Vor ein paar Tagen postete Kollege Henning Hirsch seine Erinnerungen an seine erste bewusst erlebte Fußball-WM 1974 in Deutschland. Das war auch meine erste Weltmeisterschaft.
Ein japanischer Hersteller von Fernsehgeräten brachte damals einen Spielplan heraus. Aufgedruckt waren 38 Röhrenfernseher, die jeweils eine Begegnung des Turniers darstellten. Unter jedem dieser Geräte konnte man anschließend das jeweilige Spielergebnis eintragen.
Eine große Fernsehillustrierte veröffentlichte Woche für Woche Karikaturen der Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Diese Arbeiten eines gewissen Volker Ernsting fand ich als Kind ziemlich beeindruckend, insbesondere die sehr lockigen Porträts von Franz Beckenbauer und Paul Breitner. Die Spiele liefen in der Flimmerkiste – in Schwarz-Weiß – auf dem Fernseher meiner Oma, einem Gerät aus dem Hause Schaub-Lorenz.
2026 sieht man bunte Bilder aus zweckentfremdeten Stadien mit riesigen, hässlichen digitalen Anzeigetafeln. Dem Endverbraucher werden bunte Zahlen und Zeichen eingeblendet, die an ein Computerspiel erinnern. Es fehlt eigentlich nur noch die Anzeige des eigenen Highscores. Schön sind allerdings die Bilder der bunt tanzenden Menschen aus aller Welt, vor die sich jedoch ständig die hässliche Fratze der FIFA schiebt.
So ist es nicht nur als St.-Pauli-Fan schwierig, sich dem zu widmen, zumal die Weltspiele des Fußballs spätestens seit 2018 vorwiegend an fußballfeindliche Orte verlegt wurden. Ein Kausalzusammenhang zum jeweils frühen Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft besteht allerdings nicht. Immerhin sehen wir, wenn ich mit meinem Fanclub auf der Terrasse eines unserer Stammlokale in Kieznähe verweile, immer wieder Menschen in Nationaltrikots mit gesenkten Köpfen vorbeilaufen.
„So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so!“
Die ersten Fußballphilosophien!
Das Eröffnungsspiel der WM 1974 zwischen dem ehemaligen Weltmeister Brasilien und dem damaligen Jugoslawien endete 0:0.
So plapperte ich altklug im Flur meiner Schule einen Spruch meines Vaters nach: „Die Deutschen schießen mal wieder das erste Tor!“ Ich hatte allerdings keine Ahnung, ob es tatsächlich üblich war, dass bei Turnieren dieser Art eben jene Deutschen das erste Tor erzielten.
Tatsächlich war es ein gewisser Paul Breitner, der im Spiel gegen Chile bereits in der 18. Minute traf und dem chilenischen Keeper Leopoldo Vallejos aus gefühlt fünfzig Metern keine Chance ließ. Und ich konnte das live auf Omas Couch verfolgen. Es war ein sogenanntes frühes Tor, wie ich sogleich erfahren durfte.
Zähneknirschend nahm die Familie dann auch die 0:1-Niederlage gegen die damalige DDR zur Kenntnis. Fußballpoetisch berichtete K. Bödiger in seinem Buch Tor Tor Tor – Fußball-WM in Deutschland, erschienen im Spectrum Verlag Stuttgart:
„… Und dann kam die 77. Minute. Hamann, der erst kurz zuvor für Irmscher aufs Feld gekommen war, hatte Sparwasser mit einem herrlichen Steilpass in die gegnerische Hälfte geschickt. Dieser ließ Höttges und Vogts aussteigen und wartete ab, bis der herausstürzende Maier am Boden lag, um dann den Ball aus spitzem Winkel mit einem vehementen Schuss aus etwa fünf Metern ins Tor der Bundesrepublik zu jagen …“
Meine Mutter bemerkte lediglich, dass Helmut Schön es ja ganz schön im Kreuz habe, so, wie der laufen würde.
Eine Legende besagt übrigens, dass ich damals im Stadion in Hamburg gewesen sei. Doch meine Erinnerungen daran sind sehr dunkel. Das könnte wohl daran liegen, dass ich als späterer St. Paulianer mich an den Austragungsort nicht mehr so recht erinnere.
Nebenbei bemerkt: Unsere gesamte Verwandtschaft – egal ob aus Ost oder West – war damals für Deutschland.
Am Kofferradio in Alpbach und Kals!
Die sogenannte zweite Finalrunde konnte ich lediglich am Rundfunkgerät verfolgen. Meine Eltern waren mit mir zum Sommerurlaub in die österreichischen Berge gereist. Schweden hatte Österreich in der Qualifikation zur WM ausgeschaltet. Gegen eben diese Schweden mussten nun auch die Deutschen antreten. Deshalb war der österreichische Rundfunkreporter ausnahmsweise einmal für die Piefkes.
Es war mein erstes sogenanntes wildes Spiel mit vielen Toren. Irgendwie fiel ein Treffer nach dem anderen – auf der einen wie auf der anderen Seite. Letztlich gewann Deutschland gegen Schweden mit 4:2. Ein Erfolg gegen den damals wohl besten Torhüter der Welt, Ronnie Hellström, der nach torlosen Remis gegen starke Gegner von der Presse auch als „Vater des Unentschiedens“ gefeiert wurde.
Ein Spiel, in dem ausgerechnet unser Gerd Müller nicht traf. Dies verleitete meinen Vater zu der nassforschen Bemerkung: „Der kann nämlich auch Fußball spielen und nicht nur Tore schießen!“ Eine These übrigens, die damals in den sogenannten Fachkreisen durchaus umstritten war.
Die Familie der Pension im schönen Alpbach feierte den deutschen Erfolg gegen Schweden beim gemeinsamen Essen einer Brotsuppe in ihrer Stube. Und ich glaube fest daran, dass dies keine Verklärung meinerseits ist.
Einen Tag später trafen wir den Prokuristen der Firma meines Vaters, der ebenfalls in dieser schönen Gegend seinen wohlverdienten Jahresurlaub verbrachte. Sein Schwärmen – „Was für ein Spiel!“ – klingt mir bis heute in den Ohren.
„Niederlage“ gegen die Bundesrepublik Deutschland!
Das Endspiel verfolgten wir wieder am Kofferradio mit ausziehbarer Antenne. Wir wohnten in einer Pension in Kals am Großglockner. Andere Gäste sahen das Spiel auf dem Fernseher in der Gemeinschaftsküche. Solche Zusammenkünfte vieler Menschen waren meinen Eltern allerdings suspekt.
Meine Mutter war fest davon überzeugt, dass die Niederländer Weltmeister werden würden. Sie hatten das ganze Turnier über besser gespielt als die Deutschen – angeführt von ihrem Star Johan Cruyff. Als dem Reporter dann ein freudscher Versprecher unterlief und er von der „Niederlage“ statt von den Niederlanden sprach, hielt ich dagegen. Meine Mutter meinte jedoch, dass die gedachte deutsche Niederlage diesem sprachlichen Fauxpas zugrunde gelegen habe. Dieser erste Disput im fußballerischen Fachkontext war ausgesprochen lebhaft.
Als die Niederländer, die wir ohnehin alle Holländer nannten, bereits in der zweiten Minute durch einen von Johan Neeskens verwandelten Elfmeter in Führung gingen, konnte ich als noch nicht ganz Zehnjähriger gegen das Triumphgebaren meiner Mutter nicht mehr ankommen.
Mein Vater jedoch sagte nur: „Erst einmal abwarten“, und entschärfte die Situation auf diplomatische Weise – und, wie ich fand, ziemlich souverän.
Die 74er Verklärung!
Schließlich gewann Deutschland das Endspiel doch noch mit 2:1 – durch das typischste aller Müller-Tore.
Als wir aus dem Urlaub wieder zu Hause angekommen waren, beschrieb mir meine Oma noch einmal in aller Ausführlichkeit, mit welcher Kunst Gerd Müller dieses Tor erzielt hatte. Sie hatte es mit großem Vergnügen in der Zeitung gelesen.
Zu Weihnachten bekam ich dann das besagte Buch Tor Tor Tor – Fußball-WM in Deutschland geschenkt. Ziemlich wenig Bilder, ganz schön viel Text. Fußballreportagen zum Zungeschnalzen. Was für eine Freude!
„… Nur noch wenige Minuten waren bis zur Halbzeitpause zu spielen, als Bonhof sich einen Steilpass Overaths erlaufen hatte, am rechten Flügel Verteidiger Krol aussteigen ließ und den Ball nach innen flankte. Dort kam Gerd Müller im Nachsetzen an das Leder und schob es durch die Beine eines holländischen Verteidigers hindurch, vorbei an Torhüter Jongbloed ins lange Eck – für die BR Deutschland …“
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