistenznehmerin z. B. einen Vorgang bereits auf den Weg gebracht hat und dieser letztlich nur noch einer Vollendung bedarf, fällt der unterhaltsam klingende Satz: „Könntest du bitte assistierend tätig werden!“ Und das ist übrigens ein viel besseres Gefühl, letztlich nur so weit unterstützend aktiv zu sein, wie nötig, anstatt für eine mündige erwachsene Person mütterlich als Vaterfigur mit Bart und Clownsperücke zu agieren.

Der humane Aktionismus!

So manch assistenzgebende Person fühlt sich genötigt, der assistenznehmenden Person etwas Gutes zu tun. So verstehen sich nicht selten Menschen als diejenigen, die anderen Menschen im Rollstuhl das Leben zeigen wollen und ihnen damit die Welt erklären. Das ist aber keine Assistenz. Die Aufgaben des oder der Assistentin sind erstaunlich begrenzt. Und ein nach eigener Ordnung unordentlich wirkendes Regal ohne Absprache neu zu ordnen, gehört nicht dazu. Ebenso wenig gehört es dazu, seinem Assistenznehmer ständig das gute Wetter anzupreisen und damit verbunden einen spontanen Ausflug zu empfehlen, wenn der gerade gemütlich daheim seine Lieblingsserie im TV schauen möchte.

Auch das ständige Nachfragen, ob der Mensch, dem man assistiert, irgendwann etwas brauchen würde, übersteigt letztlich das Arbeitsgebiet der Assistenzperson.

Manchmal hilft es, sich vorzustellen, man habe es mit einem CEO einer Firma zu tun, dem man den Rücken freihält und für den man in seinem eigenen Haushalt oder auch in seinem Büro abgesprochene Fleißarbeiten erledigt. Der Begriff „zuarbeiten“ beschreibt es ganz gut. Und gibt es nichts zuzuarbeiten, dann gibt es bestimmt Liegengebliebenes (an das sich nie einer heranwagt) oder eine Arbeitspause, die allerdings genau genommen eine Arbeitsbereitschaft bedeutet. Wenn man dann nach zwei Stunden mal angesprochen wird: „Kannst du mir bitte mal helfen, ich komme da nicht dran!“, dann ist das Normalität, die zugegeben recht profan klingt.

Dennoch empfiehlt es sich, in der Zwischenzeit durchaus zu entspannen. Sollte man stattdessen in diesen „Pausen“ eine ständige Bereitschaft überdeutlich ausstrahlen, dann macht das die assistenznehmende Person schon mal gerne wahnsinnig. Und dies ist letztlich für eine bekömmliche Arbeitsatmosphäre nicht zuträglich.

„Brauchst du was? Willst du was essen, trinken, eine Massage? Soll ich dir was vorlesen? Tut dir was weh? Soll ich dir eine gut verträgliche Hautcreme empfehlen?“

„Nein – ich sag das dann schon!“

Wir AssistentInnen sind nicht die Freizeit!

Assistenz ist eine der Tätigkeiten, die sich gut dadurch erklärt, was sie nicht ist. Gängig wird Assistenz so definiert: Es soll ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Wohnraum sowie die Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht werden. Eine Sache, die einen solchen Klang hat, dass sich so mancher Mensch wohl allein dadurch zur ständigen, quasi übermenschlichen Aktivität bemüßigt fühlt. Ferner geht es um Körperpflege, Haushaltsunterstützung (nicht Haushaltsführung), Assistenz am Arbeitsplatz und in der Freizeit.

Ganz wichtig dabei: Die Freizeit ist die Freizeit des Menschen mit Behinderung und nicht die der assistierenden Person. Die geistige Trennung, dass man da jetzt jemanden begleitet, der gerade Freizeit hat, und sich nicht selbst in der Freizeit befindet, ist die aufzubringende geistige Leistung. Und wir AssistentInnen sind auch nicht die Freizeit der AN-Personen.

Wir haben also nicht frei, dennoch kann einem die Freizeit und Arbeit der AN einiges bieten. Eben nicht nur Arbeit, sondern auch Erlebnisse. Diesbezügliche Erwartungen wären aber falsch. Auch wenn sich freundliche und bunte individuelle Stellenangebote der Leute im Rolli oft blumig und lebenserfüllend lesen. Man bleibt letztlich immer nur der Assistent.

Meine Erfahrung ist: Wenn man diesen Punkt verinnerlicht hat, dann ist das gewiss nicht das schlechteste Gefühl. Zur Identifikation als arbeitender Mensch kann man diese Definition durchaus als Wertschätzung betrachten – im eigentlichen Sinne nämlich, dass man gebraucht wird.

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