„Keine Juden erlaubt“ ist nicht antisemitisch?!

Der neue Antisemitismus

„Keine Juden erlaubt“ – ein Satz, der eigentlich keine Deutungsspielräume lassen sollte. Und doch entsteht genau darüber eine Debatte, ob hier wirklich Antisemitismus vorliegt. Eine Kolumne über gefährliche Relativierungen und sprachliche Verschiebungen im öffentlichen Diskurs. Von Christian Unger.

Bild von Pexels auf Pixabay

Es gibt Sätze, nach denen ist eigentlich nicht mehr viel zu erklären. So hätte ich es bis vor kurzem jedenfalls erwartet. Wer seinen afroamerikanischen Nachbarn wegen zu lauter Musik als „dummen Affen“ bezeichnet, ist Rassist. Wer „Kauft nicht bei Juden“ schreit, ist Antisemit. So klar, so einfach — eigentlich.

Doch offenbar gibt es heute bei manchen selbst da noch Nuancen. Selbst bei einem Satz wie: „Keine Juden erlaubt.“ Die Geschichte ist schnell erzählt: Das Hotel Zum Hirschen in Lam reagierte auf eine Buchungsanfrage aus Israel mit dem Satz: „Sorry, there are no Jews allowed in our hotel.“ Auf Deutsch: „Entschuldigung, in unserem Hotel sind keine Juden erlaubt.“

Man muss diesen Satz nicht auslegen. Man muss keine Kommunikationswissenschaft bemühen und keine interkulturelle Missverständnisforschung betreiben. Wer schreibt, dass in seinem Hotel keine Juden erlaubt seien, schreibt einen antisemitischen Satz. Punkt.

Die Betroffenen wandten sich an die Medien, die darüber berichteten. Natürlich wurde auch das Hotel selbst gefragt. Die Erklärung: Das sei kein Antisemitismus gewesen. Man habe viele gleich klingende Buchungsanfragen erhalten, die man als Betrug eingestuft habe. Weil man davon die Nase voll gehabt habe, sei dann eben der Satz „Keine Juden erlaubt“ verschickt worden.
Na klar.

Der Gedankensprung von „Wir wollen keine Betrüger“ zu „Wir wollen keine Juden“ kommt ja sicherlich jedem. Also zumindest jedem Antisemiten.

Ein paar Probleme mit der Wahrheit

Wie die WELT berichtet, soll das Hotel zunächst bestritten haben, diese Nachricht überhaupt versandt zu haben. Erst als Screenshots die Nachricht belegten, habe man sie eingeräumt. Dann sei es „ein Mitarbeiter“ gewesen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen des Verdachts der Volksverhetzung — gegen unbekannt. Öffentlich ist also bislang kein konkreter Absender belastbar benannt. In Online-Kommentaren wird behauptet, es sei Juniorchef Andreas Vogl gewesen. Belastbare Quellen dafür habe ich nicht gefunden.

Und genau dieses Verhalten ist fast so entlarvend wie der ursprüngliche Satz. Erst soll die Nachricht nicht existieren. Dann existiert sie plötzlich doch, aber niemand will es gewesen sein. Dann war es „ein Mitarbeiter“ — also diese praktische deutsche Märchenfigur, die immer dann auftaucht, wenn Verantwortung gerade schlecht ins Bild passt.

Eine Stellungnahme macht alles noch schlimmer

Nun lässt sich selbst auf schlimmes Fehlverhalten durchaus reagieren. Man kann Verantwortung übernehmen. Man kann sich entschuldigen. Man kann Konsequenzen ziehen. Man kann zeigen, dass man verstanden hat, was man getan hat.

Auch das Hotel versuchte zu reagieren. Es veröffentlichte auf der eigenen Homepage eine Stellungnahme, die ich hier vollständig zitieren möchte:

Infos zur aktuellen Situation
Liebe Gäste,
derzeit wird in den Medien viel berichtet und wir sind und waren mit den Vertretern, der Polizei und der Staatskanzlei in Kontakt, um unsere Sichtweise der Dinge darzustellen.
Bitte haben Sie Verständnis, dass wir derzeit nicht auf jede Nachricht antworten können, insbesondere nicht auf Beleidigungen und Drohungen.
An dieser Stelle möchten wir auch eindeutig klarstellen, dass wir jegliche Form der Diskriminierung verurteilen. Dass bestimmte Gruppen bei uns nicht willkommen wären ist, nicht richtig und entspricht nicht den Tatsachen.
Wenn Sie bei uns buchen und Ihren Urlaub verbringen möchten, um uns persönlich kennenzulernen, senden Sie uns gerne Ihre Anfrage:
Anfrage
Wir werden auf Nachrichten mit Buchungsabsicht selbstverständlich antworten, der normale Betrieb ist nicht beeinträchtigt.
Schöne Grüße aus Lam
Familie Sperl-Vogl

Das ist keine Entschuldigung. Das ist nicht einmal der ernsthafte Versuch einer Entschuldigung. Kein Bedauern, keine Entschuldigung – dafür Verklärung. Man muss schon sehr viele Nebelmaschinen aufstellen, um aus „Keine Juden erlaubt“ etwas anderes machen zu wollen als antisemitischen Dreck. Aber genau das passiert hier.

Aus dem Satz „Keine Juden erlaubt“ soll irgendwie ein Kommunikationsproblem werden. Aus Judenhass soll Stress werden. Aus Ausgrenzung soll ein „Sachverhalt“ werden. Aus einem antisemitischen Ausschluss wird eine „Sichtweise der Dinge“.

In der Stellungnahme des Hotels Zum Hirschen in Lam kommen Begriffe wie „Bedauern“, „Entschuldigung“, „Antisemitismus“ und „Juden“ gar nicht vor. Man muss sich das vorstellen: Ein Hotel verschickt den Satz „Keine Juden erlaubt“ – und bekommt es in der eigenen Stellungnahme nicht einmal hin, das Wort „Juden“ auszusprechen.

Diese Stellungnahme ist eine Flucht vor Verantwortung. Ein Stück PR-Müll mit bayerischem Gastfreundschaftslächeln.

Wie ist denn die eigene Sichtweise?

„Derzeit wird in den Medien viel berichtet“, heißt es da.
Ach was.
Nicht „in den Medien“ liegt das Problem. Die Medien berichten über ein reales Problem in diesem Hotel. Mit der Formulierung, es werde „viel berichtet“, wird bereits im ersten Satz versucht, den Fokus zu verschieben: weg vom eigenen Handeln, hin zum angeblichen Lärm von draußen.
So beginnt fast immer die kleine Liturgie der Ertappten.

Erst kommt die Tat. Dann kommt die Verharmlosung. Nicht man selbst ist das Problem, sondern angeblich erst die anderen, die daraus ein Problem machen. Die eigene „Sichtweise“ präsentiert man lieber gar nicht konkret, denn antisemitischen Müll zu verklären, ist ziemlich schwierig.

Also: Wie ist denn diese „eigene Sichtweise“? Wie kommt man von „Keine Betrüger erlaubt“ zu „Keine Juden erlaubt“, ohne antisemitisch zu sein? Gibt es eine alpenländische Perspektive auf Judenausschluss? Eine hotelinterne Auslegung von „Keine Juden erlaubt“? Eine Wellness-Version der Nürnberger Gesetze?
Nein.

Antisemitischer Dreck bleibt antisemitischer Dreck

Es gibt keine legitime „eigene Sichtweise“, die diesen Satz sauberwäscht.

Auch der Verweis auf Polizei und Staatskanzlei ist bezeichnend. Wenn Ermittlungsbehörden wegen des Verdachts der Volksverhetzung tätig werden, ist das kein freundlicher Austausch zur Imagepflege. Dann befindet man sich nicht in einem netten Gespräch über unterschiedliche Wahrnehmungen. Dann steht ein strafrechtlicher Vorwurf im Raum.

Wer das als Gelegenheit verkauft, „unsere Sichtweise der Dinge darzustellen“, hat offenbar noch immer nicht verstanden, dass nicht die „Sichtweise“ das Problem ist. Sondern der Satz, der nicht harmlos wird, weil man ihn versucht irgendwie zu erklären.

Opferrolle und fehlende Einsicht

Die Stellungnahme wird danach nicht besser.

Wie es das Handbuch der Ertappten vorsieht, rückt plötzlich die eigene Opferrolle nach vorn. Vom eigentlichen Problem wird abgelenkt. Nun geht es um Beleidigungen und Drohungen.

Natürlich sind Drohungen falsch. Wer droht, macht sich selbst schuldig und hilft niemandem. Das muss man klar sagen.
Aber ebenso klar ist: Der Hinweis auf Drohungen wird hier nicht als moralische Klarstellung genutzt, sondern als Schutzschild. Plötzlich soll nicht mehr der jüdische Gast im Mittelpunkt stehen, dem mitgeteilt wurde, Juden seien nicht erlaubt. Plötzlich soll das Hotel im Mittelpunkt stehen, das nun angeblich so viel aushalten muss.

Erst „Keine Juden erlaubt“.
Dann „Bitte haben Sie Verständnis“.

Nein. Haben wir nicht.
Kein Verständnis für Antisemitismus. Kein Verständnis für Ausreden. Kein Verständnis für eine Stellungnahme, die mehr Mitgefühl mit dem eigenen Fehlverhalten zeigt als mit dem Menschen, den man gerade ausgegrenzt hat.
„So sind wir doch gar nicht!“ – Äh, doch!
Danach kommt, zusammengefasst, der Satz: „So sind wir doch gar nicht.“
Ach nein?

Wie kommt ihr dann von „Wir wollen keine Betrüger“ zu „Wir wollen keine Juden“? Warum zeigt ihr kein Bedauern? Keine Reue? Keine Aufarbeitung? Keine Konsequenzen? Keine Entschuldigung?

Wer einen Fehler macht, kann ihn nicht ungeschehen machen. Aber er kann zeigen, dass er ihn verstanden hat. Er kann Verantwortung übernehmen. Er kann sich entschuldigen.

Ein Fehler wird nicht kleiner, indem man einfach das Gegenteil behauptet. Wer nach „Keine Juden erlaubt“ nur pauschal erklärt, alle Gruppen seien selbstverständlich willkommen, arbeitet nichts auf. Er ignoriert den eigenen Satz und hofft, dass andere es auch tun.

Wie man Menschenhass aufarbeitet

Eine echte Aufarbeitung sähe anders aus.
Eine echte Aufarbeitung sagt nicht: „Wir wollen unsere Sichtweise darstellen.“
Sie sagt nicht: „Die Medien berichten so viel.“
Sie sagt nicht: „Wir sind doch gar nicht so.“

Sie würde sagen:
• Wir haben antisemitisch gehandelt.
• Wir haben einen jüdischen Gast ausgegrenzt.
• Für unser Verhalten gibt es keine Rechtfertigung.
• Wir bitten den betroffenen Gast und jüdische Menschen um Entschuldigung.
• Wir ziehen Konsequenzen.
• Wir benennen intern und gegenüber den Ermittlungsbehörden die verantwortliche Person.
• Die verantwortliche Person kommuniziert vorerst nicht mehr mit Gästen.
• Wir lassen unsere Mitarbeiter schulen.
• Wir suchen das Gespräch mit jüdischen Menschen, um zu lernen, was wir offensichtlich nicht verstanden haben.
Aber davon steht dort nichts.

Kein eigener Fehler. Keine eigene Schuld. Keine eigene Reue. Keine eigene Konsequenz. Nur „unsere Sichtweise“ soll dargestellt werden. Die anderen machen daraus ja erst ein Problem. Und man selbst sei jetzt irgendwie das wahre Opfer.

Booking.com hat das Hotel bereits ausgeschlossen. Auch bei Check24 ist es nicht mehr zu finden. Offenbar nehme nicht nur ich dem Hotel diese Verklärung nicht ab.
Wie das Hotel reagiert, zeigt die Sprache von Leuten, die nicht bedauern, was sie getan haben, sondern nur, dass es öffentlich wurde.
Das ist der älteste Taschenspielertrick moralischer Selbstentlastung: Erst nach unten treten, dann nach oben jammern.

Erst „Keine Juden erlaubt“.
Dann „Bitte haben Sie Verständnis“.
Nein. Haben wir nicht.

Kein Verständnis für Antisemitismus. Kein Verständnis für Ausreden. Kein Verständnis für eine Stellungnahme, die kein Bedauern, keine Entschuldigung und keine Reue zeigt, sondern nur billige Schadensbegrenzung.

Wer Diskriminierung verurteilen will, nachdem er „Keine Juden erlaubt“ verschickt hat, muss mehr liefern als eine Floskel aus dem Baukasten: „Wir distanzieren uns von allem, was gerade teuer werden könnte.“

Die Behauptung, bestimmte Gruppen seien bei einem nicht unerwünscht, ist wertlos, wenn vorher genau das Gegenteil verschickt wurde.

Der an potenzielle jüdische Gäste verschickte Satz zeigt den Antisemitismus. Die Reaktion des Hotels bestätigt den Eindruck.

Wir müssen reden, Deutschland

Dieser Fall passt auch deshalb so gut in unsere Zeit, weil Antisemitismus heute selten noch Springerstiefel trägt. Er trägt moralische Sonnenbrille und nennt sich allzu oft „Israelkritik“.

Natürlich darf man israelische Politik kritisieren. Man darf jede Regierung kritisieren. Man darf Netanjahu kritisieren, Siedlungspolitik kritisieren, Kriegsführung kritisieren, konkrete Entscheidungen kritisieren. Das alles ist legitim.

Aber wer bei keinem anderen Land der Welt so besessen, so kollektiv, so gnadenlos und so entmenschlichend wird, der betreibt keine Kritik. Der sucht einen Vorwand.

Dann geht es nicht mehr um Netanjahu. Nicht um Siedlungspolitik. Nicht um Krieg. Nicht um konkrete Entscheidungen. Dann wird „Israel“ nur noch das saubere Wort für das alte schmutzige Gefühl.

In Deutschland schreit man nicht mehr „Juden sind Kindermörder“, sondern „Israelis sind Kindermörder“ – und tut dann beleidigt, wenn jemand den alten antisemitischen Kern dahinter erkennt.

Die Ritualmordlegende bekommt heute eben Hashtags, Palästinensertücher und moralische Bühnenbeleuchtung. Moderner wird sie dadurch nicht. Nur besser getarnt. Genau darin liegt die Heuchelei.

Dieselben Leute, die bei jeder anderen Minderheit sofort von Diskriminierung sprechen, entdecken bei Juden plötzlich „Kontext“. Dieselben, die sonst jedes Wort auf mögliche Verletzung abklopfen, erklären „Keine Juden erlaubt“ zur unglücklichen Formulierung. Dieselben, die überall strukturellen Hass wittern, brauchen beim Antisemitismus erst drei Gutachten, vier Talkshows und eine PowerPoint über Nahost.

Wer sich über palästinensische Kinder nur dann sorgt, wenn Juden die angeblichen Täter sind, aber beim Massensterben im Sudan, bei islamistischem Terror, bei der Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen und religiösen Minderheiten in der Region schweigt, betreibt keine Menschenrechtsarbeit. Er betreibt selektive Empörung.

Und selektive Empörung gegen Juden hat einen Namen.

Der Kern des Problems

Diese Doppelmoral ist nicht zufällig. Sie ist der Kern des Problems.

Antisemitismus wird heute nicht nur gebrüllt. Er wird relativiert, akademisiert, aktivistisch verpackt und als Haltung verkauft. Er steht nicht immer mit Glatze vor der Synagoge. Manchmal sitzt er im Seminarraum, schreibt Pressemitteilungen, trägt „Free Palestine“-Sticker und erklärt jüdischen Menschen, warum ihre Angst leider gerade nicht ins Weltbild passt.

Während immer mehr Juden Davidstern, Kippa oder Tzitzit lieber verstecken, diskutiert Deutschland noch darüber, ob das vielleicht alles nur ein Missverständnis sei. Nein. Es ist kein Missverständnis.

Es ist ein Land, das sich sehr gern an tote Juden erinnert, aber bei lebenden Juden plötzlich Differenzierungen, Nuancen und Kontexte herbeifantasiert, bis vom Schutz nichts mehr übrig bleibt.

Und genau in diesem Klima traut sich dann auch ein kleines Hotel in der bayerischen Provinz, seinen Menschenhass nicht mehr nur zu denken, sondern in die Welt hinauszukotzen und das nicht mal wirklich schlimm zu finden, sondern nur für ein Missverständnis, ein kleines Upsili, in das man quasi fast unschuldig hineingestolpert ist. Offenbar wirkt das inzwischen für viele wie Normalität. Genau deshalb ist „Keine Juden erlaubt“ nicht nur der Satz eines Hotels. Es ist ein Symptom.

Es zeigt, wie dünn die Schicht der Zivilisation manchmal ist, wenn Juden nicht als Opfer der Vergangenheit auftreten, sondern als Menschen der Gegenwart, die Schutz, Respekt und Solidarität verlangen. Wer dann relativiert, schweigt oder ausgerechnet den Antisemiten noch die Opferrolle reicht, verrät nicht nur die Juden in diesem Land. Er verrät auch alle Muslime, Christen, Drusen, Atheisten und alle anderen, die friedlich zusammenleben wollen.

Denn Menschenhass trifft nie nur eine Gruppe. Und er wird immer konkreter, immer offener, immer brutaler. Es fing auch in den 1930ern nicht mit den Vernichtungslagern an, sondern mit der Ausgrenzung von Menschen.

Er beginnt bei einer Gruppe – und endet dort, wo am Ende nur noch die eigene Gruppe erlaubt ist. Wehret den Anfängen, ehe es wieder einmal keine Umkehr mehr gibt.

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