Der FCSP war nach vierunddreißig Spieltagen in der Saison 2025/26 verdienter Tabellenletzter. Am Ende chancenlos und müde – und so vertraut hadernd mit großen Torgelegenheiten. Mit einem nicht fehlerlosen Weltklasse-Torwart, mit der Erwartung der Erfolgsfans auf der Tribüne und auch im Netz, die immer noch „Pauli“ schreiben anstatt „St. Pauli“. Jeder darf jetzt gerne dreimal laut „Göttlich, Bornemann, Blessin raus!“ rufen.
Oder „Alle raus“, obwohl es meines Erachtens „Allez raus“ heißen müsste. Dazu hat jeder das Recht, wenn es der Seele bei der Verarbeitung hilft. Hilfe vor allem für die KollegInnen, die das mit dem etwas anderen Verein bis heute nicht verstanden haben.
Eine vernünftige Form und Formel für den Abstieg!
Als der Stadtrivale zum letzten und bisher einzigen Mal in die 2. Fußball-Bundesliga abstieg, gab es schwarzen Rauch, berittene Polizei auf dem Rasen, ein Meer von Tränen und maßlos gedemütigte HSV-Fans. Okay, das ist jetzt etwas unfair. Wir sind nun zum sechsten Mal runtergegangen – in die Vorhölle zum angeblich echten Profifußball. Wir haben da Routine. In Stellingen denkt man anders. Das Verständnis vom großen HSV – in jeglicher gesunder wie auch ungesunder Form – ist gegenüber dem kleinen St. Pauli geblieben. Und auch in den zwei Saisons, in denen St. Pauli am Ende vor dem ungeliebten Stadtrivalen stand, blieb das so.
Insofern wurde ein traditionelles Hamburger Leistungsbild wieder zurechtgerückt. In der nächsten Saison spielen der HSV, Köln und Schalke wieder in der Bundesliga, während St. Pauli sich auf so geil abgerockte Stadien wie „An der Bremer Brücke“ in Osnabrück und das Ruhrstadion in Bochum freuen darf. Das ist das Leben, und somit ist dieser Abstieg in die 2. Fußball-Bundesliga zwar kein Grund zum Freudentanz, aber für die alten Fans des Kiezvereins völlig okay.
Man bleibt zu Hause und fällt nicht in den Abgrund. Schon am letzten Sonnabend nach dem Abpfiff gegen Wolfsburg wurde eine vernünftige Form und Formel für den Abstieg gefunden. Es gab eine durchaus versöhnliche Atmosphäre im Stadion, die auch durch die Fernsehbilder so transportiert werden konnte – inklusive „You’ll Never Walk Alone“ und Thees Uhlmanns „Das hier ist Fußball“.
Gleiches galt für den zweiten direkten Absteiger Heidenheim. Ein versöhnliches Bild zwischen Fans und Mannschaft – ein Sinnbild der Treue für die eher Kleinen. Auch wenn man andauernd hört und liest, dass St. Pauli ja ein großer Verein sei. Das ist eine Perspektivfrage, würde ich sagen.
Eine gewisse Erleichterung!
Wochenende für Wochenende erleben zu müssen, dass Kader und Form in Kombination mit dem Trainerteam für die Bundesliga nun offensichtlich doch nicht reichen, machte auch mir irgendwann keinen Spaß mehr. Da konnte ich noch so sehr an meiner These vom Spiel gegen den Ball festhalten. Irgendwann konnte man das nur noch als reine Lehre in der Theorie betrachten. Und wiederholt man solches, wie es Trainer Alex Blessin immer wieder mühlenradartig tat, dann funktioniert es irgendwann nicht mehr. Die Aussichten, die Klasse vorzeitig zu halten, wurden bereits vor Wochen nicht bestätigt, und die hochgehaltene Defensive funktionierte nicht mehr.
In anderen Vereinen wird dann schnell das Personal ausgetauscht. Dies entspricht aber zum Glück nicht dem Selbstverständnis des FCSP. Natürlich mit dem Risiko, dass das ordentlich in die Hose gehen kann. Und selbstredend kann auch der FC St. Pauli den mittlerweile immer abartiger werdenden Gesetzen des Profifußballs nicht dauerhaft trotzen. In der Tat hätte dann auch ein Herr Blessin mutigeren Fußball spielen lassen dürfen, aber er hatte es wirklich nicht leicht. Spieler, die es hätten reißen können, verletzten sich schnell wieder. Sinani, RJJ, Saliakas, Hountondji, Pereira Lage u. a. standen nicht ausreichend zur Verfügung. Kapitän Jackson Irvine war auf dem Feld oft auf verlorenem Posten und spielte geniale Pässe – allerdings sowohl zum eigenen Team als auch zum Gegner. Dabei traf er in zwei Jahren Bundesliga nicht einmal ins gegnerische Tor.
Mein Lieblingsspieler, Torwart Vasilj, garnierte seine Weltklasse-Paraden mit erstaunlichen Fehlern und blieb dennoch der coolste Kopf dieses Bundesligateams. Er war nun der Erste, der nach Saisonschluss sein Ende beim Verein bekannt gab, gefolgt von Sinani, und einige weitere werden nach dem Gesetz des Business St. Pauli verlassen. Profigeschäft erklärt – neues Team und neuer Kader für die zweite Liga werden kommen. Ob mit oder ohne Blessin und Bornemann, ist mir angesichts der Erleichterung, die nach diesem Druck zu spüren ist, erst einmal egal. Trainer, Spieler, Funktionäre kommen und gehen. Mein Schal und mein Mantel bleiben.
Bekenntnis des Triumvirats!
Sportchef Bornemann und Präsident Göttlich wollen bleiben. Das ist gut. Trainer Blessin darf das offenbar selbst entscheiden. Das ist zumindest in dieser Situation diskutabel. Die kursierende Behauptung, eine Männerfreundschaft handle gegen den Verein und die Fans, ist jedoch sehr infrage zu stellen. Sportchef und Trainer sind begehrte Player und würden mit Sicherheit in der Branche gut vermittelbar sein. Jedoch kann man zumindest auf dieser Ebene auf St. Pauli scheinbar gut arbeiten. Und Oke Göttlich würde vermutlich bei einer extra einberufenen außerordentlichen Mitgliederversammlung, zu der mal wieder echte Fans und weniger Schreihälse hingehen würden, mit großer Mehrheit bestätigt werden. So eine Veranstaltung wird es aber gar nicht geben. Es ist ja auch komplett unnötig.
Dennoch hat das Triumvirat in einer Pressekonferenz vom letzten Montag die Fans ordentlich getriggert – dabei auch die Fürsprecher unter ihnen.
Alexander Blessin: „… Für die Fans tut es mir leid. Daran zu arbeiten, es wiedergutzumachen, ist auf jeden Fall eine Option. Es ist keine Schande, aus der Bundesliga abzusteigen. Wir wissen um die finanzielle Konstellation in der Liga, aber trotzdem haben wir den Klassenerhalt einmal geschafft und sind beim zweiten Mal nah dran gewesen …“
Oke Göttlich: „Nicht die Offensive war das Problem, auch wenn diese trotz des einen mehr geschossenen Tores nicht gut genug war. Wir haben einfach zu viele Gegentore kassiert. Die 19 Gegentore mehr als im Vorjahr haben uns gekillt.“
Andreas Bornemann: „Der entscheidende Punkt ist, dass wir uns damals von Timo Schultz getrennt haben, weil wir gesagt haben, dass uns ein 4:4 nichts bringt …“
Alles Dinge, die man nach einer Torquote von 0,84 Toren pro Spiel in den beiden Bundesliga-Spielzeiten zusammengenommen nicht hören will. Dennoch sind das richtige Analysen, die ich als Thesen bis vor einigen Wochen auch noch so vertreten habe. Dann wurde man aber gegen Bayern zum Passagier auf dem eigenen Platz. Dies wäre nicht schlimm gewesen, hätten sich dann nicht zu viele seltsam schlechte Spiele dazugesellt.
Die RedakteurInnen vom Millernton arbeiten derzeit das ganze Geschehnis menschlich intensiv auf.
Abstieg ist ein bisschen wie Leben!
„Abschied ist ein bisschen wie sterben“, sang einst Katja Ebstein. Aber die zweite Liga ist unser Leben. Und da kennen wir uns aus. Die rauen Stimmen der St. Paulianer, die ihr Leben gegen die Widrigkeiten des Alltags bewältigen und in sich gekehrt oft sehr still sein können, wissen, was das heißt. Da reicht oft ein grantiger Blick zum Unterstreichen der Haltung. Und diesem folgt nicht selten ein sehr freundliches Wort.
Das sind die Fans, die nicht um den verbrannten Song „Das Herz von St. Pauli“ buhlen, weil sie dieses Herz in sich tragen. Und für die würden personelle Konsequenzen im Verein gar nichts ändern. Sie haben zu viel mitgemacht. Sie ertränken ihre Sorgen auch nicht mehr, weil sie entweder erfolgreich trocken sind oder Hilfe bekommen von der Solidargemeinschaft St. Pauli. Das ist nicht unbedingt der Verein – es sind die wunderschönen Randerscheinungen einer Aura.
Deswegen wird es für mich relativ schnell recht unbedeutend, ob wir 1. oder 2. Bundesliga spielen. Ich habe schlicht und ergreifend keine Lust zu trauern, denn Trauer holt den Menschen an anderen Stellen so oder so ein – dagegen kann man gar nichts machen.
Unsere 1. Frauen des FCSP kämpfen noch um ihren Klassenerhalt. Und es sieht ganz gut aus, auch wenn noch nicht alles in trockenen Tüchern ist. Es fehlt noch ein Punkt. Das Ligafinale ist am 31. Mai auf der FeldArena vor dem Millerntor-Stadion gegen den TSV Barmke. Zuvor versuchen sie aber noch, am Pfingstsonntag im Stadion Hoheluft zum dritten Mal Verbandspokalsiegerinnen zu werden. Gegnerinnen sind die 1. Frauen des Walddörfer SV.
Forza!
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