Persönliche Assistenz 1: Auf Hochzeiten und Messen

Matthias von Schramm arbeitet seit 1999 in der Persönlichen Assistenz für Menschen mit Behinderung. In einer Kolumnenserie möchte er aufzeigen, wie sich diese Tätigkeit darstellt und was man dabei alles erleben kann. Er beginnt nicht mit einer Definition der Persönlichen Assistenz selbst, sondern mit zwei Ereignissen, die er in anderen Funktionen so nicht erlebt hätte.

Foto: Matthias von Schramm

In über einem Vierteljahrhundert Arbeit kommen natürlich einige Dinge zusammen, die für mich ohne diesen Job so nicht stattgefunden hätten. Ich wäre wohl nie im Leben auf einem Mittelaltermarkt aufgetaucht oder auf einer Veranstaltung der drei ???. Ich bin dabei, wenn ein Verwandter Probleme in seinem Lehrbetrieb hat, auf Beerdigungen, bei Andachten, beim Bankberater, ohnehin ganz oft in allen möglichen Arztpraxen etc. Und zwar immer dann, wenn ein Mensch mit Behinderung meine Assistenz benötigt. „Was du so alles erlebst!“, bemerkt meine Frau immer wieder.

Die türkische Hochzeit!

Wiederholt werde ich in meinem Bekanntenkreis damit konfrontiert, welche Mythen und Bilder über türkische Hochzeiten kursieren. Dass sich für mich so eine Gelegenheit ergeben würde, war durchaus recht unwahrscheinlich. In meiner selbstständigen fotografischen Tätigkeit musste ich als Broterwerb Hochzeiten fotografieren, und ich kann mit Fug und Recht sagen, dass dies so gar nicht mein Fall war. Es war schrecklich. Immer ein paar Personen außerhalb der familiären Kommunikationsnorm nach dem Motto „hoch die Tassen – Emotionalität“. Durchgesägte Baumstämme. Bräute mit schwierigen Rückentattoos. Bräutigamväter, die als solche nicht bekannt waren. Peinliche Vorfälle, Spielchen mit entführten Hauptteilnehmerinnen.

In der Assistenz stellt sich das dann aber anders dar. Ein befreundetes Paar meiner Assistenznehmerin (so der korrekte Begriff – liebe Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer) heiratet jüngst. Da die Braut türkischer Abstammung ist, werde ich Teil von etwas, dem ich wohl sonst nicht beigewohnt hätte. Oder wie meine Assistenznehmerin über sich gerne sagt: „Bei mir wird es nie langweilig!“ Sie ist übrigens maßgebliche Organisatorin und Begleiterin dieser Hochzeit.

Trauung und Feierlichkeiten finden an zwei recht weit voneinander entfernten Orten in der Nähe von Hamburg statt. Ich werde mit einem Caravan durch Schleswig-Holstein chauffiert, damit ich in die Nähe des Busses der Rollifahrer-Fraktion gerate, um letztlich mit meiner Assistenznehmerin zusammenzukommen und während der Feierlichkeiten meiner Assistenztätigkeit nachgehen zu können.

Es ist keine typische türkische Hochzeit, bedenkt man die eher übersichtliche Zahl an Gästen. Ansonsten treffe ich auf alle möglichen Menschen mit Stil. Sehr wohl feierlich gekleidete Leute, dabei aber entspannt und ausgesprochen freundlich. Jeder darf so kommen, wie er möchte. Ausnahme: kein zweites weißes Kleid neben der Braut. Verständlich!

Nachhaltig beeindruckt haben mich die Tänze der Menschen. Eine auffällige Schönheit in lässiger Eleganz. Bewegen sich allerdings die deutschen Gäste zur orientalischen Tanzmusik, erkennt man die wunderbare Nachsicht der türkischen Menschen. Denn die Anmut und Würde beim Bewegen zeigt das familiäre Umfeld der Braut. Vom Kleinkind, das tänzerisch getragen wird, bis zu weißhaarigen älteren Herrschaften, die sich ebenso glänzend auf dem Parkett bewegen wie ihre Kinder und Enkelkinder. Die Moves sind zuweilen nur sacht und angedeutet, aber dennoch ausgesprochen dynamisch. Es fließt so gut wie kein Alkohol. Bei Selfies mit der Braut stehen Kinder stets im Mittelpunkt.

Wie die anderen bekomme auch ich nach der Veranstaltung von den Brauteltern sehr freundlich die Hand gereicht. Während der Feier ist meine Assistenznehmerin stets ausreichend versorgt, ohne dass ich großartig aktiv werden muss. Ein für mich einmaliges Hochzeitserlebnis in der Assistenzfunktion.

Auf der IRMA (Inklusive Reha- und Mobilitätsmesse für Alle)!

Letztes Wochenende mache ich auf der IRMA im freundlichen Auftrag meines Arbeitgebers Fotos. Gewünscht ist die berühmte ATMO, also die Atmosphäre – gleich wie auf Filmsets, wenn Team und Schauspielende eine Minute schweigen und sich der Rest vom Fest dann gravierend herausfiltert und eine Aura bildet. Der Raum atmet. So ist es eben auch das Atmosphärische und nicht das Laute, was ich auf dem Bildsensor festzuhalten versuche.

Da meine Assistenznehmerin ebenfalls Teil unserer Messeaktivitäten ist, kann ich dort die Fotos machen und anschließend mit ihr in meine Schicht als Assistenzgeber (so heißt das nämlich) gehen.

Neben allerlei Technik des Hilfsmittelmarktes und Dienstleistern im Pflege- und Assistenzbereich sind auch ehemalige Kolleginnen und Kollegen auszumachen. Solche, die ihre Verbundenheit zu ihrem alten Arbeitgeber zum Ausdruck bringen, indem sie sich Tagestickets für die Messe schenken lassen. Nicht nur derartige Begegnungen wiederholen sich seit geraumer Zeit immer wieder, sondern auch gänzlich Unbekannte grüßen mich und erzählen mir meine Lebensgeschichte. So fiel mir ein ehemaliger Mitbewohner einer ehemaligen Kollegin auf, der so ziemlich alles von mir wusste, obwohl wir uns noch nie begegnet sind. Meine Vita wird zwar komplett falsch wiedergegeben, aber immerhin. „Ich hab ja schon sooo viel von dir gehört, Matthias!“

Überhaupt ist man Teil eines Ganzen. Der Herr im Rollstuhl, der vor seinem Bootsstand für meine Kamera freundlich posiert. Die Kinder, deren bunte Radscheiben ihrer Rollis mir sofort ins Auge fallen. Grundsätzlich Gespräche über Angebote und Lösungen für Menschen mit Behinderung. Die Dame, die einem ihren selbst gepressten Orangensaft gratis anbietet. Ein Austausch am eigenen Stand über das Assistenzmodell an sich.

Die besonderen Ereignisse in der Assistenz!

Diese besonderen Termine des Lebens in der Assistenz sind für so manche gut beschäftigten und vernetzten Menschen vielleicht gar nicht so besonders. In der Assistenz sind türkische Hochzeiten, Messebesuche oder Treffen im engsten Familienkreis jedoch etwas Besonderes. Es sind die zutiefst menschlichen Begegnungen, die dabei ihren Reiz ausmachen. Begegnungen, bei denen stets die Präsenz und zugleich die Zurückhaltung der Leute unserer Zunft eine wesentliche Rolle spielen.

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